UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

 

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Gerhard Voigt, Hg.

Berichte von der Ungarn-Studienfahrt vom
09. 10. bis zum 19. 10. 1995

mit dem Kursen der Klassenstufe 13 der Bismarckschule Hannover (Kursleiter: Gerhard Voigt, Günther Fuchs)

Berichte der Studienfahrt-Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Veröffentlichung in der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

 

Ungarn:

Land im Umbruch

Bericht von einer Studienfahrt

mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover

nach Budapest und Südostungarn (Gyula)

9.-19. September 1995

 

Herausgegeben von Gerhard Voigt

Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 7 -
ISSN 0945-1536

Hannover 1997 - ISBN 3-930307-06-5

 

 

Vorwort

Vom 9. bis zum 19. September 1995 fand die gemeinsame Studienfahrt der Kurse Gemeinschafts­kunde-Leistungskurs 324 (Voigt), Erdkunde-Grundkurs 333 (Fuchs) und Erdkunde-Grundkurs 335 (Voigt) der Bismarckschule Hannover, UNESCO-Projekt-Schule am Maschsee, nach Ungarn statt. Ungarn und Budapest wurden schon in den vergangenen Jahren von Kursen vor allem aus dem ge­sellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld als Studienfahrtziel gewählt, da unserer Erfahrung nach gute inhaltliche Ergebnisse vor allem durch die interessante Situation in diesem südost-mitteleuropäi­schen Land zu erwarten sind, die in der heutigen politisch-ökonomischen Transformationsphase noch besondere Aktualität erhalten hat.

Für die Studienfahrtbegleiter OStR Gerhard Voigt und RL Günter Fuchs war es nicht die erste Be­gegnung mit diesem Land, so daß frühere Ungarn-Erfahrungen in die Konzeption und Programmge­staltung einfließen konnten.

Vor allem aber ist es unserem langjährigen Freund, Herrn Prof. Dr. Zoltán Antal, Wirtschaftsgeo­graph der Éötvös-Lorand-Universität Budapest (ELTE), zu verdanken, daß diesmal ein fachlich be­sonders interessantes und vielfältiges Programm zusammengestellt werden konnte, das sich seinen vielfältigen Kontakten und Beziehungen in Ungarn ebenso dankt wie seiner eigenen umfassenden Fachkompetenz, an der er in Begleitung der Gruppe über die ganze Aufenthaltsdauer hin freigiebig und umfassend teilhaben ließ.

Für diesen Freundschaftsbeweis danken wir Herrn Antal ganz herzlich und hoffen, daß unsere fachli­chen und persönlichen Kontakte auch in Zukunft fortgesetzt und weiter vertieft werden können!

Dank auch Frau Craverho, die uns als Kollegin von Prof. Antal organisatorisch, übersetzend und je­derzeit freundlich mit Rat und Tat zur Seite stehend während unserer Reise begleitete.

Fachlich vertieft wurde unser Programm streckenweise auch durch die Begleitung durch Prof. Tátai, sowie durch Referenten und Gesprächspartner, deren thematische Beiträge in unserem Bericht ge­würdigt werden und denen hier an dieser Stelle unser Dank gilt.

Leider kann trotz dieser günstigen Voraussetzungen nicht generell von einer erfolgreichen Studien­fahrt gesprochen werden, da das vorbereitete und im Unterricht angelegte fachliche Programm von einem Teil unserer Schülerinnen und Schüler nicht adäquat rezipiert und durch eigene Beteiligung, waches Aufnehmen und Beobachten und durch die eigentlich notwendige Neugier auf das Unerwar­tete, Unbekannte, vielleicht auch ab und zu Befremdliche des Reiselandes angeeignet werden konnte. Äußerlichkeit, konsumorientierte Bequemlichkeit und die arrogante Haltung des “nicht auf etwas Neues einlassen Wollens” machen anspruchsvollere Studienfahrtprogramme, die ja absichtlich keine Urlaubs- und Erholungsangebote sein sollen, schwierig. Es ist wohl an der Zeit, die Rolle der Schule in den Bildungsforderungen der Gesellschaft neu zu überdenken und dabei auch die Möglichkeiten von anspruchsvolleren Angeboten an unsere Schülerinnen und Schüler zu überprüfen. Es ist schon eine problematische Situation, wenn evident wird, daß die begleitenden Lehrer fachlich und inhaltlich mehr von der Studienfahrt profitieren, als die Schülerinnen und Schüler, für deren Ausbildung das Programm konzipiert war.

        Hannover, im Oktober 1995

Günter Fuchs                                         Gerhard Voigt

 

Einleitung

NESCO-Projekt-Arbeit soll sich nicht nur in spektakulären Einzelaktionen oder aufwendigen Schulpartnerschaften erschöpfen, sondern Auswirkungen auf die Arbeit im Fachunterricht haben. Dies äußert sich in der Verstärkung der projektorientierten und interdisziplinären thematischen Vorgehensweisen, in der Wahl internationaler und interkultureller Themen- und Ar­beitsschwerpunkte, in der Betonung selbständiger, zielgerichteter Arbeitsformen und in der regelmä­ßigen Einbeziehung von Exkursionen und Studienfahrten in die pädagogischen Konzepte einer Lern­gruppe.

Im Rahmen der Erlaßlage in Niedersachsen können in jeder Schulstufe (Sekundarstufe I und Se­kundarstufe II/Kursstufe) eine »große« Studienfahrt angeboten werden. Im Rahmen dieser Vorgabe weist die Bismarckschule jährlich eine sogenannte »Studienfahrtdekade« für Studienfahrten in der Kursstufe aus, die im ersten Teil des dritten Semesters, d.h. in der Klassenstufe 13 liegt. Früher ent­wickelten sich aus der Arbeit der Leistungskurse vielfältige Projekte, die durch ihre Attraktivität sich teilweise durchaus Konkurrenz machten – belegt doch jede Schülerin und jeder Schüler zwei Lei­stungskurse, wozu noch die Fächer wie Erdkunde kommen, die zwar keine Leistungskurse anbieten, aber ebenfalls im Bereich der Studienfahrten und der Projektarbeit besonders aktiv sind –, was letzt­lich aber ein gutes Zeichen für die Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit unserer UNESCO-Pro­jektschul-Arbeit war.

Leider ist dieser Elan in den letzten Jahren zunehmend erloschen (Stichwort »Lehrerfrust« und Opposition zu den schlechter werdenden Arbeitsbedingungen), so daß das Angebot von größeren Studienfahrten fast schon zur Ausnahme geworden ist.

Im laufenden Schuljahr 1995/96 wurde von den Fächern Gemeinschaftskunde (Leistungskurs 324) und Erdkunde (Grundkurse 333 und 335) eine gemeinsame Studienfahrt nach Ungarn vom Samstag, 9. September, bis zum Dienstag, 19. September, durchgeführt. Das Objekt dieser Fahrt, Ungarn, ist in mehrfacher Hinsicht fachlich und in Hinblick auf die Lernziele der UNESCO-Projekt-Schule interessant und lohnend. In mehreren Studienfahrten in den letzten Jahrzehnten konnten wir die politische und gesellschaftliche Entwicklung und Veränderung in Ungarn erleben und so heute den thematischen Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit den Transformationsproblemen Ost- und Südosteuropas setzen. Gerade weil Ungarn dabei eine originelle und initiative Vorreiterrolle einge­nommen hat – ähnlich wie Polen, dem wir uns durch unsere Schulpartnerschaft ebenfalls eng ver­bunden wissen –, können Voraussetzungen und sozioökonomische und kulturelle Folgen des »Systemwandels« unmittelbar erfahren und in fachlich qualifizierten Gesprächen und Vorträgen ver­standen und interpretiert werden.

Die Perspektiven für ein zusammenwachsendes Europa nach dem Ende des West-Ost-Konflik­tes, aber auch der Risiken dieser Transformation durch soziale Krisen und Re-Nationalisierung und Re-Ethnifizierung der europäischen politischen Kultur, und auch die Verantwortung und die Aufga­ben, die daraus den westeuropäischen Ländern, der Bundesrepublik Deutschland erwachsen, sind in­haltliche Leitfragen, die das Programm der Studienfahrt nach Ungarn bestimmt haben.

Durch unsere langjährigen guten Kontakte in Ungarn konnten wir uns der Hilfe und konzeptio­nellen Unterstützung durch Prof. Dr. Zoltán Antal, Wirtschaftsgeograph der Eötvös-Lorand-Universi­tät Budapest (ELTE), anvertrauen, wodurch wir besonders anregende Gesprächspartner wie auf­schlußreiche Besichtigungen wahrnehmen konnten. Professor Antal möchte gerne diesen auf privater Basis entwickelten Kontakt auch auf eine offiziellere Ebene heben und eine dauerhaftere Zusammen­arbeit zwischen den Geographen der »ELTE« und der Bismarckschule (eventuell in Verbindung mit den Geographen der UNI Hannover oder den Erdkundelehrern unserer Nachbarschulen) initiieren. Das könnte für spätere Studienfahrten von großem Vorteil sein, da wir noch offener als Gäste der Universität aufgenommen und betreut würden. Doch in der Vielzahl unserer Kontakte hier in Hanno­ver konnten die begleitenden Lehrer, Voigt und Fuchs, natürlich keine verbindlichen Zusagen ma­chen; gerade die Perspektive, die jeweilige Unterkunft am Zielort privat und auf Gegenseitigkeit zu organisieren, könnte nach unseren Erfahrungen mit dem Polen- und dem Türkei-Austausch über die personellen und finanziellen Kapazitäten hier in Hannover hinausgehen. Wir werden hier wohl im­provisieren müssen, fänden aber einen Gegenbesuch von Geographie- und Gesellschaftswissen­schaftsstudenten der Anfangssemester der ELTE inhaltlich reizvoll und erstrebenswert. Sicherlich würde es uns gelingen, für die Besucher ein attraktives Fachprogramm in Hannover und Nord­deutschland, ebenfalls mit Gesprächspartnern aus Universität und Politik und mit diversen Betriebs­besichtigungen, zusammenzustellen und zu leiten. Für den »offiziellen Rahmen« hätten wir aber gerne noch Vorschläge und Ratschläge, ehe wir in dieser Richtung aktiv werden können.

Zurück zu unserer Ungarnfahrt. Der erste Teil der Reise konzentrierte sich auf Budapest. Die Unterbringung erfolgte im Studentenwohnheim und das Programm wurde, da sich die Reisegruppe für eine Anreise mit der Bahn entschieden hatte, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durchgeführt. Im Fachprogramm wurden wir von Prof. Antal und im Stadtbauamt über Stadtgeschichte, Stadtpla­nung und die heutigen kommunalpolitischen Probleme dieser Zweimillionenstadt informiert, was durch Besichtigungen im Wasserwert und der Kläranlage anschaulich fachlich vertieft werden konnte, sind doch die Defizite in der Infrastrukturentwicklung und die absehbaren Umweltschäden und Sanie­rungskosten eines der zentralen Probleme der heutigen Stadtentwicklung und Kommunalpolitik.

Aber auch die allgemeine wirtschaftliche Situation Ungarns nach der »Wende« wurde in einem Vortrag eines Direktors der Budapester Handelsbank kompetent erläutert. Nicht zuletzt aber war der unmittelbare Kontakt mit der Stadt, ihren städtischen, historischen und kulturellen Sehenswürdigkei­ten über die touristische Attraktivität hinaus ein zentrales Element, Ungarn heute kennen zu lernen.

Der zweite Teil der Studienfahrt wurde eingenommen durch eine Busrundfahrt durch die Ko­mitate Bács-Kiskún, Békés und Csongrád in Zentral- und Südost-Ungarn. Schwerpunkte waren hier die landwirtschaftliche Entwicklung und die regionalen Auswirkungen des Transformationsprozesses. Gespräche in der landwirtschaftlichen Hochschule in Kecskemét und die Besichtigung der Koopera­tive »Rákóczi« in Hódmezövásárhely und Orosháza haben unseren Einblick sowohl in die Problema­tik, die durch die Veränderung der Besitz- und Eigentumsstruktur in der ungarischen Landwirtschaft und die parallele Umstrukturierung der Markt- und Absatzstrukturen hervorgerufen wird, als auch in die allgemeine Situation der Landwirtschaft in Südosteuropa – sowohl als Wirtschaftsfaktor als auch als Krisensektor, der durch eine jetzt seit sieben Jahren andauernde Dürreperiode in seiner Existenz­fähigkeit beeinträchtigt wird – vertieft.

Daneben entsteht für die Studienfahrtteilnehmer ein allgemeineres Bild von Peripherisierungs­prozessen, die einerseits als allgemeines Strukturelement der Wirtschaftsgeographie anzusehen sind und als solches für die raumwissenschaftliche Theoriebildung paradigmatischen Charakter einnehmen, andererseits aber ihre spezielle Ausprägung und Verschärfung durch die aktuellen politisch-sozioöko­nomischen Transformationsprozesse erhalten haben. Vertiefte Einsichten in den komplexen Zusam­menhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und sich verändernden ökonomischen und räumlichen Strukturen konnten so gewonnen werden.

Diese Aspekte der Studienfahrt lösten den grundsätzlich problemorientierten und interdisziplinä­ren Anspruch der gewählten Konzeption ein, die damit bewußt und pronounciert in den zwischen Schule und Universität angesiedelten wissenschaftspropädeutischen Bereich erzielte und eine Intellek­tuelle Herausforderung der Schülerinnen und Schüler nicht scheute, wenn auch nicht immer mit völ­lig überzeugendem Erfolg.

Neben der Darstellung des Programmes und der inhaltlichen Arbeitsschwerpunkte soll in diesem Bericht die Rezeption des Programms in Protokollen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorgestellt und der inhaltliche Umfang der unterrichtlichen Vorbereitung durch den Abdruck schriftlicher Refe­rate aus den beteiligten Kursen zum Thema Ungarn angedeutet werden.

Die Charakterisierung und kritische Kommentierung der Studienfahrt soll daneben auch Mög­lichkeiten für Verbesserungen und Anregungen für weitere Studienfahrtprojekte geben. Einige Kritik soll damit den Wert der Studienfahrt insgesamt nicht schmälern.

 

Zusammenfassend sollte festgehalten werden, daß Studienfahrten einen wichtigen Bestandteil der pädagogischen Arbeit der Schule ausmachen und daß Restringierungen dieser Arbeit, sei es durch kleinliche Einengungen durch die vorgesetzent Behörden, den Gesetzgeber oder den Kultusminister – nicht zuletzt durch immer neue finanzielle Behinderungen, die den ‚Idealismus‘ der aktiven Lehr­kräfte auf eine harte Probe stellen, wie es sich andere Gruppe des öffentlichen Dienstes niemals gefal­len ließen –, sei es durch beckmesserisches Resistenzverhalten der Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder in pädagogischer Ignoranz sogenannten ‚normalen Unterricht‘, der allein schulisch wichtig und mit einem Primat zu versehen sei, und ‚Sonderaktivitäten‘, zu denen dann in erster Linie Studienfahrten, Exkursionen und Projektveranstaltungen gezählt werden, gegeneinander auszuspielen versuchen und diejenigen Lehrerinnen und Lehrer, deren Selbstverständnis von einem Primat päd­agogischer Aktionen, die die Schülerinnen und Schüler direkt ansprechen, ihnen reale Erlebnismög­lichkeiten eröffnen und zu eigenen Aktivitäten anregen sollen, ausgeht, in die Ecke des »Störenfrieds und Querulanten« drängen wollen.

Leider ist die Bismarckschule – obwohl als UNESCO-Projektschule besonders aufgerufen, neue pädagogische Wege der interkulturellen Bildung und der internationalen Kontakte zu gehen – heute mehrheitlich träge und unbeweglich geworden und vergreist zumindes geistig immer mehr. Hoffent­lich überträgt sich dies nicht noch mehr als jetzt schon zu beobachten auf unsere Schülerinnen und Schüler, von deren Aktivitätsbereitschaft und sozialer Kompetenz die Zukunft unserer Gesellschaft abhängen wird.

Unsere Ungarn-Studienfahrt sollte daher nicht als exzeptionelle Veranstaltung gewertet und ver­standen werden, solder als ganz normale schulische Aktivität innerhalb unserer Oberstufenarbeit in­nerhalb des Gemeinschaftskunde-/Erdkunde-Curriculums. Erfahrungen mit den gut und den weniger gut gelungenen Teilen des Programmes und des Ablaufs sollten gleichermaßen an die eigene Lernfä­higkeit appellieren und zur Weiterarbeit mit folgenden Studienfahrten nach Ungarn oder nach Frank­reich oder England, mit Schüleraustauschfahrten in die Türkei – für 1996 fest geplant – und Polen, mit internationalen Begegnungen in Israel, im Baltikum, in Rußland oder wo sich entsprechende Pro­jektanlässe ergeben anregen...

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studienfahrt ist zu wünschen, daß diese Fahrt im Gedächtnis bleibt, vielleicht mehr als anderer schulischer Lernstoff, und daß die Erlebnisse und Er­fahrung in ihrer eigenen Biographie wichtig sein mögen...

 

I. Konzeption und Organisation der Studienfahrt

Zielsetzung

Die Studienfahrt ist eingebunden in das von der Bismarckschule Hannover ge­tra­gene Konzept, im Rahmen der organisatorischen Möglichkeiten den Schülern der Kursstufe eine an ihre Leistungs­kurse pädagogisch angebundene Studien­fahrt anzubieten. Dazu wird ein gemeinsamer Studien­fahrttermin ausgewiesen. Das Fach Gemeinschaftskunde gehört dabei zu denjenigen Fächern, aus denen heraus sich besonders tragfähige und in den Unterricht zu integrierende Studienfahrten entwickeln lassen. Es liegt dabei nahe, eine personelle und fachliche Erweiterung der Reisekon­zeption dadurch zu errei­chen, daß Kurse verwandter Fächer, in diesem Falle Gemeinschaftskunde und Geographie (Erdkunde), eine solche Studienfahrt gemeinsam durchführen und mit ihren je­weiligen fachspezifi­schen Schwerpunkten versehen. Da Erdkunde in der Bismarckschule Hanno­ver nicht als Leistungs­fach angeboten wurde, kommen zum Gemeinschaftskunde-Leistungskurs zwei Erdkunde-Grundkurse hinzu.

Die allgemeinen pädagogischen Ziele von Studienfahrten brauchen hier nicht re­feriert zu wer­den; sie sind Grundlage der diesbezüglichen Erlasse und der dar­auf aufbauenden Konferenzbe­schlüsse der Schule. Es sei nur betont, daß auch die sozialintegrativen Erfahrungen, die eine ge­meinsame Studien­fahrt bietet, gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern nicht als aufgesattelte Ziele er­scheinen, sondern aus den Fachzielen heraus zu entwickeln sind.

Bei einer Studienfahrt im Integrationsfach Gemeinschaftskunde liegt es nahe, die interdiszi­plinären historischen, politischen und wirtschafts­geo­gra­phi­schen Fachaspekte in den Mittelpunkt der inhaltli­chen Planung zu stellen und das Programm vor allem auf die Erkenntnis komplexer gesellschaftlicher Probleme und Transformationen hin zu auszurichten. Das legt eine Zielwahl nahe, in der aktuelle po­litische und historische Determinanten offensichtlich verflochten und nur in überfachlicher Perspek­tive zu verstehen sind. Unter diesem Gesichts­punkt ist Ungarn, wie der mehrfache Besuch dieses Landes und mehrere Stu­dien­fahrten nach Budapest erwiesen haben, besonders geeignet, nicht zuletzt we­gen seiner geographischen Überschaubarkeit und der histori­schen Sonderrolle, die dieses Land und dieses Volk immer wieder gespielt hat und die eine her­aus­lö­sende Betrachtung besonders fruchtbar macht. Durch diese Abgrenzbarkeit der The­­matik liegt ein modellhaftes Arbeiten nahe; die zusätzliche Aktualität des “Mo­dells Ungarn” als Vorläufer der derzeitigen Reformbemühungen und z.T. krisen­haf­ten Umbrüchen in den ehemaligen RGW-Staaten geben dieser Thematik eine be­­sondere Brisanz, die tatsächlich zu originellen Fragen und Einsichten an Ort und Stelle führen kann. Eine Ungarn-Stu­dienfahrt bietet daher dem Schüler mehr als andere Ziele im geschichtlich-gemeinschaftskundlichen Arbeitsfeld die Chance eigen­ständiger Erkundungen und Infor­mations­auswertun­gen. Der rezep­tiv-touristische Aspekt einer Studienfahrt soll daher auf das für die sozial­in­te­gra­tiven Lernziele der Studi­enfahrt notwendige Maß eingegrenzt bleiben.

In Ungarn selbst lassen sich historische Anschauung und historischer Ge­sprächs­stoff gewin­nen, die sich in dieser eindrucksvollen Form und Kon­zen­tra­tion in der Materialarbeit in der Schule nicht zu­sammentragen lassen. Der Bogen reicht von den sorgfältig ausgegrabenen Resten der Römerstadt Aquincum – die schon das Leitthema der Rand- und Grenzlage anklingen läßt – über die Do­ku­men­te der Landnahmezeit und der ersten staatlichen Organisation der Magyaren in der pannonischen Tief­ebene, über die andauernden Kriege und Konflikte – Türken, Habsburger, Siebenbürger sind dabei leitende Begriffe – über die aus un­garischer Sicht sich ganz anders dar­stellende Zeit der Freiheits­kämpfe gegen Habs­burg, die Zeit der Herausbildung einer modernen Nationalidentität mit Rákóczi, Kossuth, Batthyány, Petöfi und Széchenyi bis zur “Ausgleich” und der Zeit der k.-u.-k.-Doppelmon­archie, deren Probleme und inneren Spannungen, aber auch deren kulturelle Prägungskraft zu den Wurzeln der Entwicklungen und Ka­ta­strophen des 20.Jh. gehö­ren. Über das Konzept der “Politischen Kultur” und ihrer Bedeutung für die Krisenlösungspoten­tiale einer Gesellschaft gewinnt diese hi­storische Perspektive aktuelle politische und sozialpsycho­logische Bedeutung. Dar­aus kann die Sonderrolle Ungarns zwischen Ost und West, die Reforman­stöße, die von Ungarn ausgegangen sind, ebenso wie die Strukturproblematik dieses spät­indu­strialisierten Landes zeitgeschichtlich verstehbar gemacht werden.  Un­garn erscheint so als Spie­gel europäischer Entwicklungen und Tendenzen - von der Zeit der Räterepublik unter Mihály Károlyi, der Zeit des “weißen Terrors” unter Admiral Reichs­verweser Horthy bis zur Besetzung Un­garns durch das na­tio­nalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die ungarische Nach­kriegs­ge­schichte wird erst vor den Hintergrund dieser Erfahrungen sichtbar - auch die merkwür­dig ambivalente Bedeutung, die die Ereignisse von 1956 in der wei­te­ren ungarischen Entwicklung gespielt haben bis hin zu derzeitigen in ihren Ergebnissen noch schwer ab­schätzbaren Umbruch­ereignissen. Dieser gesellschaftlich-zeitgeschichtliche Themenbereich wird dann, auch wäh­rend der Stu­dienfahrt, abgeschlossen und abgerundet durch die aktuellen In­for­ma­tionen über die heutige ökonomische und politische Situation, deren Per­spek­ti­ven auch aus unserer Sicht faszinierend sind. Pädagogisch umgesetzt werden die genannten Themenbereiche, wie das Pro­gramm deutlich macht, durch abwechslungsreiche und damit für den Schüler gut zu verarbei­tende Vermittlungsformen wie Besichtigungen, Vor­trä­ge, Museumsbesuche und Gespräche im kleineren Kreise.

Vorbereitung und Planung im Unterricht

Die Themen der Studienfahrt nach Ungarn sind Bestandteil der thematischen Un­terrichtskonzep­tion in den Fächer Gemeinschaftskunde und Geographie. Dabei ist jedoch Rücksicht dar­auf zu nehmen, daß nicht alle Schüler des Kurses an dieser Studienfahrt teil­neh­men können, da nach dem Studien­fahrtmodell der Bismarckschule Hannover in man­chen Fällen eine Entscheidung zwischen den Stu­dienfahrt­angeboten verschiedener Fächer und Kurse vom Schüler getroffen werden muß. Daher ist die the­ma­ti­sche Arbeit der Studienfahrt vor allem mit den Begriffen Erweiterung und Ver­tie­fung zu kenn­zeichnen. Durch die gemeinsame thematische Vorarbeit im Kurs wie durch die geplante intensive Aufarbeitung der Ergebnisse im Anschluß an die Studienfahrt werden die sich herauskri­stal­li­sie­renden fachlichen Erkenntnisse zum gemeinsamen Unterrichtsstoff.

Die Planung im Gemeinschaftskundekurs wird vor allem  be­stimmt von der gesellschaftlichen Ent­wicklung im Nachkriegsungarn und dem Verhältnis von sozialen Problemen und Herr­schaftslegitima­tion – mit übertragbaren, verallgemeinernden Einsichten. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen, ausge­hend von den ökonomischen Pro­blem­stel­lungen, die im ersten Semester behandelt wurden, für den Gemeinschaftskunde-Leistungskurs die soziologischen Ein­sichten zum Thema “Soziale Ungleichheit”, die das zweite Semester thematisch bestimmten. Die erdkundliche Thematik konzentriert sich auf Agglomerationsproblematik und das Thema der zentral-peripheren Disparitäten. Beide fachliche An­sätze sollten aber im konkreten Programm verbunden und füreinander fruchtbar gemacht werden.

Das Reiseprogramm konzentriert sich auf zwei regionale und thematische Schwerpunkte, die zusam­men die Spannweite der Transformations- und Strukturprobleme wie die widersprüchlichen allgemei­nen politisch-gesellschaftlichen wie raumstrukturellen Gegebenheiten verdeutlichen können:

- Hauptstadt und Agglomeration Budapest und

- ländliche Peripherien in Südostungarn an der rumänischen und jugoslawischen (serbischen) Grenze zwischen Békéscába, Gyula, Hódmezövásarhely und Szeged.

Zur Vorbereitung dieser Themen wurden im Gemeinschaftskunde-Leistungskurs Referate zur ungari­schen Geschichte und Politik, in den Erdkunde-Grundkursen Referate über regionale und raumwis­senschaftlich-ökonomische Schwerpunktthemen vorbereitet und in schriftlicher Form vorgelegt. Ein umfangreicher fachspezifischer Materialsatz wurde in den Kursen als Unterrichtsschwerpunkt durch­gearbeitet, wodurch auch jene Kursteilnehmer einbezogen werden konnten, die aus verschieden Gründen nicht an der Studienfahrt selbst teilnahmen.


 

Programmablauf

Fr., 08.09./ Sa., 09.09. Die Hinfahrt erfolgt nach Absprache mit den Kursen mit der Bahn in einer Nacht­fahrt im Liegewagen mit morgendlichem Umsteigen in Wien. Die Ankunftszeit in Budapest ermöglicht ein Mittagessen im Studentenwohnheim der Éötvös Lórand Universität Budapest (ELTE) und einen ersten einführenden Rundgang durch das Burgbergviertel in Buda (Fischerbastei, Matthias-Kirche, Stadtüberblick).

                        Die ausführlichen geographischen Erläuterungen durch Prof. Antal nehmen schon einiges vom Einführungsvortrag über Budapest am nächsten Morgen vorweg, sind aber z.T. wohl von Zeit und Ort her eine leichte Überforderung der Reiseteilnehmer.

So., 10.09.       Der Tag dient der geographischen und stadtgeschichtlichen Untersuchung Buda­pests. Morgens im Studentenwohnheim hält Prof. Antal einen ausführlichen Vortrag über Budapest, in dem die geographische Situation, die stadtstrukturelle Entwicklung und die heutigen infrastrukturellen und sozioökonomischen  Transformationsproble­me der Agglomeration analysiert werden.   Die Beantwortung der zahlreichen Fragen aus dem Kreise der Zuhörer zeigte die Notwendigkeit dieser fachlichen Einführung, deren Problemrahmen leider nicht von allen Teilnehmern gleichermaßen verstanden worden ist, wie die Vermittlungsprobleme der nächsten Tage zeigten.

                        Eine Stadtrundfahrt mit einem Mietbus der Universität (ELTE) lieferte den Augen­schein zu den theoreti­schen Ausführungen nach und konzentrierte sich auf drei lo­kali­sierbare Themen­komplexe:

Gellertberg und Zitadelle: Lage und Beziehungsgeflecht zwischen Buda und Pest, Raumerschließung der Agglomeration, Neubaugebiete und Bedeutung der Sied­lungsachsen; die Umgestaltung des ehemaligen sowjetischen »Befreiungsdenkmals« ist Anlaß zur Reflexion der politischen Transformation in Ungarn.

Óbuda (Altbuda) am Florian tér zeigt auf dem Gebiet der ehemaligen römischen Militärstadt von Aquincum Siedlungskontinuität und die Phasen der städtischen Umgestaltung bei wechselnden städtebaulichen Paradigmen. Gleichzeitig sind die Probleme von Hochwasserschutz, Stadtsicherung und Uferbefestigung am Donau­ufer zu erkennen.

Der Heldenplatz (Hösök tér) verdeutlicht die neuere Stadtgeschichte: Vereini­gung von Buda und Pest, Stadterweiterungen in der k.u.k.-Zeit mit Ringstraßen­konzept, Ausbau der Infrastruktur und schließlich der Milleniumsfeier der »Landnahme« mit Einweihung der ersten U-Bahn, Ausbau des ›Stadtwäldchen‹ und der »Ungarischen Nationalausstellung«.

                        Den Tagesabschluß bot – dem besuchten Ort gerecht – Freizeit im Széchenyi-Bad.

Mo., 11.09.     Der Tag diente der stadtgeographischen Vertiefung der Agglomerations- und In­fra­strukturprobleme Budapest in Zeiten der ökonomischen Transformationskrise. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelangten die Teilnehmer zur Betriebsbesichtigung zu den ca. 20 km entfernt liegenden Wasserwerken von Budapest. Hier wurde ver­deut­licht, welche Sorgen die zukünftige Versorgung der Stadt mit sauberem Trink­wasser bereitet, da in den Außenbezirken mangels ausgebauter Abwasserentsorgung zuneh­mend  eine Verschmutzung, das von den Außenbezirken in Richtung Donau fließt, zu beobachten ist. Daß derzeit kein gereinigtes Donauwasser für die Trinkwas­serversor­gung benötigt wird, ist allein dem sinkenden industriellen Wasserverbrauch durch die Wirtschaftskrise zuzuschreiben. So lag es nahe, dem ›Weg des Wassers‹ mit einem Besuch in der Kläranlage von Nord-Budapest weiter zu folgen. Die Ein­drücke waren eher noch deprimierender, das erkennbar wurde, daß mangels not­wendiger Investiti­onsmittel die beiden vorhandenen modernen Kläranlagen nur weni­ger als die Hälfte der anfallenden Abwässer der Agglomeration gereinigt in die Do­nau leiten können. Andererseits liegen Reinigungskapazitäten in Nordbudapest brach – die Anlage läuft nur mit halber Kapazität –, da das Geld für die geplante Hoch­druck-Abwasserleitung aus den östlichen Randgebieten fehlt. So wird die problemati­sche Wasserwirtschaft der Hauptstadt zu einem Ausbau- und Modernisierungs­hemmnis für die Agglomeration, was in einer Art ›Teufelskreis‹ wiederum die wirt­schaftliche Entwicklung und Lei­stungsfähigkeit hindern, die zum weiteren Ausbau von Wasserver- und ‑entsorgung so dringend notwendig sind. Diese Betriebsbesichti­gungen machten somit nicht nur all­gemeine stadtgeographische Zusammenhänge deutlich, sondern charakterisierten exemplarische die besondere Problematik Buda­pest in der Systemtransformation.

                        Leider war ein größerer Teil der Teilnehmer wohl mit dieser Anforderung an das wa­che Beobachten, Nachdenken und abstrahierende Einordnen des Gesehenen deut­lich überfordert; die Besichtigungen wurden z.T. als rein technische Vorführungen mißver­standen; die nicht vermeidbaren Anstrengungen der Wege und der Betriebs­begehun­gen (daß es in einer Kläranlage ›stinkt‹, müßte doch bekannt und wenigstens für eine gute Stunde hinnehmbar sein!) wurden recht aggressiv als Zumutung empfunden. Die Bereitschaft zu sinnvoller thematischer Arbeit wurde weitgehend kurzfristigem Be­quemlichkeitsdenken (auch in Intellektueller Hinsicht) untergeordnet. Auch eine abendliche ›Krisenbesprechung‹ konnte nicht alle Vorbehalte ausräumen und Klarheit über das gemeinsame Lernprogramm der Studienfahrt schaffen. Das war für die Stu­dienfahrtbegleiter nach der sehr intensiven inhaltlichen Vorbereitung des Programmes im Unterricht doch eine große Enttäuschung.

Di., 12.09.       Ein Vortrag und Gespräch über die wirtschaftliche Lage Ungarns von Herrn Dr. Wirth von der Handelsbank in Budapest knüpft noch einmal an die Transformations­thematik des Vortages an, stellt sie jetzt aber in den gesamtungarischen Rahmen. Mo­dernisierungsprozesse der Wirtschaft, schrittweise Reformen in den letzten zwanzig Jahren und die grundlegende Systemwende seit 1989 waren die erörterten Themen, wobei besonderes Gewicht auf die heutigen Strukturbelastungen durch Außenver­schuldung, Ablösung des traditionellen Osthandels nach Auflösung des RGW und nur schrittweise Anpassung an den Weltmarkt mit dem Ziel eines Beitritts in die EU gelegt wurde.

Der Museums-Tag sollte dann anschließend die historisch-kulturelle Dimension Un­garns und Budapest verdeutlichen. Die Höhlenkapelle im Gellert-Berg war Anlaß zu Reflexionen über die Rolle der Kirchen in der ungarischen Kultur und die Kirchenpo­litik des ungarischen Staates in der kommunistischen Zeit. Der nationale wie religiöse Symbolcharakter der Kroninsignien mit der Stephanskrone im Nationalmuseum ist ein wichtiger Eindruck zum Verständnis der ungarischen Identität.

Weitere Besichtigungen von Museen in Budapest erfolgten dann in Gruppen, um so­wohl unterschiedlichen Interessen als auch der Spannweite der kulturellen Angebote der Stadt gerecht werden zu können. Von den Museumsbesuchen werden dann zur gemeinsamen Ergebnissicherung schriftliche Gruppenberichte eingefordert.

Mi., 13.09.       »Ausflug-Tag«. Abfahrt nach Aquincum und Szentendre. Die historische Vertiefung knüpft für den Leistungskurs an den Unterrichtsstoff über Besiedlung, Inwertsetzung und weltpolitischen Funktionswandel Pannoniens und des Karpartenbeckens, für den Erdkunde-Grundkurs an die Behandlung der geographischen Lagebeziehungen und der historisch-geographischen Erschließung des Karpartenbeckens an.

In Szentendre wurde ein besonderes Gewicht gelegt auf die historischen Wanderungs­bewegungen auf dem Balkan, wie der Flucht serbischer Bevölkerungsgruppen im Zu­sammenhang mit den Türkenkriegen bis hier in den Donaubogen. Daraus entstehen spezifische Minderheitenproblematiken von bestürzender Aktualität und Übertragbar­keit. Szentendre war über eine gewisse Zeit ein wichtiger Handelsort im Donauhandel mit den serbischen Siedlungsgebieten wie allgemein mit den Balkanländern. Doch bei veränderter politischer Lage verfiel der Ort und stagnierte in jeder Hinsicht, bis im 19. Jahrhundert Künstler in dieser Stagnation ihre eigene Utopie vom einfachen Leben, von der romantischen Existenz widergespiegelt sahen. Dieses künstlerische ‚Image‘ la­gerte sich mit dem Zuzug immer weiterer Künstler und ihrer Bewunderer über die reale materielle Trostlosigkeit des Ortes; in einem Prozeß der ‚self-fulfilling prophecy‘ wurde Szentendre schließlich mit den Einnahmen von den Neubürgern zu dem, was es in seinem ‚Image‘ darstellte, näherte sich auch bewußt immer mehr einer oberflächli­chen ‚Romantik‘ an. Heute, wenn dieser künstlerischen Prägung der touristische Ruf gefolgt ist, gefährdet gerade der touristische Erfolg des ‚romantischen Szentendre‘ seine eigene Basis, da die Orientierung an touristischen Dienstleistungen und an den Möglichkeiten – und in der heutigen angespannten Wendezeit vielleicht auch: Not­wendigkeiten – der ‚schnellen Einnahmen‘ die Reste eines noch tatsächlich vorhande­nen ursprünglichen Ortscharakters aushöhlt und verdrängt. Alle diese an Ort und Stelle erörterten Aspekte sind in hohem Maße verallgemeinerungs- uns übertragungsfähig und geben diesem äußerlich ›touristischen Tagesprogramm‹ einen wichtigen politi­schen und geographischen Stellenwert.

Nach einer geruhsamen Rückfahrt nach Budapest auf dem Donaudampfer sollte ein gemeinsames Abendessen im Restaurant Szeged (Zigeuner Musik) das Programm harmonisch und mit einer Chance zum Genuß der ›besseren‹ ungarischen Küche be­schließen.

Do.,14.09.       Eine Parlamentsbesichtigung hat in Budapest einen ganz besonderen Charakter. Das zweitgrößte Parlamentsgebäude Europas (nach Westminster) war über hundert Jahre funktionale Attrappe für den undemokratischen Obrigkeitsstaat – monarchischer, rechtskonservativer oder sozialistischer Prägung –, wie so manches topos der ungari­schen Geschichte Attrappe, Ideologie, Wunschvorstellung, Heldenglaube gewesen ist, bei dem die gesellschaftliche Realität nur eine geringe Rolle spielte. Gebaut um 1900 von Imre Steindl mit der Milleniumsfeier der ‚Landnahme‘ der Magyaren und im Zu­sammenhang mit der Stadterweiterung Budapests nach dem Zusammenschluß der Ur­sprungsstädte, ist das riesige Gebäude ein Musterbeispiel des ungarischen Eklektizis­mus und der romantischen Neogotik, die die gleichzeitige romantisch-mythologische Verklärung der ungarischen Geschichte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts spiegelt (über deren sozioökonomische und ideologische Fundierung gesprochen wer­den müßte, auch im Hinblick auf heutige Parallelen z.B. im ehemaligen Jugoslawien und in Hinblick auf die immanenten Gewalt- und Ethnizitätspotentiale einer solchen politischen Bewegung; die vielen Denkmäler und turul-Vogelstatuen im ganzen Land aus dieser Zeit erinnern an diese auch heute noch funktionalisierbare latente nationali­stische Unterströmung). Als durch Prof. Dr. Zoltán Antal vermittelte besondere Be­handlung wurden wir von der Protokollchefin des ungarischen Ministerpräsidenten durch das Gebäude geführt und daher in besonders kompetenter und auf das tatsäch­lich Wesentliche konzentrierter Art mit dem Gebäude, seiner Geschichte und seiner Bedeutung vertraut gemacht.

Im Budapester Rathaus, dem Hauptbürgermeisteramt, konnten wir dann anschließend ein besonders informatives Gespräch im Bauamt von Budapest über die Stadtstruktur und die Möglichkeiten und Ziele der Stadtplanung innerhalb der Agglomeration Buda­pest führen. Der Sachbearbeiter des Bauamtes unterlegte sein klares und gut geglieder­tes Referat mit einer Fülle von Karten und Grafiken, die die Situation gut verdeutli­chen konnten. Dies war auch eine willkommene Ergänzung zu den allgemeinen Aus­führungen von Prof. Dr. Zoltán Antal über die geographische Situation von Budapest am ersten Tage unseres Aufenthalts und zu den kommunalen Problemlagen, die uns in drastischer Form am Dienstag während der Besuche im Wasserwerk und in der Klär­anlage vor Augen geführt worden sind.

Fr., 15.09.       Mit einem gemieteten Autobus der Universität (ELTE) begann heute die ab­schließende Rundfahrt durch die ungarische Tiefebene (Alföld) und nach Südostun­garn. Erster Programmpunkt war ein Stadtrundgang in Kecskemét. Kecskemét hat eine ganz be­sondere Ortsgeschichte, in der sich die ungarische Nationalgeschichte spiegelt. In der Zeit der türkischen Herrschaft entvölkerten sich weite Landstriche der ungarischen Tiefebene durch die ständigen Durchzüge der verschiedenen Heere, die das Land ausplünderten, ebenso wie durch drückende Steuerlasten und willkürliche Forderungen der Osmanischen Fremdherrschaft. Die Bauern zogen in größere, fast stadtähnliche Wehrdörfer und stellten sich dort, natürlich gegen Zahlung entsprechender ›Schutzgelder‹ unter den Schutz jeweils eines türkischen Würdenträgers. Ihre Felder konnten sie, wenn es die politisch-militärische Lage zuließ, dann in jahreszeitlichen ›Kampagnen‹ von der Stadt aus bestellen. Wir lernten auf unserer Rundfahrt neben Kecskemét weiter im Süden als Sitz der Cooperative »Rákóczi« noch Hódmezövasar­hély, das seinen landwirtschaftlichen Charakter noch stärker als Kecskemét bewahrt hat, kennen.

Kecskemét machte dann aber noch eine weitere historisch bedeutsame Entwicklungs­phase in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch, das es über seine landwirtschaftli­chen Ursprünge weit hinaushob, als es zum Sammlungsort der romantischen, litera­risch-künstlerischen und politischen Befreiungsbewegung aus dem Geiste des anti-habsburgisch eingestellten ungarischen romantischen Nationalismus wurde. Kossuth hielt eine wichtige patriotische Rede in Kecskemét: ein Denkmal vor dem Rathaus er­innert daran. Józef Katona lebte, da er von seiner schriftstellerischen Tätigkeit, von den Herrschenden oft angefeindet, nicht existieren konnte als Anwaltsgehilfe in Kecs­kemét; sein ›Nationaldrama‹ »Ban Bánk«  wurde zur Grundlage einer der wichtigsten ungarischen Opern, komponiert von Ferenc Erkel. (“Das Thema des Banus, der die ausländische tyrannische Königin ermordet, fügt sich ebenso in die Ideenwelt des ›Frühlings der Völker‹ ein, wie die Oper ›László Hunyadi‹, die den Verrat des Königs zum Thema hat.” András Székely, Illustrierte Kulturgeschichte Ungarns, 1978, S. 152.) Die revolutionäre Sprengkraft, die Aktualisierbarkeit des Themas ist wohl offen­sichtlich. Vor allem fällt dem Besucher aber die besondere Architektur Kecskeméts auf. In der »Ungarischen Sezession« spalteten sich bildende Künstler und Architekten von der »Budapester Akademie« ab, um einen eigene ungarischen Nationalstil zu entwickeln, der sich fiktiven orientalischen (türkisch-persisch-indischen) kulturellen Quellen des Magyarentums verpflichtete und originelle neue Formlösungen in gewisser Ähnlichkeit mit dem deutschen »Jugendstil« fand. Das große Rathaus von Kecskemét  ist ein hervorragendes Beispiel für diesen Baustil.

Die aktuelle landwirtschaftliche Situation im Komitat Bács-Kiskun war Thema eines Gesprächs in der Landwirtschaftlichen Hochschule von Kecskemét. Auf die landwirt­schaftlichen Entwicklungen wird an anderer Stelle ausführlicher einzugehen sein. Be­sonders wichtig ist aber, daß das Komitat vor allem über trockene, wenig wertvolle Böden verfügt, die besondere agrartechnische Anstrengungen erfordern und die auf der anderen Seite von der Dynamik der Privatisierung nach der »Wende« nicht im Maße anderer Komitate erfaßt wurden, so daß auch heute aus ökonomischen Zwängen heraus großbetriebliche und genossenschaftliche Anbausysteme vorherrschen. - Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Hochschule erfolgte die Weiterfahrt nach Békéscsaba und Gyula, die sich durch einen teilweise unfreiwilligen, durch technische Probleme am Bus in Békéscsaba verursachten Aufenthalt bis in den späten Abend hinein verzögerte, was eine improvisierte Selbstverpflegung am Abend verursachte. Die Unterkunft in Gyula erfolgte im genossenschaftlichen Kurhotel-Komplex (Höforrás Hotel, H 5701 Gyula, Rábá u. 2) mit recht ansprechenden Komfort bei sehr niedrigen Preisen.

Sa., 16.09.       Vormittags erfolgte nach dem ersten nur zum Teil freiwilligen Stadtrundgang in Békéscsaba am Vortag die eigentliche Stadtbesichtigung. Die Anfahrt von Gyula aus, ca. 15 km, fand mit dem Bus statt. Békéscsaba ist auf der einen Seite eine typische, periphere ungarische Landstadt, in der nur ein flächenmäßig kleiner Teil städtischen und zentralen Charakter trägt – und auch das in nicht allzu kompakter Bebauung –, während ein größerer Ortsteil schon ländlich geprägt und durch eine landwirtschaftli­che Berufsstruktur gekennzeichnet ist. In vielen Orten, selbst noch in Kecskemét, sind diese Bereiche an hofähnlichen, zur Straße mit Mauer und Hoftor abgeschlossenen, aber in Reihenbauweise erstellten einstöckigen, meist ockergelb gestrichenen Häusern zu erkennen, deren Grundrisse vielleicht noch am ehesten als U- oder T-Form dargestellt werden könnte. Auf der anderen Seite hat die besondere Stadtgeschichte Békéscsaba einen ganz eigenständigen Charakter verliehen. Nach der Türkenzeit, durch kriegerische Ereignisse fast völlig aufgegeben, wurden von den Grundherren fremde Siedler in den Raum Békéscsaba geholt und angesiedelt; darunter stand an er­ster Stelle eine große slowakische Minderheit, die vor Not und Unfreiheit in der dama­ligen Slowakei hier nach Südostungarn floh. Bis heute hat sich ein Teil der Bewohner Békéscsabas seine slowakische Identität und kulturelle Affinität bewahrt, wie uns in  einem Gespräch im Bürgermeisteramt der Stadt über die slowakische und rumänische Minderheit des Komitates deutlich gemacht wurde. Insgesamt stärkten diese Minder­heiten den städtischen Charakter der Stadt ebenso wie die spätere Entwicklung von Gewerbe und Verkehr.

Durch dieses Wachstum und die bessere Eisenbahn- und Straßenverbindung bestärkt, löste nach dem zweiten Weltkrieg Békéscsaba den Nachbarort Guyla als zentralem Ort und Komitatssitz ab. Guyla, direkt an der rumänischen Grenze gelegen, entwickelte in der Folge vor allem die Wohnbebauung und den Tourismus, der sich auf die dort vor­handenen Heilquellen stützt.

Der Ort Gyula wurde von uns nur am Rande geographisch untersucht. Die Grenzlage selbst interessierte uns dabei besonders. In einer Fahrt zur Grenzübergangsstelle von Gyula konnte uns vom dortigen ungarischen Kommandanten der Grenzübergangsstelle nach Rumänien in seinem Vortrag über den Grenzverkehr das kaum zu bewältigende Anwachsen des Güterverkehrs, vor allem des Transit- (TIR-) Verkehrs durch Ungarn in der Folge der ökonomisch-marktwirtschaftlichen Transformation Ost- und Südost­europas auf der einen Seite und dem Fortfall der traditionellen Verkehrslinien durch das ehemalige Jugoslawien in der Folge des dortigen Bürgerkrieges vor Augen geführt werden. Neben dem friedlichen Waren- und Personenaustausch wächst gleichzeitig aber auch der illegale und kriminelle Transit; Ungarn ist zu einer Drehscheibe des Rauschgifthandels vom Nahen und Mittleren Osten nach Europa geworden, was die personell und finanziell mangelhaft ausgestatteten Grenzdienste des Landes vor nahezu unlösbare Probleme stellt. Dazu kommt der legale, halb- und illegale Flüchtlingstransit, der zeitweise den Charakter von kriminellem Menschenhandel annimmt. Muß Ungarn zur »Grenzfeste« des reichen Mitteleuropas werden? So würde, jetzt an Ungarns Ost­grenze, der limes der Provinz Pannonien aus der Antike wieder auferstehen!

Den Tagesabschluß bildete die Möglichkeit zu einem Bad in den Heilwässern von Gyula. Leider war unser Programm etwas belastet durch gesundheitlich angeschlagene Teilnehmer, da eine – wahrscheinlich infektöse – Darm- und Magenerkrankung, teil­weise mit Schwäche und angegriffenem Kreislauf verbunden, »herumging« und in einem Falle einen Arztbesuch in Gyula notwendig machte.

So., 17.09.       Ein letzter zentraler Themenbereich, nach der allgemeinen Untersuchung von Peri­pherisierungsproblemen und der Situation der Minderheiten in Ungarn, war die Ent­wicklung der Landwirtschaft unter den Bedingungen des gesellschaftlichen und öko­nomischen Wandels. Der Besuch der landwirtschaftlichen Genossenschaft »Rákóczi« in Orosháza und Hódmezövásárhely zeigte uns zunächst die geographischen Grundla­gen der Landwirtschaft in Südungarn. Im Laufe unserer Fahrt konnten wir mehrere deutlich unterschiedene landwirtschaftsgeographische Zonen kennen lernen:

- Die trockene armen Sandböden des Komitats Bács-Kiskun, die vor allem mit Fruchtbaum- und Weinbau genutzt wurden,

die Schwarzerdböden des Komitats Békés im Einzugsbereich des Körös (z.T. daher auch mit Überschwemmungsbodencharakteristik), bei denen Getreide- und Mais­anbau sowie eine intensive Viehzucht vorherrschen,

sowie die Schwarzerd- und Überschwemmungsböden des Komitats Csongrád im Einzugsbereich von Tisza (Theiss) und Maros, die durch ihre orographische Lage besonders von der derzeitigen mehrjährigen Trocken- und Dürreperiode beein­trächtigt worden sind, sonst aber ein ertragreiches Zentrum für Mais-, Sonnenblu­men- und Weinanbau sind.

In einem Gespräch über die Genossenschaft und die ungarische Landwirtschaft im Zu­sammenhang mit der Betriebsbesichtigung wurde uns die ökonomische Bedeutung der genossenschaftlichen Produktion und Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte auch unter den Voraussetzungen einer geänderten Wirtschafts- und Eigentumsordnung ver­deutlicht, aber auch die Probleme, mit denen Cooperativen heute zu kämpfen haben und die vor allem auch auf die noch nicht abgeschlossene Umstellung des Rechts­systems und die damit verbundenen Unklarheiten der Eigentumstitel zurückzuführen sind, die es z.B. erschweren, Geld auf dem freien Kapitalmarkt aufzunehmen und ge­genwärtig noch verhindern, durch Hypothekenbelastungen  die Kapitalarmut der Be­triebe zu beheben.

Der hohe Investitionsbedarf der Cooperative wurde bei der Betriebsbesichtigung, die sich auf die Sonnenblumenkernverarbeitung und die Weinerzeugung konzentrierte – auch das wegen der Größe des Betriebes, der sich über ca. 60 km erstreckt, noch mit erheblichen Wegen verbunden! –, sehr deutlich. Ein Gemeinsames Mittagessen mit Weinprobe zeigte die kulinarische Leistungsfähigkeit des Betriebes.

Der geplante Stadtrundgang in Szeged fiel wegen der fortgeschrittenen Zeit und einem einsetzenden wolkenbruchartigen Gewitter kürzer als geplant aus. Prof. Dr. Zoltán An­tal erläuterte noch die Besonderheiten der Lage am Theissufer mit den damit verbun­denen Überschwemmungsgefahren und den Auswirkungen der Verkehrslage auf die Stadtentwicklung.

Der »Triumph«, mit unserem hochrädrigen Ikarus-Bus an den vielen liegengebliebe­nen PKWs durch teilweise halbmetertiefe Wasserseen auf der Straße vorbeifahren zu können, wich nach etwa dreißig Kilometern, bei trocken gewordenem Wetter zwar, aber auf offener Landstraße, doch recht gemischten Gefühlen, als ein technischer De­fekt im Hydrauliksystem unseren Bus lahmlegte. Die Reparaturversuche des überaus bemühten und fleißigen Busfahrers, dessen Bemühungen von allen Teilnehmern aner­kannt und nach Kräften unterstützt wurden, begannen gegen 18 Uhr und führten trotz Austausches der Pumpe auch bis 23 Uhr nicht zum Erfolg, nicht einmal zur gesicher­ten Lokalisation des Schadens. Durch Anrufe in der Zentrale in Budapest erreichten wir, daß uns ein Ersatzbus geschickt wurde, der gegen 3 Uhr nachts ankam und mit dem wir dann, nach dem, auf der offenen Straße in der Dunkelheit sehr vorsichtig vorgenommenen Umladen des Gepäcks, weiter fuhren. Unser Ziel Pécs war nun nicht mehr zu erreichen, die Nacht war ja bald zuende; wir fuhren gleich in Richtung Buda­pest und verbrachten den Rest der Nacht und den frühen Morgen schlafend im Bus auf einem Parkplatz in Dunaújváros oberhalb der Donau. (Daß die Unterkühlungen und Verkrampfungen dieser Busnacht noch einen Monat danach bei mir schmerzhafte rheumatische Beschwerden verursacht haben, sei nur am Rande erwähnt.)

Mo., 18.09.     Ein schnell bestelltes Frühstück in einem Hotel in Dunaújváros stellte die angeschla­gene Arbeitsfähigkeit und Aufmerksamkeit zumindest teilweise wieder her.

Dunaújváros (= »Donau-Neustadt«) war dann aber ein wirtschaftsgeographisch sehr lohnendes Ziel. Prof. Dr. Zoltán Antal schilderte der Reisegruppe detailliert die kurze Geschichte dieses Ortes, woran sich die kurzen folgenden Anmerkungen orientieren. Dunaújváros ist sowohl in wirtschaftsgeographischer wie in wirtschaftshistorischer Hinsicht ein sehr interessantes und aufschlußreiches Beispiel für die Industrialisierung Ungarns im zwanzigsten Jahrhundert. Rund hundert Kilometer südlich von Budapest am rechten Donauufer gelegen, wurde das Stahl- und Industriekombinat zusammen mit der dazu gehörenden Stadt in der Nähe eines kleinen landwirtschaftlichen Dorfes, das heute in das Stadtgebiet von Dunaújváros einbezogen ist, erst nach dem zweiten Weltkrieg gebaut und galt als Musterbeispiel des schwerindustriellen Entwicklungspri­mates des Sozialismus stalinistischer Prägung. Der neue Ort sollte als »Stalinváros« (= »Stalinstadt«) der erste »sozialistische Musterort« Ungarns werden, ohne Anknüpfung an die ökonomischen und kulturellen Traditionen des Landes, in dem sich der »neue sozialistische Mensch« entwickeln könne. Damit ist die Entwicklungskonzeption un­mittelbar vergleichbar mit der Gründung der »Lenin-Hütte« in »Nowa Huta« bei Kraków (Krakau) in Südpolen[1], die ebenfalls als Musterbeispiel zu werten ist für eine notwendige kritische Auseinandersetzung mit den Industrialisierungsstrategien und Entwicklungspostulaten in den europäischen Peripherieländern, die in Ost- und Süd­osteuropa über vierzig Nachkriegsjahre – in der Sowjetunion sogar seit der Oktoberre­volution 1918 – von der Wirtschaftsdoktrin des leninistischen und stalinistischen Kommunismus geprägt wurden.

Zur Industriegeschichte von Dunaújváros ist aber noch einiges hinzuzufügen, was das übliche, aus politischen Gründen oft ausschließlich negativ gezeigte Bild variieren kann. Das negative Stereotyp für die Standortwahl für diese zweitgrößte Stahlhütte Ungarns nach Miskolc – vergleichbar sonst noch den beiden alten Stahlerzeugungs­standorten: der Czepel-Insel in Budapest und dem nordungarischen Industrierevier um Ózd – betont vor allem die Standortferne von jeglicher traditionelle Agglomeration – also die Errichtung quasi »auf der grünen Wiese« –, wobei wertvolle Agglomerations­vorteile in der wirtschaftlichen Entwicklung nicht genutzt werden können, die ungün­stige Ufersituation auf einer lockeren, ca. zwanzig Meter hohen Lößterrasse über der Donau, die einmal tatsächlich zu einem größeren bedrohlichen Erdrutsch führte und damit aufwendige Sicherungsmaßnahmen notwendig machte, sowie die Rohstoffaus­richtung alleine auf die Sowjetunion hin, die durch eine neue Eisenbahn-Transversale ermöglicht wurde.

Doch sind dem einige andere Aspekte gegenüberzustellen. Der Plan eines neuen indu­striellen Schwerpunktes in Südungarn existierte schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Gründe waren dafür die erwünschte Förderung eines strukturschwachen Periphe­rieraumes durch gezielte industrielle Investitionen, die Entlastung des »über­ag­glo­mier­ten« Industrieraumes Budapest – ein Grund, der nach dem Krieg noch weitaus dringli­cher und gravierender wurde und heute durch die katastrophalen Um­weltschäden im budapester Stadtgebiet nur noch bestätigt werden kann! – und die Einsicht, daß der in­frastrukturell abgeschnittene, wirtschaftsgeschichtlich im 19. Jahr­hundert eher auf den slowakischen Wirtschaftsraum im Norden ausgerichtete nordun­garische Altindu­strieraum in seiner Grenzlage hinter dem Zug der ungarischen Mittel­gebirge, kaum noch Entwicklungspotentiale erkennen ließ; ferner erhoffte man sich durch einen süd­ungarischen Entwicklungsschwerpunkt eine Verbesserung der wirt­schaftlichen Integra­tion der südlichen Nachbarn – Jugoslawien, Bulgarien – als ge­meinsame Donau-An­rainerstaaten, was auch die Rohstoffvorkommen dieser Region, transportiert auf dem Wasserweg, für Ungarn nutzbar machen sollte.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Planungen forciert und ein großes Industrieareal in der Nähe von Mohács nahe der ungarischen Südgrenze infra­strukturell erschlossen und für den Bau eines Stahlwerkes vorbereitet.

Die politische Nachkriegsgeschichte machte dieser Planung einen Strich durch die Rechnung. Der Bruch zwischen Stalin und Tito kappte die politischen und wirtschaft­lichen Verbindungen zwischen den Staaten des neu gegründeten RGW und Jugoslawi­en, das sich in der Folge wirtschaftlich – trotz Blockfreiheitspolitik und festhalten an einer sozialistischen Staats- und Gesellschaftskonzeption[2] immer mehr an Westeuropa orientierte und ein Assoziationsabkommen mit der EWG unterschrieb.

Das hatte unmittelbare Folgen für die ungarischen Entwicklungspläne. Ungarn und der RGW (bzw. das sich neu konstituierende Militärbündnis der kommunistischen Staaten, der »Warschauer Pakt«) befürchteten eine unsichere Lage an der Südgrenze gegen­über Jugoslawien, eventuell sogar kriegerische Auseinandersetzungen. Für zivile wirt­schaftliche Entwicklungsprogramme schien hier nicht der richtige Ort zu sein. Also wurde ein geeigneter Ort weiter im Landesinneren gesucht, der sowohl Anschluß an die Donau als Wasserstraße als auch ausgebaute Verkehrsverbindungen nach Budapest aufwies. Dieser wurde an der mittleren Donau gefunden, wo eine Halbinsel am rech­ten Donauufer – kurz unterhalb des Endes der Csepel-Insel – einen geschützten Na­turhafen und auf der oberen Donauterrasse einen hochwassergeschützten Industrie­standort anbot.

Die verloren gegangene Rohstoffversorgung über die Donau aus Jugoslawien mußte ersetzt werden durch den Ausbau einer Eisenbahn-Querverbindung, die in Nordostun­garn, bei Nyíregyháza, einen Anschluß an das Eisenbahnnetz der Sowjetunion im Gebiet der Ukraine bekam, wo über einen großen Verschiebe- und Umspur-Güter­bahnhof das ungarische Eisenbahnnetz in eine weitere Ost-West-Verbindung einbezo­gen wurde, die heute, nach dem Wegfall der Teilung Europas, eine wachsende inter­nationale Bedeutung erlangen kann, wie sie die entsprechenden Straßenverbindungen im TIR-Verkehr schon erhalten haben. Zum damaligen Zeitpunkt war der Ausbau ein wichtiger Schritt zur ökonomischen Integration innerhalb des RGW.

In Dunaújváros wurden ein großes Stahlwerk mit wichtigen Nebenbetrieben[3] und ein wachsender Ort für die im Betrieb Beschäftigten mit allen notwendigen Versorgungs­einrichtungen und zentralen Funktionen errichtet. Der zwanzig Meter unterhalb des Ortes gelegene Hafen wird durch eine im weiten Bogen die Stufe in einem kleinen na­türlichen Taleinschnitt überwindende Bahnstrecke an das Stahlwerk und die Stadt an­gebunden. Kohle und Erz werden im Hafen auf Waggons umgeladen und zur Produk­tion herangebracht, soweit sie nicht ohnehin auf dem Schienenweg geliefert werden. Die Fertigprodukte werden auf dem gleichen Wege abtransportiert, wobei heute, dem internationalen Trend folgend, der Straßentransport eine immer größere Rolle spielt. Diese Entwicklung hat unmittelbare Auswirkungen auf die notwendige Infrastruktur- und Regionalentwicklung in der Agglomeration Budapest[4].

Zunächst war die Lage in einem dünnbesiedelten Raum ein Problem für die Versor­gung mit Arbeitskräften. Materielle Anreize und auch gewisse Zwangsmaßnahmen – korrespondierend mit einem zeitweiligen Zuzugsverbot für den Agglomerationsraum Budapest – mußten die anfänglich unzureichende Ausstattung des Ortes und die Abge­schnittenheit vom urbanen Leben der Großstadt ausgleichen. Doch hat sich der Ort, abgesehen von großen Umweltproblemen durch Emissionen des Stahlwerkes, heute zu einem durchaus angenehmen und gut ausgestatteten Wohnort entwickelt, der durch Straße und öffentliche Verkehrsmittel leicht von Budapest her zu erreichen ist.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren im Rahmen der – oft an Verfolgungswahn ge­mahnenden – Geheimhaltungspolitik für alle wichtigen ökonomischen und infrastruk­turellen Entwicklungen und Einrichtungen war Dunaújváros nahezu eine »ge­hei­me Stadt«, die zumindest der Tourist nicht betreten durfte. Die Eisenbahn- und Straßen­brücke über die Donau wurde militärisch streng bewacht – wobei ein unbedingtes Fo­tografierverbot selbstverständlich war. Daß alle diese Restriktionen und Erinnerungen an frühere »Selbstverständlichkeiten« heute zur teilweise eher »kuriosen« Geschichte geworden sind, ist ein hoffnungsvolles Zeichen für eine friedlichere europäische Zu­kunft ohne gegenseitige Angst.

Nach dem Besuch in Dunaújváros – mit einem guten Frühstück in einem Hotelrestau­rant im Magen – fuhren wir zurück nach Budapest. Auf dem Wege beschäftigten wir uns – wenn auch durch die verständliche Müdigkeit der Reisegruppe nur extensiv re­zipiert (wenn mehr Mitreisende wach waren als die vier Reiseleiter und der Busfahrer, war das schon als wacher und aufmerksamer Augenblick zu verzeichnen!) – mit der Energiedrehscheibe Ungarn. Durch mangelnde eigene Energieressourcen ist Ungarn abhängig von Energieimporten: Stromverbund, Erdgas, Erdöl, Kohle...

Von der Sowjetunion ausgehend wurde in Osteuropa ein Netz von Erdgaspipelines angelegt, in das Ungarn einbezogen und an das schließlich auch Westeuropa ange­schlossen wurde. Eine Ost-West-Erdöl- und Erdgaspipeline führt von der Ukraine nach Zentralungarn und vereinigt sich südlich von Budapest auf halbem Weg nach Dunaújváros mit den Leitungen, die von südungarischen, wenn auch nicht allzu ergie­bigen, Erdölfeldern kommen. Eine große Erdölraffinerie wurde hier gebaut. Eine zwei­te Erdgaspipeline kommt aus Rußland durch die Slowakei und endet zur Zeit unseres Besuches hier. Nach dem Ende des Bosnienkrieges und des UN-Boykotts gegen Restjugoslawien (Serbien) wird wohl auch der stillgelegte weitere Teil in Richtung Belgrad etc. wieder in Betrieb genommen werden. Ganz in der Nähe befindet sich auch das größte konventionelle Kraftwerks Ungarns, daß den Großraum Budapest mit Strom versorgt.

Den Nachmittag verbrachten wir dann wieder in Budapest, wo wir im Studenten­wohnheim noch einmal für eine Nacht die gleichen Zimmer wie in der ersten Woche einnehmen konnten. Einige nutzten die Zeit für eine gründliche Reinigung, andere für Schlaf, Ruhe und Rekreation. Doch in jedem Falle war genügend Zeit für weitere Spaziergänge und Besichtigungen in Budapest.

Die beiden Lehrer nutzen den »besonderen Termin«, an diesem ersten Betriebstag nach der Wiedereröffnung nach einjähriger Erneuerungs- und Restaurationszeit, die älteste elektrische U-Bahn des europäischen Kontinents, die Metro-Linie 1 »einzuweihen«. Wir fanden ein Schmuckstück des Jugendstils nur wenige Centimeter unter der Fahrbahndecke der Rákóczi út, die nun nicht mehr »Straße der Volksrepu­blik« heißt. Die Ungarn-Fahrt endete durch die unterbrochene Rückfahrt nach Buda­pest etwas ungeplant und chaotisch, wenn auch ohne persönliche oder mitmenschliche Probleme.

Di., 19.09.       Die Rückfahrt mit dem Zug nach Wien fand planmäßig statt. Dort teilte sich die Gruppe und ein größerer Teil nutze die Zeit und die Gelegenheit zu einem privat or­ganisierten Nachmittag in dieser anderen Donaumetrople.

In Wien fand kein gemeinsames Programm statt, nachdem die dreißig verbliebenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der U-Bahn in die Stadtmitte gefahren waren. Stephansdom, Graben, Hofburg und Ring, sowie ein Mittagessen in einem der österreichischen Traditionsrtestaurants haben wohl die meisten erlebt. Leider war das Wetter kühl und regnerisch und verlockte kaum zum Grabenbummel. Für Musikliebhaber bot es sich an, im Dom den Etüden und Proben des Domorganisten zu lauschen.

Nachts dann im Liegewagen zurück nach Hannover und am Mittwoch gegen 6 Uhr Ankunft am Bahnhof und um 8 Uhr  planmäßiger Unterricht... Daß der Leistungskurs in der ersten und zweiten Stunde gemeinsam im Erdkunderaum frühstückte und die frischen Ungarn-Erinnerungen austauschte, machte es etwas leichter...

Erste Erfahrungen aus der Studienfahrt

Es wurde schon einleitend und stellenweise im Zusammenhang mit der Programmübersicht erwähnt, daß bei einer nüchternen Betrachtung der Ergebnisse der Studienfahrt, auch gemessen am organisa­torischen und menschlichen Aufwand, der für ihre Durchführung notwendig war, diese kein voller Erfolg gewesen ist.

Die Inhalte konnten weder in der gewünschten umfassenden und die ungarischen Realitäten erschlie­ßen­den und erklärenden Art und Weise noch auch nur ansatzmäßig gleichmäßig in der Teilnehmer­gruppe vermittelt werden.

Ohne daß hier eine umfassende Analyse dieser Situation versucht werden könnte, sollte doch betont werden, daß Gründe

  sowohl in der nicht sehr förderlichen Verhaltensstruktur vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer – die kurzfristig nur wenig beeinflußt werden kann und ein grundsätzlicheres Problem der Schule allgemein darstellt –,

  als auch in einigen äußeren Gegebenheiten gelegen haben, wie z.B. Gruppengröße, Überset­zungssi­tuation und sprachliche Schwierigkeiten bei Vorträgen und Erläuterungen, z.T. durch un­sere ungari­schen Freunde und Partner nicht richtig eingeschätzte Zeiteinteilungen etc.

Unmittelbare Konsequenzen für spätere Studienfahrten sind nur aus dem zweiten Bereich zu ziehen, wobei auch hier einiges unabwendbar war; einer Reisegruppe stände es gut an, auch kleinere »Problemchen« und damit verbundene subjektive »Unzuträglichkeiten« toleranter und freundlicher hinzunehmen und sie am Maßstab der tatsächlichen positiven Leistungen zu messen, die uns die Stu­dienfahrt überhaupt erst ermög­licht haben.

Ein Blick auf die Probleme unserer heutigen Alltagszivilisation und ihrer »Politischen Kultur« zeigt uns aber einige zugrunde liegenden allgemeinen Verhaltens- und Wertdispositionen, die letztlich den sozialen Kon­text zerstören können, von dem die Gesellschaft und jeder Einzelne abhängig ist: An­spruchsdenken auf­grund ständig steigender, oft irrealer und fiktiver Maßstäbe; Verantwortungsscheu, die nur nach fremden Verantwortlichen suchen läßt, denen Risiko und Schaden abzuwälzen ist, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, selbst zu einer realen Krisen- oder Konfliktlösung beizutra­gen; Konsumorientierung, die die gesamte Realität als materiell, käuflich und machbar ansieht, eigene – auch geistige oder soziale – Produktivität aber ausblendet und Kreativität und Problemlösungskom­petenz verhindert; Rechthaberei, die sich selbst jede Freiheit zubilligt, vor allem die Freiheit, sich oh­ne Rücksicht auf soziale oder mitmenschli­che Folgen zu verhalten; Gedankenlosigkeit, die intellek­tuelle Anforderungen als Zumutung abtut, Proble­me damit aber durch »Ignorieren und Nicht-Wahr­haben-Wollen« verdrängt und nicht löst.

Diese Charakterisierungen erfolgen nicht im Rahmen eines allgemeinen »kulturkritischen Lamentos« son­dern in tiefer Sorge um die Erhaltung lebenswürdiger gesellschaftlicher Zustände und zivilisatori­scher Mindeststandards, die in Gefahr sind. Die realen Probleme und Gefahren unserer Zeit – von globaler Ar­beitslosigkeit und Wirtschaftskrise auf der einen Seite, über bürgerkriegs- und kriegserzeu­gende System­zusammenbrüche, von denen die Zeitungen heute schon voll sind, bis hin zu globalen und lokalen Umwelt­gefahren und -zerstörungen: diese Szenarien sind uns doch allen bestens bekannt – sind so dringend und gravierend, daß wir uns einfach nicht leisten können, auf den Erhalt zivilisato­rischer Mindeststandards, auf gesellschaftliche Phantasie und eigene Krisen- und Problemlösungs­kompetenz zu verzichten.

An dieser Stelle richtet sich meine Frage nach möglichen Konsequenzen aus diesen Einsichten

  einmal an die Schule, an meine Kolleginnen und Kollegen: ob sie nicht noch intensiver an einer notwendigen Veränderung der Schule, der Unterrichtssituationen wie der Unterrichtsinhalte mitwirken können, um aktive Problemlösungskompetenz und die notwendigen Reste unserer Zivilisation vermit­teln zu können,

  und zum anderen an unsere Studienfahrtteilnehmerinnen und -teilnehmer selbst: ob sie sich eventuell in der kritischen Beschreibung wiederfinden und ob sie nicht die Zukunftsbefürchtun­gen teilen...

Gerade Auslandsstudienfahrten könnten die gesellschaftliche Phantasie anregen, wenn Distanz nicht als Zumutung sondern als intellektuelle und emotionale Herausforderung begriffen wird, der sich zu stellen ein Beitrag zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung sein kann. Dann muß man aber die Realitä­ten, Situationen, Menschen und Ereignisse ach »an sich heran lassen«, ihnen mit Neugier und Offen­heit begegnen und auf schnelle, vorschnelle Urteile verzichten; das kann unterstützt und gefördert werden durch das gemeinsame Gespräch in der Reisegruppe, das auf unserer Fahrt leider, zumindest als allgemeine und strukturierte Veranstaltung, zu kurz gekommen ist.

Folgende organisatorische Verbesserungen schlage ich für zukünftige Studienfahrten aus der Erfah­rung unserer Ungarnfahrt heraus vor:

1.     Die Reisegruppe sollte kleiner sein; optimal sind 12 bis 15 Teilnehmer und (mindestens) eine Begleit­person. Wenn aus finanziellen Gründen größere Teilnehmerzahlen notwendig sind (wie bei unserer Ungarnfahrt), sollte das inhaltliche Programm (mit Ausnahme also von Übernach­tung, Verpflegung und gemeinsamen Busfahrten) in von den (mindestens) beiden Begleitern ge­trennt betreute und ggf, fachlich unterschiedlich akzentuierte parallele Teilprogramme aufgeglie­dert werden, die mit den Grup­pen vorher auch getrennt vorbereitet werden. Der erhöhte organi­satorische Aufwand dürfte durch den erleichterten Ablauf und die bessere inhaltliche Arbeitsef­fizienz aufgewogen werden.

2.     Vor der Studienfahrt sollte, da Teilnehmerkreis und Kursteilnehmerschaft selten identisch sind, ein gemeinsames verbindliches Wochenendseminar mit einer inhaltlichen Einführung (ggf. ein­zelne Refe­rate) und einer ausführlicher Erläuterung der Ziele des geplanten Programmes stattfin­den. Dieses Seminar sollte verpflichtend von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern protokol­liert werden, um die notwendige Aufmerksamkeit zu gewährleisten. Hierin wäre auch ein Beur­teilungs- und Bewertungs­ansatz zu finden.

3.     Kursfremde Teilnehmer sollten nur noch unter der Bedingung mitgenommen werden, daß sie sich, soweit noch aus dem Unterricht unbekannt, beiden (allen) begleitenden Lehrern vorstellen und ihren Teilnahmewunsch begründen, daß sie von Anfang an Aufgaben wie z.B. Protokollfüh­rung festgelegter Zeitabschnitte übernehmen und daß sie sich aktiv am Vorbereitungsseminar be­teiligen.

4.     Wenn es sich ermöglichen läßt, könnten Arbeitsgruppen einzelne Programmpunkte der Studien­fahrt selbständig vorbereiten und an Ort und Stelle betreuen und leiten.

5.     Soweit ein kompetenter Reisebegleiter zur Verfügung steht, wie diesmal dankenswerterweise un­ser Freund Herr Prof. Dr. Antal, sollte eine Arbeitsform gefunden werden, bei der der Begleiter nicht als »ständiger Referent« sondern als Berater und Helfer des begleitenden Lehrers auftritt, der i.d.R. die Lernvoraussetzungen der Gruppe ad hoc besser einschätzen kann, als der fach­kompetente Referent, und der daher ggf. schneller Programmodifikationen vorschlagen wird, wenn die Lernsituation in der Gruppe problematisch erscheint.

6.     Fremdsprachige Referate und Erläuterungen, die eine »Simultanübersetzung« erfordern (oder besser: eine satzweise Übersetzung des Vortrages), sollte im Gelände 15 Minuten, im geschlos­senen Vor­tragssaal eine halbe Stunde nicht überschreiten. Im Gelände sind ohnehin dialogische Vermittlungs­formen unter der Leitung des Lehrers, der ggf. auf Vorkenntnisse und Unterrichts­zusammenhänge zu­rückgreifen kann, sinnvoller als fachliche Vorträge. Sind umfangreichere Themenbereiche zu erörtern, sollte Vorträge durch Diskussionsphasen oder Pausen geteilt, im Gelände die Standorte entsprechend dem tatsächlich zu sehenden Gegenstand gewechselt wer­den.

7.     Bei der Bestellung der Unterkünfte sollte dafür Sorge getragen werden, daß, soweit möglich, je­den Morgen und jeden Abend ein abgetrennter Raum für eine inhaltliche und organisatorische Bespre­chung bzw. für eine »Tageskritik« zur Verfügung steht. Das Programm muß dann auch so gestaltet sein, daß dafür jeweils ca. eine halbe Stunde zur Verfügung steht und als verbindli­cher Termin entwe­der für die ganze Gruppe, wobei Gruppenergebnisse ausgetauscht werden können, oder, was wohl der Regelfall sein wird, für die gegebenenfalls vorhandenen beiden Teil­gruppen. Diese Besprechungen sollten in Notizen festgehalten bzw. protokolliert werden.

Abschließend sollen aber doch noch die positiven Erfahrungen festgehalten werden, die ebenfalls während der Studienfahrt gemacht werden konnten, auch um nicht durch eine am Ende stehende Kritik den falschen Eindruck zu vermitteln, daß Studienfahrten sinnlos seien oder gemessen an den Anstrengungen für die Begleiter und den Aufwand für die Schule nur geringen schulischen und päd­agogischen Nutzen einbringen würden: das Gegenteil ist der Fall.

Ich bin mir sicher, daß trotz der kritischen Einschränkungen für die Mehrzahl der Teilnehmer und Teilneh­merinnen die Studienfahrtteilnahme ein wichtigeres schulisches Ergebnis gebracht hat als ir­gend eine andere Woche Schulunterrichts oder auch irgendwelcher anderer Unterrichtseinheiten. Auch wenn der Erfolg vielleicht für die einzelnen selbst nicht unmittelbar erkennbar ist (vielleicht irre ich mich aber sogar hier, was mich nur freuen würde), werden die Erfahrungen und Eindrücke, aber auch die vielen Erklärungen und angebotenen Urteilsperspektiven in späteren inhaltlichen Zusammen­hängen wieder aufscheinen und orientierend und hilfreich sein (vielleicht, hoffentlich schon in den bevorstehenden Abiturprüfungssituatio­nen, die jede Menge inhaltlicher Kreativität erfordern werden).

Auf der anderen Seite sollte hier bezogen auf die konkrete Ungarn-Studienfahrt, wie wir sie jetzt hin­ter uns haben, daß selten eine Studienfahrt von einer solchen inhaltlichen Konsistenz, Logik und Fülle durchgeführt werden konnte, wie gerade diese; und dies ist das Verdienst von Prof. Dr. Zoltán Antal, dem hier noch einmal ausdrücklich gedankt sein soll. Das Exkursionsziel Ungarn bestätigte die im Vorher gemachten Erwartungen vollauf, ein »gesellschaftliches, ökonomisches und politisches Expe­riment der Zeitgeschich­te« vor Augen zu führen, durch das die europäischen Transformations- und Zukunftsprobleme idealtypisch und in nuce veranschaulicht werden können; ein Reiseziel, das dar­über hinaus so vieles an Individualität und menschlicher Aufgeschlossenheit dem Gast gegenüber zeigt, daß eigene gesellschaftliche und zivilisa­torische Phantasie und Aufgeschlossenheit unmittelbar angesprochen und angeregt sein kann: ein ideales Ziel für Studienfahrten also. Über die langfristig-vergleichenden Eindrücke, die nicht nur auf dieser Fahrt sondern in einer über Jahrzehnte hingehen­den Folge von Besuchen in Ungarn gewonnen werden können und die die Veränderungen in Ungarn betonen, aber auch Kontinuitäten erweisen können, sollte an anderer Stelle noch mehr ausgesagt wer­den.

 

II. Themen der Studienfahrtvorbereitung

Krieger, Fürsten und Magnaten – Die Ungarische Gesellschaft im Mittelalter

Einleitung

Die tausendjährige Geschichte des in ganz Europa verschlagenen ungarischen Volkes spielte sich vorwiegend im Donaubecken ab. Fürst Árpád der Landnehmer wählte die wasserreiche Cspel-Insel zu seinem Fürstsitz aus, auch die späteren ungarischen Könige bestimmten zuerst die am Fluß liegen­de Höhen, später auch Bud zu ihrer Residenzstadt.

Das ungarische Volk gelang in ihre spätere Heimat nicht als herumziehende, sondern als von den Nomadenvölkern gejagte und vertriebene Gruppe. Es wollte die Donaulandschaft nicht allein bevöl­kern und auch nicht für sich einnehmen.

Fürst Geza und Stephan bauten dieses Land auf und schätzten es vor allen Gefahren.

Die Donau bedeutete für die Ungarn nicht nur ein Wasserweg, sondern auch ein Weg auf dem Men­schen und Ideen »befördert« wurden, es wurde zum Symbol eines Bindegliedes zwischen Ost und West, zwischen den Donauvölkern und den Donauländern. Der Begriff eines wichtigen Transportwe­ges wurde auch ein Symbol der Zusammengehörigkeit der Donauvölker.

Der erste Teil des Referates beschäftigt sich mit der Periode von der Landnahme über die Chri­stiani­sierung bis hin zur Reichsgründung, während der zweite Teil sich mit der Problematik der damaligen Gesellschaft befaßt.

Landnahme: Gesellschaftsordnung zur Zeit der Landnahme

1. Familien und Dorfgemeinschaft

Will man die Struktur der damaligen magyarischen Gesellschaft untersuchen, so muß die Gräber­fel­der der damaligen Zeit genau betrachten. Als erster versuchte Laszlo Gyula Mitte des Jahrhun­derts aus der Gräberordnung auf den Aufbau der Gesellschaft zu schließen. Da ausreichende anthropologi­sche Untersuchungen nicht vorhanden waren, versuchte man anhand der Gräber die innere Struktur der Gruppe, Geschlechter der Skelette, sowie die Stellung der einzelnen herauszu­finden.

Dabei ergab sich ein sehr interessantes Bild. In der Mitte des Feldes lag stets der Mann mit dem höch­sten Rang, links wurden nur Männer, rechts nur Frauen begraben. Laszlo Gyula erkannte, daß es sich bei einigen der Gräber um Ordnung nach der Blutsverwandtschaft handelte. Bestattet wurden die An­gehörigen einer Gemeinschaft, der die Eltern, ihre verheirateten Kinder, sowie ihre Enkelkinder ange­hörten. Sie zählten zu einer gemeinschaftlich wirtschaftenden Gruppe und wur­den von dem ältestem Mann angeführt (patriarchalische Großfamilie) .

Durch die ersten Erfolge angeregt strebte Mann die Freilegung aller Gräber an, um die Gesetz­mäßig­keiten der Gruppe genaustens erforschen zu können. Die wichtigste Entdeckung schreibt man Béla Szöke zu, der die früheren Hypothesen widerlegte und beweisen konnte, daß die meisten der Gräber­stätten kontinuierlich (d.h. ab des 10. Jhs, darauf weisen die Münzenfunde in diesen Grabstätten) be­nutzt wurden und zwar auch von niederen Schichten. Die Funde selbst waren zwar bescheiden aber typisch für den heidnisch-magyarischen Brauchtum. Quellen aus der frühen Arpadenzeit bezeugen, daß zumindest die niedrigen Schichten (11. Jh.) in keinen Blutsgemein­schaften lebten. Man erwähnt Familien unterschiedlichen Ranges und Standes, jedoch sind keine verwandtschaftlichen Beziehungen nachweisbar.

Der Führer »Dorfvorsteher« (Vilicius) leitete zusammen mit den Ältesten, »Senioren« die Dorf­ge­meinschaft. Trotz der unvollständigen Funde (kleinere Gruppen, Unterbrechung der Reihen, kleinere Einheiten abgesondert) wurden gesellschaftliche. und Vermögensunterschiede deutlich.

Die jüngsten Analysen beweisen, daß Familien ohne verwandtschaftlicher Beziehungen in einer Siedlung lebten. Die Eigentumsverhältnisse, die sich bei den Magyaren vor der Zeit der Land­nahme herausgebildet hatten, zerstörten die Blutsbindung, die früher für den Zusammenhalt sorg­te.

Die Großfamilien zerfielen in viele Familiengemeinschaften, die durch die gleichen wirtschaftlichen und territorialen Interessen zusammengehalten wurden. Die neuesten Funde beweisen, daß die Grundzelle der ungarischen Gesellschaft zur Zeit der Landnahme unserer heutigen Familie glich. Einer solche Familie gehörten die Eltern, sowie die unverheirateten Kinder an. An der Spitze stand der Vater als Familienoberhaupt, der auch der Besitzer des Familienvermögens war, und somit unbe­grenzte Macht besaß. Das Familienoberhaupt konnte sein Hab und Gut unter die Söhne verteilen und schaffte dadurch wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die magyarischen Ortsnamen beweisen, daß sich die Söhne zuerst in geringer Entfernung von ihrem Vater niederließen. Nach­dem das Fürstenge­schlecht die Macht vergrößert konnte, gründete es »Niederlassungen« in ent­fernteren Gebieten. Die Gräberfunde beweisen außerdem, daß sich die Zahl der Familienmitglieder mit wachsender Macht verringerte. Die unter sich lebenden Kleinfamilien gehörten den wohlha­benden Schichte an. Auf diese Weise konnte eine Kleinfamilie ein riesiges Gebiet unter Aufsicht halten.

Die Regel war es anscheinend, daß ein Mann mehre Frauen haben konnte, was allerdings wegen des hohen Preises (je nach dem Wert der Arbeitskraft) nur den wohlhabenden Fürsten vorgehalten war. Der Perser Garadizi berichtet sehr ausführlich über die Heiratsbräuche der Magyaren. Die Schwie­gerväter setzten, entsprechend der wirtschaftlichen Lage, die Mitgift, wobei viele Frauen Ansehen und Reichtum bedeuteten. So konnte man durch die Heirat mit angesehenen Familien in wirtschaftl. Beziehungen treten. Die Übergabe einer Tochter bedeutete einen Friedenspfand und Festigung des Bündnisses oder Versprechen Feinschaft einzustellen. In den Ruhestätten wurde nur die »Hauptfrau« begraben, während die Nebenfrauen allein begraben wurden. Die abgesonderten Gräber der Männer deuten hingegen auf die Lebensform (furchteinflößender Gebieter) .

Die mittleren Schichten konnten ihre wirtschaftliche Bedeutung durch die traditionelle Familienor­ga­nisation bewahren, wodurch sie sich von den Reichen unterschieden. Diese Familienorganisatio­nen schufen sich durch die Zusammengehörigkeit großes Ansehen.

Die unteren Schichten konnten sich wegen bescheidener Mittel nicht in die Familieneinheiten zusam­menschließen. Sie schlossen sich zu größeren Gruppen zusammen (Halimba, Magyaragho­morog, Ar­tand) . Zwar spielte bei diesen Gemeinschaften die Verwandtschaft eine Rolle, doch war das ökono­mische Interesse wichtiger.

So war die Gesellschaft der Magyaren zur Zeit der Landnahme klar in getrennte Gruppen geglie­dert:

- erstens die führenden Familien vornehmender Herkunft (großes Vermögen),

  zweitens die im Dienst stehende Mittelschicht (mehr oder weniger reich),

- drittens das abgesonderte, unter sich lebende, gemeine Volk (kaum persönliches Eigentum) und

- viertens die Knechte, die sich im Besitz der Vornehmenden befanden.

Die Schichten waren durch ein System von Rechten und Pflichten miteinander verbunden. Da sich die Familien zu großen Ketten schlossen, waren sie zur Bewältigung großer Aufgaben fähig.

2. Sippe, Stamm und Land

Der Aufstieg der Aristokratie begann schon relativ früh. Gleichzeitig wurde die Verpflichtung der un­teren Schichten zu Dienstleistungen verstärkt. Das Streben der Aristokratie nach Festigung der Macht beschleunigte die Auflösung, der auf Verwandtschaft beruhenden Gemeinschaften. Der freiwillige Zusammenhalt aufgrund der gleichen Abstammung wurde durch eine territoriale Orga­nisation ersetzt. Zu den wichtigsten Faktoren bei der Auflösung der Sippengemeinschaft zählen: Vermögensungleich­heit, Niederlassung in der neuen Heimat. Für die Schaffung neuer Organisa­tion in einer vielschichti­gen Gesellschaft mit gegensätzlichen Interessen brauchte man tatkräftige Leute (Führungspersönlichkeiten) . Hatte ein Gebiet einen Führer, der das Gebiet schützte, für das Aufblü­hen der Wirtschaft sorgte, so bekam er großen Zuzug (auch fremder Volksgruppen) . Ne­ben den Verwandten und engen Freunden wurden die Bewaffneten Vertreter der fremden Stäm­me zur Hauptstütze der Oberhäupter. Sie traten ihren Dienst freiwillig an und schworen ein Eid.

Bei der Suche nach Siedlungsgebieten wählte man eine Erderhöhung für die Lage des Stammes­ober­hauptes (auch röm. Bauten oder selbstgebaute Festungen) . Die Waffenknechte, die kämpfen­den Ge­folgsleute sicherten dem Stammesoberhaupt (Bö) Macht über das Dienervolk, das von der Aristokra­tie bewohnte Land beherrschte. Die spätere Umwandlung der Stammesnamen in Orts­namen verrät auch, daß die Stammesoberhäupter auch für den feudalen Besitz verantworlich waren. Die Stämme selbst müssen über eine feste Organisation verfügt haben, auch über ein Herr­schaftsgebiet. Es wird gesprochen von »Hetmagyar« – Siebenmagyaren, Bezeichnung für das aus sieben Stämmen beste­hende Volk, sowie »Hetur« – die sieben Herren, die Häupter dieser Stämme.

Der Zusammenhalt lag in der Hand zweier Fürsten, Hauptfürst Kende, oder Kündü, und des zweiten Fürsten Gyula. Der Hauptfürst besaß die religiöse Furcht, während der zweite Fürst für den größten Teil der Regierungssorgen und das Heer verantwortlich war. Sorgfältige Quellenana­lyse läßt die Be­hauptung zu, daß diese Hierarchie die Zeit der Landnahme überstand.

Nachdem die fürstliche Macht in eine Hand zusammengelegt wurde, übernahm ein Stammesober­haupt die Würde des Gyula. Im 10 Jh. kam noch die Würde des Karcha, des Richters dazu, die eben­falls von einem Stammesoberhaupt besetzt wurde. Die hohen Ämter wurden von den Vätern auf die Söhne übertragen und festigten dadurch das hohe Ansehen der Stämme. Trotz der selb­ständigen Be­ziehungen und Unternehmungen der Stämme wurden zum Ende des Jahrhunderts Voraussetzungen für eine Staatsgründung geschaffen.

Entstehung des ungarischen feudalen Staates

Die ungarische Landnahme und die Entwicklung des böhmischen, polnischen und russischen Staates ließen den Kriegern keine Möglichkeit zum Sklavenraub. Die Einführung der feudalen Struktur be­schleunigte auch die Umwandlung der ungar. Gesellschaft. Zu Bewachung, der zum Dienen gezwun­genen örtlichen Bevölkerung, wurden die Soldaten aus der militärischen Ober­schicht angesiedelt. De­ren Namen sollten an die verschiedenen entstandenen Gebiete in Ungarn erinnern (Nyek, Megyer, Kürt-Gyarmat, Tarjan, Jenö, Ker und Keszi). Wahrscheinlich begann man schon damals mit der Ein­richtung der fürstlichen Bürgen. Die vom Großfürst Toksany (955-972) begonnenen und vom Groß­fürst Géza (972-997) mit kluger Diplomatie fortgesetzten Bemü­hungen um die Bildung eines einheit­lichen Systems sollten 973 durch die Einladung vom Kaiser Otto zum Landseid, erste Früchte tragen.

Die Missionare, um deren Entsendung man bat, sollten die fürstliche Streitmacht so umfunktionie­ren, daß sie auch den Widerstand im Land selbst bekämpfen konnte. Géza hielt für wichtig die Eigenstän­digkeit der Stämme zu brechen, womit die Stammesfürsten und Sippenvorsteher die militärische Basis ihrer Macht verlieren sollten. Da er sich nicht stark genug fühlte gegen die fürstliche Macht zu kämp­fen, suchte er erstmal Verständigung.

Vajk, Gezas Sohn wurde auf den Namen Stephan getauft und genoß bereits christliche Erziehung. Nachdem er das Erbe seines Vaters antrat, schuf er den politischen und gesellschaftlichen Rahmen für die Umwandlung und Bildung eines organisierten ungarischen Staates.

Die Sippenvorsteher mußten ihre Burgen, sowie 60% des Bodens an die Sippenangehörigen abge­ben. Aus den Besitzern des restlichen Bodens entwickelte sich die Oberschichten der Spitze standen die Krieger, die das Heer der Fürsten bildeten. Die um neue Ländereien bereicherten Besitztümer waren unabhängige wirtschaftliche Einheiten. Damit hörten die Blutsverwandtschaften auf die Basis der ge­sellschaftlichen Beziehungen zu bilden. Alle wurden Untertanen des Monar­chen, das Land wurde nach dem Regionalprinzip organisiert.

Mit dem politischen und gesellschaftlichen Wandel ging eine Änderung der Weltanschauung ein­her. Die, durch Stephan uns Land gebrachten, Missionare ließen, auch mit Gewalt, wenn es nötig war, die gesamte Bevölkerung zum Christentum bekehren. Zwischen den Gläubigen gab es keine unterschiede bezüglich der Abstammung, an der Spitze der Ansprüche stand die Funktionalität. Die Kirche konnte die Auflösung der Stämme und Sippen durch Beziehungen neuer Art ersetzen.

Auf die Anordnung Stephans sollten je zehn Dörfer eine Kirche, bekommen, die auch einen Geistli­chen unterhalten sollten. Zwei Bistümer (von Gran und Kalocsa) wurden zu Erzbistümern. Die Chri­stianisierung wurde durch italienische, böhmische und deutsche Mönche verbreitet. In den Klöstern, an deren Spitze die Benediktiner standen, entwickelte sich eine lateinische lokale Schrift­kultur. Die geistlichen Mönche formulierten nicht nur kirchliche, sondern auch politische und juristische Texte und Urkunden.

Natürlich gab es auch eine Opposition gegen die Christianisierung. Bei den Fürsten Kopany und Gyula mußte sie auf dem militärischen Wege durchgeführt werden. Als Anerkennung des großen Werks schickte der Papst im Jahr 1000 eine Königskrone mit welcher Stephan zur Weihnachten ge­krönt wurde. Aufgrund der Verfolgung der Verwandten von Stephan mußte er einen Sohn sei­ner Schwester zum rechtmäßigen Thronfolger ernennen.

Untertanen und königliches Dienstvolk

Die ungarischen Stammes- und Großfürsten verfügten über großen Reichtum. Davon veranstalte­ten sie Festmähler, belohnten die wirtschaftlichen und militärischen Vorsteher ihrer Gebiete, empfingen die Gesandten fremder Stämme würdig und erwiderten die erhaltenen Geschenke. Ein großes Ver­mögen verschlang der Unterhalt der mit kleineren oder größeren Dienstleistungen be­trauten Personen; beim Wohnsitz eines Großfürsten lebten Leibgarden, Torwachen, Türsteher, Dolmetscher, Boten, Spielleute, Schamanen, Quartiermeister, Schatzmeister sowie eine wahre Armee von Aufsichtsperso­nen über die Diener, Reitknechte, Köche, Mundschenke.

So eine prunkvolle Lebensweise war nur auf der oberen Bevölkerungsebene möglich. Die Ärme­ren waren den Reicheren gegenüber zu Dienstleistungen gezwungen. Als Gegenleistung für die ausgelie­henen Tiere und Geräte, oder für die genossene Versorgung arbeiteten die Armen für die Reichen (verarbeiteten gegen bestimmte Prozente die Rohprodukte, und verdingten dazu noch einige Kinder).

Der dauerhafte Wohlstand der Vornehmen konnte weder durch Streifzüge noch durch Steuern (von den Ureinwohnern) ermöglicht werden, er konnte nur durch regelmäßige Arbeit und Dienst­leistungen breiter Volksschichten gewährleistet werden.

Die Anordnung der Siedlungen zeugt davon, daß die Gesellschaft der Magyaren durch eine feste or­ganisatorische Kraft geleitet wurde, daß der Fürst und der Führer über ihr ganzes Volk frei verfügen konnten, und das zu ihrer Versorgung notwendige Gebiet bewußt und planmäßig unter sich aufteilten.

In den östlichen Völkern war es üblich, daß die Vornehmen ihre Wohnstätten ringartig um den Zelt­palast des Oberhauptes aufstellten; dieser Sitz im absolut zentralen Gebiet diente der absoluten Si­cherheit des Fürsten (das ist bei östlichen Völkern so Sitte, deswegen bezeichnete der Ausdruck »die Mitte des Landes«, den Sitz des Fürsten).

Der Fürst herrschte uneingeschränkt über den gesamten Stammesverband, und auch die Stammes- und Sippenoberhäupter behandelten ihre Untergebenen als Untertanen. Auf dem ihnen überlasse­nen Territorium konnten sie jeder Gemeinschaft einen bestimmten Wohnsitz zuweise Sie behielten den besten Boden und die am günstigsten – an Knotenpunkten von Wasser- und Festlandstraßen – gele­genen geschätzten Orte für ihre eigenen Wohnsitze.

Das ständige Einkommen des Gebietsherren beschränkte sich nicht nur auf den Ertrag aus den von Knechten betriebenen Wirtschaften, auf die Produkte der Handwerker, welche sich um seine Burg angesiedelt hatten, die Zölle von den Kaufleuten, die Einnahmen aus den Anlageplätzen und die Ge­bühren für die auf der Basis des Gewohnheitsrechtes gebildete Rechtsprechung.

Alle Gemeinschaften des unter seiner Aufsicht stehenden Territoriums waren verpflichtet, ihm, Ab­gaben zu leisten. Außerdem siedelten die Mächtigen ständiges Dienstvolk bei ihrem Hofe an, damit es ihnen und ihrem Geleit an nichts fehlte. Ortsnamen beweisen das die zu Dienstleistungen verpflichte­ten Dörfer den Namen der Berufsart trugen (vergleichbar Mittelalter-Zunftnamen) . Es wird auch vermutet, daß die mächtigen Stammes- und Sittenoberhäupter bei der Ansiedlung des Dienstvolkes bemüht waren eine Ordnung nach Berufen einzuführen.

Aus den Ortsnamen, die auf die Namen vornehmer Geschlechter zurückgehen kann man schlie­ßen, daß die reichen Sippenoberhäupter über mehrere Höfe verfügten. Dort sammelten die Ge­bietsherren die Produkte der Untergebenen ein. Von Zeit zu Zeit besuchten sie diese Orte. Einer­seits wegen der Unterhaltung, jagen, fischen und Festmähler veranstalten, andererseits aus prakti­schen Gründen: Zog der Herr mit seinem Gefolge ein, demonstrierte er Macht, konnte er die Leute auf ihren Gütern überwachen und mit seinem Gefolge die Lebensmittel aufbrauchen. Der König überließ der Sippe im allgemeinen ein Drittel seiner Felder zwei Drittel beschlagnahmte er für sich. Die Hälfte der Bewoh­ner machte er zum Burggesinde die andere Hälfte wurde als Hofgesinde an andere Höfe geschickt.

In die Burg des Sippenoberhauptes, setzte der König seinen eigenen Bevollmächtigten ein dessen Macht sich auch über die Gutsherren der Umgebung erstreckte. An die Spitze seiner Privatgüter stell­te er einen Hofaufseher, dessen Tätigkeit ließ er aber durch einen Würdenträger, den Ober­stallmeister und den Schatzmeister überwachen.

Die ungarische Kultur im Mittelalter

Mit der ungarischen Landnahme im Karpatenbecken wurde die Völkerwanderung in diesem Raum abgeschlossen, und dem gefestigten staatlichen Rahmen blühte eine materielle und geistige Kultur auf. Die königlichen Hofdomänen, Gaspanschaftsburgen, Bischofsitze und Benediktinerklöster bildeten die ersten Zentren der christlichen Kultur. Die materiellen und geistigen Güter Europas strömten schon verhältnismäßig früh nach Ungarn, so daß sie das heidnische Kulturerbe fast völlig verschütte­ten. Im frühen Mittelalter ist die bildende Kunst verknüpft mit der Vergangenheit. So wurden bei Holz­schnitzereien, Gold- und Steimetzarbeiten sowie auf Textilien immer noch das alte Ornament der Landnahmezeit die Palmette aufgetragen.

Die christliche Kultur wurde anfangs durch böhmische und deutsche Geistliche, Mönche und Ritter übermittelt, doch Literatur und Kunst entwickelten sich hauptsächlich nach italienischen und französi­schen Mustern (lombardische Einflüsse wirkten auf die älteste ungarische Baumeisterschu­le); unter französischem Einfluß standen im 11. Jahrhundert die Pecser, und im 12. Jahrhundert die Esztergo­mer Schule) .

Alle drei sorgten für eine Anpassung ausländischer Muster an den einheimischen Geschmack. Der Stil war zwar international doch die Details spiegelten die ungarische Wirklichkeit so z. B. die typische Tracht eines Hirten des 12. Jahrh. auf einem Altar in Pecs. Die Literatur bestand aus überwiegend kirchlichen Werken: Ritual- und Stiftjahrbüchern und Legen­den der Heiligen, von den einzigen Schreibkundigen wurden aber auch weltliche Inhalte thematisiert unter anderem Chroniken, Gesetz­bücher. Die großen Klöster waren für das gesamte Urkundenwesen zuständig, sie alleine waren be­voll­mäch­tigt, authentische Urkunden mit öffentlicher Beweiskraft auszustellen.

Kultur war nun kein Privileg der Kirche mehr, weltliche Elemente wuchsen in dem Maße an, wie die weltliche Aristokratie anwuchs. Die kirchliche Intelligenz übermittelte ihren weltlichen Ange­hörigen in Ungarn die Ritterkultur, deren materielle Ausrüstung den Vornehmen bereits bekannt war. Die Rit­terkultur wurde von vielen als wichtigstes Ergebnis der Landnahmezeit angesehen, da damit ein Erbe des Heidenkönigs Attila zurückerobert wurde. Die Ritterkultur verbreitete sich in Ungarn namhafte westliche Repräsentanten weilten in Ungarn (Minnesänger Tannhäuser, und Vidal der bekannte Troubadour am Hofe von Andreas dem 2). Mit Beginn des 13. Jahrh. fand wieder ein entscheidender Wandel, statt, auf eine weltliche Epoche folgte wieder eine religiöse, deren Repräsentanten die Do­minikanermönche waren.

Peter Hanak: Die ungarische Geschichte, Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

István Dienes: Die Ungarn um die Zeit der Landnahme. Budapest 1972 (Corvina Kiado).

Theodor Schieder: Handbuch der europäischen Geschichte. Stuttgart 1987 (Ernst Klett Ver­lag).

Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn

 

Die Siebenbürger Freiheitskämpfer

(Magnaten und Fürsten im Kampf gegen die Türken und gegen Habsburg;

Gabriel Bethlen, Georg I. Rákóczi, Franz II. Rákóczi, Kurutzenaufstände)

Vorgeschichte

Anfang des 16.Jahrunderts. hatten sich die Kräfteverhältnisse in Europa verschoben. Die Region um die Adria herum verlor an Bedeutung, statt dessen wurde das britische Königreich zum wirtschaftli­chen Zentrum. Dort begann allmählich die Lohnarbeit die Leibeigenschaft abzulösen. Durch die Ausbildung des Protestantismus begann das Bürgertum eine viel bedeutungsvollere Rolle zu spielen, welches im Feudalismus schwer zu kämpfen hatte. Durch Entdeckungen und Eroberungen überseei­scher Gebiete erlebte das eigentlich eher rohstoffarme Europa, einen ungeheuren Überfluß.

Ungarns Spaltung in drei Teile

Als die »ewige Hörigkeit« der Bauern in das Tripartitum (Grundlage des ungarischen Staats- und Rechtsdenkens) aufgenommen wurde, wurde die ungarische Gesellschaft in eine alles Recht besit­zende »politische Nation« und ein völlig rechtloses Volk gespalten.

Dies geschah allerdings in dem Augenblick, als sich Sultan Suleiman II. versuchte, die volle Kraft sei­nes mächtigen Reiches gegen Ungarn einzusetzen. Ungarn konnte sich nicht gegen die Türken weh­ren, da ihnen das Türkenreich militärisch und wirtschaftlich überlegen war. Ungarn hätte nur mit ausländischer Hilfe den türkischen Angriffen Widerstand leisten können.

Der junge König Ludwig II. trat am 29.August 1526 mit kaum 25.000 Mann bei Mohács der etwa fünffachen Übermacht des Sultans entgegen. Die Katastrophe von Mohács bedeutete einen Wende­punkt der ost- und mitteleuropäischen Geschichte. Ungarn wurde als selbständige politische Macht, die fast 150 Jahre hindurch die Hauptlast des Abwehrkampfes gegen den Islam getragen hatte, und die türkische Herrschaft auf dem Balkan immer gefährdete, endgültig ausgeschaltet. Für die islami­sche Großmacht öffnete sich damit der Weg in das Herz Europas. Das siegreiche türkische Heer plünderte die Hauptstadt, verwüstete 12 Komitate im Herzen des Landes und zog angeblich mit 150.000 Gefangenen aus Ungarn vorerst zurück.

Die innere und äußere Lage des Landes hatte sich völlig verändert. Bei der Wahl des neuen Königs, der dem 1526 bei Mohács gefallenen kinderlosen Ludwig II. auf dem Thron folgen sollte, fiel vor al­lem die Überlegung ins Gewicht, welche ausländischen Verbindungen der Kandidat gegen die Türken zu mobilisieren imstande war. Der Kandidat des Adels war Johann Szapolyai Woiwode Siebenbür­gens, Schwager des Königs Sigismunds I. von Polen, das damals auf dem Gipfel seiner Macht stand. Er wurde vom Landtag unter dem Namen Johann I. zum König gewählt. Eine kleine Gruppe von Ba­ronen mit dem Olatin István Báthori an der Spitze stellte in der Person des österreichischen Erzher­zogs Ferdinand von Habsburg, der auch zum König von Böhmen gewählt worden war, einen Gegen­könig auf. Durch seine Person durfte man hoffen, daß sein Bruder, der mächtige Kaiser Karl V., mit der Macht des deutschen Reiches Ungarn Hilfe gegen die Türken leisten würde.

Szapolyai bot an, Maria, die Witwe Ludwigs II. und Schwester Ferdinands von Habsburg, zu heiraten und sich mit dem Hause Habsburg zu verbünden. Sein Vorschlag wurde zurückgewiesen. Karl V. gab Ferdinand I. Unterstützung, aber nicht gegen die Türken, sondern gegen Szapolyai, der aus Un­garn nach Polen flüchten mußte, wo er sich, mit der Hilfe polnischer und französischer Diplomaten, Unterstützung von Suleiman II. (1520-1566) versicherte. Der Sultan stellte 1529 mit der Hilfe türki­scher Waffen Szapolyais Herschafft wieder her. Als Frater Georg, Erzbischof von Észtergom (Gran) das Unvermögen Ferdinands gegenüber den Türken sah, begann er in dem von ihm verwalteten Ost­ungarn, dessen Kerngebiet Siebenbürgen werden sollte, einen selbständigen Staatsapparat aufzu­bauen.

Szapolyai starb 1540. Ferdinand ließ Buda (Ofen) belagern, doch Georg Martinuzzi (Frater Georg), Vormund des noch im Säuglingsalter befindlichen Johann Sigismund, Sohn des Johann Szapolyai, wollte Buda (Ofen) um jeden Preis verteidigen und rief Sultan Suleiman II. zu Hilfe. Der Sultan ver­trieb 1541 die deutschen Belagerer und besetzte Buda, das er aber für sich behielt. Johann Sigis­mund, den er für »seinen Sohn« erklärte, schickte er mit der Mutter, der polnischen Prinzessin Isabel­le, nach Siebenbürgen.

Das von den Türken besetzte Gebiet zwischen Pécs, Észtergom und Szeged war wie ein Keil zwi­schen dem von den Habsburgern beherrschten westlichen und den von Szapolyai regierten östlichen Teile Ungarns.

Ungarn wurde damit in drei Teile gespalten. Martinuzzi, der den östlichen Teil des Königreiches ver­waltete, hielt die Wiedervereinigung Ungarns nur unter den Habsburgern für möglich, doch dazu war eine erhebliche militärische Macht erforderlich, um den zu erwartenden türkischen Widerstand zer­schlagen zu können. Martinuzzi verlangte Verstärkung und führte, um Zeit zu gewinnen, auch Ver­handlungen mit den Türken. General Castaldo, der Verrat witterte, ließ Martinuzzi ermorden, konnte die Rache der Türken jedoch nicht abwehren. 1552 fiel eine ganze Reihe wichtiger ungarischer Grenzfesten in die Hand der Türken: Temesvár, Szolnok und Drégely.

Das östliche Königreich wurde 1556 unter der Herrschaft von Johann Sigismund und unter dem Pro­tektorat des Sultans wiederhergestellt. Zehn Jahre währten die Kämpfe an der Theiß um die Festle­gung der Grenzen zwischen den beiden ungarischen Staaten. Dem Bruderzwist wollte István Báthori, Hauptmann von Großwardein, mit einer Vereinbarung ein Ende bereiten, die zwar die Spaltung defi­nitiv gemacht, aber das von Kriegen heimgesuchte Land zu einer Atempause hätte kommen lassen. Während er in Wien die Verhandlungen führte, griff 1566 Suleiman II. ein, und unter seiner persönli­chen Führung brach ein türkisches Heer gegen Wien auf. Seinem Schützling Johann Sigismund ver­sprach der Sultan, sein Land zu verdreifachen, in Wirklichkeit jedoch eroberte er für sich selbst weite­re ungarische Gebiete, u.a. die Burg Gyula, die noch in der Hand der Habsburger gewesen war.

Wien konnte er aber auch diesmal nicht erreichen, weil er durch den Widerstand der Festung Sziget­vár aufgehalten wurde. Die Belagerung Szigetvárs dauerte lange, inzwischen starb der alte Sultan. Burghauptmann Miklós (Nikolaus) Zrínyi entschloß sich, an der Spitze seiner ungarischen und kroati­schen Soldaten einen Ausfall aus der zerschossenen und in Brand gesteckten Burg zu unternehmen. Dabei fand er mit der gesamten Besatzung den Heldentod. Ferdinands Nachfolger, Kaiser und König Maximilian II. (1564-15?6), wartete während der ganzen Zeit mit einem großen Söldnerheer bei Györ (Raab) und war, trotz Zrínyis wiederholten verzweifelten Aufforderungen, nicht gewillt, sein für die Verteidigung Wiens angeworbenes Heer aufs Spiel zu setzen. Da wurde endgültig klar, daß die Habs­burger den ihnen unterworfenen westlichen Teilen Ungarns lediglich die Rolle eines Aufmarschgebie­tes bei der Verteidigung ihrer österreichischen Erblande zugedacht hatten und diese zum ständigen Kriegsschauplatz zu machen beabsichtigten ohne vorläufig an die Vertreibung der Türken zu denken. Der Heldenmut Zrínyis und seiner Mitkämpfer allein genügte jedoch, um den weiteren Vorstoß der Türken zu stoppen. Der durch die Belagerung Szigetvárs verursachte Zeitverlust und der Tod des Sul­tans zwangen das Türkenheer zur Heimkehr. Der neue Sultan Selim II. war außerstande, die Kraftanstrengungen seines Vaters fortzusetzen und schloß 1568 zu Adrianopel mit Maximilian einen Friedensvertrag, der Suleimans II. Eroberungen den Türken überließ. Die Frontlinien zwischen den beiden Großmächten wurden somit auf lange Zeit zementiert. Auf beiden Seiten wurde ein System von Grenzfesten ausgebaut, zwischen denen ein ständiger Kriegsschauplatz lag, auf dem zwar keine großen Schlachten mehr geschlagen wurden, aber tagtäglich größere oder kleinere Gefechte stattfan­den.

Die Rolle Siebenbürgens in der Zeit der türkischen Belagerung

Das im Osten des ungarischen Königreiches entstandene und dem Sultan tributpflichtige Fürstentum Transsilvanien umfaßte außer Siebenbürgen auch das sog. »Partium«, die östlichen, durch den mäch­tigen türkischen Keil vom königlichen Gebiet abgeschnittenen Teile Ungarns. Sein von Frater Georg geschaffener staatlicher Aufbau war im wesentlichen die Fortsetzung des alten ungarischen. Die Ver­treter der autonomen Gemeinschaften der Székler und Sachsen wählten den Fürsten, der vom Sultan bestätigt wurde. Wie einst König Mathias Corvinus (Mátyás I. von Hunyadi (1440-1490), Sohn Jo­hann Hunyadis, König von Ungarn 1458-1490), konnte aber ein fähiger Fürst unter dem Schein der Ständeverfassung seinen Willen immer durchsetzen. In der Tat sicherte eben die fürstlich Macht den Fortbestand des Kleinstaates, der weder ethnisch noch konfessionell eine organische Einheit bildete. Während die Oberschicht dem ungarischen Adel gleichgestellt wurde, büßte die Masse der Gemein­székler ihre Vorrechte und Freiheit größtenteils ein und begann in die Hörigkeit abzusinken. Ihren Aufstand hat Fürst Johannes Sigismund, Sohn des Königs Johann Zápolyai, blutig niedergeschlagen, das Széklerland aber wurde für Jahrhunderte ein Herd von Unruhen.

Nach der Schätzung eines gut informierten Zeitgenossen, des Humanisten und späteren Erzbischofs von Esztergom (Gran), Anton Verancsics, hat die Zahl der Rumänen in Siebenbürgen um die Mitte des 16. Jahrhunderts, die der Ungarn, Székler oder Sachsen erreicht. Ihre Grenzwächterbezirke ent­wickelten sich zu regelrechten autonomen Komitaten mit überwiegend rumänischem Adel. Die nied­rigere Kulturstufe der Berghirten, der Mangel an Nationalbewußtsein und eigener kirchlicher Hierar­chie haben sie jedoch gehindert, die ihnen zugesicherten Ansätze einer Autonomie zu einer umfas­senden politischen Organisation zu entfalten.

Zu der ethnischen Mannigfaltigkeit trat seit der Reformation die religiöse. Der erste Fürst, Johannes Sigismund, wechselte viermal seinen Glauben, und der Kampf um die Seelen führte zu einer mehr oder weniger friedlichen Koexistenz der Konfessionen. Die gegenseitige Toleranz bedeutete zwar keine Religionsfreiheit im modernen Sinne, war aber im damaligen Europa ohnegleichen. In der Außenpolitik des Fürstentums Siebenbürgen spielte im 16. Jahrhundert die Wiedervereinigung mit dem königlichen Ungarn eine entscheidende Rolle. Bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts schien die Vertreibung der Türken im Bereich des Möglichen zu liegen, wenn sich die beiden ungarischen Staaten gegen den »Erzfeind« vereinten. Der Erfolg eines solchen kühnen Unterfangens hing einer­seits von der durch die Habsburger mobilisierten ausländischen Hilfe, anderseits von der Stabilisie­rung des östlichen ungarischen Staates ab. Johann Sigismund schloß 1570 zu Speyer mit den Habs­burgern einen Vertrag ab, in dem er auf die ungarische Krone verzichtete und sich fortan mit dem Ti­tel eine Fürsten von Siebenbürgen und den Teilen Ungarns östlich der Theiß begnügte. Sein Nachfol­ger Stephan Báthori (1571-1586) verteidigte erfolgreich sein Fürstentum gegen die Angriffe der Habsburger und gewann gegen Maximilian II. 1576 sogar den Wettstreit um den vakanten polnischen Königsthron. Siebenbürgen regierte er jedoch nach wie vor durch seine zum Woiwoden ernannten äl­teren Bruder Kristóf (Christoph), so daß praktisch eine Union zwischen Siebenbürgen und Polen ent­stand, deren Vorteile vorläufig die Polen genossen, weil König Stephan seine siegreichen Feldzüge gegen den Zaren Iwan den Schrecklichen vor allem mit siebenbürgischen, hauptsächlich szeklerischen Söldnern ausfocht.

Der Militärdienst war damals die einzige Möglichkeit für die Gemeinen der Szekler, die Johann Si­gismund 1562 zu Leibeigenen degradiert hatte, wieder aufzusteigen. Stephan Báthoris Militärpolitik führte nicht nur zu einer Befreiung der militärischen Leibeigenen, sondern legte auch die Grundlagen zu einer siebenbürgischen Armee, die sich später erfolgreich gegen die Türken behaupten konnte.

Nach einer langen Friedensperiode flammten die Kämpfe zwischen den Habsburgern und den Türken wieder auf. Das aus deutschen und ungarischen Söldnern bestehende Heer des Kaisers und Königs Rudolf I. errang 1593 zuerst bei Sissek (ung. Sziszek, heute sbkr Sisak) den Sieg über die Türken. Es bestand alle Hoffnung auf erfolgreiche Fortführung des Feldzuges. Sigismund Báthori, Fürst von Siebenbürgen, wurde von seinem Oheim und Berater István (Stephan) Bocskai, Hauptmann von Großwardein überredet, sich mit den Habsburgern zu verbinden, um zu vermeiden, daß Siebenbür­gen nach der Vertreibung der Türken zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen werden konnte. Mit der oppositionellen Türkenpartei wurde blutig abgerechnet, die gemeinen Szekler gewann Sigis­mund durch die Rückgabe ihrer Freiheiten und die Woiwoden der Walachei und der Moldau ver­pflichtete er sich durch Treueide. Nun konnte er als gleichrangiger Partner ein Bündnis mit Rodolf schließen.

Die durch die Walachei heranmarschierenden Türken wurden 1595 durch die für ihre Freiheit kämp­fenden Szekler sowie die rumänischen und serbischen Truppen des walachischen Woiwoden Michael unter Bocskais Führung bis zur Donau zurückgeworfen. Der Adel war aber nicht gewillt, sich mit dem Verlust der szeklerischen Leibeigenen abzufinden, und mit der stillschweigenden Zustimmung Sigismunds Báthoris wurde das Gemeinvolk der Szekler während des »Blutigen Faschings« 1596 wieder in die Leibeigenschaft zurückgeworfen. Seiner entschlossenen Soldaten beraubt, konnte Báthori dem Habsburgerheer nicht viel helfen, das bei Mezökeresztes von den Türken schwer ge­schlagen wurde.

Der Krieg zog sich in die Länge. Die Tataren verwüsteten grausam die Große Tiefebene, was die Heiducken (Freischärler) den Türken mit »Zinseszins« heimzahlten, indem sie ihnen den Nachschub abschnitten und ihre wichtigste Übergangsstelle, die Draubrücke bei Esseg (ung. Eszék, heute sbkr. Osijek), in Brand steckten. Allmählich erschöpften sich die Kräfte auf beiden Seiten, aber das Land ging währenddessen zugrunde und wurde entvölkert.

Sigismund Báthori gab jede Hoffnung auf und verzichtete 1598 zugunsten der Habsburger auf Sie­benbürgen. Dann aber überlegte er es sich anders und überließ seinem Vetter Kardinal Andreas den Thron. Im Namen der Habsburger, in Wirklichkeit aber selbst, eroberte der walachische Woiwode Michael 1599 mit Hilfe der rachsüchtigen Szekler Siebenbürgen, und András (Andreas) Báthori wurde nach der verlorenen Schlacht auf der Flucht in den Bergen von Szeklern getötet. Aber auch Woiwode Michael konnte sich des Sie es nicht lange erfreuen, weil der Adel Siebenbürgens den be­rühmten Habsburgergeneral Giorgio Basta ins Land holte, der ihn besiegte und 1601 den »tapferen« Woiwoden, der den Thron der Báthoris besteigen wollte, ermorden ließ.

Der Adel Siebenbürgens wollte aber auch von der Habsburgerherrschaft nichts wissen und suchte die Aussöhnung mit den Türken. Mózes Székely, der einstige heldenhafte Kämpfer gegen die Türken, versuchte mit türkischer Hilfe den Fürstentitel zu erwerben, dich 1603 verlor er die Schlacht bei Kronstadt (ung. Brassó, heute rum. Brasov), bei der auch er selbst gefallen ist. Seine Anhänger, unter ihnen auch der junge Gábor (Gabriel) Bethlen, flüchteten auf türkischen Boden. Basta nahm fürch­terliche Rache an de seiner Meinung nach verräterischen siebenbürgischen Bevölkerung. Seine Söld­ner plünderten und verwüsteten die Dörfer, so daß die Bevölkerung in die Berge floh, wo sie durch Hunger und Pest dezimiert wurde. Als Basta im Frühjahr 1604 Siebenbürgen verließ. ließ er Fried­hofsstille im Lande zurück. Der Freiheitskrieg Bocskais und der Heiducken Die im Krieg stark ver­schuldete Dynastie Habsburg strengte Erbschafts- und später sogar Hochverratsprozesse gegen die ungarischen Großgrundbesitzer an, um sich Geld zu verschaffen, und leitete auch in Ungarn, das bis­her von den Religionskriegen verschon geblieben war, eine gewaltsame Gegenreformation ein, um sich den geistigen Gehorsam des Landes mit protestantischer Mehrheit zu sichern. Den Adel, der ge­gen die Glaubensverfolgung protestierte, versuchte man dadurch zum Schweigen zu bringen, daß ein nachträglich gefälschter Artikel XXII den Gesetzen von 1604 hinzugefügt wurde, der die Diskussion von Religionsfragen im Landtag untersagte.

Nun wuchs die Unzufriedenheit in den niederen und höheren Schichten der Gesellschaft gleicherma­ßen an. Die von den Türken wie von den kaiserlichen Truppen geplünderten und geschundenen Bau­ern, die zur Ausrottung oder Leibeigenschaft verurteilten freien Heiducken, alle Schichten der prote­stantischen Bevölkerung: das gemeine Volk, Bürgertum und Adel, und die in ihrem Eigentum be­droh­ten Feudalherren, sie alle sahen in der Habsburger-Regierung ihren Hauptfeind.

Die Widerstandsbewegung brauchte nur noch einen geeigneten Führer. Diesen fand Gabriel Bethlen, der junge Anführer der auf türkischen Boden geflüchteten siebenbürgischen Emigration, in der Per­son von Stephan Bocskai, der schon bereute, daß er einst Siebenbürgens Schicksal an die Habsburger hatte knüpfen wollen. Nun war er bereit, mit türkischer Hilfe Fürst von Siebenbürgen zu werden.

Bocskai eroberte Siebenbürgen und das königliche Ungarn, auf Wunsch des ungarischen Adels schloß er jedoch, obwohl er vom Sultan eine Krone erhielt, einen Friedensvertrag mit den Habsbur­gern ab und begnügte sich mit dem Titel des Fürsten von Siebenbürgen. Ungefähr zehntausend Hei­ducken teilte Bocskai auf seinen Besitztümern Land zu (aus diesen Siedlungen entwickelten sich die späteren Heiduckenstädte). Die Fürsten von Siebenbürgen und auch der ungarische hohe Adel grün­deten später weitere freie Heiduckensiedlungen, deren Einwohner keine Steuern zahlten und keine Fronarbeit leisteten, sondern nur zum Waffendienst verpflichtet waren. Auch die Freiheiten der Szek­ler wurden von Bocskai wieder hergestellt, dadurch gewann er ein starkes freibäuerliches Militär für die Fürsten von Siebenbürgen. Gábor Bethlens Kampf für ein einheitliches Ungarn Das Lebenswerk Bocskais fand eine würdige Fortsetzung im Wirken Gabriel Bethlens. Auf seiner Fahne reichte die Hand Gottes ein Schwert aus den Wolken, um dem Fürsten zu helfen. Die göttliche Unterstützung wünschte sich Bethlen bei der Realisierung seines nicht gerade kleinen Vorhabens: bei der Wieder­vereinigung des in drei Teile gespaltenen Ungarn unter seiner nationalen königlichen Macht.

1613 wurde er Fürst Siebenbürgens, 1619 griff er schon in den Dreißigjährigen Krieg ein, und zwar an der Seite der Böhmen, die sich gegen den Kaiser und König Ferdinand II. und seine gegenrefor­matorischen Bestrebungen auflehnten. Mit ihnen sowie mit den mährischen, schlesischen und öster­reichischen Adel waren die ungarischen Stände seit 1608 in einem Bündnis, der sog. Konföderation, vereint. Im Namen der ungarischen Stände haben protestantische Magnaten Bethlen gebeten, die Führung des Freiheitskampfes gegen die Habsburger zu übernehmen. 1620 eroberte er das königliche Ungarn, und am 25.August wurde er vom Landtag in Neusohl (ung. Besztercebánya, heute slow. Banská Bystrica) zum König Ungarns gewählt. Mit der Krönungszeremonie wollte er aber bis zum definitiven Ausgang des Krieges warten. Dieser nahm jedoch einen schlechten Ausgang, weil die Böhmen am 8.November 1620 am Weißen Berg bei Prag eine entscheidende Niederlage erlitten. Der Böhmenkönig Friedrich von der Pfalz starb in der Emigration, Ferdinand II. beraubte das Land jeder Selbstverwaltung und ließ die Anführer des Aufstandes hinrichten.

Bethlen besänftigte die auch in Ungarn ausgebrochene Panikstimmung, und er war der einzige in Europa, der den Mut hatte, den Kampf gegen die Habsburger fortzusetzen. Dadurch gab er dem europäischen Protestantismus Zeit, um seine Kräfte wieder zu sammeln. Im Nikolausburger Frieden (1621) gelang es ihm, vorerst die ungarische ständische Selbstverwaltung und die protestantische Glaubensfreiheit zu sichern, bald bot sich ihm dann auch eine Gelegenheit, ein Bündnis mit den pro­testantischen Mächten Westeuropas zu schließen. Er griff 1623 an der Seite der deutschen Protestan­ten und 1626 an der Seite der englischenniederländischen-dänischen Koalition der Habsburger an. Es lag nicht an ihm, sondern vor allem an der Abtrünnigkeit der durch die böhmischen Ereignisse in Furcht versetzten ungarischen Magnaten, daß er keine größeren Erfolge als den Abschluß von sieben oberungarischen Komitaten an Siebenbürgen erzielen konnte.

Allein schon das, was er erreichte, sicherte Siebenbürgen eine Position von internationaler Bedeutung. Sein Land wurde zu Bethlens Lebzeiten von keinem einzigen Fürsten betreten, seine Armee aus Hei­ducken und Szeklern wurde, wenn er sie führte, nie besiegt. Unter Bethlen begann der ungarische Husar weltberühmt zu werden. Bethlen war ein großzügiger Außenpolitiker mit ausgezeichneter di­plomatischer Begabung, er plante und organisierte europäische Koalitionen gegen die Habsburger. Er war von den Türken kaum abhängig, vielmehr nutzte er sie für ihre Ziele aus.

Was seine Innenpolitik anbelangt, war er seit dem Tod von König Matthias Hunyadi derjenige ungari­sche Monarch, der am erfolgreichsten eine Zentralgewalt nach den Grundsätzen des modernen Abso­lutismus auszubauen verstand. In der Wirtschaftspolitik verfolgte er die Prinzipien des damals auf­kommenden Merkantilismus. Obwohl er die in ganz Osteuropa verbreitete Einrichtung der ewigen Leibeigenschaft nicht abschaffen konnte, war er berühmt, die Leibeigenen vor Exzessen der Grund­besitzer zu schützen und verbat es, lernwillige Leibeigenenkinder am Schulbesuch zu hindern.

Obwohl Bethlen für seine reformierte Konfession eine Hochschule, eine Druckerei und eine Biblio­thek gründete, war er im Vergleich zu seinen Zeitgenossen ein Beispiel von Toleranz ohnegleichen. Die aus Siebenbürgen vertriebenen Jesuiten holte er wieder zurück, und die Bibelübersetzung des Je­suiten György (Georg) Káldi unterstützte er auch finanziell. Den Katholiken von Siebenbürgen ge­nehmigte er einen Generalvikar, den griechisch-orthodoxen Rumänen einen Bischof, die rumänischen Geistlichen befreite er von den Leibeigenenleistungen, die Juden vom Tragen des gelben Davidsterns. Eine Gruppe der überall verfolgten Anabaptisten siedelte er in Siebenbürgen an. Sein treuer Anhänger und später Nachfolger János (Johann) Kemény trauerte um ihn in folgenden Worten: “Ach wenn er entweder nicht geboren worden wäre oder aber ewig gelebt hätte!” Georg Rákóczi, der Nachfolger Gabriel Bethlens Gábor (Gabriel) Bethlen verschaffte seinem Land friedliche Prosperität und interna­tionales Ansehen. Sein Erbe trat György (Georg) Rákóczi I. an, der, nach kurzen inneren Kämpfen, zuerst mit Bethlens Witwe Katharina von Brandenburg und dann mit Bethlems jüngerem Bruder Ist­ván, durch die drei siebenbürgischen Ständenationen auf dem Landtag 1630 zum Fürsten Siebenbür­gens gewählt wurde. Seinen Thron hatte er eigentliche den Heiducken zu verdanken, weil die Hei­duckensiedlungen nach Bethlens Tod wieder an die Habsburger zurückfielen und die Heiducken, die mit Recht durch den Platin Miklós (Nikolaus) Esterházy ihre Freiheiten bedroht sahen, gegen die zu ihrer Unterwerfung entsandten königlichen Söldner zu den Waffen griffen.

István Bethlen jun., Burghauptmann in Großwardein, und Dávid Zólyomi, Landeshauptmann von Siebenbürgen, eilten den Heiducken zur Hilfe und zerschlugen 1631 bei Rakamaz, Esterházys Heer. Den Thron Siebenbürgens boten sie Georg Rákóczi, dem reichsten reformierten Magnaten Ostun­garns, an. Offensichtlich hofften sie, daß Rákóczi, nicht zuletzt im eigenen Interesse, die sieben Ko­mitate Oberungarns, die Bethlen erobert hatte, die jedoch nach dessen Tod den Habsburgern zurück­gegeben waren, für Siebenbürgen behalten würde, da die hiesigen Ländereien Rákóczis mit dem Sitz Sárospatak dort lagen. Rákóczi aber war ein vorsichtiger Mann. Mit Hilfe der Heiducken ließ er sich zwar zum Fürsten wählen, doch er überließ dem königlichen Ungarn die sieben Komitate, allerdings gegen die Bekräftigung der Heiduckenfreiheiten. Dadurch verpflichtete er sich die Heiducken zu Dank, und zugleich konnte er auch mit dem Habsburgerkönig Ferdinand II. einen Friedensvertrag ab­schließen, der – durch die Verwicklungen im Dreißigjährigen Krieg in Deutschland sehr stark in An­spruch genommen – nicht an zwei Fronten zugleich kämpfen wollte. Die Folgen der Türkenzeit Die Kriegszüge Bethlens und Georg I. Rákóczi vermochten den Sieg der Gegenreformation im königli­chen Ungarn nicht aufzuhalten. Denn der Jesuit Peter Pázmány, Erzbischof von Esztergom und Kardinal, erwies sich in seinen Predigten und Schriften als einer er glänzendsten und wirkungsvollsten Stilisten der ungarischen Sprache. Er führte die mächtigsten Magnatenfamilien West- und Nordun­garns in die katholische Kirche zurück. Oft mußte ihnen das gesamte Volk ihrer Ländereien folgen.

Die Rekatholisierung stärkte erheblich die Bindung an die Habsburgerdynastie und gehörte seit Ru­dolfs Zeiten zur offiziellen Regierungspolitik. Sie vertiefte aber die Spaltung zwischen Ost und West nicht nur konfessionell, sondern auch in Bezug auf die Türken. Seit Bocskay hat sich Siebenbürgen mit der Osmanenherrschaft notgedrungen abgefunden. Die nun mehr überwiegende katholische Elite des königlichen Ungarns fühlte sich der gesamtungarischen Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts verpflichtet, die Ungarn als Bollwerk der abendländischen Christenheit und den Türkenkampf als eine nationale Aufgabe betrachtete. Die Türken sorgten jedoch selber dafür, daß diese Ideen auch im Osten nicht vollständig abstarben. Denn die Schutzherrschaft des Padischah bedeutete keine Siche­rung der siebenbürgisch-osmanischen Grenze. Das Fürstentum mußte sein Gebiet vor den Einfällen der türkischen Grenzgarnisonen ebenso schützen wie das königliche Ungarn. Die Linie der Grenzfe­stungen umschloß daher in einem großen, von der Adria bis zu den Südkarpaten reichenden Bogen den mächtigen, bis in das oberungarische Bergland ragenden türkischen Keil. Sie bildete allerdings keine geschlossene und unüberwindbare Trennwand. Händler, Bauern, Boten gingen hin und her, aber die Waffen ruhten nie. Auf der christlichen Seite waren auch kaiserliche Söldnertruppen statio­niert. Der türkischen Taktik des ständigen Kleinkrieges erwiesen sich jedoch nur die Einheimischen gewachsen. Heimatlose Flüchtlinge, ihren Herren entflohene Leibeigene habgierige Abenteurer, ge­walttätige Edelleute kämpften Seite an Seite; es entstand eine Solidarität, die soziale und ethnische Unterschiede weitgehend verwischte. Verwegene Beutezüge und kühne Handstreiche, blitzschnelle Angriffe aus dem Hinterhalt und ritterliche Zweikämpfe formten einen neuen Kriegertyp und auch eine neue Waffengattung: die der Husaren.

Franz II. Rákóczi Franz II. Rákóczi, ein Nachkomme der Fürsten von Siebenbürgen war der Sohn des an der Verschwörung Wesselényis beteiligten 1676 verstorbenen Franz I. Rákóczi und der Ilona Zrínyi , Tochter des hingerichteten Banus von Kroatien, Péter Zrínyi. Mit zwölf Jahren wurde er nach der Übergabe der Festung Munkács (Mukatschewo) im Jahre 1688 von seiner Mutter getrennt. Um einen kaisertreuen Aristokraten aus ihm zu machen, schickte ihn der Wiener Hof nach Böhmen, wo ihn die Jesuiten erzogen. Seine Studien beendete er in Prag und in Italien, danach lebte er in Wien ein »lustiges und leichtsinniges« Leben als Hochadliger. Im Jahre 1694 heiratete er die Fürstin von Hessen-Rheinfels und zog auf seine Güter nach Ungarn. Als ihn dort aufständische Bauern 1697 für sich benutzen wollten, floh er vor ihnen nach Wien. Als er jedoch die Lage Ungarns genauer kennen­lernte, sah er daß dort jedermann von ihm, dem größten Großgrundbesitzer des Landes und Abkom­men der vornehmsten Familie, Schutz erwartete und betrat den Weg seiner Ahnen. Zusammen mit mehreren vornehmen adligen plante er eine Verschwörung gegen die Habsburger und wandte sich an Ludwig XIV. Um Unterstützung. Sein Brief geriet in die Hände des Wiener Hofes, und im Frühjahr 1701 wurde er in seiner Burg Nagysáros gefangengenommen. Man brachte ihn nach Wiener Neu­stadt und sperrte ihn ins Gefängnis. Dort sollte er hingerichtet werden wie sein (mütterlicher) Großva­ter, doch es gelang ihm, nach Polen zu flüchten. Von dort aus versuchte er, die Unterstützung Frank­reichs und anderer antihabsburgischen Mächte zu gewinnen, um den Kampf gegen den Wiener Hof aufnehmen zu können. Doch man hatte ihn überall abgewiesen, einem einsamen Flüchtling ohne Macht und Möglichkeiten schien keiner zu trauen. Anfang des Jahres 1703 stießen die Abgesandten von organisierten Bauern, die unter der Führung von Thomas Esze standen, in einem abgelegenen Gutsbesitz auf Rákóczi. Sie brachten ihm die Botschaft: “Das Bauernvolk steht bereit, es braucht nur einen Führer”. Wollte Rákóczi 1697 noch keine gemeinsame Sache mit den Bauern machen, folgte diesem Aufruf. Er entschied sich also dafür, an der Spitze von Leibeigenen gegen die Habsburger zu ziehen. Im Mai 1703 schickte er Fahnen mit der Aufschrift “Mit Gott für Heimat und Freiheit” ins Land und rief in einer Proklamation “jeden adligen und gemeinen wahren Ungarn” zu den Waffen. Im Juni 1703 machte er sich auf, um an der Spitze der Heere den Freiheitskampf gegen die Habsbur­ger zu beginnen. Der Freiheitskampf gegen die Habsburger beginnt Als Franz Rákóczi im Juni 1703 den Gipfel der Nordostkarpaten, die Grenze des Landes erreichte, erwarteten ihn unter der Führung von Thomas Esze nur einige Hundert verbitterte Bauern. Die den Berg herabströmende Armee wurde jedoch von Tag zu Tag größer, in einigen Wochen zählte sie bereits mehr als tausend Mann. Der Adel, der einen Bauernaufstand befürchtete, schloß sich in seine Schlösser ein und leistete Wider­stand. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis er erkannte, daß hinter den Bauerntruppen Rákóczi stand und die Forderungen der Bauern gleichzeitig auch nationale Forderungen waren. Im Herbst 1703 began­nen sich der Adel und danach die Bürger der Städte anzuschließen. Aus dem ursprünglichen Bauern­aufstand wurde ein nationaler Freiheitskampf. Bis zum des Jahres nahmen Rákóczis Truppen bereits Oberungarn und den mittleren Teil der Tiefebene in Besitz und drangen in Transdanubien sowie Sie­benbürgen ein. Rákóczi hoffte weiterhin auf die Unterstützung der Franzosen, und nach den ersten Erfolgen des Aufstandes nahm der Franzosenkönig Beziehungen zu ihm auf. Er ließ ihm zunächst fi­nanzielle Unterstützung zukommen. Sie entsprach etwa dem Sold von 5000 Soldaten, als in der Ku­rutzenarmee bereits 70.000 Mann kämpften. Die ersten Jahre des Krieges brachten den Franzosen Erfolge im Westen. Im Frühjahr 1703 drangen die französischen Truppen entlang der Donau nach Wien vor, während die Kurutzen von Osten her gegen die Kaiserstadt zogen. Der kaiserliche Hof er­lebte schwere Wochen; die Historiker meinen, hätten sich beide Truppen vereinigt und wäre Wien ge­fallen, so wäre das Habsburgerreich leicht auseinandergefallen. Aber die große Hoffnung, daß Wien fällt, erfüllte sich nicht. Anfang des Jahres 1704 erreichten die Kurutzen bereits die österreichische Grenze, doch der Befehlshaber der französischen Truppen, der Kurfürst Max Emanuel von Bayern, zog nicht geradewegs nach Wien, sondern bog nach Tirol ab und ließ sich auf monatelange Guerilla­kämpfe ein. Bis von neuem losgezogen war, war die englische und niederländische Streitmacht bereits aufmarschiert. Sie stoppten das Vordringen der Franzosen in der Schlacht bei Höchstädt unter dem Befehl von Prinz Eugen von Savoyen und Herzog Marlborough zum Stehen. Von jetzt an zogen die Franzosen immer weiter zurück, die Vereinigung war zunichte gemachte geworden; Wien war geret­tet. Von nun an war mit der Unterstützung Frankreichs immer weniger zu rechnen, König Ludwig XIV. war nicht bereit, gegenüber Ungarn Verpflichtungen einzugehen und schloß kein Bündnis mit Rákóczi. Franz Rákóczi versucht den Freiheitskampf auf Europa auszuweiten Rákóczi erkannte, daß er versuchen mußte, andere europäische Länder für sich zu gewinnen, da der Freiheitskampf sonst aussichtslos bleiben würde. In Proklamationen informierte er das Ausland über den Grund und das Ziel des Aufstandes, außerdem schickte er Abgesandte zum schwedischen, preußischen und däni­schen König, zum polnischen Reichstag und zum Papst in Rom, doch überall erhielten sie zwar auf­munternde Worte, konkrete Hilfe wurde Rákóczi nicht angeboten, niemand wollte Ungarn zuliebe gegen die Habsburger antreten. Allein der russische Zar Peter I., der mit Schweden Krieg führte, er­klärte sich bereit, ein Geheimbündnis mit Franz Rákóczi einzugehen, doch brachte dies keinen militä­rischen Nutzen. Der Aufstand blieb auf sich allein gestellt. Die Friedensverhandlungen mit den Habs­burgern Die militärischen Kräfte des Habsburgerreiches und Ungarn waren völlig unterschiedlich. Rákóczi bemühte sich, aus seinen zwar tapferen aber nicht kampferfahrenen Soldaten eine gutausge­rüstete Armee zu machen, doch verloren sie immer wieder bei großen Gefechten. Rákóczi versuchte daher, Friedensverhandlungen mit Wien aufzunehmen. Die Vermittler waren England und die Nie­der­lande. Sie waren gleichzeitig auch Verbündete der Habsburger und wußten, daß die 40.000 Mann, die gegen Ungarn zu kämpfen hatten, bei den Kämpfen im Westen fehlten, wie nützlich die Steuern für sie wären und wie dringend sie ungarische Rekruten gebraucht hätten. Doch die Verhand­lungen verliefen ergebnislos; die Kurutzen wären zwar bereit gewesen, zu den Habsburgern zurück­zukehren, doch die Habsburger wollten ihnen keine Garantien für die Beibehaltung ihrer Verfas­sungsrechte und der freien Religionsausübung geben. Außerdem war der Wiener Hof nicht gewillt, die Autonomie Siebenbürgens, an der Rákóczi festhielt, zu akzeptieren. Im weiteren Verlauf dieses Aufstandes erlag dann die Kurutzenarmee weitere Niederlagen, als Ausweg versuchte Rákóczi einen neues Bündnis mit dem russischem Zar Peter den Großen zu schließen. Während seiner Abwesenheit schloß Rákóczis Vertreter Baron Sándor (Alexander) Károlyi am 29.April 1711 den Frieden von Sathmar. Die Kurutzen leisteten von nun an den Habsburgern wieder Treue. Doch Rákóczi war nicht mit die­sem Abkommen einverstanden, da es die Unabhängigkeit Ungarns nicht sicherte und die wäh­rend des Freiheitskampfes erreichten Errungenschaften (Abbau der Ständeunterschiede, mehr Ge­rechtigkeit für alle Bevölkerungstruppen) zunichte machte. Mit einigen Begleitern machte er sich auf den Weg nach Polen, nach Frankreich und von hier aus – in der Hoffnung, den Kampf wieder auf­nehmen zu können – in die Türkei. Hier starb er 1735 in Rodosto (heute türk. Tekirdag).

Quellenverzeichnis:

Balázs Várkonyi und Katalin Liebmann, 1993: Ungarn, eine kleine politische Landeskunde. München

Isabella Ackerl, 1985: König Mathias Corvinus - Ein Ungar, der Wien regierte. Wien

Thomas von Bogyay, 1973: Grundzüge der Geschichte Ungarns. Darmstadt

Andreas Oplatka, 1990: Der Eiserne Vorhang reißt – Ungarn als Wegbereiter. Zürich

Péter Hanák, 1988: Die Geschichte Ungarns von den Anfängen bis zur Gegenwart. Essen

Jörg K. Hoensch, 1991: Ungarn – Geschichte, Politik, Wirtschaft. Hannover

 

Glossar

Banat: Grenzmark, Verwaltungsbezirk, die südlichen Grenzgebiete des Königreichs Ungarn im Mit­telalter. Heute Bezeichnung für die historische Landschaft zwischen Maros, Theiß und Donau, die nach dem ersten Weltkrieg zwischen Rumänien, Jugoslawien und Ungarn geteilt wurde. Hauptort Temesvár/Timosoara

Banderien: (von mittelalt. banderia = Fahne, Truppenabteilung) Ursprünglich jene berittenen Trup­pen der mittelalterlichen Heeresordnung Ungarns, die unter eigener Fahne, unter persönlichem Befehl des Königs oder hochadliger Herren in den Kampf zogen. In späteren Zeiten wurde auch das Adelsaufgebot der Komitate als Banderien bezeichnet.

Heiducken/Haiducken: Ursprünglich Bezeichnung für ungarische Hirten, später für Söldner, die seit Ende des 15. Jh.s die Grenzen gegen das osmanische Reich verteidigten.

Komitat: Von einem Gespan geleiteter Verwaltungsbezirk in Ungarn; ursprünglich nach dem Vorbild der deutschen Grafschaftsverfassung eingerichtet von Stephan I. als Verwaltungseinheit königli­cher Güter; später dienten die Komitate vor allem der adligen Selbstverwaltung.

Kurutzen: Bezeichnung im 16.Jh. für rebellierende ungarische Bauern, im 17./18. Jh. für die Auf­ständischen gegen die habsburgische Herrschaft.

Magyar: Selbstbezeichnung der Ungarn, abgeleitet von dem landnehmenden ugrischen Stamm Megyeri

Militärgrenze: Bezeichnung für das ab 1522/26 im habsburgischen Restungarn gegen die Osmanen mit mehrheitlich serbischen und kroatischen Flüchtlingen und Uskoken errichtete Verteidigungs­system, das im 18. Jh. von der NW-Grenze Dalmatiens entlang Save, Donau und Karpaten­kamm bis zur Bukowina reichte

Nationsuniversität: (lat Unio trium nationum = Brüderliche Einigung) 1437 erfolgter Zusammen­schluß des hohen magyarischen Adels, der Székler und der Siebenbürger Sachsen zur Abwehr des ersten großen Auf­stands rumänischer und ungarischer Bauern. Die Nationsuniversität diente bis ins 19. Jh. zur Zurückweisung der Forderung des rumänischen Bevölkerungsanteils nach Gleichberechtigung.

Stephanskrone: Ursprünglich wohl vom Papst Silvester II. um 1000 dem ersten christlichen König Stephan I. dem Heiligen verliehene Krone, die - 1270 nach Böhmen verschleppt und dort ver­schollen - von Stephan V. (1270-1272) durch die heute erhaltene Stephanskrone ersetzt wurde. Sie erlangte früh sakrale Bedeutung, war Ansatzpunkt einer von der Person des Herrschers los­gelösten Staatsvorstellung und galt als eigentlicher Träger der königlichen Gewalt.

Woiwode: Slawische Bezeichnung für einen gewählten Heerführer, der ein begrenztes Gebiet kon­trollierte und dessen Würde nicht erblich war. Der Titel wurde bis ins 16. Jh. auch von den Für­sten Siebenbürgens, der Moldau und der Walachei (zuweilen in der Form Mare-Voievod = Großwoiwode) geführt.

Verfasser: Philip Maske

 

György Dózsa und die Bauernaufstände um 1514

Die Vorläufer der Bauernkriege

Die ständische Regierung und die antifeudalen Kämpfe der Bauern in Ungarn von der Hussitenzeit bis 1514

Der Kampf der Bauern war nicht kurzfristig zu den Aufständen um 1514 entstanden, sondern bereits im 12. bis 13. Jahrhundert. Grundsätzlich war es das Unrecht, welches den Bauern widerfahren war, das sie zu ihren Taten brachte.

Das Gesamtsystem der die erbliche Rechtsstellung des Ständewesens ausdrückenden Privilegien ent­spricht als Erscheinung des Überbaus den an der wirtschaftlichen Basis des Feudalismus, in seiner Klassenstruktur durch die Entfaltung der einfachen Warenproduktion vor sich gehenden Veränderun­gen. Das schließt nicht aus, daß in das einmal entstandenen System andere, aus früheren Verhältnis­sen resultierende Elemente aufgenommen wurden. Und das schließt nicht aus, daß als die Erschei­nungen des feudalen Überbaus bestimmende Element die Erscheinungen der Grundentwicklung überlebte, die seine Entstehung ehemals möglich und erforderlich gemacht hatten. Die lange histori­sche Vorgeschichte und das lange Weiterbestehen des Ständewesens können wir in Ungarn, aber auch in anderen Feudalstaaten beobachten.

Einige Historiker betrachten als Kennzeichen des Ständewesens das Recht der Immunität bzw. das Privileg, in dessen Besitz ein adliger Grundherr die mit der Steuereintreibung und Rechtsprechung beauftragten königlich-staatlichen Beamten von seinem Grund und Boden verweisen und statt ihrer selbst das Volk auf seinem Grundbesitz vorgehen konnte. Tatsache ist, daß die Immunität bei uns und auch anderswo ein wesentliches Element des adligen ständischen Rechts darstellt, obwohl es unserer Meinung nach älter ist als das System des Ständewesens und in seinem Wesen und seinen Wurzeln frühere Zustände zum Ausdruck kommen. Ihre Grundlage ist der Charakter eines »Staates im Staate« des feudalen Grundbesitzes, vor allem des Großgrundbesitzes, die Tatsache, daß die übermächtigen Grundherren in der Lage waren, gegenüber dem Volk auf Grund und Boden Funktionen der öffentli­chen Gewalt auszuüben; diese ihre Zuständigkeit können sie durch ihre Privatarmee, durch die grundherrliche Gerichtsbarkeit sowohl nach unten wie auch nach oben ausbauen und zur Geltung bringen. Gleich welche Bedeutung wir auch der Immunität in diesem System zubilligen, dient es nur einem Zweck: die Anstrengungen eines Klassenkampfes im Keim zu ersticken.

Bei uns erscheint die Immunität im 12. und 13. Jahrhundert nach der Erstarkung des Grundbesitzes und dehnt sich dann auch auf andere Kategorien des feudalen Grundbesitzes aus. Diese Zeit ist (rückblickend) als Epoche der Organisierung der aus verschiedenen Elementen entstandenen feudalen Bauernschaft zu einer in großen Zügen rechtlich einheitlichen Klasse und der Entfaltung ihres Klas­senkampfes aufzufassen. Die Hauptformen des Klassenkampfes waren, soweit sich das aus den Quellen rekonstruieren läßt, neben der fallweisen Verweigerung der Dienstleistungen und einzelnen lokalen Bewegungen vor allem die große Masse mobilisierende Abwanderung, der Wegzug oder die Flucht. Diese Formen des Klassenwiderstandes – die zweifellos durch die Siedlungstätigkeit einzelner Grundherren und durch die um diese Zeit einsetzende Entwicklung der Städte und Marktflecken er­leichtert wurde – führten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Erinnerung des grundlegen­den Rechts der rechtlichen einheitlichen werdenden feudalen Bauernklasse, zur Erinnerung des Rechts auf freien Abzugs, der Freizügigkeit – ein Recht, das vormals nur die ehemaligen nur die ehemaligen »freien Leute« gehabt haben.

Als örtliches Organ zur Durchsetzung der Klasseninteressen der adligen Grundbesitzer zeigte sich das Adelskombinat bis zum gewissen Grade geeignet, indem es nach unten – gegenüber den Unterdrück­ten und ihren Widerstand – auch jenen kleineren Grundbesitzern half, ihre grundherrlichen Forderun­gen durchzusetzen, deren eigene Macht sich auf der gegebenen Entwicklungsstufe des Klassenkamp­fes allein als nicht ausreichend erwies. Da es aber unter die Lenkung des Großgrundbesitzes kam, blieb das aus den Gegensätzen innerhalb der herrschenden Klasse resultierenden Problem der kleine­ren Grundbesitzern, das es seinerzeit ins Leben gerufen oder zur Entstehung zumindest wesentlich beigetragen hatte, weiterhin ungelöst. Hier die sich im Verlauf des 14. Jahrhunderts, besonders aber an der Wende vom 14. und 15. Jahrhundert zwischen den einzelnen – auch bisher schon in Gegen­satz zueinander stehenden – Schichten der Grundbesitzerklasse zuspitzenden Kämpfe um die Len­kung der Komitatsbehörden. Durch die Einschaltung der zentralen Macht war die Auswirkung dieser Kämpfe auf der Landesebene, in der Gesetzgebung und in den damit verbundenen königlichen Ver­ordnungen zu spüren. Und damit hängt auch aufs engste zusammen, daß sich der Gemeinadel im en­geren Sinn ständisch orientierte, daß er das auf Versammlungen in einzelnen Teilen des Landes oder im ganzen Land in seinen Beschlüssen zum Ausdruck brachte. Diese Beschlüsse zeigen immer deutli­cher die zunehmende Forderung des Gemeinadels, ihm nicht nur in der Komitatsorganisation, son­dern an der Lenkung des ganzen Landes größeren Anteil zu gewähren, unter anderem dadurch, daß die unter Teilnahme des Gemeinadels abgehaltenen Landesversammlungen – bereits echte Landtage – zur ständigen Einrichtung wurden, und das die rechtliche Grundlage der Staatenlenkung bildende Ge­setzgebungssystem eine entsprechende Modifizierung erfuhr. Dieses führte aber zu keiner befriedig­ten Erfolg für alle Parteien.

Dieses änderte sich erst als die Zeit Matthias I.  anbrach. Er förderte die Städte und Marktflecken in den Tiefebenen Ungarns. Weiter verbesserte er die Lebensbedingungen der Leibeigenen, allerdings nicht ihren Status in der Gesellschaft. Diese Verbesserungen waren auf die Gerichtsbarkeit be­schränkt, was zur Folge hatte, daß die Gutsbesitzer nicht mehr nach eigenem Ermessen handeln konn­ten. Der Nachfolger von Matthias war Wladislaw II. Jagello, auch Dobre genannt. Unter seiner Herrschaft verschlechterte sich die Lage in Ungarn wieder, da Dobre als Gesetze, die sein Vorgänger in Kraft gesetzt hatte, rückgängig machte. Daraus folgte, daß die Ständeversammlung soviel Macht bekam, daß der König unter ihrer Kontrolle stand. In den Jahren vor 1514 setzten die Adligen in der Ständeversammlung ein Gesetz durch, das eine Definition der freien und unfreien Menschen vorsah und stärkte so die Macht der Adligen in allen Bereichen. Als dieses Gesetz auch für die Marktflecken und Städte galt, hatte dies finanzielle Konsequenzen, weil diese Plätze unter Matthias’ Herrschaft eine andere Rolle in der finanziellen Situation hatte und so von ihren Verpflichtungen befreit wurden.

Die mitteleuropäische Handels- und Finanzkrise der Jahre 1512/13

und der ungarische Bauern­krieg

Die Ursachen für den ungarischen Bauernkrieg von 1514 hat unsere Geschichtsschreibung  in der Verschlechterung der Lage der Bauern und in der allgemeinen bauern- und marktfleckenfreundlichen Politik der nach König Matthias’ Tod (1490) an die Macht gekommen feudalen Reaktion erblickt. Die Verkündigung des Kreuzzuges im Frühjahr 1514 bot einen nicht  vorauszusehenden Anlaß zur Explosion der mehrere Jahrzehnte aufgestauten Verbitterung der Bauern.

Bei einer Untersuchung dieser Zeit hat man festgestellt, daß sich z. B. die Kupferindustrie von Un­garn in den Jahren 1510-12 an ihrem höchsten Punkt befand. Dies hatte zur Folge, daß die europäi­schen Märkte eine Überproduktion förderten. Kupfer verlor in Europa somit an Wert und die Folgen daraus waren, das z.B. die Fleischerzunft ihre Gebäude verkaufte und verpfändete, um die Kosten für ihre Betriebe zu decken. Die Handelskrise und die Unzufriedenheit im Land förderten den Aufstand der Bauern.

Der Bauernkrieg von 1514

Darstellung des Anfangs des Bauernkrieges von 1514
und Dózsas mögliche Entscheidungen für den Kriegsverlauf

Durch genaue Recherchen war es möglich, den genauen Plan des Hofes für das Kriegsjahr 1514 zu rekonstruieren. Der Plan wurde im Herbst 1513 ausgearbeitet, wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als der päpstliche Entschluß der Verkündigung eines Kreuzzuges und die Nachricht von der Ernennung Bakócz’ zum Legaten in Buda eingetroffen waren. Allen Anzeichen nach beabsichtigte der Hof auf der sehr breiten, sich von Kroatien bis nach Siebenbürgen hinziehenden Front mit mehreren Heeren den Angriff zu eröffnen, wovon eines das der Kreuzfahrer gewesen wäre. Über die Richtung, die die­ses Heer eingeschlagen hatte, ist man sich nicht einig. Da man aber weiß, daß der Hauptangriff in der Gegend von Moldau stattfand, geht man davon aus, daß das Kreuzfahrerheer die Mitte gebildet hatte.

Es ist aber auch möglich, daß der Plan im März 1514 geändert wurde und der Hof sich schließlich dahingehend entschied, das Kreuzfahrerheer nach Kroatien aufbrechen zu lassen. Genauso ist es möglich, daß zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit des Adels die Aufstellung des Kreuzheeres bereits verwarf und nur noch der König und Bakócz darauf bestanden.

Nach der Vorgeschichte und der späteren Entwicklung können wir im Hinblick auf die Absichten des an der Spitze des Kreuzheeres tretenden Dózsa mit vier Möglichkeiten rechnen:

- Ursprünglich wollte er nur gegen die Türken kämpfen.

- Er wollte gleichzeitig gegen die Türken und die Adligen kämpfen.

- Zunächst brach er gegen die Türken auf, später änderte er seine Absicht und wandte sich gegen den Adel.

- Er wollte von vornherein nur gegen den Adel kämpfen. 

Der Verlauf des Bauernkriegs

Der Bauernkrieg von 1514 entstand eher »ungewollt« aus einem gegen die Türken verkündeten Kreuzzug, zu dem der neugewählte Papst Leo X. am 3. September 1513 aufrief. Die Gründe hierfür waren aber nicht auf einem Wandel der ungarisch-türkischen Beziehungen oder der Haltung Europas gegenüber den Türken begründet. Ungarn führte zwar seit Jahrzehnten einen Defensivkrieg gegen das sich langsam ausdehnende osmanische Reich, in diesem Krieg aber hatte sich in den fraglichen Jahren nichts ereignet, das den Papst bzw. den ungarischen Hof zu einem so dramatischen Schritt hätte be­wegen können. Europa beobachtete den Bodengewinn der Türken auf dem Balkan auch eher mit der gewohnten Gleichgültigkeit. Über die Entwicklung des Bauernkrieges aus diesem Angriff gegen die Türken und den Verlauf des Bauernkrieges wird dieser Abschnitt berichten.

Die Vorbereitungen für den Kampf gegen die Türken begannen in Ungarn im November 1513 mit der Mobilisierung des Heeres an der Südgrenze. Bakócz legte im März des folgenden Jahres dem königlichen Rat den Plan vor, die Bauern in diesem Kampf einzusetzen. Dieser Vorschlag stieß aber auf Widerstand, da die bäuerlichen Arbeitskräfte in der arbeitsintensiven Zeit für die Arbeit gebraucht wurden, da der Ausfall der Einnahmen für die Adligen bedrohlich gewesen wäre, noch mehr als für die Magnaten. Der Protest gegen diesen Plan wurde unterstützt vom Woiwoden von Siebenbürgen, János Szapolyai, der die ständische Bewegung des Adels für seine eigenen Zwecke benutzte. Die Mehrheit der Magnaten – deren Partei den siebenbürgischen Wowoiden ständig in den Hintergrund zu drängen versuchte – hingegen trat auf die Seite des Erzbischofs, wonach der König den Kreuzzug befahl.

Die im Streit liegenden Herren konnten sich bei Beginn der Mobilisierung am 8. April 1514 allerdings nicht über die Frage der Führung des Heeres einigen. Daher übertrugen sie die Führung vielmehr einem Außenstehenden, einem im Kampf gegen die Türken verdienten Offizier der Garnison von Nándorfehérvár, dem Szekler György Dózsa, der zufällig gerade nach Buda gekommen war. Dózsa wurde aber lediglich Befehlshaber der Freiwilligen, da man einem unbedeutenden Offizier einer Grenzfestung nicht die Führung des ganzen Kriegszuges übertragen wollte.

Obwohl nur in einem Bruchteil des Landes Bauern angeworben wurden, konnte man dennoch unge­fähr 40.000 Bauern verpflichten; das entsprach 10 - 12 % der arbeitsfähigen Männer. Der Gemein­adel aber sah seine früheren Befürchtungen bestätigt und versuchte nun, nach feudalem Brauch eigenmächtig und mit Gewalt den Zug der Untertanen ins Lager zu verhindern. Zur gleichen Zeit aber hatte die von Erzbischof Bakócz’ Interessen erforderliche Eile zur Folge, daß für die Versorgung der riesigen Kreuzfahrermassen keine ausreichende Vorbereitung getroffen wurde. Das führte sehr bald zu Problemen in der Verpflegung der Truppen und dadurch zu  Requirierungen und Ausschreitun­gen. Plötzlich ergaben sich um das Kreuzfahrerheer Spannungen, und um die Erregung des Adels zu besänftigen, hielt es der König für angebracht, Bakócz weitere Anwerbungen zu untersagen.

Dózsas Heer, welches noch das disziplinierteste war, weigerte sich aufgebracht, dem Befehl Folge zu leisten und änderte seine Marschrichtung. Weit heftiger waren hingegen waren die Reaktionen der weniger disziplinierten, kleineren Lager. Die in Pest zurückgebliebene Nachhut zerstörte bis Vác die ganze Gegend und ein anderes Bauernheer schlug bei Várad die sich gegen die Kreuzfahrer formie­renden Adligen. Schwere Wirren entstanden auch in der Batschka. – Die Maßnahmen des Hofes ver­kehrten sich also in ihr Gegenteil. Die Aktionen der Bauernheere diskreditierten Bakócz, der nun ge­zwungen war, das ganze Unternehmen abzublasen. Die Nachricht über diese Maßnahme erreichte Dózsas Lager im kritischsten Augenblick, als das Hauptheer der Kreuzfahrer von Temes, István Báthory und des Bischofs von Csanád – Miklós Csáky – angegriffen wurde. Hierfür übte Dózsa durch einen Sieg bei Nagylak Vergeltung, bei dem viele Adlige gefangen genommen wurden.

Anfänglich handelten die bäuerlichen Massen vielleicht noch unbewußt, doch dürfte sich hiernach eine Art Gemeinschaftsgeist gebildet haben, der offensichtlich von Anfang an gegen die Herren ge­richtet war und durch die Unrechte der vorigen Wochen gesteigert wurde. Der Befehl zur Rückkehr hob die Rebellion der Kreuzfahrer dann endgültig auf die Ebene der Klassengegensätze und Dózsa ließ seine Gefangenen, unter denen sich viele Adlige befanden, zur Abschreckung hinrichten. Mit die­ser Handlung begann dann am 28. Mai 1514 der eigentliche ungarische Bauernkrieg.

Nach einem erneuten Wechsel der Marschrichtung ging das Bauernheer unter Dózsas Führung in Richtung Siebenbürgen, das durch Szapolyais Marsch gegen die Türken ohne Schutz geblieben war. Als dieser davon erfuhr, kehrte er um und konnte den Aufständischen im letzten Moment den Weg versperren. Nach der Einnahme von Lippa und Solymos entschied Dózsa daher, das Gebiet von Te­mesköz als Basis seiner Kriegsoperationen zu gewinnen: Am 13. Juni begannen seine Truppen die Belagerung von Temesvár. Auch Antal Nagys Kreuzfahrer in der Batschka und die Bauern des Prie­sters Lörinc im Komitat Bihar waren gegen die Herren erfolgreich. Die Regierung konzentrierte ihre Unternehmungen aber nicht und so konnte sie nur an einem einzigen, jedoch wichtigen Punkt gegen die Aufständischen Erfolg erringen: Nach einigem Zögern legte Dózsas in Pest verbliebene Nachhut die Waffen nieder. János Bornemissza, der diesen Erfolg erzielte, zerschlug danach bei Debrö das Kreuzfahrerlager im Komitat Heves. Während der Anführer des Aufstandes bei Temesvár kämpfte und seine Truppen die Umgegend eroberten, ging das ganze Alföld, die große ungarische Tiefebene, in Flammen auf. Der Priester Lörinc führte dies im Szilágyság-Gebiet fort, in den Komitaten Szatmár und Szabolcs entstanden neue Lager, eine Kolonne aus der Batschka begann im Komitat Tolna zu kämpfen. In der Batschka und in Syrmien waren zur gleichen Zeit vier Kreuzfahrerheere in Kämpfe verwickelt. Dózsa versuchte die Tatsache zu nutzen, daß der allgemeine Aufstand die ohnehin nicht sehr bewegliche Staatsmaschinerie gelähmt hatte. Er schickte zwei kleinere Heere an den Ort der frü­heren Niederlagen: seinen jüngeren Bruder Gergely nach Buda und eine andere Truppe nach Eger.

Die herrschende Klasse begann jedoch die anfängliche Verwirrung zu überwinden. Unter der Füh­rung einzelner mächtiger Adliger wurden der Reihe nach die kleineren Lager zerschlagen. Das Heer von Tolna einigte sich mit Ferenc Hédervári und legte die Waffen nieder, die Kolonnen, die in das Komitat Heves eingedrungen waren, wurden von den Adligen der Umgegend überwunden und Várad wurde auch wieder eingenommen. Um die größeren Aufständischenheere zu besiegen, waren jedoch ernsthaftere Vorkehrungen erforderlich: So zog unter György Szapolyai von Buda ein mehr als 5.000 Mann starkes Heer nach Temesvár, um dort den Brandherd zu beseitigen – György Dózsas Truppen wurden zunehmend isoliert.

Nach Antal Nagys Niederlage bei Perlek drohte von Westen Gefahr, mit dem Fall von Várad auch von Norden. Die ernstere Bedrohung jedoch stellte Siebenbürgen dar: Da wegen seines Widerstandes in seiner Provinz keine Anwerbungen für das Kreuzheer erfolgt waren, konnte sich János Szapolyai relativ ungestört auf den Kampf gegen die Aufständischen vorbereiten. Die im Komitat Bihar stehen­den Truppen des Priesters Lörinc versuchten ein Störmanöver mit einem bis Kolozsvár vorgetragenen Angriff. Der Woiwode überließ die Angreifer aus Bihar seinen Stellvertretern (die Lörinc auch bei Kolozsvár schlugen), er selbst zog nach Temesvár, um die vom Aushungern bedrohte Festung zu ent­setzen.

Die stärksten Truppen der Bauern und der Adligen trafen sich am 15. Juli bei Temesvár. Auf die verlockenden Aufrufe des Adels begann ein Teil der Kreuzfahrer schwankend zu werden und selbst in der Umgebung des Anführers gab es Abtrünnige. In der allgemeinen Verwirrung wurde Dózsa ge­fangengenommen und die noch weiteren Widerstand versuchenden Bauern wurden in kurzen, aber heftigen Kämpfen zerstreut. Und obwohl auch nach der Vernichtung der Hauptstreitmächte noch ge­kämpft wurde, war der Bauernkrieg nun zu Ende.

Der gefangengenommene Dózsa wurde auf unmenschliche, abschreckende Art hingerichtet: Er wurde auf einem glühenden Eisenthron und mit glühendem Reifen auf dem Kopf verbrannt und auch auf andere Bauernhauptleute wie Lörinc, Antal Nagy u. a. wartete die Todesstrafe. Massenhafte Hinrich­tungen aber, wie die historische Überlieferung zu berichten weiß, haben aber in Wirklichkeit nicht stattgefunden: Die herrschende Klasse sah in den gefangenen Aufständischen nämlich vor allem Ar­beitskräfte und schonte dementsprechend ihr Leben. Ihr Streben war insbesondere auf die Wieder­gutmachung der Schäden gerichtet, die sogar gesetzlich verankert wurde, und in den folgenden Jah­ren begann eine sich endlos hinziehende Reihe von Prozessen zwischen den geschädigten Adligen und den Herren der Bauern, die die Schäden verursacht hatten.

Spektakulärer jedoch begann die Abrechnung, die der aufgebrachte Adel gegen die seiner Ansicht nach für das Geschehen verantwortlichen Magnaten, gegen Bakócz und die Anführer der sogenann­ten Hofpartei einleitete. Die ursprünglich gegen die Bauern zu Hilfe gerufene böhmisch-schlesischen Truppen mußten den Erzbischof schützen und der Landtag, der die bekannten Gesetze gegen die Bauern verabschiedete, erließ Dutzende von Artikeln, deren Ziel es war, die Sündenböcke aus ihrer Macht zu verdrängen. Nutznießer dieser Lage war János Szapolyai, obgleich es trotz aller Anstren­gungen nicht gelang, seine Rivalen für immer zu bezwingen. Der Regierungsapparat blieb in ihren Händen und so gewann die Partei der Magnaten, als der Woiwode 1515 von den Türken entschei­dend geschlagen wurde, wiederum die Oberhand.

Die schwerwiegendste Folge des Bauernkrieges aber waren die Gesetze gegen die Bauern. Sie bürde­ten ihnen ungewöhnliche Lasten auf, nahmen ihnen das Recht der Freizügigkeit, verschlossen ihnen jede Möglichkeit, die Klassenschranken zu durchbrechen. Obwohl diese Gesetze zunächst nicht energisch durchgeführt wurden, da die Gewährung des Rechts der Freizügigkeit im Interesse der Magnaten stand – dies war die Grundlage der Entwicklung der sogenannten Marktflecken, welche den Magnaten Gewinne brachten –, kam es später jedoch gänzlich zur Umsetzung, wonach ein Sy­stem der erblichen Untertänigkeit geschaffen wurde.

Unter den Teilnehmern am Bauernkrieg von 1514 waren alle Schichten der Bauerngesellschaft ver­tre­ten, obgleich die wohlhabenderen Bauernbürger der Marktflecken tonangebend waren. Der Auf­stand ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch geographisch mit den aktiv Warenwirtschaft trei­ben­den ungarischen Marktflecken im Tiefland verbunden und so gesehen extremer Ausdruck des bäuer­lichen Emporstrebens. Da das bäuerliche Klassenbewußtsein allerdings noch unterentwickelt war, überschritt die Bewegung kaum das Niveau einer Impulsivität. Der Aufstand war – wie jeder Bauern­aufstand im feudalen Europa – zum Scheitern verurteilt und seine handelnden Teilnehmer konnten keine positive Entwicklung der Gesellschaft fördern.

Die Folgen des Bauernkriegs

Die Retorsionsgesetze von 1514

Den großen europäischen Bauernkriegen folgte stets die Retorsion. So wurde auch in Ungarn nach der Niederschlagung Dózsas und seiner getreuesten Anhänger für den Lukastag (den 18. Oktober) 1514 die Ständeversammlung einberufen, um das Werk der Rache zu legalisieren. Das Gesetz, das der König einen Monat darauf am Elisabethtag (am 19. November) sanktionierte, war kein einheitli­cher Kodex. Seine Konstruktion ist dürftig und enthält auch verschiedene, auf der Ständeversamm­lung zur Sprache gekommene Wünsche. Offensichtlich ist es das Ergebnis einer eiligen Arbeit, da sich ja der Ständetag auch mit anderen Fragen befaßte, unter anderem mit der Revision des von Wer­bóczy vorgelegten Rechtsbuches, des »Tripartitum«.

Bei den versammelten Magnaten und Adligen herrschte eine scharfe antiklerikale Stimmung. Der Kardinalerzbischof Tamás Bakócz hatte einem anderen Kardinal bereits im September geschrieben, der Adel wüte gegen den Klerus und es sei zu befürchten, daß er in der Ständeversammlung seiner Wut freien Lauf lassen werde. In den eingebrachten Vorlagen sind in der Tat mehr Normen gegen den Klerus enthalten als in späteren Gesetzesartikeln. Die Geistlichen bäuerlicher Herkunft sollten von allen Würden über dem einfachen Kanonikat ausgeschlossen und auch dem König die Vergabe sol­cher Benefizen untersagt werden. Sicher gab es bei dieser Frage heftige Auseinandersetzungen und der Klerus verweigerte den Artikeln strafrechtlichen Inhalts und solchen, die seine »Ehre« berührten, ihre Zustimmung. Der größte Teil der sanktionierten Gesetzestexte richtete sich jedoch gegen jene Gemeinadligen, die sich ihnen angeschlossen hatten.

Strafbestimmungen im engeren Sinne enthalten nur wenige Artikel, denn die blutigen Vergeltungen hatten ja größtenteils schon stattgefunden. Die Verurteilung fand durch ein Gremium statt, das aus Offizierskorps der Kanonitate und zwölf Geschworenen bestand. Die meisten Urteile wurden mit dem Tode vollstreckt. Besondere Artikel bestimmten die Strafen der Adligen, die mit den Bauern sympathisierten, was mit allgemeinen Prinzipien der Verbrechensbekämpfung begründet wurde. Die Strafe für diese Adligen war der Verlust ihres Vermögens an die Krone. Bei aktiver Beteiligung an den Kämpfen kam nur der Tod und der Vermögensverlust in Frage. Die meisten Bauern, die an den Aufständen beteiligt waren, wurden hingerichtet. Dabei wurde unterschieden, in welchem Grad die Beihilfe zum Aufstand stattfanden, und so wurde bei den Bauern, die ihrer Krone immer noch treu dienen, nur eine Verurteilung in Form von Freiheitsentzug und Fronarbeit.

Die Regelung des Verhältnisses zwischen untertänigen Bauern und Boden

nach der Nieder­schlagung des Bauernaufstandes

Mit der Einführung des Tripartitum, welches das Gesetz und die Nachlässe der Bevölkerung Ungarns regelte, wurde die Unterdrückung der Bauern fortgesetzt. Werböczy, der diese Gesetze mit entwarf, war der Meinung, daß die persönliche Untertänigkeit der Bauern genau festgelegt werden sollte. Das hatte nur Folge, daß diejenigen, die an dem Aufstand beteiligt waren, vom Gesetz ihre persönliche Freiheit verloren und in ewiger Knechtschaft dem Grundherren zu dienen hatten. Es wurde außerdem die rechtliche Grundlage beschlossen, die Verbindung zwischen Bauern und Boden zu lösen.

Die Vorlagen wurden erst nach dem Aufstand von 1514 in Kraft gesetzt. Vor dem Aufstand war man dazu gewillt, den Bauern mehr Rechte zu geben, da die Tendenzen, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Grundherren zu befriedigen, größer geworden waren. Das führte dazu, daß einige Schichten der Grundherren die Lockerung der persönlichen Freiheitsbeschränkung des Bauern und der Bindung an den Boden als ein Mittel, die zu nutzen wirksamer zu sein versprach. Die wirtschaftlichen Tendenzen deuteten also auch im einzelnen auf die Bindung des Bauern hin. Der Aufstand von 1514 war, wenn er auch zur Leugnung der feudalen Gesellschaftsordnung anwuchs, zugleich auch die Zurückweisung dieser Tendenzen, genauer der in ihrem Gefolge aufkommenden Modifizierungen.

Alles, was 1514 zur persönlichen Entrechtung des Bauern, zur Einführung des Systems der erblichen Leibeigenschaft geschah, stand nicht im Gegensatz zum gesellschaftlich-wirtschaftlichen Entwick­lungsgang, ging nur eben der tatsächlichen Entstehung eines solchen Systems voraus. Es handelt sich nicht um die Kodifizierung eines allgemein herrschenden Zustandes, aber dadurch, daß sie die An­wendung von Prinzipien, die die wichtigsten Komponenten der erblichen Leibeigenschaft waren, die Legalität sicherte, schuf sich im rechtlichen Sinne das System selbst.

Quellenverzeichnis

Gusztáv Heckenast: Aus der Geschichte der ostmitteleuropäischen Bauernbewegungen im 16. - 17. Jahrhundert. Budapest, 1977

Denis Silagi: Ungarn. Edition Zeitgeschehen. Hannover, 1964. 2. Auflage.

Peter Gunst: Der ungarische Bauernaufstand von 1514, in: Theodor Schieder und Lothar Gall (Hrsg.): Historische Zeitschriften — Beiheft 4. München, 1975.

Imanuel Geiss: Geschichte griffbereit / Nr. 5 - Begriffe. Dortmund, 1993.

Verfasser: Lars Ahlström und Kai Radewald

 

Von Admiral Horthy bis zum Terror der Pfeilkreuzler

1. Ungarn von zwischen den Weltkriegen

Nach dem militärischen Zusammenbruch zerfällt am 11.11.1918 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Der Niederlage im ersten Weltkrieg folgte der vernichtende Vertrag von Trianon, der Un­garn 60% seiner Bevölkerung und 75% seines Gebietes nahm. Was blieb, war die magyarische Mitte, hauptsächlich das Karpatenbecken, belastet mit schwersten sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Ungarn verliert Siebenbürgen, die Slowakei, Teile von Oberungarn, das Burgenland, Teile Südun­garns und Kroatien. Im Oktober 1918 wurde Graf Tisza ermordet, König Karl IV. (in Österreich Karl I.) bestimmte Graf Mihály Károlyi zum Ministerpräsidenten.

Am 16.11.1918 ließ dieser die Republik ausrufen. Kroaten, Rumänen, Tschechen und Serben beanspruchten ungarisches Gebiet. Der Kom­munist Béla Kun übernahm im März 1919 die Regierung. Ungarn wurde zu einer Räterepublik, die sich bis zum 1. August halten konnte. Unter starkem Druck der westlichen Siegermächte des Ersten Weltkrieges, die einen weiteren kommunistischen Staat in Europa nicht akzeptieren wollten, und unter bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in Ungarn wählte 1920 die Nationalversammlung Horthy zum »Reichsverweser des Königreichs Ungarn«, d.h. zum Statthalter für eine nicht mehr existierende Königschaft der Habsburger Dynastie und damit zum regierenden Staatsoberhaupt.

Unter Horthy erhielt Ungarn wieder den Titel »Apostolisches Königreich« und geriet auf einen faschistischen Kurs. Die Staatsform orientierte sich an seinerzeit verbreiteten reaktionär-ständestaatli­chen Modellen – der »Monarchie ohne Monarchen« –, wie sie parallel dazu ebenfalls in Österreich im Dollfuß-Regime vor dem »Anschluß« an Hitler-Deutschland herrschten. 1921 wurde Karl IV. auch formal abgesetzt, nachdem er schon mit Kriegsende 1918 in Österreich abgesetzt worden war. Im Innern konnten die dringendsten sozialen Probleme nicht gelöst werden, es herrschte der »weiße Terror« gegen alle linken, liberalen, demokratischen und fortschrittlichen Kräfte in Ungarn.

Außenpolitisch schloß sich Ungarn an Deutschland und Italien an. An der Seite der Achsenmächte trat Ungarn am 23. Juni 1941 in den II. Weltkrieg ein. Den deutschen Truppen wurde der Durch­marsch während des Balkan-Feldzuges gestattet; auch Nachschub und Entsatz zu den Kriegsschau­plätzen in Jugoslawien und Griechenland liefen durch Ungarn, das sich selbst jedoch nicht mit eige­nen Truppen an den Kämpfen beteiligte, politisch aber immer abhängiger von Deutschland wurde. Horthy versuchte 1944, als sich die Niederlage Hitler-Deutschlands abzeichnete, das Engagement mit Hitler-Deutschland zu lösen und aus dem Krieg auszutreten. Erste Kontakte zur anrückenden sowjeti­schen Armee wurden schon geknüpft und Versuche zu Kontakten mit den Westalliierten unternom­men. Daraufhin wurde Horthy von den Deutschen, die zuvor – als politische Erpressung – seinen Sohn gefangen gesetzt und ihn als Geisel ins Deutsche Reich gebracht hatten, zur Abdankung ge­zwungen; Nachfolger wurde Szálasi, der Führer der Pfeilkreuzlerbewegung. Deutsche Truppen be­setzen am 19. März Ungarn. Es begann eine bis zum Kriegsende dauernde Schreckensherrschaft, in der systema­tisch die jüdische Bevölkerung Ungarns nach Auschwitz verschleppt und ermordet wurde. Buda wurde gegen die heranrückenden sowjetischen Truppen zur »Festung« erklärt, was erbitterte Kämpfe an der Donau und große Zerstörungen in der Stadt, einschließlich der Sprengung aller Do­naubrücken durch die Deutschen, nach sich zog.

Im Dezember wird von Widerstandskämpfern unter der Führung der ungarischen Kommunisten in Debrecen eine provisorische Regierung gebildet, die Deutschland den Krieg erklärt und mit der Sowjetunion einen Waffenstillstand schließt. Am 4.4.1945 endet die deutsche Be­satzung in Ungarn.

1944/45 wurde Ungarn von sowjetischen Truppen besetzt. Nach Kriegsende regierte zunächst die Kleinlandwirtepartei unter Zoltán Tildy die am 1.2.1946 ausgerufene Republik. Die Zwangsumsied­lung der Deutschen aus Ungarn folgte. Der Großgrundbesitz wurde enteignet. Im Friedensvertrag von Paris (1947) wurden die Grenzen von 1938 wiederhergestellt und Ungarn für reparationspflichtig er­klärt. Unter dem 1. Sekretär der KP Rákosi, der schon seitlängerer Zeit der eigentliche Machthaber in Ungarn war, kam es 1948 zur Zwangsvereinigung der KP mit den Sozialdemokraten. Die bürgerli­chen Parteien wurden aufgelöst, das Einparteiensystem eingeführt. Am 20.8.1949 wurde die Verfassung der Volksrepublik Ungarn verkündet.

2. Die Personen:

Karl I./IV. aus dem Hause Habsburg

Karl war nach der Verfassung der kaiserlich-königlichen österreichisch-ungarischen Doppelmonar­chie als Karl der Erste Kaiser von Österreich (1916-1918) und als Karl der Vierte König von Un­garn. Er wurde am 17.8.1887 in Persenbeug geboren und starb am 1.4.1922 in Funchal (Ma­deira). Nach der Ermordung seines Oheims Franz Ferdinand am 28.6.1914 wurde er Thronfolger und folgte damit Kaiser Franz Joseph. Obwohl er den Nationalitäten in letzter Stunde Autonomie ver­sprach, mußte er am 11.11.1918 abdanken und ins Ausland gehen. Zweimalige Putschversuche in Ungarn scheiterten, und die Entente bestimmte seine Internierung auf Madeira.

Miklós (Nikolaus) Horthy von Nagybánya

Horthy wurde am 18.6.1868 in Kenderes geboren und starb 1957 in Estoril. Er war Admiral und Oberbefehlshaber der österreichisch-ungarischen Flotte und führte 1919 die gegenrevolutionäre Na­tionalarmee an. Von 1920 bis 1944 war er Reichsverweser und verhinderte in dieser Zeit (1921) zwei Restaurationsversuche Kaiser Karls. Er war es auch, der der ungarischen Politik revisionistisch und konservative Züge gab. Horthy beteiligte sich 1938 an der Aufteilung der Tschechoslowakei und 1940 Rumäniens. Er führte Ungarn 1941 auf starkes Drängen Deutschlands in den Krieg. Als er 1944 ver­suchte, zu einem Sonderfrieden zu kommen, wurde er von Hitler in Deutschland interniert, war dann 1945/46 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und lebte von 1949 an in Portugal. Sein Sohn Ste­phan Horthy fiel 20.8.1942.

Ferenc Szálasi

Szálasi wurde am 6.1.1897 in Kaschau geboren und starb am 12.3.1946 in Budapest. Er war der Führer der faschistischen Pfeilkreuzlerpartei und der Hungaristenbewegung. Am 16.10.1944 auf Ver­anlassung der deutschen Besatzung zum Ministerpräsidenten ernannt. Als Nachfolger Horthys und Staatsoberhaupt (»Führer der Nation«) errichtete er in den letzten Monaten des Krieges ein faschisti­sches Terorregime (Judendeportationen). Nach dem Krieg wurde er von den USA an Ungarn ausge­liefert und hingerichtet.

Mátyas Rákosi

Rákosi wurde am 9.3.1892 in Ada geboren und starb am 5.2.1971 in Gorkij. 1919 war er an der Rä­terepublik Béla Kuns beteiligt, 1944 Generalsekretär der KP und stellvertretender Ministerpräsident. Ab 1952/53 war er Ministerpräsident bis er im Aufstand 1956 gestürzt wurde. Danach lebte er in der UdSSR.

3. Glossar / Erläuterungen:

revisionistisch = von Revisionismus: das Streben nach Änderung eines bestehenden [völ­ker­recht­li­chen] Zustandes oder eines [politischen] Programms (in der sozialistischen Bewe­gung seit dem 19. Jahrhundert die, meist kritisch oder diffamierend gebrauchte, Bezeichnung für die sozialde­mokratische Richtung, die die kommunistische Revolutionslehre mit dem Ziel der Errichtung der »Diktatur des Proletariats« und der Lehre von der »Vorreiterrolle« der Partei ab­lehnte).

KP   = Kommunistische Partei.

Pfeilkreuzler = Name der ungarischen Nationalsozialisten (analog zum ›Hakenkreuz‹ der NSDAP).

(Reichs-)Verweser = Verwalter, Statthalter; im Mittelalter nichtgekrönter oder erbfolgeberechtigter Regent während eines Interregniums zur Sicherung dynastischer Ansprüche. Titel von Admiral Horthy 1920-1944.

Ständestaat = Staatsform, in der die verschiedenen sozialen Gruppen (Stände) unterschiedlich und separat repräsentiert wurden und damit auch unterschiedliche politische Partzizipationschancen bekamen. Der Staat organisiert sich in der Ständeversammlung. Nach dem Ersten Weltkrieg verbreiteten sich ständestaatliche Vorstellungen vor allem zur Abwehr egalistischer Gesell­schaftsmodelle, wie die der Demokraten und der Sozialisten, die von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen ausgehen. In Republiken wie Österreich sammelten sich auch Monarchisten unter dem ständestaatlichen Modell einer »Monarchie und Adelsherrschaft ohne Monarchen«.

4. Quellen:

1. Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg. Düsseldorf 1994 (Econ Verlag)

2. Janusz Piekalkiewicz: Der Zweite Weltkrieg. Düsseldorf 1994 (Econ Verlag)

3. Das moderne Lexikon Gütersloh 1972 (Bertelsmann Verlag)

4. Illustrierte Welt-Geschichte. Bände I-III. Stauffacher Verlag 1965

5. »Ungarn«. Reiseführer. Grieben Verlag 1986

6. »Ungarn«. Reiseführer. Polyglott Verlag 1988/89

Verfasser: Fabian Peukert


 

Der ungarische Volksaufstand 1956[5]

Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus: Rákosi - Nagy - Kádár

Mátyás Rákosi (1892 - 1971): Generalsekretär der Kommunistischen

 Partei - Ungarischer Diktator - Gewählter Ministerpräsident

Nachdem Mátyás Rákosi im I. Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geraten war, hatte er sich nach der Entlassung in seine Heimat Ungarn der Kommunistischen Partei angeschlossen. Während der Rätediktatur hatte er den Posten eines Parteisekretärs innegehabt und in der Schlußphase den Oberbefehl über die Roten Garden geführt. Über Wien emigrierte er in die Sowjetunion und war bis zum Schluß als Sekretär im Exekutivkomitee der KOMINTERN (Kommunistische Internationale) tätig gewesen. Mit dem Auftrag, den Wiederaufbau der Kommunistischen Partei Ungarns zu leiten, kehrte er 1924 nach Ungarn zurück, wo er in der ersten Zeit im Untergrund operierte, dann aber auf legale Weise mit seiner Partei, der Ungarischen, Sozialistischen Arbeiterpartei (Magyarországi Sociali­sta Muncáspárt) versuchte, die protestierende und streikende Arbeitermenge , die gegen soziale Not und ihre politische Rechtslosigkeit Einspruch erhob, mit populären Parolen für sich zu gewinnen. Nach hartem Durchgreifen der Polizei 1925 wurde Ràkosi verhaftet und in einem Schauprozeß 1926 zu lebenslanger Haft verurteilt, aus der er erst 1940 in die UDSSR abgeschoben worden ist.

Als er im Februar 1945 mit detaillierten Informationen in Ungarn eintraf, um die MKP (Magyar Kommunista Párt) auf den von Stalin vorgegebenen Kurs zu bringen, fand er schon eine kleine Basis, eine 2000 - 3000 zählende Anhängerschaft unter der Führung Ernö Gerö und Imre Nagy (siehe Imre Nagy), vor. Am 23. Februar wurde das am 19. Januar aus der Illegalität herausgetretene Zentralkomi­tee der Budapester Kommunistischer Partei und ihre Depreciner Zentrale unter seiner Leitung verei­nigt und er selber zum Generalsekretär ernannt.

Rákosi, der auf dem III. Parteitag der MKP vom 29. 09. bis zum 01. 10. 1946 als Generalsekretär be­stätigt worden war und die Partei fest im Griff hatte, wollte keine Schauprozesse gegen die Oppositi­onsführer (die Antimarxistische Opposition hatte versucht mit der unabhängigen Partei der »Kleinen Landwirte« eine Koalitionsregierung gegen die Kommunisten und Sozialdemokraten zu bilden, schei­terten jedoch) sondern bevorzugte eine ›weiche Welle‹, wobei er sie durch die Ankündigung, daß ge­gen sie ein Prozeß vorbereitet und daß ihre parlamentarische Immunität aufgehoben werden würde, zur Flucht in den Westen drängte.

Auf dem I. Parteitag der Marxistisch - Leninistischen Einheitspartei am 13. /14. 06. 1948, die sich nun »Partei der Ungarischen Werktätigen« nannte (Magyar Dogozók Párja; MDP) und über 1,1 Mil­lionen Mitglieder zählte, wurde Rákosi erneut das Amt des Generalsekretärs zugesprochen. Er setzte sich zusammen mit dem gewählten Parteivorsitzenden Szakasits und dessen Stellvertreter Kádár (siehe János Kádár) als Ziel für die nahe Zukunft die völlige Demokratisierung des Staatsapparates, Vorbereitung einer neuen Verfassung, Verbesserung des Lebensstandartes durch die Entwicklung der Produktionskräfte, Aufhebung des Bildungsmonopols der begüterten Klasse, Festigung der interna­tionalen Stellung des Landes und Vertiefung der Beziehung zu der UDSSR.

Mit der Verankerung der Einmanndiktatur Rákosis Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre in Ungarn, waren viele Säuberungsaktionen verbunden, die Rákosi und seine Getreuen benutzten, um sich po­tentiell gefährlicher Konkurrenten zu entledigen. Diesen Säuberungen fielen 1950 ca. 4000 Sozialde­mokraten zum Opfer.

Den Pressionen Stalins ausgeliefert und unter seinen Landsleuten zunehmend verhaßt, konnte Rákosi allein mit der Verbreitung von Furcht und Schrecken seinen Machtbereich über Ungarn ausbauen und nach dem Ausschalten sämtlicher Konkurrenten dann seinen eigenen Personenkreis seines Ver­trauens aufbauen. An seinem 50. Geburtstag, dem 09. März 1952 war er enthusiastisch von der Par­tei und den Offiziellen des Staates gefeiert worden. Die ihm zuteil werdenden »Panegy Lobhude­lei­en« wurden nur noch vom Stalinkult übertroffen.

Auf dem II. Parteitag der MKP vom 25. Februar bis zum 02. März 1951 in Budapest kamen zudem nur solche Genossen in Führungspositionen, die sich dem von dem Moskowitern eingeschlossenen Kurs blindlings anschlossen und die nationale Führungsrolle Rákosis nicht in Frage stellten. Als Rákosi am 14. August 1952 auch das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, obgleich die von ihm verfolgte Wirtschaftspolitik Ungarn in eine schwere Krise getrieben hatte, wodurch er auf Grund sei­ner leeren Versprechungen [...keine Macht der Welt wird es gelingen, ... den von der Landform begünstigten ihren Boden wegzunehmen, solange die Kommunisten an der Regierung sind. ...”] nur den Zorn der Bevölkerung und Kleinbauern auf sich zog.

Nach Stalins Tod beschlossen die führenden Personen in Rußland, eine etwas flexiblere Politik einzu­schlagen und die russische Dominanz nicht länger durch Terror und nach Polizeimethode zu reprä­sentieren. Diese Notwendigkeit, den Polizeiterror abzubauen, weckte bei Rákosi und seinen engsten Mitarbeitern zwar Mißtrauen, jedoch an Gehorsam gewöhnt, ließen sie sich vom propagierten neuen Kurs überzeugen.

Eine Woche nach dem Ausbruchs des Arbeiteraufstands in der DDR wurden Rákosi, Gerö, Farkas und der inzwischen als stellvertretender Ministerpräsident amtierende, politisch aber einflußlose Nagy, in den Kreml zitiert; nach hitzigen Auseinandersetzungenmit den sowjetischen Genossen sah sich der als jüdischer König von Budapest‹ verspottete Rákosi gezwungen, mit dem Amt des 1. Parteivorsit­zenden vorlieb zu nehmen und die Regierungsgeschäfte an den durch die Säuberungen nicht belaste­ten Nagy zu übergeben. Bald aber wurde deutlich, daß Rákosi und seine dogmatischen Gefolgsleute nicht bereit waren, ihre Stellungen kampflos zu räumen, zumal sie ihre Bastionen in den Planungsbe­hörden und der Wirtschaftsverwaltung behaupten und die Ernennung von Ernö Gerö zum Innenmini­ster durchsetzen konnten.

Rákosi zögerte auch nicht, zu den Prinzipien der alten stalinistischen »Mondökonomie« zurückzukeh­ren und die Disproportionen zwischen dem Eisen- und Stahlsektor auf der einen, der Leichtindustrie, der Konsumgütererzeugung und der Landwirtschaft auf der anderen Seite zu vergrößern.

Seit dem Sommer 1955 befand sich die Rákosi-Führung aufgrund ihrer Weigerung, nach sowjeti­schem Vorbild, ihre Verantwortung ander ›Antititoistischen Kampagne‹ offen zu bekennen und die Opfer der Terrorprozesse in aller Form zu rehabilitieren. Mit kaum verhohlener Billigung Chruscevs von Seiten Jugoslawiens immer intensiveren Angriffen ausgesetzt, wodurch sich das Innenpolitische Klima in Ungarn langsam aber stetig veränderte. Nicht nur die Intellektuellen und Künstler, sondern auch die entlassenen Häftlinge, jüngere Parteifunktionäre und -Aktivisten verlangten eine Überprü­fung der Parteilinie, eine Offenlegung der Verantwortung und eine Bestrafung der Schuldigen. Bei der tiefen Kluft zwischen der Bevölkerung und dem stalinistischen Regime sah sich Rákosi gehalten, durch marginale Zugeständnisse eine weitere Zuspitzung der Spannungen zu unterbinden (als Beispiel sei hier angeführt, daß Journalisten nur noch eine bescheidene Pressearbeit und -freiheit gewährt wurde).

Rákosis unzeitgemäßes Vorgehen beschwor die Gefahr einer ungleich bedrohlichen Explosion in Un­garn herauf. Aus diesem Grund traf am 17. Juli 1956 in Budapest ein Botschafter mit dem Auftrag ein, für die Ablösung Rákosis zu sorgen. Tags darauf trat dieser aus ›gesundheitlichen Gründen‹ zu­rück (Nachfolger wurde Ernö Gerö) und begab sich in das sowjetische Exil, das er bis zu seinem To­de nicht mehr verlassen sollte.

János Kádár (1912 - 1989): Kommunist - Innenminister -

 Parteisekretär - Revolutionär - Konterrevolutionär -

 Ministerpräsident

Eingearbeitet in die geschichtlichen Ereignisse und in Verbindung mit Imre Nagy

Kádár begann schon sehr früh seine politische Laufbahn, trat er doch mit 17 Jahren (1929) der Kommunistischen Partei bei, deren offizielles Erscheinungsbild dem Ursprünglichen wenig glich, da der Kommunismus zu dieser Zeit auf wenig Gegenliebe stieß, zeitweilig sogar im Untergrund aktiv war. Während des II. Weltkrieges war er wesentlich an der Bildung von Widerstandsgruppen beteiligt, nähere Informationen über sein Wirken als Widerstandskämpfer und in der Widerstandsbewegung sind fast gar nicht überliefert worden; deshalb ist es sehr schwer, ein objektives Bild Kádárs für diese Zeit zu bilden.

Noch während des Krieges wurde er 1942 Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei (KP), dies geschah vornehmlich durch die Verschmelzung der KP und einem Teil der Sozial­demokratischen Partei, desweiteren schaffte er es, 1945 in das Politbüro aufzusteigen.

Nach Kriegsende, 1948, übernahm Kádár das Amt des Innenministers unter der Staatsführung von László Rajk, an dessen späterer Hinrichtung er auf Grund von falschen und bewußt gefälschten Aus­sagen über Rajks nie vorhandene Spionagetätigkeit maßgeblich beteiligt war.

Anfang 1951 wurde er als Mitglied des ZK und des Politbüros noch bestätigt, obwohl schon zu die­sem Zeitpunkt erhebliche Differenzen zwischen der neuen Staatsführung unter M. Rákosi, der Nach­folger Rajks, im Gegensatz zu diesem aber stalinistisch gesinnt, und Kádár bestanden. Seine Abset­zung und die damit verbundene Anklage auf Spionage, des Hochverrats und der Abweichung von der Parteilinie waren unumgänglich, wenn auch in dieser Härte nicht unvorhersehbar, da auf dem II. Par­teitag der KP in Budapest nur solche Leute in führende Positionen kamen, die auf dem Moskauer, und damit auch Rákosis, Kurs mitschwammen und nicht an der Vormachtstellung Rákosis als Gene­ralsekretär zweifelten. Obgleich stellvertretender Vorsitzender der Partei, zusammen mit Farkas, sei­nem späteren Peiniger und Folterer in der Haft, war seine Eigenständigkeit bei der Parteiführung nicht gern gesehen. Er blieb bis August 1954 in Haft.

Bis zu seiner vollständigen Rehabilitation vergingen noch zwei weitere Jahre, in denen es ihm sogar untersagt war, sich in irgendeiner Art und Weise politisch zu betätigen. Jedoch sollte er 1956 sich im Auftrag der Arbeiterpartei an Gesprächen mit dem kurz vorher angeklagten Nagy beteiligen; bemer­kenswert dabei ist vor allem, daß Nagy inhaltlich nahezu das Identische vorgeworfen wurde, wie Kádár, und eben dieser sollte nun Nagy dazu bringen, seine vermeintlichen Schandtaten wie Partei­feindlichkeit, gelebter Antimarxismus und Verrat öffentlich zu bekennen.

Rákosis kurzzeitige Alleinherrschaft, hatte er doch nun keine Verpflichtung gegenüber einem direkten Vorgesetzten, war jedoch nur von kurzer Dauer, da Tito in Jugoslawien rehabilitiert worden war, ähnlich wie andere Kommunisten, darunter auch der »Genosse« Rajks.

Am 18. Juli 1956 wurde Rákosi auf Weisung Moskaus abgesetzt, da das einstige Hätschelkind für die oberste kommunistische Führung nicht mehr tragbar schien; war er doch als Tito – Feind weithin be­kannt und stand damit der Aussöhnung Chruschtschows mit Jugoslawien im Weg, so daß er für ein sichtbares Bauernopfer herhalten mußte.

Sein Nachfolger und engster Mitarbeiter, Ernö Gerö, der an dem alten Kurs weitgehend festhielt und mit seiner Wirtschaftspolitik Ungarn in eine schwere Krise führte, stieß bei dem einfachen Volk, wie auch bei den Intellektuellen, auf erheblichen Widerstand. Die Schriftsteller und Literaten forcierten in ihrer Literaturzeitung die Stimmung des Volkes gegen die Regierung. Vor allem der Drang nach Frei­heit (in diesem Fall nicht zu verwechseln mit Antisozialismus !) und Kritik an Gerö und seinen Ge­nossen machte den Menschen Mut, sich so wie die Schriftsteller zu äußern; beispielhaft dafür ist ein Artikel des renommierten Dramatikers Gyula Háy:

“Es sollte erlaubt sein, marxistisch zu denken,

es sollte jedoch auch erlaubt sein, nichtmarxistisch zu denken;

es sollte erlaubt sein, Gott zu leugnen,

aber es sollte auch erlaubt sein an die Allmacht Gottes zu glauben.”

Die Regierung Gerös versuchte die in Aufruhr befindlichen Massen durch ›noble‹ Gesten zurückzu­gewinnen, tat dies jedoch nicht mit der notwendigen Intensität. Die Gesten bestanden zum einen aus der vollständigen Rehabilitierung Rajks, sowie der Verhaftung Farkas’.

Die offizielle Beisetzung Rajks spottete nur jeglicher Beschreibung, standen da doch die Genossen und Funktionäre, die für die Hinrichtung verantwortlich zeichneten und hielten schwungvolle Grabre­den über den Helden Rajk, jedoch ohne nur ansatzweise die eigenen Fehler einzugestehen.

Andererseits war die Beisetzung Rajks ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Revolution im Ok­tober. Zum einen war durch diese Handlungsweise die Fehlbarkeit des kommunistischen Systems zu­gegeben worden, andererseits da die Feierlichkeiten und Selbstglorifizierung der Funktionäre das Volk in Wallungen brachte, die sie, da es sich ja um eine behördlich genehmigte Feier handelte, in Kundgebungen und Massendemonstrationen ausleben konnten. Diese Tausende, deren genaue Zahl ist nicht bekannt, demonstrierten nicht für den ehemaligen Polizeiminister, sondern für das Stückchen neue Freiheit.

Annähernd drei Wochen später kam es zu den gefürchteten Ausschreitungen in Budapest. Demon­strierten anfangs mehrere Tausend Menschen vor dem Rundfunkhaus am 23. Oktober 1956 friedlich und unbewaffnet, so kam es nach Eintreffen der sowjetischen Panzern am Stadtrand von Budapest und der Eröffnung des Feuers durch AVH - Einheiten (kommunistische Geheimpolizei) zu bewaffne­ten Gegenangriffen der nunmehr aufgerüsteten Bevölkerung. Die ungarische Armee erhielt zwar ei­nen klar definierten Marschbefehl gegen die Demonstranten, jedoch verhielt sie sich anfangs neutral und in Wartestellung in den Kasernen um, und vor allem in, Budapest. Durch den Einsatz der schwe­ren Panzer aus der UDSSR expandierte der Konflikt zum nationalen Kampf gegen Moskau.

Die oberste kommunistische Führung in Armee und Politik unterschätzte den Durchhaltewillen der Aufständischen, ähnlich der Führung in Moskau, die ein Ende der Kämpfe für die Abendstunden vorraussagte. Demgegenüber standen am nächsten Morgen die Eroberungen der Aufständischen der vergangenen Nacht. Über den Aufenthaltsort und Handlungsweise von Kádár während des Aufstands ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist darüber bekannt, ob Kádár über die ›Mißstände‹ in der Armeefüh­rung bescheid wußte, da im Verteidigungsministerium die Offiziere, vor allem die jüngeren, teilweise die Aufständischen mit Befehlen stützte, d.h. Truppenkommandeure erhielten den Befehl, nicht ein­zugreifen und bei Anfrage nach Waffen diese auch herauszugeben, um weitere Konflikte zu vermei­den.

Am Abend des 14. Oktober verkündete Kádár seine Mißbilligung gegenüber des Aufstands. Diese Meinung änderte sich am darauffolgenden Tag, als er zum Nachfolger Gerös, er wurde von dem glei­chen Gesandten Moskaus aus dem Amt »entlassen«, wie damals Rákosi, als Erster Sekretär des Zen­tralkomitees ernannt wurde dergestalt, daß er sich hinter die Bestrebungen der Aufständischen stellte. Weitere zwei Tage vergingen, bis die oberste kommunistische Führung Handlungsbedarf zeigte, da ein militärischer Erfolg der revolutionierenden Massen in Sicht kam, zumindestens in Budapest. An­dere Landesteile waren aber ebenso in Aufruhr, ging es hier doch um die politische Zukunft des Lan­des. Unbeeindruckt dessen verhandelte die Gesandtschaft aus Moskau, die sich im Budapester Regie­rungsgebäude seit einigen Tagen aufhielt, und die Führung der Kommunistischen Partei Ungarns, Im­re Nagy und János Kádár, über die weitere Vorgehensweise. Sie forderte ungeschränkte Handlungs­vollmacht ein und überließ der Parteiführung nur eine gewisse Autonomie in bezug auf Regierungsge­schäfte. Ihr Konzept bestand ferner aus der Beseitigung einiger wesentlicher Kritikpunkte der Auf­ständischen, wie die Zurückdrängung der kompromittierten Stalinisten, dieverse Erleichterungen im Handelsverkehr, selbstverständlich nur im ungarisch-sowjetischen, sowie der Abzug der sowjetischen Truppen, dies allerdings nur unter ›bestimmten Bedingungen‹, die nicht näher erläutert werden, und zu einem noch ungewissen Zeitpunkt vollzogen werden sollte.

Dieses Moskauer Programm galt es nun der Bevölkerung derart zu übermitteln, daß es sämtliche Kampfhandlungen einstellte und wieder die Arbeit aufnahm, desweiteren, um die Macht der Reform­kommunisten zu erhalten. Diese Aufgabe fiel Kádár zu, der als Erster Sekretär des ZK für dieses Programm in den Augen der Öffentlichkeit verantwortlich zeichnen sollte, um das Vertrauen auf sich zu ziehen. Es wurden desweiteren sogenannte Arbeiterräte gebildet, die in den Fabriken die Zusam­menarbeit zwischen der Partei und der Bevölkerung garantieren sollten, ebenso wurden wesentliche Änderungen in der Agrar- und Volkswirtschaft, sowie in der politischen Führung versprochen und realisiert. Das neu definierte Ziel war ein “...demokratisches und sozialistisches, ein unabhängiges und souveränes Ungarn...”.

Ein weiterer Meilenstein der Oktoberbewegung war der 30. Oktober, als Kádár über den Rundfunk, eine wichtige Waffe für die Aufständischen und Regierung gleichermaßen, verkünden ließ, daß die Regierung mit der Forderung nach dem Mehrparteiensystem einverstanden sei. Während nun die Kommunistische Partei sich in der Ungarisch Sozialistischen Arbeiterpartei Ungarns (USAP) neu or­ganisierten, unter der Führung Kádárs und Nagys, und sich die Bildung einer Koalitionsregierung an­bahnte, reagierte Moskau, nicht zuletzt auf Grund der Demarche Mao Tse - tungs (die Rolle dieser Person in der Revolution wurde in den behandelten Quellentexten entweder überhaupt nicht erwähnt, oder nicht beschrieben; wird an dieser Stelle nur aus Gründen der historischen Genauigkeit genannt[6]), mit der Erstellung erneuter Interventionspläne, während die ungarische Führung mit Scheinverhand­lungen und politisch - taktischen Versprechungen in ihrer Euphorie bestätigt wurde.

Es setzten erneut großangelegte Truppenbewegungen der sowjetischen Seite in das Territorium Un­garns ein, während ebenfalls am 1. November die Stadt Budapest als »Besatzungsfrei« galt. Während all dieser Zeit arbeiteten Kádár und Nagy eng zusammen, beide sprachen ihre

Handlungsweise miteinander ab, am 30. Oktober war Kádár sogar in die direkte Regierung mit auf­genommen worden.

Noch am Abend des 01. Novembers verhandelten diese beiden mit den Gesandten Moskaus um den weiteren Abzug der sowjetischen Truppen, als die Gesandtschaft im Anschluß an die Gespräche so­fort nach Moskau fuhr. Grund dafür war der kurz bevorstehende Angriff der Sowjettruppen, nach der Aufkündigung des Warschauer Paktes am Vormittag dieses Tages durch Nagy eine nicht verwun­derlicher Handlungsverlauf, da der Schritt der Ungarn sich direkt gegen die Führung in Moskau stell­te. Jedoch wollte Ungarn im osteuropäischen Staatengefüge verbleiben.

Am 04. November stürmten sowjetische Truppen, und vor allem Panzer, die ungarische Hauptstadt Budapest.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Kádár unverständlicher Weise in Moskau, während Nagy in Buda­pest versuchte, eine geeignete Reaktion auf den Einmarsch zu finden. Er alamierte die Bevölkerung und die ungarische Armee, während über Rundfunk die Bildung einer Gegenregierung ausgerufen wurde, an ihrer Spitze: János Kádár.

Nagy verstand langsam die Taktik der sowjetischen Unterhändler, war doch eine ungarische Militär­delegation, die sich am Vorabend mit den Sowjets zu Verhandlungen getroffen hatte, bis dahin sich nicht mehr gemeldet hatte, und auch jene ausgesandten Militärstreifen zum Verhandlungsort nicht wieder eingetroffen waren. Herauskam, daß der sowjetische Geheimdienstchef persönlich die Dele­gation verhaften ließ. Bemerkenswert ist auch, daß von anfänglichen Protest gegen die Verhaftung seitens des sowjetischen Delegationsleiters die Rede ist. Jedoch vermochte er sich nicht dem Ge­heimdienstchef zu widersetzen.

Kurze Zeit nach der Bekanntgabe der Gegenregierung, deren Parteikonzept dem des amtierenden Ministerpräsidenten bis auf zwei Punkte detailgetreu nachgeahmt war, floh das Kabinett Imre Nagy aus dem Regierungsgebäude, Nagy selbst in die jugoslawische Botschaft.

Die Konterrevolutionäre Regierung Kádárs, er selbst hielt sich in den Tagen der Konterrevolution in Prag und Moskau auf und kehrte erst in der Nacht vom 06. auf den 07. November nach Ungarn zu­rück, woraus sich schließen läßt, daß die Ansprachen Kádárs (es gab 2 Ansprachen) an das ungari­sche Volk von Band abgespielt worden sind, hatte in den ersten Tage und Wochen keinen Einfluß auf die Geschehnisse in Ungarn, war doch der oberste Befehlshaber der Sowjettruppen der vorrüberge­hende Staatschef, der für Ruhe sorgen und die Gegenregierung als ordentliche Macht etablieren soll­te. Später gab die Regierung Kádárs bekannt, sie habe die sowjetischen Truppen gerufen, um das un­garische Volk von der Regierung Nagy zu befreien. Diese Tatsache darf man als sachlich falsch be­trachten, da die Regierungsmitglieder Kádárs weder zu dem Zeitpunkt der Revolution im Amt war, noch das sie vom Volk überhaupt anerkannt waren (Imre Nagy wurde nie nach dem in Ungarn gel­tenden Recht als Ministerpräsident abgelöst; demnach endete seine offizielle Amtszeit erst mit dem Eintritt seines Todes; herbeigeführt durch die Gegenregierung Kádárs 1957).

 Kádár versuchte in der ersten Zeit die streikenden Fabrikarbeiter wieder zur Arbeit zu bringen und auf seine Seite zu ziehen, ähnlich der Arbeiterräte und der Intellektuellen, die alle die Revolution mit­gestaltet hatten und gegen die Sowjettruppen gekämft hatten. Erfolge konnten er, obgleich sein Par­teiprogramm dem des Nagy ja fast entsprach, nicht verzeichnen, so daß er Anfang 1957 zu großange­legten Vergeltungs- und Verhaftungsaktionen überging. Sondergerichte schickten wahllos 21 000 Menschen in die Gefängnisse, Grund: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Landesverrat und Beteili­gung an einer Revolution, sehr oft wurde auch ohne direkte Anklage verhaftet. In dieser Zeit wurden 450 Todesurteile ausgesprochen (nur nachgewiesene und belegbare Urteile, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches größer sein), unter diesen Toten waren auch Imre Nagy, der durch falsche Ver­sprechungen aus der Botschaft geholt worden war, sowie andere prominente Kommunisten und Intel­lektuelle. Während der darauffolgenden Jahre starben noch sehr viele Beteiligte der Revolution, stel­lenweise aus dem makabren Grund, daß die Volljährigkeit der Angeklagten erst abgewartet werden mußte, da man sie sonst nicht hätte hinrichten können.

Diese Aktionen der nun neuen Regierung wurden von den Sowjettruppen gedeckt und zusammen mit der ungarischen Geheimpolizei AVH ausgeführt, war doch Kádár alleine nicht zu solchen Handlun­gen fähig. Er versuchte einen behutsamen Annäherungskurs an die alten Zustände, insbesondere an das Monopol der Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung, so nannte die Kádár - Gruppe sich nun, und die Kollektivierung der Agrar- und Volkswirtschaft (ab 1958). Der Rethorik und dem takti­schen Kalkül Kádárs war es dann auch zu verdanken, daß diese Kollektivierungen 1961 friedvoll be­endet werden konnten, da er auf seine Überredungs- und Überzeugungskraft setzte und nicht auf die Waffen der AVH und der Sowjettruppen, die ja immer noch im Land present waren, nicht nur in Uniform, waren doch zahlreiche Schlüsselpositionen in Ministerien und der Wirtschaft, sowie der Po­litik, durch sogenannte »Berater« aus Moskau besetzt.

Sechs Jahre nach der Revolution und der blutigen Konterrevolution hatte sich das Leben der Ungarn wieder weitgehend normalisiert, wenn man ein Leben unter einer diktatorischen Regierung und unter stetem Freiheitsdrang überhaupt normal nennen kann.

Nach einer 600 Millionen-US-Dollar Subvention seitens der UDSSR und anderen kommunistischen Ländern, hatte sich die Wirtschaft weitgehend von dem wirtschaftlichen Chaos erholt, welches Gerö hinterlassen hatte. Während das außenpolitische Ansehen Ungarns durch János Kádár stetig wuchs, versuchte er in der Innenpolitik kleinere Reformen durchzusetzen, die schon während der Revolution gefordert worden waren, von ihm und der UDSSR aber blutig niedergeschossen worden waren. Ob­wohl offiziell noch ganz auf dem Kurs Moskaus, verlor das Parteibuch in Wirtschaft und Verwaltung immer mehr an Bedeutung, die fachliche Kompetenz spielte als Einstellungskriterium eine immer größere Rolle. Damit in Einklang waren auch die freie Meinungsäußerung und sogar die Durchset­zung von kritischen Standpunkten immer häufiger in der Wirtschaft und der Verwaltung vorhanden, förderten sie doch meistens die Produktivität und hoben den Lebensstandart der Bevölkerung, was Kádár stets als Gradmesser für die Funktionstüchtigkeit »seines« Sozialismus und seiner Beliebtheit ansah. Schließlich kam es nach dem XXII. Parteitag der KP in der Sowjetunion 1962 zu der Rehabi­litierung und Entlassung aller Gefangener der Konterrevolution, die noch nicht umgebracht oder nach Rußland deportiert worden waren, und der Häftlinge der Rákosi-Ära. Ebenso wurden Rákosi und Gerö nachträglich für deren Vergehen aus der Partei ausgeschlossen und damit geächtet.

Kádár hatte es geschafft, die Bevölkerung davon zu überzeugen, daß sie sich mit der ihnen gebotenen Lage abfinden müßten, was zu diesem Zeitpunkt auch noch gut möglich war, ging es der Bevölkerung finanziell so gut wie noch nie, ebenso hatten sie das Recht auf Auslandsfahrten in die kapitalistischen Länder zugesprochen bekommen. All diese Neuerungen waren aber nicht der Regierung und dem Verwaltungsapparat gutgeschrieben worden, das Volk sah in dem ehemaligen Kontorrevolutionär, der ehemaligen Marionette Moskaus und dem Verantwortlichen für Massenhinrichtungen und der Hin­richtung Nagys den idealen politischen Führer; nämlich János Kádár, dessen Ansehen schadete noch nicht einmal der Einsatz zweier ungarischen Divisionen bei der Niederschlagung des Prager Frühlings, wo ähnliche Reformen gefordert wurden wie 1956 in Ungarn.

Jedoch warnten führende Wirtschaftsfachleute vor dem Fall des Lebensstandards durch die marode und einseitige Wirtschaftsausrichtung. Es wurde daraufhin ein mehrgleisiges Wirtschaftssystem einge­führt, welches dafür sorge tragen sollte, daß das alte System gestützt werden würde und nach und nach durch Änderung in der Wirtschaftspolitik von Grund auf reformiert werden sollte.

Dafür war es jedoch zu spät. Zwar schaffte diese Neuerung noch einmal neue Kreditquellen aus dem Westen, aber diese wurden nicht sinnvoll in das neue Wirtschaftssystem investiert, sondern zur Stabi­lisierung ineffizient arbeitender Industriezweige mißbraucht.

Durch diese Fehleinschätzung verlor Kádár an Popularität in der Bevölkerung, Kritiker aus den Rei­hen der Wirtschaft und Politik forderten umfassende Reformen, zu denen der alternde Kádár aber nicht mehr Willens war. János Kádár wurde als 76jähriger im Mai 1988 aus dem Amt des Generalsekretärs der USAP abge­löst.

Stichwort: Stalinismus

Mit dem Namen Stalin verbindet sich eine Umwälzung der politischen, ökonomischen und gesell­schaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion, die man gelegentlich als eine zweite, bolschewistische Revolution bezeichnet hat. Im Gegensatz zum Jahre 1917 erfolgte unter Stalin die Veränderung der Gesellschaft als »Revolution von oben«.

Nach Lenins Tod (1924) kam es zu einem innerparteilichen Machtkampf um die Nachfolge des Par­teioberhaupts. Stalin vermochte sich gegen seinen ärgsten Konkurrenten Trotzki , sowie Sinowjew und Kamenew. Die beherrschende Rolle innerhalb der Partei zu spielen, gelang Stalin nicht zuletzt aus den Gründen, da er die Funktion und die damit verbundene Macht der Position des Generalsekre­tärs geschickt nutzte um die Personalpolitik in der Partei zu kontrollieren.

Stalins Aufstieg ist verknüpft mit der These vom »Sozialismus in einem Land« (1924). Sie bedeutet eine Abkehr von den bis dahin gültigen Lehren, daß die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft im rückständigen Rußland nur möglich sei in Verbindung mit einer Revolution in den westlichen In­dustrieländern, insbesondere Deutschlands. Nachdem sich ein Ausbleiben dieser Revolution klar ab­gezeichnet hatte, bekam Stalins Linie in Rußland erheblichen Zulauf. Aufbauend auf der These von der ›kapitalistischen Einkreisung‹lautete nunmehr das Ziel: Errichtung des Sozialismus aus eigener Kraft. Diese Doktrin richtete sich vor allem gegen seinen Erzfeind Trotzki und dessen These von einem ›permanenten Revolution‹. Trotzki hielt am revolutionären Imperialismus fest, da er den Aufbau des Sozialismus in einem derart isolierten Staat wie Rußland für unmöglich hielt.

Mit »Stalinismus« bezeichnet man heute sowohl die Periode von 1928 bis 1953, als auch eine spezi­elle Prägung des Herrschaftssystems, dessen Merkmale sind:

- Im Rahmen der zentralistischen Einparteien Herrschaft konzentriert sich die Macht an der Partei­spitze, insbesondere bei Ein Mann Diktaturen (Rákosi).

- Durch die Vernichtung der revolutionären Elite (Rákosi; Kádár), wird das Volk fast unterworfen

- Es entsteht ein bürokratisches Herrschaftssystem, das sich auf einen überdimensionierten Polizei­apparat stützt.

- Jegliche Opposition und oppositionelle Gruppen werden durch sogenannte Säuberungen ausge­schaltet (Rákosi; Kádár), Schauprozesse führen dazu, die Öffentlichkeit abzuschrecken und Sündenböcke für die Fehler der eigenen Politik zu finden.

- Liquidierungen, Massendeportationen und Zwangsarbeit werden zu den hervorstechenden Merkmalen des sowjetischen Stalinismus.

Anhang

Der letzte Aufruf Imre Nagy an das ungarische Volk über Rundfunk am 4. Oktober 1956 um 5. 20 Uhr, wiederholt in verschiedene Sprachen und mit der ungarischen Nationalhymne abgeschlossen (Übersetzer unbekannt):

“Hier spricht Imre Nagy, der Präsident des Ministerrates der ungarischen Volksrepublik. Heute bei Tagesanbruch haben sowjetische Truppen unsere Hauptstadt mit der offensichtlichen Absicht ange­griffen, die legale ungarische Regierung zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regie­rung ist auf ihrem Posten. Ich gebe diese Tatsachen unserem Volk und der ganzen Welt bekannt.”

Wenig später:

“Dieser Kampf ist der Freiheitskampf des ungarischen Volkes gegen die russische Intervention, und es ist möglich , daß ich nur noch ein oder zwei Stunden auf meinem Posten bleiben kann. Die ganze Welt wird erleben, wie die russischen Streitkräfte in Mißachtung aller Verträge und Konventionen den Widerstand des ungarischen Volkes brechen werden. Sie wird auch erleben, wie man den Mini­sterpräsidenten eines Landes, das den Vereinigten Nationen angehört, aus der Hauptstadt entfüh­ren wird. Daher kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es eine Einmischung in brutalster Form ist. Ich möchte in diesen letzten Augenblicken die Führer der Revolution bitten, das Land zu verlas­sen, wenn sie können. Ich bitte darum, daß alles, was ich in meiner Ansprache über Rundfunk ge­sagt habe, und das, worauf wir uns mit den revolutionären Führern während den Parlamentssitzun­gen geeinigt haben, in einer Denkschrift zusammengefaßt wird. Mit dieser mögen die Führer sich an die Völker der Welt um Hilfe wenden und mögen ihnen erklären, daß heute Ungarn betroffen wurde, morgen oder übermorgen aber werden andere Länder an der Reihe sein, weil der Imperia­lismus Moskaus keine Grenzen kennt und nur versucht, Zeit zu gewinnen.”

Dagegen formuliert Kádár in seiner von Band abgespielten Rundfunkerklärung um die gleiche Uhr­zeit:

“Die Ungarische Revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung. die im Interesse unseres Volkes, unserer arbeitenden Klasse und unseres Landes handelt, bittet das sowjetische Oberkommando, un­serer Nation bei der Vernichtung der finsteren Mäche der Reaktion und bei der Wiederherstellung von Ordnung und Ruhe in unserem Land zu helfen.

Nach der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung wird die ungarische Regierung Verhandlungen mit der Sowjetregierung und mit den anderen Teilnehmern des Warschauer Vertrages wegen des Abzugs der sowjetischen Truppen aufnehmen.”

Kádár beendet seine Bekanntmachung mit der Aufforderung an das Volk, die `gegenrevolutionären Banden `zu entwaffnen und der neuen Regierung bei der Erfüllung ihres Programms zu helfen. Hier­zu ist anzumerken, daß diese politische Erklärung mit 15 Punkten sich in nur zwei Punkten von dem entscheidet, was Ministerpräsident Nagy befürwortet hatte: nämlich in der Nichterwähnung der freien Wahlen und der Frage der Neutralität gegenüber des Warschauer Paktes und der NATO.

Verfasser: A. Schütte, R. Waldmann, T. Wege

Die landwirtschaftliche Entwicklung Ungarns

Einleitung

Die Sozialisierung der Landwirtschaft hat in Ungarn ebenso wie in den anderen ehemals sozialisti­schen Staaten zu schweren strukturellen Verwerfungen und Schäden geführt. Die Leistungsfähigkeit des Agrarsektors war, verglichen mit den westeuropäischen Staaten, gering. Im Rahmen der Trans­formation des bisher sozialistischen Wirtschaftssystems in eine Marktwirtschaft soll auch die Land­wirtschaft in Organisation und Struktur umgeformt werden. Dies gilt in besonderem Maße für die Ei­gentumsordnung. Von der Leistung eines privatwirtschaftlich organisierten Agrarsektors hängt nicht nur eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung ab, sondern teilweise auch – durch die Verrneh­rung des Warenangebots – der Erfolg antiinflationärer Maßnahmen der ungarischen Regierung.

Ungarn ist, anders als andere Staaten des »sozialistischen Lagers«, besonders in den Achtziger Jahren einen eigenen Weg gegangen, der auf Dezentralisierung im Agrarsektor und damit auf materielle Lei­stungsansätze abgestellt war, allerdings ohne daß die Sozialisierung aufgehoben worden wäre. Aus diesem Grund ist es ihm gelungen, ein Defizit in der Versorgung der Bevölkerung mit Agrarproduk­ten zu vermeiden. Darüber hinaus waren Agrarprodukte auch wichtige Exportgüter, die sogar im Handel mit der ehemaligen UdSSR gegen frei konvertierbare Valuta verkauft werden konnten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß auch die ungarische Landwirtschaft beim Übergang zur Marktwirtschaft vor großen Schwierigkeiten steht.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von 1945 bis 1970

Die Landwirtschaft Ungarns erlebte nach dem zweiten Weltkrieg bis in die siebzigerjahre hinein dy­namische Veränderungen, die in vielfältiger Weise auf den heutigen Transformationsprozeß nachwir­ken. Aus diesem Grunde werden im folgenden die wichtigsten Stationen der landwirtschaftlichen Entwicklung dargestellt, wu die Ausgangsbedingungen und Problemstellungen des Transformations­prozesses besser erkennen zu können.

Die Bodenbesitzreform von 1945

Gegen Ende des zweiten Weltkriegs war Ungarn ein Agrarland mit schwacher Industrie, rund die Hälfte der Beschäftigten war in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaft war noch stark feudali­stisch geprägt, hundert Jahre länger als in den Ländern Westeuropas. Mehr als ein Viertel der land­wirtschaftlichen Nutzfläche entfiel auf Großgrundeigentum mit mehr als 500 ha, allerdings erfolgte die Bewirtschaftung zum überwiegenden Teil im Wege der Verpachtung, wobei auch Unterverpach­tung üblich waren. Von den in der Landwirtschaft Beschäftigten hatten mehr als ein Drittel kein Grundeigentum, ein knappes Drittel besaß eine Fläche von weniger als 0,575 ha, nur ein Drittel war im Besitz einer größeren Fläche. Die wenigsten bäuerlichen Familienbetriebe waren überhaupt lebens­fähig, die überwiegende Mehrheit wirtschaftete am Rande des Existenzminimums.

Aufgrund dieser desolaten Situation der ungarischen Bauernschaft und der landlosen Landarbeiter wurden die Forderungen nach Enteignung der Großgrundbesitzer immer vehementer und der Kampf gegen das alte Besitzsystem begann bereits gegen Ende 1944. Schließlich verabschiedete die Ung;irische Provisorische Regierung unter Federführung der damaligen Kleinlandwirte-Partei am 18. März 1945 die Regierungsverordnung über die »Abschaffung des Großgrundbesitzsystems und der Bodenzuteilung an die Armbauern«.

Die Maximalgröße der Besitztümer sollte danach entsprechend der beruflichen Betätigung der Eigen­tümer festgelegt werden. Der maximale Landbesitz wurde somit bei Eigenbewirtschaftung auf 114 ha festgelegt, während Grundeigentümer die keiner landwirtschaftlichen Beschäftigung nachgingen, höchstens 57 ha behalten durften. Enteignet wurde jeder Großgrundbesitz über 575 ha. Es war zwar eine Entschädigung vorgesehen, aber mit der Einschränkung, daß nur bei ausreichender Finanzkraft der Regierung gezahlt würde, somit fiel dieser Ausgleich später gänzlich weg. Enteignet wurden auch die ungarischen Kirchen, die mit einem Anteil von 23 % die reichsten Großgrundbesitzer waren. Konfisziert wurden Besitztümer der Leiter faschistischer Organisationen, der Kriegsverbrecher und der Ungarndeutschen.

Die Struktur der ungarischen Landwirtschaft hatte sich somit grundlegend geändert, aus einer vorwie­gend durch Großbetriebe geprägten Landwirtschaft war eine kleinbäuerliche Landwirtschaft entstan­den, in der fast 70 % aller Betriebe weniger als 3 ha umfaßten. Die Landreform erwies sich sehr bald als Fehlschlag, denn die Mehrheit der Kleinbetriebe war bei dieser geringen Größenordnung nicht überlebensfähig.

Die Phase der »Kollektivierung« von 1948 bis 1961

Bereits am 20. August 1948 erfuhr die Agrarpolitik erneut eine Wende, als Mátyás Rákosi die Kol­lektivierungskampagne ankündigte. Als Vorbild für diese Maßnahmen dienten Kolchosen, für deren Leitung das sowjetische System der direkten staatlichen Kontrolle, die Machtstrulrtur sowie ein Staatsapparat noch sowjetischer Prägung übernommen wurden. Obwohl einige Vertreter der 1948 an die Macht gekommenen kommunistischen Elite ein langsames Vorgehen gegenüber den Bauern an­strebten, wurde bis 1953 eine unerbittliche Kollektivierungskampagne durchgeführt. So übte die Re­gierung durch höhere Steuerabgaben, Zwangsablieferung und geringe Erzeugerpreise, ökonomischen Druck auf die privaten Bauern aus, um ihren Widerstand zubrechen. Als Ergebnis der forderten Kol­lektivierung entstanden bis 1953 ca. 5.200 Produktionsgenossenschaften, wobei deren Anteil an der bewirtschafteten Fläche Ungarns ca. 26 % ausmachte; 15 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutz­fläche lagen brach. Die landwirtschaftliche Produktion des Jahres 1952 war auf das Niveau von 1945 zurikckgefallen. Für diese negativen Entwicklungen gab es mehrere Gründe. Zunächst führte das sy­stematische Ausbeuten und Unterdrücken der privatwirtschaftlichen Bauern dazu, daß sie zunehmend das Interesse an der landwirtschaftlichen Produktion verloren und viele ihre Höfe verließen. Bis 1953 waren bereits 600.000 Menschen aus der Landwirtschaft abgewandert, um in den Städten nach Ar­beitsmöglichkeiten zu suchen. Hinzu kam die völlig unstrukturierte Entstehung und Organisation von Produktionsgenossenschaften, in denen es an materiellen Anreizen, fachlichen und personellen Vor­aussetzungen für eine effiziente Produktion fehlte.

Die Agrarkrise erreichte 1952/53 ihren Höhepunkt, die sozialen Spannungen brachen offen aus, als die ländliche Bevölkerung gegen die Politik der Regierung demonstrierte. Aufgrund dieser Unruhen und den internationalen Gegebenheiten wurde im Juni 1953 Rákosi von Nagy als Premierminister ab­gelöst, was eine Kursänderung für die Agrarpolitik bedeutete. Nagy hielt zwar am Kollektivierungsge­danken fest, allerdings führte er das sogenannte »Prinzip der Freiwilligkeit« ein, sowohl Beitritt in die LPG, als auch Austritt waren daraufhin auf freiwilliger Basis möglich. Dies hatte zur Folge, daß sich 1954 viele Kollektivwirtschaften auflösten. Eirie Reihe von Maßnahmen wurden ergriffen, um die Belastungen der Bauernschaft zu vermindern, die minimalste Produktionsbedingungen zu schaffen und die elementarsten Bedürfnisse und Interessen der Produzenten zu erfüllen. Eine besonders wich­tige Maßnahme war die Reduzierung der Zwangsabgabequoten sowohl für Genossenschaften als auch für privatwirtschaftliche Bauern. Mit der Produktivität der landwirtschaftlichen Betriebe stieg auch der Lebensstandard der Bevölkerung.

Diese positive Entwicklung währte allerdings nicht lange, denn bereits zur Jahreswende 1954/55 übernahm Rákosi die Macht erneut. Die Regierung kehrte zum alten agrarpolitischen Kurs zurück. Die Steuern für die Landbevölkerung wurden wieder angehoben und die Zwangsablieferung wieder verstärkt als Druckmittel eingesetzt.

Im Oktober 1956 setzten erneut Unruhen ein, diesmal weiteten sie sich zu einem bewaffneten Kon­flikt aus. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes durch die sowjetische Arinee und der Kon­solidierung des Kádár-Regimes vollzog sich auch in der Agrarpolitik im Rahmen des neuen sozialen und nationalen Selbstbewußtseins, ein Richtungswechsel. Die neue agrarpolitische Richtlinien des Jahres 1957 waren sicherlich entscheidend für die spätere positive Entwicklung der landwirtschaftli­chen Genossenschaften und bedeuteten einen Anfang in der langsamen aber kontinuierlichen Beseiti­gung des staatlichen Lenkungssystems. Mit ihnen wurde u.a. bestimmt, daß landwirtschaftliche Pro­duktionsgenossenschaften aufgrund freiwilliger Entscheidungen der Bauernschaft gebildet werden können, ohne administrativen Zwang, aber mit wirtschaftlicher Unterstützung des Staates. Wichtig für die Entwicklung der ungarischen Landwirtschaft war bereits die Abschaffung des Zwangsabgaben am 25. Oktober 1956 gewesen, die noch unter der Übergangsregierung Nagys erfolgte. Schließlich wurde Ende 1958 erneut eine Kollektivierungskampagne aufgenommen, die 1961, diesmal mit vollem Er­folg, beendet war. Die Anzahl der Genossenschaftsbauern stieg von 169.000 im Dezember 1958 auf 1,2 Millionen im März 1961. Im gleichen Zeitraum nahm die Anzahl der LPGen von 2.775 auf 4.204 zu, ihr Anteil an der gesamten lanclwirtschaftlichen Nutzfläche erhöhte sich von 13,5 auf 67 %. Au­ßerdem gab es 270 Staatsgüter mit Betriebsflächen von durchschnittlich 3.600 ha. Die bäuerlichen Familienbetriebe waren bis auf unbedeutende Reste verschwunden.

Der neue ökonomische Mechanismus

und der Übergang zur großbetrieblichen Agrarproduktion

Nach den ersten Korrekturen in der Agrarpolitik 1957 folgten weite wichtige Schritte in den sechziger Jahren. So wurde 1966/67 die rigide Festlegung von obligatorischen Planzielen durch Lokal- und Regionalbehörden aufgehoben, dies bedeutete, daß fortan weder die LPGs noch die Staatsgüter Pro­duktionsanweisungen erhielten. Sie konnten weitgehend frei über Investitionen, den Absatz ihrer Er­zeugnisse und die Verteilung des Gewinns entscheiden, wodurch auch das Interesse an der Entwick­lung der großbetrieblichen Produklion anstieg. Zudem wurden private Hofwirtschaften innerhalb der kollektiven Großbetriebe zugelassen, ein Schritt, der die landwirtschaftliche Produktion außerordent­lich positiv beeinflussen sollte. In der Agrarwirtschaft wurden somit bereits vor Einführung des soge­nannten »Neuen ökonomischen Mechanismus« neue Wege beschritten. Dieser stellt für viele Autoren keinen eindeutigen Wendepunkt für die Landwirtschaft dar, vielmehr betonen sie immer wieder ihre Vorreiterrolle bei den Wirtschaftsreformen. Die Zugeständnisse von 1968 sehen sie als einen logi­schen Schritt in der agrarwirtschaftlichen Reformpolitik.

Mit den 1968 eingeleiteten gesamtwirtschaftlichen Reformen sollte, nach dem Vorbild der Landwirt­schaft auch Unternehmen aller anderen Wirtschaftszweige ein gewisser Spielraum für Eigeninitiative eingeräurint werden. Jeder Betrieb sollte unter geringer Beteiligung des Staates selbst über die Pro­duktionsstruktur und -Menge bestimmen. Die Reformer waren davon ausgegangen, daß die Wirt­schaftsentwicklung als Resultat des Marktgeschehens einerseits und der zentralen Lenkung anderer­seits entstehe. Die Funktionen des Marktes sollten aber im Gegensatz zu den marktwirtschaftlichen Systemen eingeschränkt sein, d.h. der Markt wird zentral reguliert und gelenkt. Allerdings wurde die direkte Lenkung im Rahmen der Zentralplanung schrittweise durch indirekte Eingriffe mit Hilfe von ökonomischen Regulatoren, wie Preis-, Steuer-, Kredit- und Subventionspolitik ersetzt. Die neuen Regulatoren bedeuteten speziell für die landwirtschaftlichen Betriebe, die Möglichkeit sich eine fi­nanzielle Basis zu schaffen, um unabhängig wirtschaften sowie sich aufgrund eigener Ressourcen entwickeln zu können. In diese Zeit fällt auch das Brechen mit dem »ehernen Gesetz«, wonach eine Planwirtschaft vor allem Wert auf die Schwerindustrie zu legen hatte und die Landwirtschaft nur zur Kapitalakkumulation diene, selbst in ihrer Entwicklung aber nicht gefördert wurde.

Die Reformen konnten nur vier Jahre lang störungsfrei wirken, danach hatten ab November 1972 ihre Gegner wieder die Macht im Zentralkomitee übernommen. Der zentralisierte Charakter des Wirt­schaftssystems und die Macht der zentralen Planungsbehörden wurde wieder gestärkt, die Entschei­dungskompetenzen der Unternehmen wieder beschnitten. Die Landwirtschaft hatte sich in den Jah­ren, in denen die Reforrnen voll wirken konnten, besonders positiv entwickelt, aber auch hier sollte es zu Rückschlägen kommen. Bereits 1975 machte sich die Rücknahme der Reformen in vielerlei Hin­sicht negativ bemerkbar, u.a. waren die landwirtschaftliche Produktion zurückgegangen, das Budget­defizit angestiegen und die Produktionspreise durch Subventionen zunehmend verzerrter geworden. Dies erzwang eine Wiederbelebung der unterbrochenen Wirtschaftsreformen. Von nun an erhielten die Kleinproduzenten Hilfe, ihren Erzeugnissen stand der Markt wieder offen und unverhältnismäßig hohe Steuem wurden aufgehoben. Die Kleinproduzenten gewannen an Bedeutung und so konnte sich in begrenztem Umfang fortsetzen, was als »die Teilprivatisierung der ungarischen Landwirtschaft« bezeichnet wird.

Transformation der ungarischen Agrarwirtschaft

Ungarn entschloß sich nicht erst 1989/90, das System der Zentralplanung und das von der Sowjet­union übernommene Agrarmodell abzuschaffen, diese Entscheidungen wurden in Teilschritten bereits viel früher getroffen. Sicherlich war diese Zielsetzung weder in dem ersten Liberalisierungsprogramm unter Imre Nagys Regierung 1953, noch in der agrarwirtschaftlichen Reform von 1956 explizit ge­nannt worden und selbst im Rahmen des »Neuen Ökonomischen Mechanismus« war über die Ein­führung marktwirtschaftlicher Elemente nur in sehr begrenztem Maße gesprochen worden. Dennoch vollzog sich über die Jahre hinweg ein Reformprozeß innerhalb der ungarischen Agrarwirtschaft der Veränderungen im ökonomischen Mechanismus und in der Organisationsstruktur ergab, die den agrarwirtschaftlichen Unternehmen einen gewissen Entscheidungsspielraum gaben. Aufgrund politi­scher Erwägungen waren die Reformen aber von Kompromissen gezeichnet und führten nur zu Teil­erfolgen. Erst durch den politischen Umbruch von 1989 und mit dem Bekenntnis zur Marktwirtschaft kann daher eine Transformation der ungarischen Wirtschaft und somit auch der Agrarwirtschaft im eigentlichen Sinn vollzogen werden.

Die Umorientierung in der Agrarpolitik

Die ungarische Agrarpolitik brachte jahrzehntelang Ziele und Vorstellungen der sozialistischen Regie­rung Ungarns zum Ausdruck. Beim Übergang zur Marktwirtschaft wird sie Ziele neu formulieren müssen, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden und die Grundlagen für den Trans­formationsprozeß schaffen zu können.

Das Agrarprogramm von 1991

Nachdem die bürgerliche Koalitionsregierung die Macht von den Reformkommunisten übernommen hatte, benötigte sie ein Jahr, um ein Agrarprogramm zu erstellen, das dann im Rahmen des Wirt­schaftsprogramms, für die Jahre 1991 bis 1994 verabschiedet wurde. Dieses Agrarprogramm legte zwar neue Ziele und Aufgaben fest, aber das ungarische Landwirtschaftsministerium weist explizit darauf hin, daß die Agrarpolitik des sozialistischen Systems noch nicht durch ein neues, umfassendes agrarpolitisches Konzept sowie durch darauf gestützte und abgestimmte Handlungen ersetzt wurde. Vielmehr würde sich die neue ungarische Agrarpolitik in mehreren Schritten als Ergebnis fortlaufen­der Korrekturen entwickeln müssen.

Oberstes Ziel des Agrarprogramms von 1991 ist es, eine konkurrenz- und anpassungsfähigere und damit marktorientierte Agrarproduktion zu schaffen. Aus diesem Grunde fördert die Agrarpolitik Marktmechanisnien, in deren Rahmen Umfang und Struktur der Agrarproduktion in steigendem Ma­ße durch gegenseitig abgestimmte Entscheidungen der Produzenten, der Verarbeitungs- und Ver­triebsorganisationen und der Verbraucher bestimmt werden. Dabei möchte die Regierung nur noch die ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen vorgeben, durch die sichergestellt wird, daß die Entwicklung der Agrarproduktion mit den Interessen der gesamten Volkswirtschaft und deren reellen Möglichkeiten in Einklang steht.

Neben dieser allgemein formulierten Zielsetzung legte das Landwirtschaftsministerium seine Schwer­punkte darauf, die ungarische Bevölkerung weiterhin sicher und auf hohem Niveau mit Lebensmitteln zu versorgen und gleichzeitig die Exportorientierung in der Lebensmittelproduktion aufrecht zu erhal­ten. Die Konkurrenzfähigkeit Ungarns auf den internationalen Märkten sollte stabilisiert werden, an­dererseits will man sich dem steigenden Wettbewerb durch die Ermöglichung von Importen stellen. Die Existenz der Bauern sollte gesichert werden, auch wenn darnit zu rechnen ist, daß der Agrar­zweig in Zukunft aufgrund der Umstrukturierung nur noch für einen geringeren Teil der Bevölkerung eine Lebensgrundlage bietet. Die Erhaltung des ökologischen Potentials wird mehr in den Vorder­grund treten, d.h. der bisherigen Verschwendung natürlicher Ressourcen soll durch Extensivierung der Bewirtschaftung ein Ende gesetzt, die Agrarproduktion in aktiven Umweltschutz umgewandelt werden. Die zentrale Lenkungsfunktion des Staates soll künftig keine Rolle mehr spielen, denn die Agrarproduktion ist raumwirtschaftlich geprägt und deshalb setzt man nun auf regionale Selbstverwal­tung. Dadurch können regionale Unterschiede in den natürlichen Voraussetzungen berücksichtigt und die jeweils günstigen Bewirtschaftungsformen gefunden, werden, ohne daß dies zentral, wie im alten System, bestimmt wird. Das ungarische Siedlungssystem ist hauptsächlich von dörflichen und peri­pherem Charakter. Der Großteil der Bevölkerung lebt in solchen Siedlungen und sichert sich den Le­bensunterhalt mehrheitlich durch Agrarproduktion. Dies soll auch künftig durch eine »konsistente Dorfpolitik« gesichert werden, um die Humanressourcen in den ländlichen Regionen zu erhalten.

Die Vorhaben des Agrarprogramms beinhalten allerdings einen erheblichen Zielkonflikt. Es soll eine international konkurrenzfähige Agrarwirtschaft entstehen, während gleichzeitig das gegenwärtige Ni­veau der Produktion und des Exports erhalten bleiben und weder Anzahl noch Einkommen der in der Landwirtschaft Beschäftigten sinken soll. Diesem mehrfachen Anspruch wird man wohl kaum gerecht werden können, da die Konkurrenzfähigkeit zwangsläufig nur bei einer Senkung der Beschäftigten­zahl und Anwendung marktwirtschaftlicher Produktionsmethoden dauerhaft gewährleistet werden kann. Dabei ist es fraglich, ob während der erforderlichen Übergangszeit das hohe Produktionsniveau gehalten werden kann.

Das ungarische Landwirtschaftsministerium befürchtet aus den genannten Gründen, daß bei der Um­setzung seiner Agrarpolitik künftig erhebliche Spannungen entstehen, die sie zu einer Reihe von Kompromissen zwingt. Erstens dürfen der Druck des Weltmarktes und dessen schwankende Entwick­lung sich nicht vollständig auf die ungarische Agrarwirtschaft übertragen. Zweitens dürfen weder die Zuschüsse für die Agrarproduktion noch den Agrarexport völlig gestrichen werden. Drittens muß die Umbildung der Lebensmittelproduktion auch unter den gegenwärtig schwierigen Wirtschaftsbedin­gungen finanziell gefördert werden. Die hier geschilderten Grundsätze der ungarischen Agrarpo1itik sind als die allgemeinen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen anzusehen, für die sich die Regierung im Rahmen ihres Wirtschaftsprograrnms entschieden hat.

Privatisierung

1961 wurde die staatliche Dirigierung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs, Cooperativen) beendet. Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der Felder aus Privatgütern, ein weiteres Drittel in staatlicher Hand. Aus dem Jahr 1945 kommen außerdem noch ca. 130 Staatsgüter hinzu, die aus nicht verteilten Großgrundbesitzen entstanden. Diese waren zumeist traditionell geführt, spe­zialisiert auf Lehr- und Versuchsaufgaben oder Saatgutanbau. Die bereits erwähnten LPGs hatten vor der Systemänderung von 1990 ein entscheidendes Gewicht in der ungarischen Landwirtschaft, was sich auch darin zeigte, daß die Genossenschaften etappenweise staatliche Felder aufkaufte. So nahm der Anteil der gemeinschaftstümlichen Felder zu; parallel nahm der Anteil der Privateigentume aber auch ab. Die genossenschaftlichen Felder waren übrigens auch nicht verkaufbar, aber an Verwandte gerader Linie vererbbar.

Mit dem Systemwechsel von 1989/90 sollte sich auch ein Wandel in der ungarischen Wirtschaft, hier vor allem in der Agrarwirtschaft zeigen. Die Wirtschaft sollte sich mehr auf Privateigentum stützen, wonach der Anteil des Privateigentums mit dem Systemwechsel zunahm. Auch das Vermögen der ehemaligen Produktionsgemeinschaften wurde privatisiert. Aufgrund der Wichtigkeit der Landwirt­schaft in Ungarn zeichnete sich der Privatisierungsprozeß in diesem Wirtschaftszweig am deutlich­sten. Im Jahr 1990 gab es noch 1.250 LPGs, mit einer Durchschnittsgröße von über 400 ha, dagegen nur 60 Fachgenossenschaften mit einer durchschnittlichen Größe von über 1.400 ha. Im Mai 1994 waren bereits ca. 70 - 71 % der landwirtschaftlichen Anbaufläche privatisiert, sowie ca. 31 % der Waldflächen. Dieser Prozeß sollte voraussichtlich gegen Ende 1995 vollzogen seit.

Das Parlament der ungarischen Regierung hat drei Gesetzte vorgesehen, welche die Entschädigungen des Staates regeln sollen. Hiernach wird für die “vom Staat im Eigentum der Staatsbürger ... unge­recht verursachten Schäden” in der Zeit vom 1. Mai 1939 bis zum 8. Juni 1949 bzw. in der Zeit nach dem 8. Juni 1949 eine Entschädigung vorgesehen. Gleiches gilt für die “gesetzverletzenden Beschrän­kungen [der] persönlichen Freiheit ... der natürlichen Personen bzw. ihrer Erben”. Diese zeigt sich in der Erlaubnis, staatliche Felder zu kaufen, wenn man hierzu durch ein »Entschädigungspapier« die Erlaubnis erlangt. So sollen zum einen die entschädigt werden, deren Felder verstaatlicht wurden, zum anderen jene, deren Felder in der Produktionsgenossenschaft Gemeinschaftseigentum der erste­ren wurde. Bis zum 31. Mai 1994 wurden nach diesen Gesetzen 1.535.579 ha (davon 158.715 ha Waldfläche) versteigert. Der Maximalwert der Entschädigung kann 5 Mio. Forint bzw. 300 ha Bo­denfläche nicht überschreiten. Die maximale Fläche mußte allerdings auf 100 ha beschränkt werden, da es aufgrund erhöhter Nachfrage zu Bodenmangel kam. Dennoch konnte allen Ansprüchen befrie­digend Rechnung getragen werden. Neben dieser Entschädigung gab es noch eine weitere finanzielle Unterstützung, die sich nach der Feldgröße richtete, wenn der Käufer sich zur beruflichen Klein­landwirtschaft verpflichtete.

Ein Problem, welches durch die Entschädigungsversteigerungen ergab, war allerdings die Zerstücke­lung des Landeigentums. Zwischen dem 24. 8. 1992 und den 31. 5. 1994 haben zum Beispiel ca. 350.000 Personen 392.300 Bodenstücke mit einer Gesamtfläche von 1.535.579 ha erworben, wo­nach die durchschnittliche Größe des erhaltenen Landeigentums 4,88 ha betrug.

Schaffung eines funktionsfähigen Agrarmarktes

Der ungarische Agrarmarkt war in der Vergangenheit stark reguliert, die Preise wurden auf niedrigem Niveau gehalten und vom Staat administrativ festgesetzt. Informationen über den Markt waren nicht verläßlich uiad erst mit Verzögerung verfügbar. Es fehlte an Lagerhaltungsmöglichkeiten, die einen Ausgleich von Überschuß- oder Knappheitssituationen ermöglicht hätten. Ankaufs-, Verarbeitungs- und Absatzorganisation waren Monopole, es konnte kein Wettbewerb zwischen den Anbietern ent­stehen, es förderte vielmehr ihre Inflexibilität. Hinzu kam, daß der ungarische Agrarmarkt ein reiner Anbietermarkt war, d.h. es wurde ohne Rücksicht auf die qualitäts- und quantitätsmäßigen Anforde­rungen der Nachfrageseite produziert. Der Außenhandel wurde ebenfalls monopolistisch vom Staat betrieben, die einzelnen Betriebe hatten dadurch nur sehr indirekten Kontakt mit den ausländischen Marktgegebenheiten, Marktsignale aus dem Ausland fehlten weitgehend.

Mit dieser Aufzählung der wichtigsten Probleme soll erkennbar werden, vor welch großen Aufgaben Ungarn steht, um einen funktionsfähigen Agrarmarkt zu schaffen. Ein erklärtes Ziel der ungarischen Regierung ist außerdem, die in- und ausländischen Märkte umfassender zu verbinden und miteinan­der zu integrieren. Allgemein sieht die Regierung ihre Hauptaufgabe darin, die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft zu fördern, die nötigen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für einen funktionierenden Agrarrnarkt zu schaffen und gleichzeitig in der Phase des Übergangs Extremsitua­tionen und Probleme auszugleichen. Ein äußerst schwieriges Unterfangen, betrachtet man die welt­weiten Auseinandersetzungen auf den Agrarmärkten, beispielsweise um Subventionen, Import- und Exportbeschränkungen, Quotenregelungen usw. Agrarrnärkte unterliegen besonderen Gesetzen, die ein unbeschränktes Agieren der Marktteilnehmer ohnehin nicht ermöglichen und ein Eingreifen des Staates oft unter erheblichem finanziellen Aufwand für das Staatsbudget notwendig machen.

Im folgenden soll nun die Transformation des Binnenmarktes und des Außenhandels knapp umrissen werden.

Transformation des Binnenmarkt

Etwa 70 % der ungarischen Agrarwirtschaftsprodukte werden im Inland verbraucht. Im Durchschnitt wendet eine ungarische Familie mehr als 40 % ihres Einkommens für den Kauf von Lebens- und Ge­nußmittel auf. Der bedeutendste Markt für die ungarischen Agrarprodukte ist daher eindeutig das In­land.

Die ungarische Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen in ihrem Agrarprogramm angekündigt, die ein neues Regelungs- und Organisationssystem, sowie eine neue Struktur für den Agrarmarkt schaf­fen werden. Um den Wettbewerb zu fördern, soll das staatliche Handelsmonopol abgeschafft werden und durch lokale Ankaufs-, Verarbeitungs- und Absatzorganisationen ersetzt werden. Ein landeswei­tes Netz des Lebensmittelhandels mit einem umfassenden Sortiment und Fachgeschäften, die Quali­tätsprodukte absetzen, soll entstehen. Ebenso sind institutionelle Einriclitungen für die üblichen Markttransaktionen geplant, darunter versteht die Regierung u.a. die Schaffung von Warenbörsen, Großhandelsmärkten, Auktionshallen und Marktinformationssystemen. Mit dem Aufbau eines Infor­mationssystems begann man bereits 1988, als eine Gemeinschaftseinrichtung der Ministerien für Landwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen, der »Markt­in­for­ma­ti­ons­dienst« eingerich­tet wurde. Anfangs befaßte sich dieser vorwiegend mit dem Obst- und Gemüsemarkt, neuerdings be­richtet er wöchentlich über den Milch-, Getreide-, Futter-, Schlachttier- und Fleischmarkt.

Die ungarische Regierung orientiert sich beim Aufbau des neuen Agrarmarksystems an einigen Ele­menten der EU-Marktordnung. Die Preisgestaltung anhand eines Interventionspreissystems soll über­nommen werden. Ferner werden ein ähnliches Informationssystems, die Quotenregelung und die In­teressenabstimmung zwischen Produzenten, den Verarbeitungs- und Handelsgesellschaften, sowie den Verbrauchern angestrebt. Die Übernahme dieser Regelungen betrachtet die Regierung aufgrund der extremen Schwankungen auf den Agrarmärkten und in der landwirtschaftlichen Produktion als er­forderlich, um eine gewisse Produktionssicherheit zu gewährleisten. Nicht übernommen wird die Ab­koppelung von den Weltmarktpreisen, denn sie sind für die ungarische Landwirtschaft ausschlagge­bend, wenn sie sich im weltweiten Wettbewerb positionieren will. Darin ist kein Widerspruch zur Übernahme des Interventionspreissystems der EU zu sehen, sie bedeutet nur, daß Ungarn, im Gegen­satz zur EU, bei der Festlegung seiner Interventionspreise die Weltmarktpreise zugrunde legt, wäh­rend die EU aufgrund der Interessenlage ihrer Mitgliedsländer eigene Maßstäbe setzt. Der Ausbau des Agrarmarktsystems nach europäischen Normen sowie die Schaffung der entsprechenden Institutionen werden Teil eines längeren Prozesses sein, an dessen Beginn der Aufbau eines »Agrarmarktregimes« steht, das eine Art Lenkungsfunktion erfüllt.

Das Agrarmarktregime stützt sich auf zwei Ebenen, auf denen die Interessenabstimmung erfolgt. Die eine Ebene bildet das »Staatskomitee für Agrarmarktordnung«, das aus ranghohen Vertretern des Fi­nanz-, Landwirtschafts-, Außenwirtschafts-, Industrie- und Handelsministeriums, der Ungarischen Nationalbank, der Agrarmarktkammer des Landes und anderen Institutionen, wie einiger Verbände usw. besteht. Die andere Ebene und offizieller Verhandlungspartner des Marktordnungskomitees sind die »Produkträte«, die von Produzenten, Verarbeitungsbetrieben und Handelsgesellschaften bzw. von deren Verbänden gebildet werden. Das Marktordnungskomitee hat Entscheidungsbefugnisse bei der Bestimmung bzw. Veränderung der Exportsubventionen, der Ausschreibung von Tendern für be­stimmte Warenmengen im Außenhandel, die mit Sonderpräferenzen ausgestattet sind, und bei der Auswahl der Interventionsmaßnahmen auf dem Binnenmarkt. Daneben wurden dem Komitee vielfäl­tige Vorschlagsrechte eingreräumt, wie beispielsweise bei der Festsetzung der Garantie, bzw. Inter­ventionspreise. Die »Produkträte« organisieren die Selbsbeschränkung zum Schutz des Binnenmark­tes, andererseits bewirken sie, wenn notwendig, für Produkte mit Schlüsselfunktion die Einführung und längerfristige Beibehaltung des staatlichen Quotensystems. Gegebenenfalls kann nach Absprache mit den betroffenen Produkträten, das Marktordnungskomitee die Export-Import-Abschöpfungen bestimmen. Die wichtigsten Instrumente des Marktordnungskomitees und der Produkträte innerhalb der neuen Agrarmarktordnung sind das Preis- und Interventionssystem, die Quotenregelungen, sowie die Regulierung von Ex- und Importen.

Von diesen Instrumenten wird dem Preis- und Interventionssystem die entscheidende Rolle bei der Marktregulierung zugeschrieben. Wenn es auch keine offiziellen Preisober- und Untergrenzen gibt, also faktisch freie Marktpreise existieren, wird durch die im Rahmen der Quotenregelung garantierten Erzeugerpreise – nach dem Vorbild der EU-Marktordnungen für Milch und Getreide – ein Mindest­einkommen für die landwirtschaftlichen Betriebe gewährleistet. Damit ist auch sichergestellt, daß Wettbewerbsnachteile der ungarischen Landwirtschaft und da wiederum der kleineren Betriebe ver­mieden oder doch zumindest abgemildert werden. Diesen Regelungen kommt also eine Schutzfunkti­on zu, sie bedeuten aber keine administrative Preisfestsetzung wie noch zu Zeiten des kommunisti­schen Regimes.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß bei der Umstrukturierung des Binnenmarktes eine Reihe von Aufgaben anstehen, deren Durchführung einen längeren Zeitraum und erhebliche finanzielle Res­sourcen in Anspriach nehmen wird, auch wenn bereits erste Schritte, wie eine grobe Planung der Marktordnung in Anlehnung an die EU, die Schaffung eines Agrarmarktregimes und die Liberalisie­rung der Preise unternommen wurden. Gegenwärtig werden jedoch kritische Stimmen laut, die der Regierung vorwerfen, daß sie die Selbstverwaltungsorgane der Agrarbranchen, also die Produkträte, noch zu wenig an den Marktorganisationsfunktionen beteiligt. Außerdem wird kritisiert, daß in einer Situation, in der die Landwirtschaft dringend schnelle und klare Entscheidungen benötigt, auf der obersten Leitungsebene viel zu lange diskutiert, die Verantwortung hin- und hergeschoben wird.

Transformation des Außenhandels

Der agrarwirtschaftliche Sektor trägt heute mit 25 % zum gesamten ungarischen Export bei, während sein Anteil an den Importen nur etwa 6 % beträgt. Bei den Ausfuhren gegen frei konvertierbare Devi­sen betrug der Anteil des Agrarsektors in den Achtziger Jahren bis einschließlich 1990 in etwa ein Drittel. Seine Devisenbilanz von 1980 bis 1990 war mit Überschüssen von 1,1 bis 1,76 Mrd. IJS-Dollar durchgehend positiv und war daher eine unverzichtbare Deviseneinnahmequelle. 1991 erzielte die Agrarwirtschaft im ungarischen Außenhandel als einziger Sektor einen Überschuß in Höhe von 149 Mrd. Forint, während die anderen Sektoren gemeinsam ein Defizit von 271 Mrd. Forint aufwei­sen. So konnte allein mit Hilfe der agrarwirtschaftlichen Exporte das Defizit auf 122 Mrd. Forint be­grenzt werden.

Diese Zahlen verdeutlichen die gemeinsame Stellung, die dem Agrarsektor für den ungarischen Au­ßenhandel zukommt und machen verständlich, daß Ungarn auch in Zukunft den Agrarexport als we­sentlichen Faktor seiner Entwicklung sehen muß, zumal sich abzeichnet, daß die Restrukturierung der Industrie längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Den vom Agrarsektor erwirtschaftete Überschuß von ca. 1 Mrd. US-Dollar benötigt Ungarn daher dringend, um seine Zahlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Es zeigt sich aber auch, daß Ungarn aufgrund seiner Überschußproduktion auf den Absatz im Ausland angewiesen ist, denn rund ein Drittel der ungarischen Agrarproduktion wird auf ausländi­schen Märkten abgesetzt.

In Anbetracht seiner Bedeutung ist es nicht verwunderlich, daß die ungarische Regierung erhebliche Anstrengungen unternimmt, den Außenhandel neu zu gestalten. Als vordringlichste Aufgabe stellt sich die Dezentralisierung des Außenhandelmonopols des Staates. Bereits 1988 erfolgte eine wesentli­che Erweiterung der Außenhandelsrechte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in der Landwirtschaft das Import- und Exportgeschäft hauptsächlich durch drei Außenhandelsgesellschaften mit Staatsmonopol abgewickelt. Daneben versuchten auch schon große Agrarunternehmen, sich ein Recht auf selbstän­dige Außenhandelstransaktionen zu sichern. 1985 hatten 15 Unternehrnen dieses Recht, allerdings betrug ihr Anteil am gesamten Handel mit landwirtschaftliclien Produkten nicht mehr als 5 %.

Mit der Reform von 1983 erhielt jede Rechtsperson das Recht auf Außenhandelstätigkeiten. Selbst die Ausübung des Ausfuhrrechts in konvertibler Währung erforderte keine Genehmigung des Han­delsministers. Es waren lediglich allgemeine Genehmigungsvoraussetzungen zu erfüllen, wie bei­spielsweise Marktkenntnisse, Sprachkenntnisse, wenigstens seit einem Jahr einwandfreie Tätigkeit, ordnungsgemäße Erfüllung von Zahlungsverbindlichkeiten. Diese Erfordernisse hatten den Zweck, daß ein nicht fachgemäß verhandelndes, internationale Vereinbarungen verletzendes oder unredliches Preisverhalten aufzeigendes Unternehmen vom Außenhandel ausgeschlossen werden kann. Der Au­ßenhandel mit strategisch wichtigen Waren wurde allerdings weiterhin an Genehmigungen gebunden. Eine weitere wesentliche Veränderung war, daß auch Privatpersonen fortan ein Außenhandelsrecht, nach einer individuell durchgeführten Beurteilung, für eigene Produkte erhalten konnten.Tatsächlich gestaltete sich der ungarische Außenhandel aufgrund der erweiterten Rechte vielseitiger und marktori­entlerter. Die Produzenten entwickelten in vielerlei Hinsicht Eigeninitiative, beispielsweise organisierte das Staatsgut Báblona als eines der ersten Unternehmen der Welt einen im großen Stil angelegten Lufttransport von lebenden Tieren. Im Rahmen der Außenhandelstätigkeit konnten neue Verarbei­tungs- und Verpackungstechnologien erworben werden, die durch die ungarische Industrie nicht be­reitgestellt werden konnten. Mit der modernen Technologie wurde auch der Kontakt ungarischer Mit­arbeiter mit ausländischen Fachleuten hergestellt, wodurch ein »Know-How-Transfer« ermöglicht wurde. Direkte Handelsbeziehungen zum ausländischen Abnehmer eröffnete für viele Unternehmen die Möglichkeit, Produkte im Ausland abzusetzen, die nur in kleinen Mengen produziert werden und deren Verkauf auf dem heimischen Markt nur wenig profitabel wäre.

Diese positiven Entwicklungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die agrarwirtschaftli­chen Unternehmen bei der Wahrnehmung ihres individuellen Außenhandelsrechts oftmals auf einen schier »unüberwindlichen ungarischen Bürokratismus« treffen. Außerdem wurde das gesetzlich ver­ankerte Recht auf Ausfuhr durch eine lange Liste von Ausnahmen erheblich eingeschränkt. Damit er­höhte sich der bürokratische Aufwand und erhebliche Verzögerungen bei den direkten Verhandlun­gen mit ausländischen Partnern wurden verursacht. Bereits 1991 sollten auf diesem Gebiet beachtli­che Änderungen eintreten. Die Ausnahmenliste wurde durch eine Liste ersetzt, die alle Produkte unter Staatslizenz aufführt. Man erwartet, daß sich mit dieser Lösung der Genehmigungsprozeß für die ein­zelnen Unternehrnen beschleunigen wird, da die Unternehmen mit den Verhandlungen beginnen und die Verträge bereits aufsetzen können, allerdings mit dem Vorbehalt, daß diese erst gültig werden, wenn sie vom verantwortlichen Ministerium genehmigt worden sind.

Ines Schmid: Die Agrarwirtschaft im Transformationsprozeß der ungarischen Wirtschaft, Mün­chen, 1993.

Quellen aus den Unterrichtsmaterialien: Südosteuropa und die Türkei: Brücken- und Konfliktraum, Erdkunde-Grundkurses Nr. 335, Schuljahr 195/96 [Texte z.B. von Zoltán Antal und Jürgen Deiters; zusammengestellt von Gerhard Voigt].

Verfasser: Kai Radewald

 

Geographische Leitlinien und Strukturprobleme Ungarns:

Die Wirkung des Zusammenbruchs des RGW auf die ungarische Wirtschaft.

Einleitung

Die Strukturveränderungen in den Reformstaaten haben nicht nur neue politische Ordnungen ge­schaffen, sondern auch vielfältige Bereiche des Wirtschafts-und Gesellschaftssystems entscheidend umgestaltet.

In ihrer Konsequenz führen die Veränderungen auch zur veränderten räumlichen Prozessen und Strukturen sowie für die Bevölkerung zu einer grundlegenden Neuorientierung in den wesentlichen Lebenszügen.

Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der früheren Ostblockstaaten lassen sich in den ehemaligen Wirtschafts-und Gesellschaftssystemen erkennen, die unter dem Einfluß der Sowjetunion entstanden sind. Im wirtschaftlichem Bereich wird mit dem Übergang zur Marktwirtschaft die Wende von der zentralstaatlichen Lenkung eingeleitet. Der Rückzug des Staates drückt sich durch Privatisierung staatlichen Eigentums, Liberalisierung von Preisen und Löhnen, sowie den Abbau der staatlichen Subwentionen aus. Unter den sozialistischen Regimen durchgeführte Enteignungen versucht man durch Reprivatisierung oder andere Formen der Entschädigung auszugleichen.

Die Sonderrolle Ungarns begann mit der Wirtschaftsreform 1968 und einer weiteren Liberalisierung Anfang der 80er Jahre. Neben der staatlichen »Ersten Wirtschaft« entwickelte sich mit der »Zweiten Wirtschaftg« ein privatwirtschaftliches Segment. Die Zweite Wirtschaft agierte dort, wo die staatliche Wirtschaft Mängel in ihrer Leistungsfähigkeit aufwies.

Ein weiteres Spezifikum Ungarns bestand in den vielfältiegen Kontakten zum Westen, was entschei­dend zum Wandel des ungarischen Staates, und somit siner Wirtschaft beitrug.

Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW): Gründung, Aufgaben, Probleme.

Der RGW (,Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe‘), im Westen auch als ‚comecon‘ (Council for Mu­tual Economic Assistance) bezeichnet, wurde im Januar 1949 in Moskau gegründet. Gründungsmit­glieder waren: Bulgarien, CSSR, Polen, Rumänien UdSSR und Ungarn. Albanien und die DDR folg­ten bis zum Jahr 1950. Die Gründung war vorwiegend eine Gegenmaßnahme zum Marshall-Plan. Allerdings fehlte es der UdSSR an ökonomischen Mitteln und den anderen Mitgliedern der Wille zu gemeinschaftlichem ökonomischen Handeln, woraus die geringe Aktivität des Rates in den ersten Jah­ren zu erklären wäre.

Der RGW hatte als Ziel die »sozialistische ökonomische Integration« voranzutreiben, um auf die er­sten Erfolge der EWG reagieren zu können. Es wurde ein Komplexprogram angenomen, der den Zu­sammenschluß der Volkswirtschaften mit dem Ziel der Integration vorsah.

Auch die jüngsten Aktivitäten des RGW in der Dritten Welt bestätigen die These, daß der RWG für die sowjetische Außenpolitik eine Art »Stellvertretter-Rolle« einnahm. Alle der Partnerstaatenzählen zu den am schwächsten entwickelten Volkswirtschaften der Dritten Welt. Entsprechend groß dürften ihre Wünsche nach der wirtschaftlichen Integration liegen.

Die mit Abstand wichtigste Form der internationalen Zusammenarbeit war im RGW der gegenseitige Warentausch. Etwa 60% ihres Außenhandels Wickelten die Mitgliedsländer untereinander ab. Im Jahr 1984 fand in Moskau der RGW-Wirtschaftsgipfel statt, auf welchem die Probleme der Energie- und Rohstoffversorgung diskutiert worden sind. In einer politischen Absichtserklärung haben die RGW-Staaten bekundet, an der wirtschaftlichen Arbeitsteilung teilzunehmen und im Rahmen ihrer Möglich­keiten zur Verbesserung der internationalen Beziehungen auf dem Gebiet der Wirtschaft beizutragen.

Rolle des RGW für den ungarischen Staat

Der ungarische Staat war schon immer, wegen der fehlenden Rohstoffvorkommen im eigenen Land, sehr von dem RGW und seiner Handelsbeziehungen abhängig. Daraus resultierte eine besondere Si­tuation. Ungarn war nicht nur von der UdSSR als dem mit Abstand größten Rohstofflieferanten des RWG abhängig, sondern auch von den anderen Staaten des Bündnisses. Bei genaueren Betrachtung zeigt sich, daß es zwischen den vier Ländern: DDR, CSRR, Polen und Ungarn eine weitaus intensi­vere Verzahnung bestand als zwischen den anderen Staaten des Rates. Dieser Art des Handels konnte allerdings nur begrenzt ausgeweitet werden, da der sowjetische Rohstoffmonopol und die durch UdSSR erzwungene Preispolitik dessen Rolle als Haupthandelspartner nur bestätigten.

Außer der Abhängigkeit von den Rohstoffen kam noch die Abhängigkeit von den Vertragspreisen. Diese Preise wurden jedes Jahr neu festgelegt und zwar auf der Grundlage der Weltmarktpreise. Da­durch verschlechterte sich die Position der kleinerenen Mitglieder gegenüber z.B. der UdSSR noch zusätzlich.Die Veränderung der sowjetischen Exportpreise; sie wuchsen doppelt so schnell wie die Importpreise, hatte schwehrwiegende Konsequenzen. Der Handel mit der Sowjetunion wurde un­gleichgewichtig, die kleineren Mitgliedsstaaten mußten Warenkredite aufnehmen; sie waren nicht mehr in der Lage die hohen Energie und Rohstoffrechnungen voll zu bezahlen.

Transformationsprozesse: Aussichten für die Zukunft.

Ein zentrales Problem der Transformation einer staatlich dominierten Wirtschaft in eine Privatwirt­schaft besteht in der Neuregelung der Eigentumsverhältnisse. Eine Rückgabe bleibt ausgeschloßen, die Alteigentümer erhalten Entschädigungen in Form von Gutscheinen, die ausschließlich für Investi­tionen im Rahmen der Privatisierung von Staatseigentum verwendet werden sollen.

Bei der Privatisierung bereitet die Großindustrie, wie auch in anderen Ländern die größten Probleme. Dies ist wegen maroder Produktionsanlagen, mangelnder internationaler Konkurenzfähigkeit und des Wegbrechens bisheriger Absatzmärkte in Osteuropa nicht verwunderlich.

Reibungslos verläuft dagegen die Privatisierung der kleineren Betriebe, insbesondere im Bereich des Handels und der Dienstleistungen. Neben der Privatisierung prägt auch die Neugründung von Unter­nehmen die Umstrukturierung der Wirtschaft. Auch hier sind die Großbetriebe und der industrieller Bereich uterrepräsentiert.

Versucht man eine Zwischenbilanz zu ziehen, so sind Erfolge in der Umstrukturierung der ungari­schen Wirtschaft zu verzeichnen. Der private Sektor erwirtschaftet rund die Hälfte des Bruttosozial­produkts. Während früher die osteuropäischen Handelspartner am wichtigsten waren (RGW), geht heute bereits der überwiegender Teil der Exporte in westliche Länder. Unübersehbar sind allerdings auch die immer noch bestehende Probleme. Durch Produktions- und Beschäftigtenrückgänge in der Industrie und der Landwirtschaft ist das Heer der Arbeitslosen auf 12,1% der Gesamtbevölkerung angewachsen.

Der Staat ist kaum in der Lage Impulse zu setzen. Er ist vielmehr auf die Iniziative der Privatinvesto­ren angewiesen. Und dieses Engagement ist nicht mehr in allen Bereichen gegeben.

Quellen:

Renate Damus: RGW – Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Osteuropa. Opladen, 1979.

Ostkolleg der Bundeszentrale für politische Bildung (Arbeitsgemeinschaft): Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Strukturen und Probleme. Bonn, 1987.

Reinhard Weißner: Der politische, ökonomische und soziale Umbruch in Osteuropa: Das Beispiel Ungarn. Geographische Rundschau, Jahrgang 47, März 1995, Heft 3, Seite 156-162.

Verfasser: Wojciech Grohn

 

Budapest – Hauptstadt und Weltstadt

Allgemeines über Budapest

Budapest ist mit über 2,5 Millionen Bewohnern die Hauptstadt der Ungarischen Volksrepublik und zugleich die größte Stadt des ca. 11 Millionen Einwohner zählenden Landes. Sie liegt im Herzen Europa, am mittleren Abschnitt zu beiden Seiten der Donau. Aufgrund ihrer günstigen geographi­schen Lage kreuzten sich hier schon im Altertum und Mittelalter zahlreiche Handelswege, was schließlich zur Herausbildung einer bedeutenden Siedlung führte. Budapest ist aus vielerlei Gründen eine interessante Stadt. Rechnen wir auch seinen Vorläufer aus dem Altertum, das römische Aquin­cum, hinzu, so blickt die Stadt immerhin auf zweitausend Jahre zurück. Juristisch wurde sie jedoch erst 1873 durch die Vereinigung der drei bis dahin unabhängigen Städte Pest, Buda und Óbuda ge­gründet. Unter dem Namen Budapest existiert diese 2000 Jahre alte Gemeinwesen somit nicht viel länger als 100 Jahre. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte es sich zur Großstadt, und heute ist Budapest das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Die früher eher tren­nende Donau verbindet Buda mit seinen Hügeln und Bergen auf der rechten Seite des Flusses mit dem flachen Pest am linken Ufer. Die einmalige Lage der Stadt, ihre aus verschiedenen Epochen stammenden Kunstdenkmäler, das rege künstlerische Leben, die zahlreichen Thermalbäder und nicht zuletzt die reichhaltige ungarische Küche mit ihren Speise- und Getränkespezialitäten lockt Jahr für Jahr zahlreiche Ausländer an.

Geographisches

Das Zentrum von Budapest liegt auf den geographischen Koordinaten 47° 28´ 56´´ nördlicher Breite und 19° 08´ 10´´ östlicher Länge. Die Fläche der Stadt beträgt 525 km²; davon entfallen 352 km² auf das links und 173 km² auf das rechts der Donau liegende Stadtgebiet. In Nord-Süd-Richtung dehnt sich die Stadt etwa 25 km, in Ost-West-Richtung etwa 29 km aus. Tiefster Punkt ist das Niveau der Donau, das bei normalem Wasserstand 96,5 m über dem Meeresspiegel der Adria liegt. Höchste Er­hebung der Stadt ist der János-hegy (Johannesberg) mit 529 m über dem Meeresspiegel. Das linke Donauufer, die Pester Seite, ist im wesentlichen Flachland, das rechte Donauufer, die Budaer Seite, dagegen Hügelland. In Wirklichkeit ist zwar auch Pest nicht ganz flach, aber die Erhebungen sind so minimal, daß sie unser Auge nicht wahrnimmt. Den Unterschied zwischen den beiden Ufern kann man am besten von den Donaubrücken oder von einem Aussichtspunkt auf der Budaer Seite erken­nen.

Gewässer

In erster Linie bestimmt die Donau den Charakter der Landschaft. 28 km, das heißt ca. 1 Prozent des gewaltigen Stromes, der insgesamt 2850 km lang ist und im Schwarzwald entspringt, entfällt auf das Gebiet von Budapest. Die durchschnittliche Breite der Donau liegt hier bei 400m, am Gellért hegy (Gellertberg) ist sie mit nur 285 m am schmalsten. Unterhalb und oberhalb von Budapest bildet die Donau mehrere Inseln. Die bekannteste Donauinsel im Herzen der Hauptstadt ist die 96,5 ha große Margitsziget (Margareteninsel). Sie ist mit ihren Parkanlagen, mächtigen, uralten Bäumen, Thermal­heilquellen, Strandbädern und Hotels zu einem internationalen Kur- und Erholungsort geworden. Nördlich dieser Insel befindet sich noch die etwas größere Óbudai-sziget (Obudaer Insel), südlich die Csepel-sziget (Insel Csepel). Außer der Donau gibt es im Raum von Budapest keinen weiteren be­deu­tenden Fluß. Als natürliches stehendes Gewässer gibt es in Budapest nur den Malom- (Mühlenteich), einen winzigen Teich gegenüber dem Lukács-fürdo (Lukács-Bad), dessen Wasseran­stieg oder -abfall interessanterweise mit der Wassermenge der umliegenden Budaer Thermalquellen in Zusammenhang steht.

Berge

Das Bild des Stadtkerns von Buda wird von den Bergen nahe der Donau bestimmt. Gegenüber Mar­garetenbrücke erhebt sich der 195 m hohe Rózsadomb (Rosenhügel), auf dem eines der elegantesten und teuersten Wohnviertel der Stadt entstand. Südlich davon zieht sich an der Donau von Nordwest nach Südost der etwa keilförmige Várhegy (Burgberg) entlang (höchster Punkt 167 m). Er besteht zum überwiegenden Teil aus Mergel, dessen Oberfläche von einer 10 – 12 m dicken, aus Süßwasser abgelagerten Kalksteinschicht bedeckt ist. An der Unterseite der Kalksteinschicht sind viele kleinere und größere Hohlräume entstanden. Im Mittelalter und während der türkischen Besetzung haben die Bewohner der Umgebung diese natürlichen Höhlen durch künstliche Gänge untereinander verbunden und so ein ganzes Höhlensystem angelegt. Ein anderer Berg der Budaer Innenstadt ist der südlich vom Burgberg unmittelbar am Donauufer gelegene Gellért hegy. Seine Dolomitfelsen erheben sich ca. 130 m steil über die Donau. Weiter entfernt von der Donau liegen die etwas höheren Erhebungen des Budaer Berglandes. Der erste Berg von Norden gesehen ist der Hármashatár-hegy (Dreigrenzberg, 497 m). Dieser Berg besteht überwiegend aus Dolomit, und aus Dolomit- und Kalk­stein ist auch sein nördlicher Ausläufer, der Csúcs-hegy, aufgebaut, an dessen Fuß sich Mergel und Ton abgelagert haben. Höchster Punkt der Budaer Berge ist der János-hegy (529 m), an den sich im Norden der Hárs-hegy (Lindenberg) und im Süden der Szabadság-hegy (Freiheitsberg) anschließen. Der János-hegy besteht aus dem sogenanntem Dachsteiner Kalkstein. Auf der Pester Seite sind die Erhebungen, wie bereits erwähnt, unbedeutend. Eine Rolle aber spielten sie im Jahre 1838, während des großen Hochwassers, als sie der dorthin geflüchteten Bevölkerung sicheren Schutz boten. Der heutige 18. Stadtbezirk, das frühere Pestszentlörinc, erhebt sich 142 m über dem Meeresspiegel, Cin­kota fast 200 m und die Hügelkette von Rákoskert rund 250 m; das Donauufer dagegen liegt durch­schnittlich nur 105 bis 110 m hoch.

Klima

Budapest liegt in der gemäßigten Klimazone unseres Kontinents; deshalb ist das Klima im allgemei­nen von angenehmen kontinentalem Charakter. Statistiken geben an, daß Temperaturen über 30° C im Jahresdurchschnitt an 20 tagen vorkommen. Die tiefste bisher gemessene Temperatur betrug -23,4° C. Der wärmste Monat ist der Juli mit seiner Durchschnittstemperatur von 22° C, der kälteste Monat der Januar mit einem Mittel von -1,1° C. Die Zahl der Sonnenstunden beträgt im Jahresmittel 1991. Der größte Teil entfällt auf die Monate Mai bis September. Der Wind kommt überwiegend aus nordwestlicher Richtung. Da die Stadt ziemlich windgeschützt liegt, sind starke Stürme nur selten. Die Jahresniederschläge sind verhältnismäßig gering. Im Budaer Bergland liegt das Jahresmittel bei 650 mm, am Ostrand der Pester Seite bei 550 mm. Zu Beginn des Sommers gibt es häufig Platzregen und Gewitter.

Kurzer geschichtlicher Überblick

Von der ältesten Steinzeit bis zur Römerzeit

Bereits die Menschen der Urzeit wußten die vorteilhaften geographischen und natürlichen Gegebenheiten zu nutzen, die das Gebiet des heutigen Budapest für eine ständige Ansiedlung geeignet machten. Obzwar aus der Altsteinzeit (Paläolithikum) nur ein einzi­ger Fund aus einer Höhle im Budaer Bergland bekannt ist, haben die Archäologen nur einige hundert Meter südlich der Stadt­grenze, auf der Budaer Seite, eine größere Siedlung erschlossen, deren Stein- und Knochenrelikte aus dem 12. bis 10. Jahrtausend v.Chr. stammen.Gegenstände aus der Kupferzeit, der sogenannten Ba­dener Kultur, wurden auch auf der Pester Seite gefunden. Im 2. Jahrtausend v.Chr. waren folglich bereits beide Donauufer besiedelt. Mehrere Urnenfelder aus der Bronzezeit entdeckte man ebenfalls auf dem Gebiet des heutigen Budapest.

In der frühen Eisenzeit, um 900 v.Chr., kam eine neue Volksgruppe in diese Gegend und hinter­ließ gleichfalls viele Urnengräber. Vom 6. Jahrhundert v.Chr. können Skythen in der Gegend um Bu­da­pest nachgewiesen werden. Dieses durch seine Goldschmiedekunst berühmte nomadische Reiter­volk war aus Gebieten nördlich und östlich des Schwarzen Meeres herangezogen.

Funde aus der späteren Eisenzeit gehören schon zu keltischen Stämmen; die bedeutendsten unter ihnen waren die Erawisker. Die Kelten gelangten vom heutigen Territorium Frankreichs im Laufe des 4. bis 3. Jahrhunderts v.Chr. hierher. Als Zentren ihres Stammes können wir die Gegend um den Gellertberg ansehen. Sie führten die Töpferscheibe ein, und sie waren die ersten, die auf dem heuti­gen Gebiet von Ungarn Geld prägten. Die Erawisker blieben auch unter der Römerherrschaft hier und nahmen verhältnismäßig schnell Gewohnheiten, Sprache und Kultur der römischen Eroberer an.

Im Ungarischen Nationalmuseum und im Museum von Aquincum werden vielfältige archäologi­sche Denkmäler aus jener Zeit aufbewahrt.

Aquincum, die römische Stadt

Ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung eroberten die Römer das heutige Westungarn, Transdanu­bien, und nannten ihre Provinz Pannonien. Zu Anfang des 2. Jahrhunderts teilten sie sie, und die Hauptstadt von Unter-Pannonien wurde Aquincum, eine Siedlung im heutigen Óbuda. Das Wort Aquincum ist wahrscheinlich keltischen Ursprungs und bedeutet soviel wie “ergiebiges, reichliches Wasser”. Anfangs war in der Stadt nur eine kleine römische Truppe stationiert, vom Ende des 1. Jahrhunderts an schon eine ganze Legion. Das Militärlager der römischen Legion befand sich im heutigen Zentrum von Óbuda, am Budaer Brückenkopf der Árpádbrücke. Zu Beginn des 2. Jahrhun­derts nahm der kaiserliche Stadthalter in der Provinzhauptstadt seinen Sitz. Erster Stadthalter Unter-Pannoniens war der spätere Kaiser Hadrian. Der Palast des römischen Stadthalters wurde auf der Óbudai-Insel erschlossen, dir Reste der Siedlung der Zivilbevölkerung sind auf dem Ruinenfeld beim Museum von Aquincum zu sehen. Des weiteren bestand in den ersten Jahrhunderten der römischen Herrschaft am Fuße des Gellértberges eine erawiskische Siedlung mit eigenem kulturellem Zentrum fort. Diese drei Siedlungen – die Urbevölkerung am Gellértberg, das Militärlager und die ringsherum erbaute Stadt der Legionäre sowie der Bürger – bildeten zusammen Aquincum. Die Stadt erlebte seine Blütezeit im 2. bis 3. Jahrhundert, als die reichen Bürger der Stadt über alle materiellen Güter verfügten, die der entwickelte Sklavenhalterstaat des Altertums hervorbringen konnte.Die Römer bau­ten am rechten Donauufer ein regelrechtes Wehrsystem aus. In Entfernungen von 1,5 bis 2,5 km fin­den wir am gesamten ungarischen Abschnitt der Donau, die damals die Grenze des römischen Rei­ches bildete, Wachtürme sowie kleinere und größere Lager. An strategisch wichtigen Stellen wurden auch am linken Ufer Befestigungen errichtet, um die auf der linken Donauseite leben­den Völker unter Kontrolle zu haben.

Mit den übrigen Provinzen des Reiches und den “barbarischen Völkern” im Donau-Theiß-Zwischen­stromland wurde ein lebhafter Tauschhandel geführt, obwohl es auch mehrfach zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Von den Kriegsschäden hat sich Aquin­cum jedoch immer schnell erholt. Ende des 4. Jahrhunderts war die militärische Kraft des römischen Reiches erschöpft, und Aquincum konnte den Angriffen der aus dem Osten vordringenden Nomaden Völker nicht länger standhalten. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts wurde Aquincum nach einer mit den Hunnen getroffenen Vereinba­rung geräumt.

Die Zeit der Völkerwanderung: Hunnen, Awaren und landnehmende Magyaren

Auf dem Gebiet von Budapest haben die Archäologen bisher nur wenige Hunnengräber gefunden. Laut mittelalterlichen Chroniken wurde die Stadt Buda nach dem Bruder des Hunnenkönigs Attila, der Buda hieß, benannt. Nach Attilas Tod (453 n.Chr.) zerfiel das Hunnenreich, und verschiedene germanische Völker, wie die Ostgoten und später die Langobarden, ließen sich auf dem Gebiet der heutigen ungarischen Hauptstadt nieder. Vom Ende des 6. Jahrhunderts an hielten die Awaren etwa zwei Jahrhunderte lang dieses Gebiet in ihrer Gewalt.Um 896 sind Magyaren über die Karpaten in die Tiefebene der Donau eingedrungen und haben unter Fürst Árpád das Land besetzt. Die landnehmen­den Ungarn - ein Bündnis von sieben Stämmen - fanden in diesem Gebiet außer den Awaren auch Slawen vor. Der Überlieferung nach ließ sich Ár­pád mit seinem fürstlichen Stamm auf der Csepelin­sel nieder. Die anderen sechs Stämme brachten fast das gesamte Karpatenbecken unter ihre Herr­schaft.

Die Dynastie der Árpáden (1001 - 1301)

Nach Árpáds Tod regierten Fürsten aus seiner Familie das Land. Fürst Géza erkannte als erster, daß die Anlehnung an das Christentum eine unerläßliche politische Bedingung zur Erhaltung des Ungarn­tums bildete.

Es war ein Gebot der Zeit, daß die heidnischen Stämme von ihren abenteuerlichen Beutezügen zur Seßhaftigkeit, zu Ackerbau und Gewerbe übergingen. Dazu war es notwendig, sich mit den be­nach­barten Staaten zu verbünden und sich in die Reihe der christlichen Länder, die Ungarn umgaben, ein­zufügen. Deshalb ließ er seinen Sohn taufen, und Stefan (István) I., später Stefan der Heilige, voll­en­dete das Werk seines Vaters. Er schuf eine starke zentralisierte Staatsmacht, und zur Unterstützung der neuen Staatsordnung berief er die katholische Kirche.Der Einfall der Mongolen unterbrach die Entwicklung. Das aus Asien kommende Reitervolk brannte 1241 Pest völlig nieder. Der Großteil der Bevölkerung rettete sich nach Buda, doch im Winter 1241/42 fror die Donau zu, und die Mongolen konnten den Fluß überqueren.

So plünderten und brandschatzten sie auch Transdanubien. Weil sie aber die auf den Bergen er­richte­ten Burgen nicht einnehmen konnten, ließ König Béla IV., der während der Besetzung ins Ausland floh, aus Furcht vor neuen Einfällen an vielen Orten des Landes königliche Burgen bauen. Anstelle der ausgerotteten ungarischen Bevölkerung holte er deutsche Siedler ins Land, der vermut­lich der neu entstehenden Stadt Buda am rechten Donauufer den deutschen Namen Ofen gaben. Auch das ur­sprüngliche slawische Wort Pest bedeutet Ofen. Vermutlich wurde der Name von den Öfen der hier betriebenen Ziegel- und Kalkbrennereien auf die Stadt übertragen.

Ungarische Könige aus anderen Dynastien –

Bis zur Einnahme Budas durch die Türken (1301 - 1541)

Nach dem Tode des letzten Königs aus dem Árpádengeschlecht und fast zehn Jahre andauernden Thronzwistigkeiten gelangte das haus Anjou aus Neapel, das durch eine Seitenlinie mit den Árpáden verwandt war, auf den ungarischen Thron. Karl Robert, der erste ungarische Anjou-König (1308-1342) residierte zunächst in Viségrad zog später aber nach Buda, wo sein Sohn Ludwig I. (der Große, 1342 - 1382) auf dem Burgberg einen Königspalast bauen ließ. Dadurch, daß er Buda das Stapelrecht verlieh, trat Pest in vielerlei Hinsichten in Budas Schatten. Der Schwiegersohn von Lud­wig dem Großen, Sigismund aus dem Hause Luxemburg, Sohn des römisch-deutschen Kaisers Karl des IV., nahm als nächster den ungarischen Thron ein (1387 - 1437). Obwohl er 1410 auch römisch-deutscher Kaiser wurde, bevorzugte er Buda als Aufenthaltsort. Unter seiner Regierung wurde der große prachtvolle Königspalast erbaut, dessen Reste zum größten Teil erst nach dem 2. Weltkrieg durch archäologische Ausgrabungen ans Tageslicht gelangten. Schon zu seiner Regierungszeit und besonders unter seinen unmittelbaren Nachfolgern gelang es den Türken, bis zur südlichen Landes­grenze vorzudringen. 1456 bot ihnen jedoch János Hunyadi Einhalt, als er bei Belgrad einen ent­scheidenden Sieg über das türkische Heer errang.1458 wurde der jüngere Sohn Hunyadis, Mátyas (Matthias), vom Adel zum König gewählt. Als König Matthias Corvinus (1458 - 1490) errichtete er eine stabile zentralisierte Staatsmacht, zügelte den eigenmächtigen Hochadel und organisierte ein star­kes Heer. Unter Matthias I. entwickelte sich Buda zu einem vielgepriesenen Fürstenhof der Renais­sance und einem Kultur- und Kunstzentrum ganz Europas. Um diese Zeit entstand ebenfalls die welt­berühmte Bibliotheca Corviniana, eine der größten Bibliotheken Europas.

Nach dem Tode von Matthias gelangten die mit dem Árpádenhaus verwandten polnischen Köni­ge aus der Dynastie der Jagiellonen auf den ungarischen Thron. Unter ihrer Regierung zerfiel die Zen­tralmacht, Streitigkeiten unter den Feudalherren zerrütteten das Land. Die sich ständig verschlech­ternden Wirtschaftsverhältnisse und die zunehmende feudale Ausbeutung führten 1514 zum Aus­bruch des Bauernkrieges, den die Feudalherren am Ende, nach einigen Hochs der Bauern, die unter der Führung György Dózsas standen, blutig niederschlugen und sich mit unbarmherzigen Vergel­tungsmaßnahmen rächten.In der Folge war das wirtschaftlich und politisch gleichermaßen ge­schwächte Land nicht in der Lage, ein Heer aufzustellen, das dem Vormarsch der Türken Widerstand entgegensetzen konnte, und das ungarische Heer mußte 1526 bei Mohács eine entscheidende Nieder­lage hinnehmen. Bei der Nachfolge um den im Kampf gefallenen König stellten sowohl der mächtig­ste ungarische Feldherr, János Szapolyai, sowie Ferdinand von Habsburg, aufgrund des Erbfolge­rechts, Ansprüche auf den Thron. Einige Wochen nach der Niederlage wurde auch die Burg Buda von den Türken besetzt, die sich aber vorerst wieder aus dem Land zurückzogen. 1541 besetzten sie erneut die Burg Buda; damit begann die Herrschaft der Türken über den gesamten mittleren Teil des Landes, die 150 Jahre andau­ern sollte. Der westliche und nordwestliche Teil Ungarns geriet unter die Herrschaft Ferdinands, im Osten, in Siebenbürgen, entwickelte sich ein selbständiges Fürstentum. So zerfiel das Land in drei Teile.

Die Türkenherrschaft (1541 - 1686)

Buda und Pest waren von 1541 bis 1686 in türkischer Hand. Die Habsburger versuchten mehrmals, die beiden Städte zurückzuerobern. 1602 gelang es den Habsburgern zwar, Pest einzunehmen, aber sie konnten die Stadt nur zwei Jahre lang halten. Die wiederholten Kämpfe brachten den Orten im­mer neue Zerstörungen und die Verwüstungen. Während der fast anderthalb Jahrhunderte währenden Türkenherrschaft ging die Zahl der Bevölkerung erheblich zurück. Die Einwohner verarmten, aber es lag den Türken nicht daran, die Kaufleute und Handwerker zugrunde zurichten, denn wen und was hätten sie sonst besteuern sollen. Die meisten christlichen Kirchen wurden in mohammedanische Mo­scheen umgestaltet, die Häuser ließen die Türken verfallen. Nur die Stadtmauern und die Befesti­gungsanlagen wurden regelmäßig instandgesetzt. und sogar erweitert. Prunkvolle Bäder entstanden, von denen mehrere in gutem Zustand erhalten blieben.1686 wurde sowohl auf Anregung als auch mit materieller Unterstützung des Papstes Innozenz XI. und in geradezu gesamteuropäischer Willensein­heit ein christliches Heer zur Rückeroberung von Buda aufgestellt. Zum Heerführer wurde Karl von Lothringen ernannt. Die Belagerung dauerte vom 20. Juni bis zum 2. September; während dieser Zeit gingen die Burg Buda , die Stadt Pest und sogar ein bedeutender Teil von Óbuda in Trümmer. Die drei Städte waren fast vollkommen entvölkert. Aus diesem Grunde holten die Habsburger österreichi­sche und deutsche Siedler.

Die Unterdrückung durch die Habsburger und die Freiheitskämpfe (1686 - 1867)

Ende des 17. Jahrhunderts, nach der Vertreibung der Türken, dehnten die Habsburger ihre Herr­schaft auf alle drei Teile des unter den Türken zerstückelten Landes aus. Buda wurde nicht wieder königliche Residenzstadt, der König hielt als österreichischer Kaiser in Wien Hof. Gegen die Herr­schaft der Habsburger kam es schon Ende des 17. Jahrhunderts unter Führung von Imre Thököly, später von 1703 bis 1711 unter Ferenc Rákóczi II. zum bewaffneten Widerstand. Diese Freiheits­kämpfe wurden jedoch niedergeschlagen; Rákóczi mußte in die Emigration gehen. Maria Theresia (1740 - 1780) erleichterte zwar das Los der leibeigenen und förderte die Entwicklung der Landwirt­schaft, sie verhinderte aber im Interesse Österreichs die Industrialisierung Österreichs. Auch der Wie­deraufbau der drei Städte ging nur stockend voran. 1703 wurden Buda und Pest zu freien königlichen Städten ernannt. Die damit verbundenen Privilegien fanden jedoch nicht die notwendigen politischen Bedingungen vor, die zu einer Entwicklung des Bürgertums und zu einem schnellen wirtschaftlichen Aufschwung geführt hätten. In Buda hatten mehrere wichtige Regierungsämter und das Oberste Ge­richt ihren Sitz, die Landtage berief der König aber bis 1790 nach Bratislava (Pressburg) ein, und noch dazu recht selten.In den Jahrzehnten nach der Niederwerfung der ungarischen Jakobinerbewe­gung wurde im Habsburgischen Reich schon der bloße Gedanke an gesellschaftlichen Fortschritt un­erbittlich verfolgt. Die 1815 zustande gekommenen Heilige Allianz erstickte jede fortschrittliche Be­strebung im keime. Unter diesen Umständen kamen fortschrittliche Ideen höchstens in die Literatur, der Kunst und den Wissenschaften, also auf geistig-kulturellem Gebiet zum Ausdruck.Von der zwei­ten Hälfte des 18. Jahrhunderts an entwickelten sich Buda und Pest rascher, und die Bevölkerungs­zahl nahm in bedeutendem Maße zu. Der Anteil der ungarischen Bevölkerung ver­größerte sich, und entsprechend erhielten auch die nationalen Bestrebungen im Bereich Kultur und Politik größeres Gewicht.

Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die Aufhebung der feudalen Zustände, die die Ent­wicklung des Bürgertums hemmten, eine immer dringendere Forderung, und im Landtag sowie auch außerhalb erklang der Ruf nach Reformen immer lauter. Deshalb wird dieser Zeitabschnitt der unga­rischen Geschichte von 1825 bis 1848 als Reformzeit bezeichnet.1825 wurde die Ungarische Wissen­schaftliche Gesellschaft, der Vorläufer der Ungarischen Aka­demie der Wissenschaften, gegründet. 1837 baute man das erste Gebäude des Nationaltheaters, 1848 wurde das Gebäude des Ungarischen Nationalmuseums fertiggestellt. Die 1808 ins Leben gerufenen ›Verschönerungs-Comission‹ leitete die Bauarbeiten entsprechend den seinerzeit modernen Prinzipien nah festgelegten Stadtentwick­lungsplänen. Erzherzog Joseph, Stellvertreter des Königs und Palatin von Ungarn, hat (zwischen 1796 - 1847) die Entwicklung von Buda und Pest wirkungsvoll und mit Einfühlungsvermögen unter­stützt.

Das große Hochwasser der Donau im Jahre 1838 richtete zwar schwere Schäden an, brachte aber gleichzeitig die Möglichkeit, die alten, baufälligen Gebäude durch neue zu ersetzen und dabei die fort­schrittlichsten Bauprinzipien zu verwirklichen.

Im Ergebnis der Entwicklung des Bürgertums beschritt die Wirtschaft Anfang des 19. Jahrhun­derts, wenn auch noch unter feudalen Verhältnissen, den Weg zum Frühkapitalismus. Der Schwer­punkt des Geschäftslebens verlagerte sich von Buda nach Pest, und die Getreidekonjunktur zur Zeit der Napo­leonischen Kriege machte die Stadt zum Handelszentrum. Eine bedeutende Rolle im wirt­schaftlichen Leben spielten die angesiedelten griechischen, armenischen und jüdischen Kaufleute.

Zur Zeit der europäischen Revolutionen von 1848 war auch in Ungarn die Lage für eine Verän­derung reif geworden. Ähnlich wie in anderen Ländern hemmte das hartnäckige Beibehalten feudaler Ver­hältnisse die Entwicklung des Bürgertums, doch in Ungarn wurde dieser Zustand noch durch die mehrfache Unterdrückung der Nationalitäten verschlimmert.

Die Österreicher unterdrückten die Ungarn, aber gleichzeitig herrschten die Ungarn über die hier le­benden rumänischen und Serbokroatischen Minderheiten. Da ein entwickeltes Bürgertum fehlte, stell­te sich der liberal denkende Adel an die Spitze der fortschrittlichen Bewegungen. Am 15. März 1848 brach die Revolution aus. Zu ihren Forderungen gehörten die Abschaffung der Leibeigenschaft, Gleichheit vor dem Gesetz, Pressefreiheit, Abzug des fremden Militärs und Bildung einer unabhängi­gen ungarischen Regierung. Unter dem Druck der sich in ganz Europa der entfaltenden Freiheitsre­gungen und infolge des Wiener Volksaufstandes war die kaiserliche Regierung zunächst gezwungen, die ungarischen Forderungen zu erfüllen. Unter dem Vorsitz von Graf Lajos Batthyány wurde eine dem Landtag verantwortliche ungarische Regierung gebildet. Einige Monate später jedoch versuchten die Habsburger, mit Hilfe der kroatischen Truppen des kaiserlichen Feldherrn Josip Jelacic die bereits gewährten Freiheitsrechte wieder rückgängig zu machen. Nach der Niederschlagung des Wiener Auf­standes entbrannte ein offener Kampf zwischen der österreichischen Regierung und den Ungarn, die sich zu den Aufständischen in Wien bekannt hatten. Der Freiheitskampf von 1848/49, den die ungari­sche Nation unter der politischen Führung von Lajos Kossuth führte, wurde vom ganzen Volk getra­gen. Auch fortschrittliche Kräfte anderer Nationen eilten den Ungarn zu Hilfe.Der bewaffnete Kampf verlief mit wechselndem Erfolg. Zu Beginn des Jahres 1849 war die un­garische Regierung infolge der österreichischen Übermacht gezwungen, Buda und Pest zu räumen. Am 21. Mai konnten die siegrei­chen Honvédtruppen die Burg Buda zurückerobern, aber bald darauf fiel sie wieder in die Hände der Österreicher. Als die Habsburgischen Absolutisten schließlich russi­sche Zarentruppen zu Hilfe riefen, mußte der ungarische Freiheitskampf unter der mehrfachen Übermacht scheitern. Auf die Niederlage folgte eine kaiserliche Willkürherrschaft, der die langsam erwachende ungarische Nation nur mit pas­sivem Widerstand zu begegnen wußte.

Da ein Teil der bürgerlichen Reformen nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, setzte trotz allem eine allmähliche wirtschaftliche Entwicklung ein. Die Habsburger suchten – im Angesicht ver­schiedener internationaler Verwicklungen und weil die Niederschlagung des inneren Widerstandes ih­re Kräfte überstieg – mit der ungarischen herrschenden Klasse einen Weg des Ausgleichs. Letztere hatten mit schweren materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und versprach sich von einem Kom­promiß mit den Habsburg-Dynastie wiederum Anleihen und wirtschaftlichen Aufschwung. Durch Vermittlung von Ferenc Deák, des Politikers des mittleren Adels, kam es schließlich 1867 zum Aus­gleich mit dem Kaiser. Franz Joseph (1848 - 1916) wurde noch im selben Jahr in der Matthiaskirche auf der Budaer Burg zum ungarischen König gekrönt. Damit kam auf dualistischer Basis die Österrei­chisch-Ungarische Monarchie zustande.

Der Dualismus und der I. Weltkrieg

Der Ausgleich verwirklichte zwar nicht die bürgerlichen Freiheitsideale von 1848, er brachte aber eine verhältnismäßig ruhigere politische Atmosphäre und begünstigte die wirtschaftliche Entwicklung. War Pest schon zu diesem Zeitpunkt Zentrum der Industrie und des Handels gewesen, so förderte die Vereinigung von Buda, Pest und Óbuda 1873 noch den Prozeß der Aufschwungperiode des Frühka­pitalismus. Die neue Hauptstadt entwickelte sich sehr schnell. Ihre Einwohnerzahl betrug bei der Vereinigung 300.000 und um die Jahrhundertwende schon 733.000; bis 1910 wurde Budapest die achtgrößte Stadt von Europa. Nach dem Zusammenschluß legte man ein einheitliches Straßen- und Kanalisationsnetz an und führte die zentrale Gas- und Wasserversorgung ein. 1887 fuhr die erste Straßenbahn, und 1896 die Millenniumsfeierlichkeiten zum 1000jährigen Jubiläum der Staatsgrün­dung begannen, nahm die erste Untergrundbahn des Kontinents ihren Betrieb auf. 1902 war der Bau des Parlamentsgebäudes beendet. In Budapest entwickelten sich die größten Industriebetriebe des Landes: Eisengießereien, Maschinenfabriken, Elektrizitätswerke, Schiffswerften, Textilwerke, usw. Um die Jahrhundertwende entstanden der größte Teil der Budapester Wohnhäuser, öffentlichen Ge­bäude und die meisten Donaubrücken. Die Jahrzehnte brachten allerdings auch die Barackenwoh­nungen und Elendsviertel der Arbeiter hervor.Infolge des Kapitalisierungsprozesses verschärften sich die gesellschaftlichen Widersprüche, hinzu kam die Unzufriedenheit der nichtungarischen Nationalitä­ten. Die Arbeiter- und Bauernmassen begannen sich zu organisieren, woraus der Allgemeine Arbei­terverein 1868, die Allgemeine Arbeiter­partei Ungarns 1880 und die Sozialdemokratische Partei Un­garns 1890 resultierten. In Budapest kam es zu Streiks und Demonstrationen, besonders hervorzuhe­ben wäre die Demonstration vom 23. Mai 1912, die auf die brutalste Weise niedergeschlagen wurde (“Blutroter Donnerstag”).1914 trat Ungarn als Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in den Weltkrieg ein, der nicht nur viele Men­schenleben kostete, sondern dem Volk auch schweres wirt­schaftliches Unheil brachte: Inflation, Le­bensmittel- Knappheit und zunehmendes Elend. Am Ende führte dies dann zum Zerfall der Monar­chie und zur Lahmlegen des weiteren Ausbaus der Haupt­stadt. In dem Maße, wie sich die militäri­schen Niederlagen der Alliierten häuften, erstarkte in den Ländern der Monarchie die revolutionäre Antikriegsbewegung. Auf dem Höhepunkt dieser revolutio­nären Situation besetzte bewaffnete Arbei­ter und Soldaten am 31. Oktober 1918 die strategisch wich­tigen Punkte des Landes und verhalfen der bürgerlich-demokratischen Revolution zum Sieg.Eine Koalitionsregierung wurde gebildet, deren Präsidentsschaftsamt Graf Mihály Károlyi über­nahm, der, nachdem der ungarische König Karl IV. abdankte, am 16. November als Präsident die Republik aus­rief.

Zu groß war der Druck aus dem Ausland, zu gefährdet die territoriale Integrität des Landes und zu ausweglos die wirtschaftliche Zerrüttung, so daß die Regierung gezwungen war, am 21. März 1919 abzudanken. Die mit der Sozialdemokratischen Partei vereinigte Kommunistische Partei über­nahm jetzt die Führung Ungarns und proklamierte die Räterepublik. Damit eröffnete sich die Mög­lichkeit zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Neubelebung des ganzen Landes. Von den viel­verspre­chenden Plänen konnte nur wenig verwirklicht werden, da ein Bündnis der reaktionären Kräf­te des In- und Auslandes die Räterepublik nach 133 Tagen zu Fall brachte. Die unter der Führung von Miklós Horthy an die Macht gelangte Konterrevolution stellte die alte halbfeudale Ordnung wie­der her und führte einen Vernichtungsfeldzug gegen die fortschrittlichen Kräfte.

Das Horthy-Regime und der 2. Weltkrieg

Inmitten der Schwierigkeiten, die aus dem verlorenen Krieg und der Wirtschaftskrise Ende der zwan­ziger, Anfang der dreißiger Jahre resultierten, konnten die Vertreter dieser politischen Richtung weder dem Land noch der Hauptstadt zum Aufschwung verhelfen. Die Zahl der Arbeitslosen nahm zu, die Bevölkerung lebte zu großen Teilen unter dem Existenzminimum. Die nach dem weißen Terror sich langsam wieder organisierende Arbeiterschaft brachte ihre Verbitterung in Demonstrationen zum Ausdruck und forderte menschlichere Lebensbedingungen.

Die in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre einsetzende Konjunktur brachte eine Belebung der Bau­tätigkeit in Budapest, der aber der Krieg wieder ein Ende setzte. Das immer mehr zum Faschis­mus neigende System sicherte nur der herrschenden Klasse und dem Großbürgertum wirtschaftliche Vor­teile, die große Masse der Bevölkerung lebte im Elend, und dieser Zustand wurde durch die Ver­ant­wortungslosigkeit der Politiker, die 1941 Ungarn an der Seite Hitlers in den Krieg stürzten.

Als die Hitlertruppen am 19. März 1944 die Hauptstadt besetzten, gab es keine Existenzsicher­heit mehr. Die Faschisten verfolgten nicht nur Kommunisten, sondern auch bürgerliche Antifaschi­sten und demokratisch gesinnte Kriegsgegner. Die jüdische Bevölkerung sowohl aus der Provinz als auch aus den Städten wurde deportiert bzw. andernfalls in Gettos gesperrt. Ein Teil der herrschenden Klas­se und später auch der Reichsverweser Horthy sahen zwar, daß das Bündnis mit den Faschisten das Land in den Ruin stürzte und wollten aus dem Krieg austreten, doch ohne dabei die sowjetfeind­liche Haltung und ihre eigene Macht aufgeben zu müssen. Nach langwierigen Unterhandlungen kam es schließlich am 15. Oktober 1944 zu einem schlecht vorbereiteten Versuch, für Ungarn einen Waf­fen­stillstand herbeizuführen. Die Folge war, daß Horthy und seine Regierung von den deutschen ver­haf­tet wurden und die ungarischen Nationalsozialisten (Pfeilkreuzler) die Macht übernahmen. Es folg­ten sinnlose Niedermetzeleien an den Ufern der Donau, der hemmungslose, blutige Terror be­herrschte die Stadt.

Die deutsche Heeresleitung und die ihr hörigen ungarischen Faschisten, weigerten sich Budapest zur offenen Stadt zu erklären und sich zu ergeben, obgleich dies die einzig richtige Entscheidung ge­wesen wäre, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. So wurde Budapest zum Kriegsschauplatz und geriet an den Rand der völligen Zerstörung. Angebote der Sowjettruppen, die Deutschen sollten sich erge­ben, um wenigstens die Stadt verschonen, wurden ignoriert.

In den Kämpfen wurden somit auch zahlreiche Gebäude stark beschädigt bzw. ganz zerstört. Im Bur­gviertel, in dem sich die deutschen Truppen in letzter Instanz verbarrikadierten, blieb kein einziges Gebäude verschont. Nachdem die Sowjettruppen am 18. Januar 1945 die Pester Seite eingenommen hatten, zerstörten die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug sämtliche Donaubrücken, obwohl sie auch bereits auf Budaer Seite eingekesselt waren. Buda und somit die ganze Hauptstadt wurde schließlich am 13. Februar 1945 befreit.

Von der Befreiung bis zur Gegenwart

Der auf die Befreiung folgende Zeitabschnitt brachte entscheidende, demokratische Veränderungen für das ganze Land, so auch für das Leben in Budapest. Zu den ersten Aufgaben gehörte es, die Stadt von den Trümmern zu räumen, normale Lebensverhältnisse zu schaffen und die Produktion wieder in Gang zu bringen. Am 1. August 1946 trat die neue Währung, der Forint, in Kraft, womit eine der größten Inflationen der Weltgeschichte ihr Ende fand. Den Wiederaufbau leitete die Ungarische Kommunistische Partei, und der mit dem 1. August 1947 beginnende Dreijahresplan schuf die Grundvoraussetzungen für den sozialistischen Aufbau. Als erstes wurde der Boden der großen Güter an randlose arme Bauern aufgeteilt, dann erfolgte die Verstaatlichung der Banken, Kohlengruben und Großbetriebe. Am 20. August 1949 trat die Verfassung der Ungarischen Volksrepublik in Kraft, die alle Macht dem werktätigen Volke gab. Am 1. Januar 1950 wurden einige Vorstädte und kleinere Randsiedlungen der Hauptstadt angeschlossen und gleichzeitig die Stadtbezirke neu eingeteilt. Es ent­stand Groß-Budapest, eine Großstadt mit 2 Millionen Einwohnern. Jedoch unterliefen der Regierung einige wirtschaftliche und politische Fehler, die die reaktionären Kräfte nutzten, so daß dies im Herbst 1956 zur Konterrevolution und gleichzeitig zu erneuten schweren Schäden führte. Die neuorganisier­te Partei, die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, zog die notwendigen Konsequenzen und för­derte mit entschiedenen und wirksamen Maßnahmen die Konsolidierung.Im Rahmen des Wohnungs­bauprogramms wurden von 1960 bis 1975 im ganzen Land 1 Million Wohnungen gebaut, davon 187.000 in Budapest, außerdem errichtete man zahlreiche neue öffentli­che Gebäude (Schulen, Büro­häuser, Hotels). Die nahe Budapest führenden Europa- und Landes­straßen wurden kontinuierlich ausgebaut und durch ein System von Unter- und Überführungen erwei­tert. Gleichzeitig mit der tech­nischen Modernisierung der ersten 1896 in Betrieb genommenen Unter­grundbahn wurde 1973 die Ost-West-Linie und zwischen 1979 und 1985 die Nord-Süd-Linie der Metro fertiggestellt.

Der öffentlich-rechtliche und administrative Status der Hauptstadt wird durch ein besonderes Gesetz geregelt, das für die Stadt eine weitgehende Selbstverwaltung festlegt. Oberstes Organ ist der Haupt­städtische Rat, dessen Mitglieder – ebenso wie die Mitglieder der Stadtbezirksräte oder die Parla­mentsmitglieder – auf 5 Jahre gewählt werden. Vollzugsorgan des Hauptstädtischen Rates ist das Exekutivkomitee mit einem Vorsitzenden an der Spitze. Seine Rolle und Befugnisse entsprechen im allgemeinen denen eines Bürgermeisters. Die einzelnen Fachressorts werden von Hauptabteilungslei­tern geführt.

Verwaltungsmäßig ist Budapest in 22 Bezirke eingeteilt. Die Verwaltung der Stadtbezirke liegt eben­falls in den Händen von Räten, an der Spitze der Exekutivkomitees der Stadtbezirksräte amtieren Vorsitzende, und Fachressorts sind im großen und ganzen die gleichen wie beim Hauptstädtischen Rat.*

Das Parlament in Budapest

Das Parlament, heutiger Sitz des Staatspräsidenten, der Ministerpräsidenten und des Parlaments- prä­sidenten, steht an tagungsfreien Tagen der Bevölkerung und Touristen zur Besichtigung offen. Auch die offiziellen Staatsempfänge finden im Parlamentsgebäude statt. Das Gebäude wurde in den „goldenen Zeiten“ Ungarns zwischen 1885 und 1904, als das Land im Frieden mit Österreich ver­bunden war, von dem Architekten und Professor für Technik Imre Steindl erbaut. Dabei ergaben sich besondere Schwierigkeiten, da sich das Fundament (5 m dick, 20.000 m² groß) auf sumpfigem Unter­grund befindet. Dementsprechend „leicht“ mußte der Palast selbst sein, weshalb man zum Beispiel auf den schweren natürlichen Marmor verzichtete und auf leichten Kunstmarmor, bestehend aus Ölen, Nadelbaumharzen und Pferdehaaren, zurückgriff. Er­staunlicherweise mißt das Gebäude den­noch in der Länge 268 m, in der Breite bis zu 123 m und am höchsten Punkt 96 m und beinhaltet 691 Zimmer an der Zahl.

Für den Bau war kein finanzielles Limit gesetzt, nur die Bedingung, alle Materialien müßten aus Un­garn stammen, war gestellt. Daraufhin wurden 40 kg 24 karätigem Gold zur Verzierung von Säu­len, Treppengeländern und Figuren verwendet, die berühmtesten Maler der Zeit schmückten im Fres­kostil Wände und Kuppeln, hier wären besonders das „Glory für Ungarn“, die Darstellung des höch­sten Gerichts und dazwischen das Abbild von Krone und Zepter zu erwähnen, an die tausend Fenster wurden von Hand bemalt und 4 schwedische Säulen, derer Art nur 12 auf der ganzen Welt existieren (die übrigen 8 befinden sich im Westminster von London), eingefügt.

Die Räumlichkeiten sind grund­sätzlich in drei Hauptabschnitte zu unterteilen: Oberhaus, Unter­haus und Kuppelsaal, der, mit seiner Höhe von 26 m, die besonders durch 15 Keraminfiguren, Ab­bilder der bedeutendsten Personen der Geschichte Ungarns, hervorgehoben wird, das Zentrum des Bauwer­kes bildet, um das sich alle restli­chen Räume symmetrisch anordnen. Dieser im Renaissance­stil gehal­tene Teil des Parlamentes wurde als einziger im 2. Weltkrieg zerstört, jedoch war seine Re­konstrukti­on bereits 1946 abgeschlossen.

Das Oberhaus – es hat seine ursprüngliche politische Funktion verloren – kann man heute für Kon­gresse mie­ten. Man erreicht es über ein Vorzimmer, in dem sich der größte handgeknüpfte Teppich Europas befindet, welcher aufgrund des aristokratischen Oberhauses blau ist. Ferner kann man in dem Vor­zimmer Holzfiguren finden, die die damaligen typischen Berufe Ungarns zeigen. Das Ober­haus, im »neogotisch-neobarockem Stil« gehalten, bietet Platz für 220 Abgeordnete, die im Halbkreis um das Plenum sitzen, dessen Hintergrund die Wappen ungarischer Herrschergeschlechter (Árpád- und Habsburger-Dynastie) bilden. Die Decke dieses Raumes besteht aus den edelsten Holzarten wie Nuß, Mahagoni und Eiche, sowie zahlreichen Goldeinarbeitungen. Sowohl Unter- als auch Oberhaus, die sich beide haargenau gleichen, sind nach englischen Vorbild konstruiert.

Das Eßzimmer, aufgrund der zahlreicher Landschaftsbilder umbenannt in „Jagdzimmer“, dient heute wieder seinem eigentlichen Zweck, dem Speisen und Trinken der Abgeordneten in Tagungs­pausen. Die Freskos an den Wänden stellen unter anderem die vier ältesten Burgen Ungarns dar, wo­von sich heute aber nur noch eine im ungarischen Staatsgebiet befindet, die Restlichen als Folge der Friedens­vertragklauseln an Rumänien, die Slowakei und Tschechien abgetreten werden mußten.

Noch einige allgemeine Angaben zum Parlament:

Im ganzen Gebäude befinden sich 6 hydrauli­sche Fahrstühle, die aus Rosenholz gearbeitet sind.

Alle Uhren im Haus werden durch eine Zentrale im Keller geregelt, was nicht bedeutet, daß alle Uh­ren genau gehen, aber dann wenigstens alle gleich falsch gestellt sind.

Das Heizungssystem wird über einen Brunnen reguliert und ähnelt einer heutigen Fußbodenheizung; im Sommer wird die warme Luft durch Eiskammern geleitet, die diese dann küh­len und auffrischen, im Winter wird die kalte Luft in eine Art Sauna geleitet, die ihr Wasser durch einer Art Fontäne aus dem besagten Brunnen bezieht.

Budapest als kulturelles Zentrum

Als Buda Hauptstadt des Landes und königliche Residenz wurde, entwickelte es sich auch zum Zen­trum der Kultur. 1472 eröffnete András Hess in Buda seine Druckerei, eine der ersten Druckereien Überhaupt. Zu dieser Zeit unterrichteten bereits Dominikaner Hochschulunterricht, der aber unter der Herrschaft der Türken eingestellt wurde. 1777 wurde die Universität von Tyrnau (Tschechei), die 1635 gegründet worden und zu diesem Zeitpunkt einzige im ganzen Land war, nach Buda und von dort 1784 nach Pest verlegt. Daß sich die Universität in Pest befand und hier die Professoren und eine zunehmende Zahl von Studenten ihre wissenschaftliche Tätigkeit entfalteten, spielte im Leben der Stadt und bei der Verbreitung von Wissenschaft und Kultur eine bedeutende Rolle.

Heute gibt es zwar in mehreren Städten Ungarns Universitäten oder Hochschulen (im ganzen Land sind es fast 60 Hochschulinstitutionen), doch der größte Teil der Hochschuleinrichtungen ist nach wie vor in Buda­pest konzentriert; darunter befinden sich bedeutende Ausbildungsstätten der Kunst, die Hochschulen der Musik, für Bildende Kunst, für Kunstgewerbe und für Schauspielkunst.

Auf Initiative von Graf István Széchenyi wurde 1825 die Wissenschaftliche Gesellschaft gegrün­det. Aus ihr ging die Ungarische Akademie der Wissenschaften hervor, deren Tätigkeit heute alle Wissen­schaftsteile Umfaßt. Die Akademie gliedert sich in 10 Fachabteilungen, die ferner durch zahl­reiche Forschungsinstitute, die neben theoretischen Fragen verschieden Probleme untersuchen, die auf die Bedürfnisse der Volkswirtschaft zurückgehen, ergänzt werden. Daneben gibt es noch annä­hernd 50 weitere Forschungsinstitute in der Hauptstadt.

Die Literatur war im Mittelalter fast ausschließlich in lateinischer Sprache abgefaßt. Aus dem 13. bis 15. Jahrhundert sind nur wenige zusammenhängende ungarische Texte religiösen Inhalts erhalten. Die Spracherneuerungsbewegung im Interesse der Ent­wicklung einer ungarischen Nationalsprache eröff­nete der Literatur Ende des 18. Jahrhunderts neue Perspektiven. Diese aus der Intelligenz kom­mende Bewegung verfolgte das Ziel, sich von der vom Wiener Hof angestrebten Verdeutschung und von der deutschen Amtssprache unabhängig zu ma­chen, die Nationalsprache neu zu beleben, eine ungarische Literatursprache zu entwickeln und diese als Ausdrucksmittel für die höchsten literarischen und wis­senschaftlichen Gedanken einzusetzen.

Bald erschienen die ersten ungarischsprachigen Ro­mane, literarische Jahrbücher und Zeitschriften. Fremd­sprachige Literatur wurde in das ungarische übersetzt, eine selbständige ungarische Theaterlite­ratur entfaltete sich, und 1837 wurde das aus öf­fentlichen Spenden Pester Ungarische Theater eröff­net.

Den Ideen der 1848er Revolution und ihres großen Lyrikers Sándor Petöfi ist es zu verdanken, daß in der Literatur die volkstümliche Richtung in den Vordergrund rückte.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen schlossen sich die Besten der bürgerlichen Kultur im ungarischen PEN-Club und in der János-Vajda-Gesellschaft zusammen. Einige sogenannte literari­sche Kaffeehäuser entwickelten sich zu echten schöpferischen Werkstätten, in denen Schriftsteller, Dichter und Kritiker zusammen­kamen, diskutierten und oft auch ihre Werke schrieben, wie z.B. im Café New York (nach dem 2. Weltkrieg bis zur »Wende«: Café Hungária).

Seit 1945 ist der Ungarische Schriftstellerverband der Mittelpunkt des literarischen Lebens im Lande. Das internationale Ansehen des Ungarischen PEN-Clubs ist gestiegen. Abgesehen von einigen Pro­vinzzeitschriften befinden sich heute alle Buchverlage in Budapest. Sie geben jährlich mehr als 90 Millionen Bücher sowie namhafte Zeitschriften, Tageszeitungen, Wochen- und Monatsblätter her­aus.

Budapest ist gleichzeitig das Zentrum der ungarischen Filmproduktion und des Ungarischen Rund­funks und Fernsehens.

1802 wurde in Pest die Széchényi-Nationalbibliothek gegründet, die seit­her alle in Ungarn er­schei­nenden und auf Ungarn Bezug nehmenden Druckerzeugnisse sammelt.

Die Budapester wissenschaftlichen Zentral- und Fachbibliotheken, wie zum Beispiel die Univer­sitäts­biblio­thek, die Parlamentsbibliothek, die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften, die Päd­agogi­sche Zentralbibliothek und Dokumentationszentrale, und andere, halten die gesamte Fachlitera­tur des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens bereit. Ihr reichhaltiger fremdsprachiger Buchbe­stand steht auch Ausländischen Forschern und Lesern zur Verfügung. Außerdem stehen noch zahl­reiche Be­triebsbücherein für die allgemeine und fachliche Weiterbildung zur Verfügung.

Die archäo­logische und historische Sammlung des Ungarische Nationalmuseums gibt einen Überblick über die Geschichte Ungarns von den Prähistorischen Zeiten bis fast zur Gegenwart. Im Museum der Bilden­den Künste, in der Ungarischen Nationalgalerie und im Kunstgewerbemuseum findet der Be­sucher weltberühmte Meisterwerke der ungarischen und europäischen bildenden Künste und des Kunstge­werbes. Außerdem gibt es in Budapest spezielle Museen für Ethnographie, Land­wirtschaft, Handel und Gaststättengewerbe, Arbeiterbewegung, Kriegsgeschichte, Literatur und Na­turwissen­schaften.

Ein ausgedehntes und breitgefächertes Schulwesen bildet die Grundlage für die Allgemeinbildung. In Ungarn ist der Abschluß der achtklassigen Grundschule für alle Kinder obliga­torisch, danach können sie in Gymnasien, Fachoberschulen oder Berufsschulen weiter lernen. Die Erwachsenenqualifizierung vollzieht sich im Rahmen von Abend- und Fernkursen.

In der außerschulischen Volksbildung kommt der Gesellschaft zur Verbreitung Wissenschaftli­cher Kenntnisse eine bedeutende Rolle zu. Sie organisiert populärwissenschaftliche Vorträge und Studien­exkursion. Zahlreiche Kulturzentren und Kulturhäuser geben Zehntausenden Gelegenheit zur Wei­terbildung und kulturellen Freizeitgestaltung.

Noch einige Worte zum ungarischen Musikleben, zu dem Budapest ebenfalls seit einem Jahr­hundert das Zentrum bildet:

Anfang diese Jahrhunderts legten einige engagierte Zeitgenossen den Grundstein zu einem weitge­spannten Musikschulnetz mit der Gründung der Musikhochschule, die heute unter der jüngeren Ge­neration mehrere hervorragende Komponisten und Vortragskünstler her­vorbringt und somit ihr hohes Bildungsniveau unter Beweis stellt. Auch das bedeutendste Orchester Ungarns, die Ungarische Natio­nalphilharmonie, hat ihren Sitz in der Hauptstadt. Regelmäßig finden zudem Wett­bewerbe mit inter­nationalem Ruf statt.

Architektur, Malerei und dekorative Kunst in Budapest

Auf dem Gebiet des heutigen Budapests läßt sich künstlerisches Wirken fast zehntausend Jahre zu­rückverfolgen. Die handgeformten und mit eingeritzten Ornamenten verzierten Tongefäße aus dem Neolithikum können wir bereits als erste kunstgewerbliche Schöpfungen bezeichnen. Vor annähernd 4000 Jahren entstanden reich gemusterte Gefäße der »Glockenbecher-Kultur«, sowie in den folgen­den Kulturen der Bronzezeit formenreiche Keramiken. Die aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. stammen­den Metallgegenstände, wie Haarnadeln, spiralförmige Anhängsel und Fibeln, dienten der Gold­schmiedekunst später als Vorbild.

Die frühe Eisenzeit (9. bis 5. Jahrhundert v.Chr.) brachte ebenfalls Keramik- und Metallgegen­stände hervor, die ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung in diesem Gebiet mit den Kelten, der Töpfer­scheibe und den darauf entstandenen Tongefäßen abgelöst wurden; heute sind Materialien aus den urgeschichtlichen Kulturen im Ungarischen Nationalmuseum oder im Burgmuseum zu bewun­dern.

Die Römerzeit (1. bis 5. Jahrhundert) führte dann die Zeiten der Wandmalereien und Statuen ein, die im Gegensatz zu den Kapitellen, Stuckgesimsen und Mosaikfußböden eher provinziellen Cha­rakter hatten. Die meisten Wandmalereien sind im Museum von Aquincum anzusehen ebenso wie einige Werke der Bildhauerei aus Stein, Bronze und Ton und einer Anzahl reliefverzierter Grabmäler.

Aus der Zeit der Völkerwanderung sind besonders die Goldschmiedekünste von künstlerischem Wert, deren beste Arbeiten von den Hunnen, Awaren, Langobarden und landnehmenden Magyaren stam­men.

Schöpfungen der bildenden Kunst sind erst aus dem 12. Jahrhundert erhalten geblieben. Die wohl bekanntesten Stücke dieser Epoche, die ungarische Königskrone, das Zepter und der Krö­nungsmantel sind allesamt wie eine Auswahl an zuvor genannten Künsten in Nationalmuseum ausge­stellt.

Der romanische Stil, von dem noch einige Steinmetzarbeiten und Goldschmiedewerke erhalten sind, erlebte seine Blütezeit in Ungarn im großen und ganzen bis zum Mongole­neinfall 1241.

Eine größere Anzahl an Kunstwerken hinterließ die Gotik in Budapest, zu sehen an zahlreichen Ge­bäuden des Burgviertels. Besonders charakteristisch sind die gotischen Sitznischen an den Torein­fahr­ten vie­ler mittelalterlicher Häuser in diesem Viertel. Ursprünglich war auch die Matthiaskirche im go­tischen Stil gebaut, jedoch wurde beim Umbau um die Jahrhundertwende eher auf den spätgoti­schen Stil des 14. und 15. Jahrhunderts zurückgegriffen bzw. einige Details fielen ganz weg.

1974 ent­deckte man bei Restaurierungsarbeiten auf dem Gelände des Königspalastes in der Burg von Buda fast 40 mehr oder weniger gut erhaltene gotische Skulpturen, die auch aus europäischer Sicht von weitragender Bedeutung sind. Die schwungvollen, individuell gestalteten Kunstwerke vermitteln einen hervorra­genden Eindruck von Trachten und Kleidung der damaligen Zeit und genießen einen hohen Selten­heitswert aufgrund ihrer profanen Darstellungen.

Ebenfalls im Burgmuseum zu sehen, ist der Renais­sance-Schmuck des Budaer Burgpalastes, in Form von Marmorarbeiten, Fußboden- und Ofenka­cheln, die zum Teil restauriert sind. Als fast vollkom­men unversehrt erhaltene Baudenkmäler der Türkenzeit sind das Rudasbad und das Király-Bad zu nennen, zu denen es nördlich und westlich europaweit keinen Vergleich gibt. Er­halten ist auch eine türkische Grabkapelle aus dem 16. Jahrhun­dert, die Türbe des Derwischs Gül Baba auf dem Rózsadomb, die eins ein namhafter Wallfahrtsort des Islam war und heute wieder von vielen besucht wird.

Als die Christen 1686 Buda und Pest zurückeroberten, fanden sie fast nur Trümmer vor. Des­halb ist sowohl Buda wie Pest verhältnismäßig arm an Bauzeugen aus dem Mittelalter und der Re­naissance. Der Wiederaufbau begann in größerem Umfang im 18. Jahrhundert, doch die Gebäude wurden nun natürlich dem damaligen Bauempfinden entsprechend nicht im Original-, sondern im Ba­rockstil wie­derhergestellt. Zahlreiche schöne Barocke Kirchen und Wohnhäuser legen Zeugnis ab von der Kunst der hier ansässigen Meister. Sehenswert sind vor allem die St.-Annen-Kirche und die ehe­malige Kir­che der Elisabethinerinnen auf der Budaer Seite sowie die Universitätskirche in Pest.

Monumentalster Pester Barockpalast ist das Rathaus, Sitz des Hauptstädtischen Rates, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Kriegsversehrtenheim entstand. Das Kisceller Museum und die Ungarische Natio­nalgalerie besitzen reiche Sammlungen barocker Bildhauerwerke, Malerei und Bau­plastik aus Buda und Pest. In Óbuda wurde die Architektur und Bildhauerei mit lokalen Elementen bereichert, reprä­sentativste Beispiele sind die Óbudaer Pfarrkirche und das einstige Schloß Zichy.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierte in der ungarischen Kunst der Klassizismus, der sich die klaren, strengen Formen des klassischen Altertums zum Vorbild nahm. Dies war die Zeit, in der das ungari­sche Nationalbewußtsein erwachte, wodurch auch die Bautätigkeit begünstigt wurde; so entstand zum Beispiel das Ungarische Nationalmuseum, heute als schönstes klassizistisches Bau­werk in Budapest angesehen.

In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte sich die Ro­mantik in der Baukunst durch, während der klassizistische Stil weiter lebte. Miklós Ybl, ein hervorra­gender ungari­scher Architekt aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, verwen­dete bei einer reihe von öf­fentlichen und Privatgebäuden vor allem italienische Renaissance- und frühbarocke Stil­elemente, be­stes Beispiel wohl seine Konstruktion des Opernhauses.

Die Millenni­umsfeierlichkeiten zum Ende des vorigen Jahrhunderts, die vielen großangelegten Veran­staltungen anläßlich der Tau­sendjahrfeier der ungarischen Landnahme, begünstigten ganz besonders die histori­sierende Stilrich­tung.

Das neogotische Parlament, ein Werk von Imre Steindl, bestimmt gewissermaßen das gesamte Stadtbild. Ödön Lechner unternahm um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den interessanten Versuch, einen ungarischen inspirierten Baustil zu entwickeln. Beispiele dafür sind das Gebäude des Kunstgewerbemuseums und das Haus der ehemaligen Postsparkasse, heute der Ungarischen Natio­nalbank.

Damit begann in Budapest die Zeit der Sezession (des ungarischen Jugendstils), die die Stadt in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts mit zahlreichen Gebäuden bereicherte. Diese aus Wien kommende Stilrichtung machte im Gegensatz zu der früheren historisierenden Richtung die Verwen­dung von Eisenbeton und Glaskonstruktionen möglich, die auch heute noch modern wirken. Hervor­ragendster Vertreter dieses neuen, Stofflichkeit und Funktionalität betonenden Baustils war zu Beginn des Jahrhunderts Béla Lajta. Jedoch setzten ihm und seinen zeitgenössischen Nachfolgern in ihren Bauunternehmungen der Zweite Weltkrieg jäh ein Ende.

Die Entwicklung der Bildhauerei, die früher hauptsächlich auf den kirchlichen Bereich be­schränkt blieb und nicht wesentlich über das Steinmetzniveau hinausging, nahm sozusagen mit István Ferenczy zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang und erreichte in den romantischen Werken von Miklós Izsó einen Höhepunkt. Die Bild­hauerwerke auf öffentlichen Plätzen, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, sind im allgemeinen im Stil des Akademismus gehalten.

Der neobarocke Stil stand in der Bildhauerkunst bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Blüte, so stammen viele große, für Budapest zum Wahrzeichen gewordene Werke aus jener Zeit. Aber alle hier bereits ge­nannten und viele Dutzende Künstler mehr fanden wahre Anerkennung und Achtung für ihre Künste erst nach der Befreiung Ungarns im Jahre 1945.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der neue, demokratische Geist eine entscheidende Verän­derung in allen Zweigen der ungarischen bildenden Kunst, was sich besonders deutlich in Budapest abzeich­nete. Ende der vierziger Jahre, Anfang der fünfziger Jahre wurden die modernen Richtungen zwar vorübergehend von einer erzwungenen, neoklassizistischen Kunstauffassung des  »sozialistischen Realismus« bzw. der »stalinistischen Ornamentik« (»Zuckerbäckerstil« wie er sich im ganzen Ost­block in repräsentativen Gebäuden durchsetzte) zurückgedrängt, doch Ende der fünfziger Jahre konn­ten sie sich bereits wieder relativ frei entfalten. Das Kádár-Regime nahm wenig Einfluß auf die Kunstausübung, solange sie keine grundsätzlich systemgefährdende Rolle spielte.

Und obwohl im Städtebau die neuen großen Wohnviertel mit den Hochhäusern in Plattenbauweise, schnell errichtet, um die drängende Wohnungsnot des schnell wachsenden Budapest zu mindern,  der schöpferischen Phantasie wenig Spielraum lassen, zeugen doch einige Gebäude vom Talent der un­garischen Architekten der Gegen­wart. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts brachte Ungarn keinen außer­gewöhnlichen Maler mehr hervor, jedoch werden in unregelmäßigen Abständen die Werke der unga­rischen Gegenwartsmaler, zeitge­nössischen Bildhauer und Kunstgewerbler in der Budapester Kunst­halle, einer Reihe von Galerien und Ausstellungsstücken quer über den Stadtbereich verteilt, sowie der Ungarischen Nationalgalerie ausgestellt.

Verfasser: Axel Schütte

Der Balaton und seine Umgebung

Der Balaton ist das größte stehende Wasser Ungarns und auch Mitteleuropas. Der See wird auch »Ungarisches Meer« genannt, obwohl er in keinerlei Zusammenhang mit dem Binnenmeer steht, das um Ende des Tertiärs das Pannonische Becken überflutete.

Das Grabenbecken des Balatons ist ganz jung. Es entstand am Ende des Pleistozäns im südlichen Vorland des Bákonys durch stufenweise Senkungen entlang von südwest-nordöstlicher Brückenlinien. Die Wasserflüche des Balatons beträgt rund 600 km². Der See ist 77 km lang und an der breitesten Stelle 14 km breit. Im Vergleich zu seiner Größe ist das Seebecken sehr seicht. Der Durchschnitt liegt bei 3-4 m; die größte Tiefe, 11 m, mißt man im sogenannten Tilhanger Brunnen.

Die Wasserfassung des Balatons ist infolge seiner geringen Tiefe nicht groß (1800 Mill./m ). Auf der gewaltigen Fläche verdunstet jedoch mehr Wasser, als die Mengen die er durch den Niederschlag wie­der erlangt.

Die Wasserzufuhr wird besorgt durch den Fluß Zalen und die am Nordufer heimischen Bäche. Der Wasserstand des Balaton ist schwankend.

Die Wassertemperatur des Sees steht im engen Zusammenhang mit dem Klima seiner Umgebung. Im Sommerhalbjahr herrscht das kontinentale Klima vor, während zum Ende des Sommers und Anfang des Herbstes, vor allem im südwestlichen Teil, das mediterrane Klima seine Wirkung ausübt. Einen Grund dafür bilden die zeitweilig eindringenden ozeanischen Luftmassen.

Diese gelangen zumeist über das Bakonygebirge als Sturmwind zum Balaton und verursachen zeit­weilig stürmisches Wetter. Der vorherrschende Nordwestwind erreicht die Balatongegend über das bewaldete Bakonygebirge.

Darum ist die Luft um Nordufer staubfrei und nur mittelmäßig feucht. Der Wind bewirkt am Balaton 3 Arten der Wasserbewegung:

- den Wellengang

- die Strömung

- die Schwingung des Wassers.

Die Wasserströmung wird zumeist durch den Norwestwind verursacht. Der Wind drückt das Wasser am Nordufer herab und schwellt es an das Südufer. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichtszustan­des strömt das Wasser am Seeboden wieder zurück.

Der Balaton ist ein Heilbad, und sein Wasser ist von therapeutischer Wirkung wie z. B. die Kohlen­säure- Bäder um Nordufer oder das schwefel- und radiumhaltige Thermalwasser. Das Klima der See­gegend spielt eine wesentliche Rolle hierbei; zudem ist der See sauerstoffreich, sanft laugig und kalk­haltig.

Die Umgebung des Balatons ist landschaftlich sehr abwechslungsreich. Das Nordufer ist von dem Vorderland des Balatongebirges, dem terrassenartig aufgebauten Balatonoberland, umrahmt. Durch das Balatonoberland zieht sich eine lückenlose Triasschichtreihe, die noch dem inneren des Gebirges Li um 10°–20° einfällt und unmittelbar am Ufer sich an ein kristallines Grundgebirge anlehnt. Dieses letztere ragt auch noch im Verlauf des Alttertiärs an Stelle des heutigen Seebeckens und davon weiter südlich bis zum Meesekgebirge empor. Seine Überreste sind am Nordufer des Balatons in 80-100 m Tiefe zu finden.

Geht man am Nordufer des Balatons vom Seebecken aus, so durchquert man eine sich sanft erhe­bende, von Flußtälern durchfurchte doppelte Terrainstufe. Diese einstige Abrasionsterasse nennt man die Balatonriviera. Der Abhang am Nordufer des Balatons, im Windschatten des Bakonygebirges, hat mit seinen Weinbergen und Obstgärten einen mediterranen Charakter.

Von der Balaton Riviera führt ein steiler Abhang zum eigentlichen Balatonoberland über. Das Hoch­plateau von Nagyvazsony Veszprem bildet dessen östlichen und nordöstlichen Teil. Es besteht haupt­sächlich aus kahlem Dolomit. Die Landschaft in der Westhälfte des Balatonoberlandes hat einen an­de­ren Charakter. Hier tritt verkarstender Kalkstein an Stelle des Dolomit, zudem sind die ausgedehn­ten Basaltdecken typisch für die Gegend. Im weiteren Tapolcaer Becken reihen sich voneinander ge­son­dert die kugelförmigen oder abgestumpften Zeugenberge mit Basaltdecken bis an das Seeufer. Im Norden erhebt sich der Harlop (361m), in der Mitte des Beckens der Sankt Georgsberg (414m) und am Rande des Beckens befinden sich Hajages, Csobány, Gulács und Totohegy. Am Südrund des Beckens, unmittelbar am Ufer des Balatons, ragt der massige sargförmige Badascony, der das Land­schaftsbild des Balatonoberlandes am markantesten zeichnet.

Ein Kleinod des Balatons ist die Halbinsel Tihany. Ein Teil ihrer Fläche ist aus Basalttuff aufge­baut, der im Laufe der Postvulkanischen Tätigkeit von hungerten von Geysiren und heißen Quellen durch­brochen wurde. Man findet auf den Hügeln auch heute noch an die hundert Überreste der ein­stigen Gebirgskegel, nämlich kleine Hügel aus Hydroquarzit. Auf Grund ihrer Flora und ihrer Baudenkmäler ist die Halbinsel zu einem Schutzgebiet erklärt worden.

2. Tourismus am Balaton

Viele Touristen, die nach Ungarn reisen lieben den Balaton. Westliche Urlauber haben ihn vor Jah­ren als Billig-Paradies entdeckt und manche kommen seitdem jedes Jahr zum Campen. Selbst Budape­ster reisen fürs Wochenende aus der Hauptstadt an, Intellektuelle wie Arbeiter.

Die Hochsaison-Wochen sind von Juli bis August. In dieser Zeit verdrängt die Zahlungskraft der Be­sucher aus den deutschsprachigen Ländern die ungarische Landessprache. Die Gasthäuser haben deut­sche Namen und klassische deutsche Gerichte werden geboten. Oftmals kommen so viel Urlau­ber in kleine Städtchen, daß diese Menschenzahl das vier- oder fünffache der Einwohnerzahl ist. Zu diesem Zeit­punkt fühlen sich die Einwohner oftmals nicht wohl in ihrem Städtchen und bleiben mei­stens zu Hause.

Das Leben am Balaton ist für die Einheimischen recht teuer. Den amtlichen Angaben zufolge liegen die Lebenshaltungskosten am Balaton um rund 30 Prozent über dem Landesdurchschnitt, denn die meisten Restaurants und Cafes kassieren Sonderpreise.

Die Plattenseeregion erwirtschaftet gut ein Drittel der Fremdenverkehrseinnahmen des Landes. Rund sechs Millionen Touristen kamen 1988 zum Balaton. Diese starke Konzentration aller Reisen­den ist ein großes Problem der Region, denn die Menschen sind auf den begrenzten Raum zusammen drängt, vor allem an den wenigen eintrittsfreien Stränden, die nicht zu einem Hotel, Erholungsheim gehören oder im Privatbesitz sind.

Umweltaktivitäten sind für das Touristengebiet Balaton sehr nötig, vor allem wegen den tausenden von Tonnen Sonnenöl, die Jahr für Jahr von Urlaubern ins Wasser getragen werden. Deswegen ist es ein Glück, das die Urlaubssaison nur so kurz ist. Die Wasserqualitüt des Sees hat sich zwar durch ver­stärkte Kontrollen und des Baus von Klöranlagen verbessert, jedoch werden im Westzipfel immer noch be­drohliche Werte gemessen. Wegen der strengen Wasserschutzvorschriften wurde das Befah­ren des Sees mit motorisierten Sportbooten seit 1976 verbo ten. Allerdings treten immer noch ökolo­gisch alarmierende Schäden auf, durch den Ausbau der Ferienorte rund um den Balaton und deren nicht um­weltfreundlichen Entwässerungsanlagen, sowie durch künstliche Düngemittel, die im Bereich der Ufer­zone ange wendet worden sind.

Quellenangaben:

1.     Grieben, Reiseführer, Band 228, »Ungarn«. Hrsg. : Grieben Verlag GmbH, München

2.     Schroeder Reiseführer »Ungarn« von Bronja Weierstahl. Bruckmann KG, München, 1989

3.     »Ungarn«. Hrsg. : Matthias Meisner. VSA-Verlag, Homburg, 1990

4.     »Die Geographie Ungarns« von M. Pecsi und W. Sárfálvi. Corvina Verlag

5.     »Ungarn – Landschaft, Geschichte, Kultur« von Herbert Gottschalk. Verlag W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 1970

 

III. Berichte vom Reiseprogramm

Fr./Sa., 9./9. September 1995

Rundgang über den Burgberg am Nachmittag des Ankunftstages, 16.30-18.45 Uhr

Die Burg war ursprünglich Sitz des Albert des IV, später der Königschaft. Es ist eine Festung in Bu­da, auf einer Travertino- Kalkschicht aufgebaut wurde. Durch diese eben Kalkschicht war die Fe­stung unabhängig, sie verfügte über eine eigene Wasserversorgung.

Sie befindet sich an der schmalsten Stelle der Donau, wodurch das Überqueren des Flusses verhält­nismäßig leicht war. Durch den II. Weltkrieg (Zerstörungen) fanden Ausgrabungen statt, wobei man herausfand, daß die Travertin-Schicht 13 km lang ist, und ein natürliches Höhlensystem darbietet, das sich besonders als Schatzkammer oder Lebensmittellager eignete. Während der Verteidigung der Burg im Krieg flüchteten die ungarischen Soldaten in das Höhlensystem, wodurch sie für die Angrei­fer nur schwer erreichbar waren.

Die Fischerbastei stellt einen großen musealen Wert dar, sie befindet sich unter Denkmalschutz und war bis zum Ende des zweiten Krieges Goldkammer der ungarischen Regierung. Dort befanden sich auch das »Herz« der ungarischen Energieversorgung, sowie das Forschungszentrum der Akademie.

Die Fischerbastei umfaßt ein 8 km. langes Uferschutzsystem, es spielt keine besondere Rolle in der Stadtgestaltung, allerdings besitzt sie einen großen touristischen Wert.

Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn

Sonntag, 10. September 1995

»Budapest«

Ein Vortrag von Prof. Dr. Zoltán Antal

Das 525 km² große Budapest besitzt eine typische Geographie für ungarische Großstädte, die Eintei­lung der Viertel erfolgte nach Nationalitäten. Seit 1950 entstand Großbudapest, doch bereits nach Ende des II. Weltkrieges wurden Vororte, sowie mehrere kleinere Ortschaften zum alten Stadtkern hinzugezogen. Durch starke Unterschiede zwischen den Innen- und Außenbezirken ergaben sich bis heute noch nicht gelöste Probleme; die gut ausgebaute Kanalisation, Wohnfläche und Infrastruktur der Innenstadt konnte in den Außenbezirken nur unzureichend oder gar nicht übernommen werden. Durch die unzureichend ausgebaute Kanalisation im höher gelegenen Ostteil der Stadt gelangen die ungeklärten Abwasser durch die Gesteinsschichten in das Grundwasser, und auf Grund der Fließrich­tung unter die Innenstadt, damit verbunden die Verschlechterung der Trinkwasserqualität (siehe Pro­tokoll »Wasserwerk«).

Das Problem des mangelnden Wohnraums wurde in den 50er Jahren, zur Zeit der Re-Industrialisie­rung, durch Aufteilung vorhandener Wohnkapazitäten versucht zu lösen

(aus 1 mach 2). Eine weitere Maßnahme zur Reduzierung von Neuansiedlungen waren administrative Beschränkungen, wonach nur diejenigen eine Wohnberechtigung erhielten, die einen Arbeitsplatz in Budapest vorweisen konnten, angesichts des hohen Arbeitskraftbedarfs keine Seltenheit. Anfang der 60er erreichte die Wohnungsnot einen neuen Höhepunkt, so daß die damalige Regierung eine schnelle Lösung finden mußte, weshalb die in der DDR bewährten Plattenbauten am Stadtrand er­richtet wurden. In den ausgewiesenen Wohnvierteln entstanden 50.000 neue Wohneinheiten, wäh­rend in den östlichen Randgebieten die dörfliche Struktur erhalten blieb.

Hohe Miet- und Grundstückspreise ließen im Laufe der Zeit die Wachstumsquote der einzelnen Wohnviertel stagnieren.

Um die Stadtentwicklung Budapests nachvollziehen zu können, sollte man einen Rückblick auf die Besiedlung während der römischen Besatzungszeit werfen.

Schon damals war die Donau (Duna) ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens, sie diente den Römern als natürliche Grenze zu ihren Nachbarn (Limes). Die größte Gefahr seitens dieser Bar­baren bestand darin, daß die Eisbildung im Schatten des 150 Meter hohen Budaer Berges einen An­griff ermöglichte, waren doch die Brückenköpfe der Römer gut befestigt.

Die damals errichteten Handelsstraßen der Römer, bestehend aus vulkanischen Gestein (Basalt), der aus einer 40km entfernten Mine gewonnen worden ist, bilden auch noch im heutigen Ungarn die Grundlage der Hauptverkehrswege. Selbst eine über weite Strecken verlaufende Route über Aquin­cum an der Donau entlang, von den Römern geplant und verwirklicht, dient als Grundlage für die jetzige Straßenführung. Um die Bevölkerung und die Armee mit genügend Trinkwasser versorgen zu können, ließen die Römer eine 20km lange Wassertrasse bauen, Teile dieser Konstruktion sind derzeit auch noch zu sehen. Um 110 n.Chr. endete die Vorherrschaft der Römer, damit auch der Ausbau der Handelswege und Handelszentren. Dafür kamen um 555 n.Chr. die Magyaren und besiedelten die Gebiete an der Donau.

Zu diesem Zeitpunkt waren Buda und Pest noch zwei unterschiedliche und selbständige Siedlungen. Erst 1873 kam es zu einer Vereinigung dieser verhältnismäßig stark bevölkerten Lebensräume. Be­deutend für diese Gegend waren die naturgeographischen Begebenheiten, zum einen war und ist die Donau in dieser Gegend am schmalsten (nur bis zu 300m), weshalb an dieser Stelle auch die Elisa­bethenbrücke gebaut worden war, zum anderen treffen in dieser Region die Bergzone und das soge­nannte Flachland aufeinander, was eine Verknüpfung zweier wesentlicher Wirtschaftsräume der da­maligen Zeit war. Ein weiterer Grund für die enorme Expansion Budapests und der Umgebung war die Nähe zu großen Kalksteinreserven (20 - 25km), die über mehrere hundert Jahre hinweg für Häu­serbau und ähnlichem, wie das Parlamentsgebäude, abgebaut wurden; große Steinminen befinden sich im heutigen XXII. Bezirk Budapests.

Die durch den Abbau entstandenen Hohlräume und die natürlichen Höhlen wurden in der Zeit der k.u.k. Monarchie wiederentdeckt, ihre neue Nutzung bestand aus der Beherbergung der größten Bierbrauerei des Landes, sowie in anderen Höhlen das Weinkombinat, da in den Gesteinsschichten die Temperatur und Luftfeuchtigkeit relativ konstant blieben.

Ein großer negativer Aspekt der Höhlensysteme in vier Städten war die Bebauung von Areal, worun­ter sich ein solcher Höhlenkomplex befand. Die Folgen dieser Bebauung war der Einsturz mehrerer Häuser in den 60er Jahren.

Durch die Industrialisierung bekam der Export von Lebensmitteln einen wesentlichen Aufschwung, hervorgerufen durch die Versorgungslage der 50 Mio. Einwohner des »k.u.k.-Reiches«, wonach Österreich, Czechei, Slowakei und Ungarn, sowie etwa 1/2 des heutigen Rumäniens, vor allem 150km² Transsilvanien, kleinere Teile von Jugoslawien und Teile des heutigen Kroatiens und der Westukraine zu diesem Reich gehörten.

Durch die große Produktionsmenge zur Ernährung dieser Bevölkerung, kam es dann auch ziemlich schnell zu einer Überproduktionen, die auf dem Westeuropäischen Markt dankenden Absatz fanden. Die Hauptstandbeine waren Mehl, Wein; Bier und Konserven jeglicher Art. Die meisten der Betriebe waren in der Hand von sogenannten Industriebaronen, die ein großes Industriegebiet erbauten, um in der Rüstungsindustrie genügend Potential zu schaffen. Es entstand die zweit größte Waffenprodukti­on, die jemals in der k.u.k. vorkam. In Zahlen bedeutet dies, daß bis Ende des I .Weltkrieges ungefähr 30.000 Bürger in der Waffenproduktion angestellt waren.

Nach dem Ende des I. Weltkrieges und der 2/3 Teilung Ungarns waren die großen Produktionsstätten in erheblicher Beweisnot, um ihr Dasein zu begründen, weshalb zum Auffangen der kommenden Ar­beitslosen ein neuer wirtschaftlicher Schwerpunkt festgelegt wurde, die Textilindustrie. Nach dem Verbot der Rüstungsindustrie kam es erneut zu Engpässen in der Arbeitsplatzzahl.

Wurde Budapest schon bei den Römern als infrastruktureller Mittelpunkt des Landes gesehen, so entwickelte sich diese Stadt immer mehr zu einem Vorbild für ganz Ungarn. Liefen nicht nur alle Fernstraßen durch Budapest, sondern war auch die erste Eisenbahnlinie Teil eines umfassenden Auf­bauprogramms. Sämtliche Eisenbahnlinien und Hauptverkehrswege des Landes führten radial auf die Stadt zu, da hier unter anderem auch die einzige nennenswerte Eisenbahnbrücke Ungarns stand.

Die heutige Problematik der Stadt Budapest ist vor allem von den Menschen selbst gemacht, da das Abwasser in die Donau geleitet wird und dadurch sind die Bewohner im Süden auf Grund der Fließ­richtung der Donau den Gerüchen ausgesetzt, während der Wohnungsbau im sauberen Norden der Stadt stetig expandiert. Zur Zeit der DDR, war Budapest noch ein Treffpunkt der Ostdeutschen un­tereinander, sowie der einzige Weg, um sich mit Westdeutschen Verwandten zu treffen, ohne ir­gendwelche Repressalien in Kauf nehmen zu müssen.

Als zukunftsträchtiges Projekt ist der Ausbau des Schienennetzes zu betrachten, da es in Ungarn auf Grund geringer Distanzen keinen Inlandsflugverkehr gibt.

Verfasser: Robert Waldmann, Tillmann Wege

Stadtrundfahrt durch Budapest

Die im 19. Jahrhundert von den Österreichern erbaute Zitadelle auf dem St. Gellert-Berg diente die­sen zur Verteidigung gegen das ungarische Volk. Der aus der Besetzung resultierende Wirtschaftszu­sammenbruch wurde im Jahre 1867 durch österreichische Zugeständnisse an Ungarn beendet.

Neben der Zitadelle wurde die Freiheitsstatue von Ungarn gebaut, die eigentlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als »Befreiungsdenkmal« Ehrenmal der sowjetischen Armee war und erst nach der politischen Wende 1989/90 unter Entfernung der sowjetischen Insignien und Inschriften zu einem allgemeinen Freiheitsdenkmal umgewidmet wurde.

In der Nähe des Gellert-Berges entstand ein elegantes Wohnviertel, in dem heute Botschaften, Privat­banken und »Residenzen« der neuen reichen Oberschicht ihren Sitz haben. Um dieses auf den Bu­daer Bergen liegende Viertel erreichen zu können, baute man eine Zahnradbahn, da die Steigung für normale Straßenbahnen zu groß war.

Daneben entstand nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Höhen der Budaer Berge die »Pioniereisenbahn«, die von der Pionierorganisation der ungarischen Parteijugend in der Zeit der Volksrepublik, die ähnlich wie die FDJ in der DDR aufgebaut war, gewartet und betrieben wurde – als große und begehrte Auszeichnung und Ehre für die Jugendlichen, die dafür ausgesucht wurden. Jetzt ist sie aber privatisiert, da die ungarische Jugendorganisation nach der politischen Wende aufge­löst worden ist und zudem heute zu wenig Geld für die staatliche Jugendarbeit zur Verfügung steht.

Obwohl sich am Rande dieses Viertels das zentrale Kerntechnische Forschungsinstitut Ungarns be­findet, das 1957 von der Sowjetunion gebaut und ausgerüstet und jetzt durch westliche Firmen mo­dernisiert wurde, sind die Budaer Berge ein attraktives touristisches Ausflugsziel.

Am Fuße der Budaer Berge fließt die Donau, die sich mehrfach an Inseln verzweigt; an ihren Ufern sind viele Sanatorien mit internationaler Bedeutung an den dort entspringenden Heilquellen zu finden. Die Donau teilt die Stadt in die Seiten Buda und Pest. Die Donaubrücken, die die beiden Stadtseiten verbinden, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, später aber wieder im alten Stil aufgebaut; nur die Elisabethen-Brücke erhielt eine neue moderne Form.

Die alten römischen Siedlungsgebiete auf der Budaer Seite, deren ältester Teil das Militärlager im heutigen Obuda war, wurde im Lauf der Zeit durch eine bedeutende Bürgerstadt, Aquincum, ergänzt.

Zum Militärlager gehörte das größte Amphitheater der damaligen Siedlung mit 16.000 Plätzen, dessen Fundamente aus Stein, dessen Zuschauertribünen und Bühnenaufbauten aber aus Holz bestanden. Das Steinfundament ist heute wieder ausgegraben worden.

Die Funktion dieser antiken Siedlung, in der 6.000 Soldaten, z.T. mit ihren Familien, und 30.000 Zivilisten lebten, bestand in der Bewachung des Limas, um das Eindringen der »Barbaren« in das Römische Reich zu verhindern.

Wegen des starke Bevölkerungswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Obuda (= »Alt­buda«) im Bereich der römischen Militärstadt ein großes Neubaugebiet mit »Wohnsilos« gebaut, die die ursprünglichen kleinen, alten Wohnhäuser verdrängten, was heftige Diskussionen und Proteste auslöste. Beim Bau dieser »Wohnsilos« fand man dann immer mehr römische Ruinen, die man als Denkmäler erhielt und die den Kontrast dieses Gebietes verdeutlichen.

Daran läßt sich auch erkennen, daß sich das Oberflächenniveau seit der römischen Siedlung vor rund 2000 Jahren durch Schutt- und Bodenaufschüttungen um mehr als 2 Meter angehoben hat.

Auf der Ebenen Seite von Budapest, in Pest, befindet sich als eine der bekanntesten Sehenswürdig­kei­ten der Heldenplatz, der in kommunistischer Zeit auch als Truppenaufmarschplatz diente und im Seitenbereich mit einem Lenin-Denkmal ausgestaltet war, das sich jetzt im »Statuenpark« am Stadt­rand in Richtung Budaörs befindet.

In der Mitte des Platzes ist das Grab des Unbekannten Soldaten zu sehen, das des öfteren Ziel von ausländischen Staatsbesuchern ist.

Den inneren Platz umgibt halbkreisförmig eine zur Milleniumsfeier der Landnahme Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Ehrengalerie mit den überlebensgroßen Bronzestatuen der Ungarischen Helden, nach denen der Heldenplatz (Hösök tér) benannt ist, der alten Könige und der siebenbürger Freiheits­kämpfer. Reliefs stellen die ungarischen Stämme der Landnahme, die heroischen Stationen der unga­rischen Geschichte und die Symbole der ungarischen Nation dar.

Im letzten Jahrhundert wuchs die Stadt beträchtlich. Deshalb wurden die Stadtmauern beseitigt und statt dessen die Straßenzüge des »Kleinen Ringes« gebaut. 1840 wurde der Westbahnhof (Nyugati p.u.) vom französischen Ingenieur Eiffel gebaut, von dem auch der Eiffelturm in Paris stammt. Um 1880 folgte der Bau des Abwassersystems unter dem kleinen Ring, das auch heute noch genutzt wird, die planmäßige Stadterweiterung über den kleinen Ring hinaus und der Bau des Ostbahnhofs (Keleti p.u.), der wie der Westbahnhof heute als bedeutendes Baudenkmal unter Denkmalsschutz steht.

Der Abwasser-Hauptsammler unter dem kleinen Ring verursachte einige Probleme beim Bau der er­sten Budapester U-Bahn, die zur Milleniumsfeier und der Eröffnung der Ungarischen Nationalaus­stel­lung im neugestalteten »Stadtwäldchen« fertiggestellt werden sollte. Es stand zwischen der Stra­ßenoberfläche der Prachtallee vom Stadtzentrum (Donauufer und Deák-tér) zum Heldenplatz (der heutigen Andrássy út) und der Oberkante des Abwasserkanals nur ein Raum von ca. 3 m zu Ver­fü­gung, was das Maß für die Konstruktion der Tunnelanlagen und der Wagen dieser ältesten U-Bahn auf dem europäischen Kontinent werden sollte. Später, nach 1965, wurde die Strecke der Metro-Li­nie 1 noch durch das Stadtwäldchen hindurch verlängert. Wegen der geringen Höhe hatte (und hat) diese U-Bahn spezielle Wagen, die man wegen der vorne und hinten über die Drehgestelle emporge­bogenen Stahlträger, die den Wagenkasten tragen, auch »Schwanenhalswagen« nennt — Vorläufer unserer heutigen ganz modernen Niederflurwagen mit einem Mitteleinstieg nur wenige Zentimeter über der Schienenoberkante. Diese U-Bahn ist soeben sorgfältig erneuert und in den alten Stationen im Jugendstil der Jahrhundertwende restauriert worden; die Wiedereröffnung fand an unserem letzten Wochenende in Ungarn statt, so daß einige von uns noch am Montag Nachmittag nach unserer Rückkehr nach Budapest die Gelegenheit zu einer ersten »Einweihungsfahrt« nutzten.

Verfasser: Helene Isaak, Bettina Bruns, Christiane Leyhe

Protokoll vom Sonntagnachmittag im Szechenyi-Bad

Nach einer gemeinsamen Stadtrundfahrt endete das offizielle Programm und der Nachmittag wurde zur freien Verfügung gestellt.

Ein Teil der Gruppe besuchte dann das Szechenyi-Heil- und Freibad, welches im Stadtwäldchen, an der Südseite des Heldenplatzes liegt. Der imposante kuppelgekrönte Bau entstand in den Jahren 1903-1913 und wurde später vergrößert.

Der Eintritt einer Gruppe ab 10 Personen kostete 200 Forint. Im Preis enthalten war eine Badekappe, die notwendig war für eins der drei Becken.

Das Heilwasser des Bades stammt aus einem 1250 m tiefen artesischen Brunnen und hat eine Tempe­ratur um 70C. Es ist heilwirkend bei Rheumatismus, Magen- und Darmkrankheiten, Nervenleiden u.v.a. Das Freibad hat Becken mit warmen, lauwarmen und kalten Wasser. Das Szechenyi-Bad ge­hört zu den beleibtesten Bädern Budapests. An diesem Nachmittag waren hauptsächlich ältere Leute in dem warmen Becken; teilweise spielten sie Schach am Rand. Die Angestellten waren sehr nett und hilfsbereit und verhalfen den Besuchern zu einem netten, erholsamen Aufenthalt.

Verfasser: Anke Döscher

Montag, 11. September 1995

»Die wirtschaftliche Lage Ungarns«

Referat von Prof. Dr. Wirth von der Handelsbank Budapest

Ungarns Lage in der Mitte Europas ist ideal gute Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Auf­schung, doch die ungarische Wirtschaft ist geprägt von 50 Jahren Sozialismus. Durch das damals fehlende Leistungs- und Motivationsprinzip blieb der Fortschritt auf der Strecke, verursacht durch den damaligen Absatzmarkt in den Ostblockländern, der keine fortschrittlichen Produkte und Produk­tionstechniken erforderte.

Der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion hatte weitreichende Konsequenzen für die ungari­sche Wirtschaft, vor allem für exportorientierte Unternehmen. Durch einen Verlust von etwa 75% der Absatzmärkte im Ostblock, mußten sich diese Unternehmen nun den harten Bedingungen des Welt­marktes unterwerfen .

Früher unter Jánus Kádár gab es offiziell keine Arbeitslosigkeit und keine Inflation. Aber die Kom­munisten haben es gut verstanden, wie man mit der Statistik und mit der Aufnahme von ausländi­schen Krediten die Wirklichkeit verschieben kann. Die schwere Erblast des alten Regimes ist Realität und Ungarn befindet sich heute unumkehrbar auf dem Weg zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Erst nach der Systemumkehr wurde es offenkundig, daß die geerbte Schuldenlast um Milliarden jene Summe übertrifft, die bis dahin bekannt war. Seit der Gründung der neuen Regierung flossen mehr als 50% aller ausländischen Investitionen in den ehemaligen sozialistischen Ländern nach Ungarn. Trotzdem gilt das Land als positives Beispiel, wenn es um die ehemaligen kommunistischen Länder geht. Experten geben Ungarn eine gute Chance, aus der tiefen Krise herauszukommen, die durch das vom Sozialismus vererbte Elend bedingt ist. Die plötzliche Massenarbeitslosigkeit in Ungarn hat zwei schwerwiegende Ursachen. Einerseits den Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems, durch den Ungarn einen Großteil seiner Märkte verlor und anderseits durch den Übergang zur Marktwirtschaft, die Herausbildung einer neuen Eigentümerschaft und die Privatisierung. Modernisie­rung und Rationalisierung sowie die Anwendung modernerer Technologien trugen zu einer Steige­rung der Arbeitslosenquote bei.

Durch die Umstellung zur Marktwirtschaft verringerte sich der Eingriff der Regierung in die Wirt­schaftsprozesse deutlich. Zugleich erhöhte sich die Rolle der Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt. Doch an der Versorgung der Arbeitslosen ist der Staat weiterhin maßgeblich beteiligt. Durch die hohe Arbeitslosigkeit verschlechterten sich die Lebensumstände, was die Sozialpolitik wie­derum vor große Aufgaben stellt.

Nach Schätzungen des statistischen Zentralamtes erreichen 15% der Beschäftigten und ca. 10% der Rentner das Existenzminimum nicht. 1992 lebte etwa ein fünftel der Bevölkerung unter dem Exi­stenzminimum. Etwa 200.000–300.000 Menschen leben in Ungarn unter erbärmlichen Verhältnissen. Das soziale Netz kann sie im Moment noch nicht auffangen.

In den letzten 5 Jahren entwickelte das Land ein Programm zum Aufbau von neuen Handelsbezie­hungen und ist immer auf der Suche nach neuen Investoren. Geschulte billige Arbeitskräfte und eine akzeptable Infrastruktur wirken Investorenfreundlich. Diese sind auch nötig, da die Reserven des La­ndes durch die hohe Staatsverschuldung erschöpft sind. Das Haushaltsdefizit von 30 Milliarden Dol­lar ist Ungarns größtes Problem, wegen des schnellen Zinsanstiegs, der das Land innerhalb von 10 Jahren 5 weitere Milliarden Dollar kostet.

In den 70er und 80er Jahren erhöhte sich der Energieverbrauch auf das Zehnfache und somit erhöhte sich auch die Staatsverschuldung durch Energieimporte. Deshalb entwickelte der Staat ein aktives Sparprogramm zur Schuldeneindämmung nach innen und außen, um die Wirtschaft zu stabilisieren und um den wichtigen Bildungs- und Gesundheitssektor zu sichern.

Gute natürliche Gegebenheiten ermöglichen Ungarn das Betreiben der Agrarwirtschaft, auch kristalli­siert sich Ungarn als Computerbasis im Ostblock heraus und erschließt sich somit einen neuen zu­kunftsträchtigen Industriezweig.

Im Allgemeinen kann sich Ungarn mit einer friedlichen Systemänderung glücklich schätzen und an­ders als Serbien oder die Ukraine dort ansetzen, wo der Sozialismus endete.

Das wichtigste Ziel Ungarns ist es, ein »vollwertiges« wirtschaftliches Mitglied in (West-)Europa zu werden.

Verfasser: Michael Schmidt, Philipp Maske

Besichtigung der Budapester Wasserwerke

Der Vortrag im Wasserwerk wurde referiert von Josef Tronberg. Der Referent versuchte, uns damit einen Gesamteindruck von der Wasserversorgung in Budapest zu geben. Budapest gewinnt 75 - 80% seines Trinkwassers aus dem Grundwasser. Es werden pro Tag ca. 10.000 qm Trinkwasser gewon­nen.Die Gebiete in denen Grundwasser gefördert wird, sind einmal im nördlichen und südlichen Teil von Budapest. Hierbei wird das nördliche Förderungsgebiet vorgezogen, weil dort das Grundwasser noch einen sehr hohen Reinheitsgrad besitzt. Das bedeutet es muß nicht extra chemische gereinigt zu werden. In dem südlichen Gebieten sind die Ufer zunehmend mit Schadstoffen verschlammt, die sich im Grundwasser ablagern. Um das Wasser von Eisen und Mangan zu reinigen, hat man in Radzawar ein Werk für die Reinigung des Trinkwasser gebaut. Da die Kapazität aber nicht ausreichte wurde in Lieda ein größeres Wasserwerk gebaut, was eine Kapazität von über 10000 qm Wasser pro Tag. Eine andere Art der Wasserversorgung ist der Gebrauch von Donauwasser bei Grundwasserknappheit. Das Problem dabei ist aber folgendes, daß das Donauwasser chemisch gereinigt werden muß und so sehr viel teuer ist als normales Grundwasser. In den letzten 4 - 5 Jahren hat sich der Wasserverbrauch um 300.000 qm verringert. Dieses ist mit den zahlreichen Schließungen von Betrieben nach 1989 zu er­klären. Vor 1989 lag der Wasserbedarf bei über 1.000.000 qm Wasser pro Jahr. Durch die geringe Nachfrage von Trinkwasser mußte die neue Anlage für Trinkwasser auf Warte geschaltet werden. Das bedeutet, daß die Anlage nicht in Betrieb ist aber jeder Zeit wieder ans Netz gehen kann, wenn es die Situation erfordert. Das Wasserwerk was besuchen ist zur Zeit nicht in Benutzung. Es hat die Aufgabe bei Bedarf Donauwasser zu reinigen und in das Stadtnetz zu speisen. Die Donau fließt mit 800 - 3000 qm pro Sekunde. Eins der größten Probleme für die Wasser Industrie ist die starke Ver­schmutzung der Donau durch Schiffe. Zum Schutz der Anlagen zur Wasseraufbereitung, wurde ein Ölwarnsystem auf der Donau installiert. Bei Ölalarm werden die Anlagen sofort abgeschaltet und man versucht, das Öl mit Aktivkohle zubinden. Das Pumpwerk dieser Anlage liegt ca. 5 - 6 m unter dem normalen Wasserverlauf der Donau. Weitere Gefahren für die Anlage sind Eisanhäufungen auf der Donau und die zunehmende biologische Verschmutzung der Donau. Um sich vor den biologischen Verschmutzungen, wie zum Beispiel Algen zu schützen, sind Microfilter in das System eingebaut worden.Wie oben schon erwähnt muß die Donau chemisch gereinigt werden, um das Wasser von den Schwemmteilchen im Wasser zu befreien. Das Problem ist nur, das diese Teilchen negativ geladen sind und somit nicht absinken. Aus diesem Grund wird dem Wasser Alminiumsulfat zu gegeben. Bei dem chemischen Prozeß entsteht Aluminiumoxid, was schwere ist als Wasser. Der Schlamm wird hy­draulisch zusammengekehrt und entfernt. Die Effektivität dieser Art der Reinigung liegt bei 80%. Die restlichen 20% werden durch Filter geklärt. Um die Reinheit es Wasser zu garantieren, werden dem Wasser noch weitere Chemikalien wie z.B. Chlor zu gegeben. Das Problem mit Chlor ist, daß es bei einer zu hohen Dosierung umgewandelt wird. Es entsteht Trichlormethan, was in größeren Mengen schädliche für den Menschen ist. Damit dieses nicht passiert werden Kontrollen an den äußeren Punk­ten der Wasserversorgung gemacht. Bei diesen Messungen darf die Menge des Chlor nicht über 0,1 mg pro Liter überschreiten. Diese aber ist auch nötig, um die Wasserqualität in dem alten und nicht immer sehr hygienischen Rohr zu schützen. Wenn die Konzentration doch die Grenzwerte überschreitet, wird mit Hilfe von Ultraviolettem Licht und Chloroxid das Chlor abgebaut. Der Verlauf des Wassers im Wasserwerk: Pumpwerk - Chemikalien - Eisfänger - Rotationsfilter - Filter - Rein­wasserbecken.

Der Rundgang durch das Wasserwerk

In einer Halle, dem Lager für die Chlorversorgung des Wasserwerkes, lagern viele 1000-kg-Fässer ge­füllt mit Flüssigchlor. Geliefert werden diese von den verschiedensten Werken in Budapest. Danach wurde uns ein Teil der Pumpanlage gezeigt, bestehend aus großen Rohren (1,2 m Durchmesser), durch die das Donauwasser geleitet wird, hin zu sogenannten Eisfängern, die im Winter Eisstücke aus dem Wasser zurückhalten, die ansonsten die Anlage behindern könnten. Das Wasser gelangt hiernach zu den Rotationsfiltern. Hier wird das Wasser von der Mitte her in eine trommelähnliche Vorrichtung eingespeist, welches durch die 1,4 mm feinen Löcher der Gittertrommel ein erstes mal grob gefiltert wird. In der nächsten mechanischen Reinigungsstufe wird der Schlamm aus dem Wasser entfernt. Hierbei handelt es sich um ein rundes, 9 m tiefes Becken mit einem Durchmesser von 27 m und einem Fassungsvermögen von 2.600 m³. Der hierbei erreichte Reinigungsgrad beträgt ca. 80 %. In der Mitte befindet sich ein sogen. Flokulator, der zur Steigerung der Effektivität den Inhalt des Bec­kens »umrührt«. Das so gereinigte Wasser gelangt nun zur Restreinigung. Hier wird das Wasser über Filter geleitet, bestehend aus einer 70 cm hohen Anthrazitschicht, darunter Sand und Feinfilter. Die Dauer der Reinigung in dieser Stufe beträgt 24 bis 72 Stunden, je nach Grad der vorigen Reinigung.

Als nächstes begaben wir uns zur Wasserentnahmenanlage, welche ganz in das Flußbett der Donau eingelassen ist. Die Wasserentnahme findet 6 bis 7 Meter unter dem Wasserspiegel statt. Die Saugflä­che der Pumpen befinden sich somit auch bei Wassertiefststand einen Meter unter dem Spiegel. 8 Pumpen mit einer jeweiligen Kapazität von 2.450 m³/Stunde arbeiten hier, um das Wasser dann zu den anfangs erwähnten Eisfängern und Grobfiltern weiterzuleiten. Früher arbeiteten hier viele Ange­stellte, bis der Arbeitsvorgang automatisiert wurde. Die Steuerung wird im sogenannten ›Dispatcherraum‹ (engl. "dispatch, to": [ab]schicken/senden, [schnell] erledigen; Anm. d. Protokol­lan­ten) übernommen, nur noch zweimal täglich wird ein einfacher Kontrollgang übernom­men.

Seit November 1993 ist die besichtigte Anlage außer Betrieb. Gründe hierfür sind u.a. das entstan­dene Verständnis für Wassersparen sowie die Stillegung von Betrieben, die zuvor Großabnehmer von gereinigtem Wasser waren. Die heutige Wassergewinnung geschieht heute nur noch aus Brunnen, nicht mehr durch die Donau. Ein Problem für die Donau ist auch die Verdünnung ihrer natürlichen Filterschicht durch Beschleunigung der Donau durch die Umlenkung ihres Laufes (des ›Stromstriches‹) in die Flußmitte. Die Selbstreinigungskraft des Flusses ist dadurch niedriger als nor­mal.

Verfasser: Lars Ahlström und Kai Radewald

Dienstag, 12. September 1995

Budapest: Das Ethnographische Museum

Dieses Museum bringt seinen Besuchern das traditionelle ungarische Volksleben in der Zeit vom aus­gehenden 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg näher. In dreizehn Räumen werden Exponate dokumentiert, welche aus der Zeit vor der Industriellen Revolution in Ungarn stammen. Die Ausstel­lung verfolgt den Zweck, die gemeinschaftliche Kultur des ungarischen Bauerntums als Bestandteil der europäischen Kultur aufzufassen.

Kleidung, Leben und bäuerliche Arbeit im alten Ungarn (Raum 1-3)

Die Ausstellung zeigt verschiedene Trachten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Stoffe, Far­ben, Schnitte und Putz nämlich nach ungeschriebenen Gesetzen sowohl auf die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft als auch auf den gesellschaftlichen Status, auf Beruf, Alter, bzw. auf gewisse kirchliche und private Anlässe wie Hochzeiten, Trauerfälle u.ä. verweisen.

Die Trachten waren oftmals sehr verschiedenartig, denn im Karpartenbecken lebten nicht nur Un­garn, sondern auch Sachsen, Slowaken, Ruthenen, Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Bulgaren, Rumänen und Schwaben, die sich ihre Trachten ebenso bewahrten wie ihre verschiedenartigen Bräu­che und Religionen – römisch-katholisch,griechisch-orthodox, lutherisch, kalvinistisch, unitaristisch, jüdisch. Die jeweilige Kirche spielte eine zentrale Rolle in der Volkskultur.

In Ungarn waren vier Typen von Siedlungs- und Verwaltungsformen vertreten:

1.     Das Dorf (Familienwirtschaft).

2.     Das Herrschaftsgut (Meierhof, Gutswirtschaft).

3.     Marktflecken und Einödhof (bedeutende Viehwirtschaft).

4.     Die Stadt (mit Handwerk und Handel).

In Ungarn existierten verschiedene Formen der Bewirtschaftung in der Landwirtschaft nebeneinander:

- Die Bedarfwirtschaftsdeckung der Dörfer.

- Die extensive Viehzucht.

- Getreideanbau der für den Markt produzierenden Marktflecken und Bauernhöfe.

- Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine warenproduzierende Kleinwirtschaft mit Ge­müse-, Obst- und Weinanbau, meist als Monokulturen.

Die Orte der ländlichen Wirtschaftszweige selbst waren im einzelnen selbst die Gewässer (Fischerei), die Wälder (Sammeln, Jagd), die Wiesen (Mähwirtschaft, Fütterung), die Äcker (Getreideanbau), die Weiden (Rinder, Pferde, Schafe unter freiem Himmel), der Einödhof (mit extensivem Getreidean­bau), die Weinberge, der Gemüseanbau im Garten und auf Äckern. Die drei Grundnahrungsmittel waren Fleisch, Milch und Getreide.

Das traditionelle Handwerk und der Markt (Raum 4 - 6)

Handwerk gab es in vielen technischen und organisatorischen Formen. Die Heimarbeit, basierend auf der Familienautarkie, war auf dem Dorfe die einfachste Form. Für den Markt produzierende Heimin­dustrie entwickelte sich in Gebieten, die ungünstig für die Landwirtschaft waren, aber viele Rohstoffe und Arbeitskräfte aufwiesen.

In den Städten wirkten zuerst gelernte Handwerker, deren Produkte auch auf fremden Märkten ange­boten wurden. Die Produkte der Nahverkehr von Marktflecken waren meist nur für den eigenen Markt oder die nähere Umgebung bestimmt.

Auf den Märkten trafen sich die verschiedenen Lebensformen, also Stadt- und Landbewohner. Die Bauern besorgten sich hier die benötigten Industrieartikel und verkauften Tiere und überschüssige Feldfrüchte. Solcher Handel wurde über Jahrtausende betrieben.

Das Haus und seine Kostbarkeiten (Raum 7 - 9)

Das alte Haus aus Oberwart (Südwest-Ungarn), ein einräumiges Rauchhaus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt einen Eindruck von den mittelalterlichen Lebensverhältnissen einer ärmeren Familie; es wurden Möbel aus Hartholz, einfach gewebte Heimtextilien und unglasierte Keramik be­nutzt. Das neue Haus: Ab Ende des 18. Jahrhunderts ermöglichte der allgemeine Anstieg des Le­bensniveaus den Bauern, ihre Häuser wohnlicher zu gestalten. Typische Elemente der Möblierung sind bemalte Weichholzmöbel und mit verzierten Textilien und bleiglasierter Keramik dekorierte Zimmer, deren Einrichtung von den ortsansässigen Handwerkern geprägt war, die somit die Entwick­lung typischer Regionalstile beeinflußten.

Im nächsten Raum sind Kostbarkeiten ausgestellt. Die hier ausgestellten Ziergegenstände waren so­wohl finanziell als auch künstlerisch wertvoll, da sie sehr geschickt gearbeitet sind. Es handelt sich um bemalte Tischlermöbel, Kleidungsstücke, Schmuck, Baumwollgewebe, Zierkeramik sowie aus Holz geschnitzte Gebrauchsartikel.

Der Lebensweg des Bauern

Der bäuerliche Lebensweg war von der Geburt bis zum Tode von der traditionellen, strengen Fami­lienhierarchie und von den dörflichen Gebundenheiten determiniert: Die Welt der Kinder war neben dem Spielen und Lernen auch von Arbeit, mit kleineren Geräten, bestimmt; die Pubertät und die Ju­gendjahre wurden mit einer Art Jünglingsweihe abgeschlossen, bei der man seine Arbeitsfähigkeit bewies; erst danach durfte er den dörflichen Tanz besuchen. Von den großen Wenden des bäuerli­chen Lebens hat insbesondere die Hochzeit einen unvergeßlichen Charakter und galt schon immer als größtes Fest des Lebens. Mit dem Alter werden die Feste immer seltener, die Kleider immer beschei­dener, die Trauerkleider immer häufiger. Die alten Leute halten ihre Todeskleider schon im voraus bereit.

Wie das Leben ist auch das Jahr durch Feiern, die Kalenderfeste, gegliedert. Der erste Festkreis im Jahr ist der Jahresanfang. Ein alter ungarischer Brauch am Jahresanfang war der sogenannte »regölés«: Glückwünsche singende Jünglinge zogen am Heiligen Stephanstag von Haus zu Haus. Der zweite Festkreis ist der Fasching, wo geschnitzte hölzerne Masken und Pelzmäntel getragen werden. Es folgen die Feste des Frühlings und des Sommers. Ende des Winters fertigte man in Nordungarn eine sogenannte »kisze«-Figur an und warf sie in den Bach hinein, wo sie die Bosheit des Winters symbolisierte. Im Frühling und Frühsommer kam es oft zu kirchlichen Prozessionen und Wallfahrten, auch war Ostern mit reichen Bräuchen verbunden.

Im Herbst gab es nach der Ernte und der Weinlese mehrere Feste. Das wichtigste aber war Weih­nach­ten, das letzte Fest des Jahres. Zur Adventszeit zogen Krippenspieler auf den Straßen herum. Früher haben die Bauern zu Weihnachten nur einen Festtisch gedeckt mit symbolischen Früchten; die Mode des Weihnachtsbaumes ist erst späteren Datums. Diesen hängte man zunächst an den Balkon; einen Christbaum stellte man – nach dem deutschen Beispiel – erst in der neusten Zeit auf.

Die dem kirchlichen Kalender angepaßten Volksbräuche erschließen die aus westlichen und östlichen Elementen zusammengeschmolzenen Eigenarten der ungarischen bäuerlichen Kultur.

Verfasser: Helene Isaak, Bettina Bruns, Christiane Leyhe


Mittwoch, 13. September 1995

»Ausflugtag«: Die Römerstadt in Aquincum

Die Römer bewohnten das Gebiet von Aquincum vom 1. bis zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Aquincum war die größte und reichste römische Siedlung dieser Gegend und ein wichtiger Verkehrs­knotenpunkt. So gab es unter anderem eine regelmäßige Postverbindung nach Rom. In der Umge­bung Aquincums gab (und gibt es!) ein großes Weinanbaugebiet.

Die Stadt selbst wurde nach dem Insulae-Prinzip konstruiert, das heißt, es gab rechtwinklig angelegte Häuserblöcke. Aquincum verfügte über eine Kanalisation für Abwasser, Warm- und Kaltwasser. Eines der größten Gebäude in Aquincum war das Bad. Es hatte, wie in allen römischen Städten, zen­trale Bedeutung und war zudem öffentliche Bedürfnisanstalt. Beheizt wurde das Bad über eine Kel­lerheizung, wobei die heiße Luft über ein umfangreiches Röhrensystem die Wände erwärmte.

Ein weiteres bemerkenswertes Gebäude in Aquincum ist das Haus eines reichen römischen Bürgers, das auch heute noch gut erhalten ist und über ein Hof, in dem Wein angebaut wurde, sowie über ein Privatbad mit Warm- und Kaltwasser verfügte. Der zugehörige Umkleideraum hat einen kunstvollen Mosaikfußboden, auf dem zwei Ringkämpfer und der Kampfrichter dargestellt sind.

Aquincum hatte auch zwei Amphitheater. Das der Zivilstadt, in der 20.000 Angehörige der in der Militärstadt stationierten Soldaten sowie 10.000 weitere Zivilisten lebten, war das kleinere von beiden. Es ist ein ellipsenförmiger Bau, das Publikum konnte die Zuschauerplätze auf der fächerartig geglie­derten Tribüne durch zwei gewölbte Tore erreichen. Die Besitzer der Logen, wahrscheinlich die Vor­nehmsten der Stadt, ließen ihre Namen in die Steinbänke meißeln. Die Amphitheater blieben unge­deckt, weil die Vorstellungen vor Eintritt des Winters eingestellt wurden. Das Amphitheater der Zivil­stadt konnte 3000-4000 Zuschauer fassen. In der Arena wurden Theatervorstellungen, Sportwett­kämpfe, Artistenproduktionen und mit Tierhetzen verbundene Gladiatorkämpfe veranstaltet. Direkt neben dem Amphitheater stand eine Gladiatorkaserne, wo die Gladiatoren für ihren Auftritt ausgebil­det wurden.

In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde Aquincum von der anderen Donauseite aus von den Hunnen und verschiedenen germanischen Horden angegriffen. Dabei diente das Amphitheater der Stadt als Festung. In der Folge dieser Angriffe verließen die Bewohner die Stadt, der Handel in dieser Gegend kam zum Erliegen.

Heute ist die Ausgrabungsstätte von Aquincum mit dem dazugehörigen Geschichtsmuseum eine der Sehenswürdigkeiten von Budapest. Die weiteren Ausgrabungen sind jedoch wegen der momentanen finanziellen Schwierigkeiten ins Stocken geraten. Zudem sind die Möglichkeiten der Archäologen durch die auf der Ruinenstadt verlaufenen Eisenbahnstrecke und die nahegelegene Gasfabrik von Obuda eingeschränkt.

Verfasser: Timur Gül, Tim Höpfner, Holger Stichnoth

Szentendre

Die Kleinstadt Szentendre mit ihren fast 20.000 Einwohnern liegt eingebettet in sanfte Hügel, direkt am Donauknie kaum eine halbe Stunde von Budapest entfernt. Das Stadtbild ist geprägt durch enge Gassen und kleine individuell gestaltete Häuser im Stadtkern, die sich stark von den Plattenbauten weiter außerhalb abheben. Szentendre stellt heute das größte Naherholungsgebiet für Budapest dar, was sich in dem pulsierenden Leben auf den Straßen, in den Cafés, Kneipen und Restaurants der Stadt widerspiegelt.

Ursprünglich gründeten die Illyren und Kelten im 1. Jahrhundert v.Chr. die ersten namentlich be­kann­ten Siedlungen. Im darauf folgenden Jahrhundert besetzten die Römer das Gebiet und erwei­ter­ten durch Festungen, Siedlungen u.ä. die bisherigen Anlagen des Limes. Vom 5. bis zum 9. Jahr­hun­dert lebten in der Gegend Hunnen, Awaren und Slawen bis die Ungarn das Gebiet besiedelten.

Die eigentliche und noch heute sichtbare Gestalt der Stadt entwickelte sich Ende des 14. Jahrhun­derts. Zu dieser Zeit entstand z.B. die Kirche auf dem Hügel.

Ende des 14. Jahrhunderts setzte dann die erste Vertreibungswelle der Türken ein. Während der dar­auf folgenden 150 jährigen türkischen Herrschaft geriet die Stadt zunehmend in Verfall. In diese Zeit fällt auch die Verschleppung bzw. Vernichtung der Dorfbevölkerung. Die Herrschaft der Türken en­dete mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert als die vereinigten christlichen Truppen des österreichi­schen Kaisers das Gebiet um Szentendre befreiten. Dadurch, daß Belgrad kurze Zeit später wieder in türkische Hände fiel, flüchteten viele Serben aus Angst vor einer abermaligen türkischen Herrschaft in die bereits befreiten Gebiete, so auch nach Szentendre. Sie siedelten in mehreren kleinen Gruppen, was zur Folge hatte, daß 6 griechisch-orthodoxe Kirchen in Szentendre entstanden.

Im 18. Jahrhundert nimmt Szentendres Bedeutung bedingt durch den Handel mit Griechenland, Österreich und Deutschland zu. Die wichtigsten Handelswege waren die Donau und die Nord- Süd­straße auf denen vor allem Salz, gegerbtes Leder und Wein transportiert wurden. Wichtig war für Szentendre auch der Weizenbau, die Viehzucht und besonders der Weinanbau.

Einen verheerenden Rückschlag erlitt die Stadt im 19. Jahrhundert durch Epidemien und Hochwas­serfluten. Zusätzlich wurde die Position der Stadt einerseits durch das rasch wachsende Budapest und andererseits durch die Vernichtung der Weinberge durch eine Reblauspest geschwächt.

Im 20. Jahrhundert wurde der Ort von vielen Künstlern entdeckt. Hier fanden sie die nötige Ruhe zum Arbeiten sowie Inspiration durch die hübsche Landschaft und das bunte Stadtbild Szentendres, das durch verschiedene hier zusammentreffende Kulturen geprägt ist.

Heute lebt Szentendre fast ausschließlich vom Tourismus. Dies wird dadurch dokumentiert, daß allein der Ortskern – als Touristenattraktion – renoviert und in seinem ursprünglichen Zustand erhalten ist.

Im Sommer lockt das breitgefächerte Kulturprogramm mit seinen zahlreichen Museen, Theatern und Vorträgen viele Menschen an. Im Winter hingegen, wenn die Touristen nur noch vereinzelt kommen oder gänzlich ausbleiben, wirkt Szentendre wie ausgestorben. So nimmt z.B. die Bevölkerung in den Wintermonaten um 50% ab, da es abgesehen vom Tourismus kaum Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Aufgrund dieser fehlenden Infrastruktur findet außerdem eine Abwanderung der jungen Bevöl­kerungsschichten statt, was zur Folge hat, daß das Durchschnittsalter der Bevölkerung sehr hoch ist. Deshalb ist es fraglich wie lange Szentendre noch als Touristenattraktion erhalten bleibt.

Verfasser: Barbara Wunder und Thilo von Klopmann

Donnerstag, 14. September 1995

»Die Erstellung des Stadt- und Raumordnungsplanes für Budapest«

Vortrag durch Joszef Raabe vom Stadtbauamt Budapest
im Hauptbürgermei­steramt

Joszef Raabe erklärt in Vertretung des Hauptbaudezernenten von Budapest die Aufgabe des Bauam­tes.

Für die Erklärung der städtebaulichen Situation Budapests und der Planungsperspektiven des Stadt­bauamtes bediente er sich zusätzlich einer Fülle von Karten und Graphiken.

Budapest übt einen starken Einfluß auf Ungarn aus. Hauptursachen hierfür sind zum einen der starke Bevölkerungsanteil von Budapest, der rund 1/5 von ganz Ungarn beträgt, und zum anderen die geo­graphische Schlüsselstellung im Karpartenbecken.

Die bedeutendste Autobahn ist die transeuropäische Straße [»Europasstraße«], die von Süddeutsch­land aus über Wien nach Budapest verläuft. Allgemein ist man um Integration in das internationale Verkehrsnetz bemüht. Besonders eine bessere Verbindung der adriatischen Häfen mit Budapest wird angestrebt, ein Autobahnbau befindet sich schon in Planung. Auch eine Erweiterung der Autobahn Wien - Bratislava in Richtung Skandinavien ist durchaus möglich.

In Budapest speziell wird zur Zeit ein Straßenbauprogramm ausgearbeitet, das aus einem Ring von Straßen rund um Budapest besteht. Das Ziel dieses Vorhabens, das den Bezeichnung M0 trägt, ist es, für eine Entlastung des Verkehrs in Budapest zu sorgen. Leider stößt dies auch auf Kritik, da viele Unternehmen befürchten, daß hiermit der Geldstrom vom Um- und Ausland drastisch abnimmt.

Der allgemeine Ordnungsplan Budapests sieht vor, daß die Stadt in mehrere Zonen eingeteilt wird, die folgendermaßen bezeichnet werden: Stadtkern (er umfaßt das historische Zentrum), Gebirgszone (der sich westlich der Donau außerhalb des Stadtkerns befindende Teil), die Siedlungs- oder Vor­stadtzone (kleine Niederlassungen), den äußeren Ring und die Flußuferzone.

Ein Diagramm der Bevölkerungsentwicklung ließ erkennen, daß in den letzten Jahrzehnten ein be­ständiges Wachstum des Bevölkerungsverhältnisses Budapest/Land stattgefunden hat. Trotzdem ist mittelfristig eine Bevölkerungsabnahme in Budapest zu erwarten. Es ist zu beobachten, daß der Al­tersdurchschnitt Budapests ansteigt – die jungen Generationen suchen sich ihren Ort im auswärtigen Teil der Stadt, unter anderem deshalb, weil es hier mehr Grünflächen gibt. Diese Streuung (Zunahme des Altersdurchschnitts im Stadtkern, Abnahme in den Randgebieten) steht im starken Widerspruch zum Geschäftsbild, denn der größte Anteil von Geschäften ist weiterhin in der Innenstadt zu finden.

Der Hauptteil des Ausbaus der Stadt fällt in den Zeitraum der Jahrhundertwende. Dieses schnelle Entwicklungstempo konnte jedoch nicht fortgesetzt werden, was dazu führte, daß notwendige Ent­wicklungen und Rekonstruktionen nicht durchgeführt wurden, was wiederum mit einer Verschlechte­rung der Wohnsituation endete. Um das Wohnungsproblem endgültig zu lösen, wurde in den 70er und 80er Jahren ein Experiment durchgeführt, welches sich mit dieser Problematik befaßt. Man woll­te mit Großbauten (Fertighäusern) die Wohnungsnot stoppen. Trotz großer finanzieller Unter­stützung schlug dieses Projekt fehl und bewirkte sogar eine weitere Verschlechterung der Gesamt­struktur, un­ter anderem aufgrund schlechter Verkehrsverbindungen (Eine Erweiterung der Metro wurde den Anwohnern zwar versprochen, der eigentliche Bau wurde jedoch nie durchgeführt). Diese Ver­schlechterung war auch einer der Gründe, weshalb die Bevölkerung auf der Pester Seite abnahm und auf der Budaer Seite zunahm. Mittlerweile hat eine Privatisierung der staatlichen Wohnungen zu 20-30 % des Marktpreises stattgefunden. So ist es zu erklären, daß 1990 der größte Teil auf dem Woh­nungsmarkt staatliche Mietwohnungen waren, 1994 war der Größte Teil bereits privatisiert.

Ein weiteres Problem der Stadtentwicklung besteht darin, daß sich in den letzten Jahren aufgrund einer Krise des Industriestandortes Budapest die Bevölkerung rückläufig entwickelte. Um dieser Ab­nahme der Bevölkerung entgegenzuwirken, ist folgendes geplant:

Zum einen eine gründliche Sanierung und Neustrukturierung der Innenstadt in Richtung Westen (westliches Tor). Dies ist keine leichte Aufgabe, da dieser Teil aus einem verlassenen Industriegebiet besteht und einer starken infrastrukturellen Entwicklung bedarf. Zu dieser Entwicklung gehört auch das umstrittene Projekt einer Metroerweiterung in dieses Gebiet hinein, das von Fachleuten zwar be­fürwortet wird, jedoch nahezu unbezahlbar für die Stadt ist.

Für die Zukunft plant das Bauamt eine einheitliche Gestaltung der gesamten Stadt. Ein Mittel hierfür ist der M0-Ring. Er soll bei dem Ausbau der Unterzentren und bei der Rehabilitierung der Industrie­gebiete von großem Nutzen sein. Des weiteren sollen 150.00 Wohnungen renoviert werden, und es sollen Parkanlagen geschaffen werden, die den allgemeinen Wohnkomfort erhöhen sollen.

Verfasser: Markus Isermann, Nils Maire

Freitag, 15. September 1995

Ein Stadtrundgang durch Kecskemét

Kecskemét, eine Stadt in der ungarischen Tiefebene, ist durch einen starken Bevölkerungszustrom in der Türkenzeit zu einer größeren Siedlung herangewachsen. Es wurde zu einem türkischen Verwal­tungszentrum, das durch Steuerzahlungen an die Türken geschützt war. In der halbverwüsteten Sand­steppe wurde Viehzucht betrieben, und die Stadt wuchs während der nächsten Jahrhunderte weiter an.

Das älteste Gebäude in Kecskemét ist die katholische Kirche, die im 17. Jh. im Stil einer sächsischen Burgkirche errichtet wurde, und in den 70er Jahren in einer neuen, simpleren Form restauriert wurde. Die Kirchen spielten immer eine große Rolle im öffentlichen Leben der Stadt. Doch hat sich mit öf­fentlichen und privaten Gebäuden ein ganz eigenes Stadtbild entwickelt:

Abseits der Metropole Budapest sammelten sinch im 19. Jahrhundert Künstler und Schriftsteller der nationalen ungarischen Freiheitsbewegung in Kecskemét und entwickelten hier einen eigenen ungari­schen Stil, der das Stadtbild architektonisch bis heute prägt. Man findet auch viele Gebäude im »traditionellen ungarischen Stil« mit bewußten »orientalischen Einflüßen«, der sich als »ungarische Sezession« (etwa parallel zum deutschen ›Jugendstil‹) gegen den Historizismus der Habsburger in der Budapester Akademie richtete.

Kecskemét besitzt auch eine Musikschule und eine Fachhochschule für Industriewesen sowie ein Spielzeugmuseum. Anfang der 60er Jahre wurden die alten Industriezentren ausgebaut, und die Indu­striegebiete wuchsen um ein Mehrfaches, wobei sie durch das Wachstum der Stadt in Wohngebieten eingebettet wurden. Die Hauptprodukte der Industrie in Kecskemet, sind Musikinstrumente, Töpfe, Badezimmer und Konserven, sie wird durch die im Ort ansässigen Fachhochschulen mit Fachkräften versorgt. Die offizielle Stadtmitte bildet der alte Stadtkern, mit einem großen Brunnen auf dem Schil­der mit Entfernungen zu anderen großen Städten, sowie die Stadt- und Nationalwappen angebracht sind. Mitte der 60er Jahre wurden das Stadtzentrum und der zentrale Stadtkern ausgebaut, und an Stelle der vorherigen, kleinen, eingeschossigen ländlichen Wohnhäuser trat eine moderne kleinstädti­sche Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungscity. Hier, inmitten der neuen, mehrgeschossigen Bebauung entstanden im Stadtinneren in der Nachkriegszeit ein mo­dernes Komitatsgebäude, ein Verwaltungs- und ein Handelszentrum.Aber die Geschichte hat ihre Zeichen in der Stadt hinterlassen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Kirchen. Seit der katholischen Reorgani­sation in den letzten Jahren ist Kecs­kemét unter anderem Bischofssitz, da die Bistumsgrenzen an die vorhandenen Staats­grenzen ange­paßt wurden. Aber auch die protestantische Kirche besitzt eine bedeutende Rolle in Kecskemét, das jedoch seit dem zweiten Weltkrieg keine jüdische Bevölkerung mehr aufweisen kann. Die jüdische Synagoge steht allerdings noch, und wird für öffentliche Anläße, sowie für Gemeindean­gelegenheiten genutzt. Die weiteren Schönheiten und Sehenswürdigkeiten dieser dörflichen Großstadt lernt man am besten vor Ort kennen.

Nun noch zur ländlichen Umgebung der Stadt. Um auf dem mageren Treibsandboden Kulturland zu schaffen, wurden Akazienwälder angepflanzt, und auf der fruchtbar werdenden Bodensole baute man neue Kulturen, wie Obst und Wein an. Bedingt durch den geringen Niederschlag im Sommer, werden dort tiefwurzelnde Tafelweine angebaut, die jedoch nur mindere Qualität besitzen.

In Kecskemét gibt es ein Forschungsinstitut für Weinanbau und eine Gartenbauschule. Zur Aufarbei­tung der Ernteüberschüsse entstand eine Konservenfabrik.

Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Kecskemét einen Aufschwung, und man begann mit dem Anbau von Tomaten und Aprikosen für den Weltmarkt. Innerhalb der LPGs waren privatwirtschaftliche Ori­entierungen vorhanden, die nach der Wende zu einer schnelleren Umstellung auf Privatwirtschaft verhalfen.

Im Komitat behielt die Kooperativen ihre ausschlaggebende Rolle, so daß die Vorteile der kollektiven, großbetrieblichen Verwertung konnten weiterhin praktiziert werden können. (Vgl. Einleitungsaufsatz über die Landwirtschaft in Ungarn.)

Verfasser: Thilo Meier, Kai Kunz (redaktionell ergänzt)

Samstag, 16. September 1995

»Die slowakische Minderheit« – Referat im Rathaus von Békéscába 

Im 15.Jh. drangen Türken von Ungarn nach Norden bis zum südlichen Teil der heutigen Slowakei. Mitte des 17.Jh. wurden die Türken von den vereinten ungarisch-österreichischen Truppen zurückge­drängt. In das freigewordene mittlere Karpatenbecken siedelten viele Slowaken, die aus nördlicheren Regionen kamen. In der Zeit von 1773 lebten ca. 7000 slowakische Siedler in diesem Gebiet, 1804 waren es bereits 12500. Ende des 19.Jahrhunderts waren in dieser Region ca. 80000 Einwohner. Als wirtschaftliche Grundlage dominierte der Ackerbau und die Viehzucht. Im Jahre 1850 betrug der An­teil der slowakischen Bevölkerung ca. 77%, 1920 waren es noch 53%.

Heute fordert die Minderheit anstelle des 1960 eingeführten zweisprachigen Unterrichts an Schulden wieder den einsprachigen, slowakischen Unterricht, doch die meisten in Ungarn lebenden Slowaken haben sich der ungarischen Sprache und Lebensweise sehr stark angepaßt, so daß die slowakische Sprache dort kaum noch gesprochen wird, nur der geringe Teil der slowakischen Siedler, der heute nicht in Ungarn sondern in Rumänien lebt, konnte die slowakische Sprache und Lebensweise erhal­ten.

Verfasser: Michael Schmidt, Philipp Maske

Sonntag, 17. September 1995

Kooperativen in Ungarn: Vortrag über die Entstehung

und die Probleme der Kooperativen

am Beispiel der Genossenschaft »Rákóczi« in Hódmezövásárhely / Oroszháza

und Besichtigung der Genossenschaft

Zu der Geschichte der Kooperativen: Nach dem Abzug der Türken wurden die freien Gebiete von Großbauern besiedelt. Diese hatten ihre eigenen Methoden Landwirtschaft zu betreiben. Seit 1800 dominierte in Ungarn ein Latifundienssy­stem, daneben gab es aber auch schon vereinzelte Kooperativen und auch Staatsbetriebe (z.B. die heutige Kooperative »Rákóczi« und die Weinbaudomäne Tokaj). Das Bewirtschaftungssystem der Latifundien wurde dann erstmals nach der Jahrhundert­wende modernisiert; modernste Methoden der Kleinbauernlandwirtschaft wurden eingeführt, nach der nur eigene Arbeitskräfte genutzt wurden. Weizen-, Mais-, Zuckerrüben- und Futterpflanzenanbau entstanden, wo der Boden und das Klima hierfür günstig waren auch Obst-, Wein- und Gemüsean­bau. Es wurden verschiedene Zone der ver­schiedensten Anbaumethoden angelegt. Außerdem stellte man sich immer mehr auf die örtlichen Ge­gebenheiten ein.

Dieses landwirtschaftliche System blieb bis 1945 erhalten. Nach 1945 wurde die geschichtlich bedeu­tende Bodenverteilung durch geführt. Dabei haben etwa 1 Million Bauern jeweils einen Hektar zu­gewiesen bekommen. Im Jahr 1948 allerdings wurde Eigentum verstaatlicht, also enteignet und soge­nannte LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) entstanden, welche sich anfänglich aber nicht be­haupten konnten. Bauern die ihr Land nicht in staatliche Hand geben wollen, wurden mit Hilfe von Streichung von Krediten und Lieferproblemen gezwungen ihr Land zu übergeben. 1959/60 wurden dann viele Landwirte gezwungen, in eine LPG einzutreten, es wurde sogar Gewalt und juri­stische Mittel wie Gefängnis angedroht. Diese LPGs bekamen zuerst fi­nanzielle Unterstützung durch den Staat, sowie Versorgung mit Maschinen. Ferner wurden mehrere kleine LPGs zu größeren zu­sammengeschlossen, um die Landwirtschaft zu konzentrieren. Mitte der 70er Jahre stand Ungarn in der Landwirtschaft an fünfter Stelle in der Welt.

Durch den Zusammenschluß der Kooperativen in den sechziger Jahren konnte das Kapital und die Maschinen besser genutzt werden.1970 hatte die Landwirtschaft in Ungarn die fünfte Position in der Welt eingenommen. Damit war die Landwirtschaft der ertragreichste Industriezweig in der ungari­schen Wirtschaft. Im Jahr 1990 wurde Rückgabe der enteigneten Gebiete durchgeführt. Somit war die Arbeit der Genossenschaften nicht mehr möglich, weil 2/3 der Flächen sich wieder in Privatbesitz befanden.

Nach der politisch-ökonomischen »Wende« in Ungarn wurden 1992 neue Kooperativengesetze erlas­sen. Dieses bedeutet für die Genossenschaftler, die Eigner des Landes sind, daß Gewinne auf die Mitglieder aufgeteilt werden. Die heutigen Genossenschaften sind demokratische Einrichtungen, die durch Mehrheitsbeschluß geführt wird. Auf der Generalvollversammlung wird ein Leiter für den Be­trieb gewählt, der den Betrieb mit einem Gremium führt.

Besichtigung der Kooperative Rákóczi

In der landwirtschaftlichen Kooperative »Rákóczi« in Hódmezövásárhely / Oroszháza wurden wir von Sándor Nagy, dem Leiter des Betriebsteils Weinbau, empfangen. Die Kooperative umfaßt 60 ha Nutzfläche. Die Nutzfläche der Kooperative wird für die Rinderzüchtung und den Anbau von Son­nenblumen, Weizen und Wein genutzt. Die Anbauschwerpunkte liegen beim Anbau von Getreide und Sonnenblumen. Das Getreide wird in eigenen Trockenanlagen für die Lagerung getrocknet. Die Feuchtigkeit wird von 30 auf 12% reduziert. Die Abfallstoff werden für die Viehzüchtung genutzt. Weiter fiel uns auf, das viele Geräte aus der ehemaligen DDR stammen. Weiter wurde uns berichtet, das in den letzten Jahren der Regen zu spät gekommen ist und so wirtschaftliche Verluste in der Pro­duktion entstanden. Diesen Problemen wurde man mit Hilfe von amerikanischen Bewässerungsanla­gen und Krediten wieder Herr der Lage. Durch Bewässerung wurden bessere Erträge von bis zu 120 Doppelzentner pro Hektar mehr Rohpflanzen. In der Gegend der Kooperative gibt es einige Heilquel­len, die gegen Rheuma helfen und so ist eine Kurklinik in dieser Gegend geplant.

Als 1960 die Genossenschaft Rákóczi gegründet wurde, besaß man ca. 10.000 ha Ackerland (für Weizen, Mais, Zuckerrüben und Luzerne), beschäftigte sich aber auch mit der Vieh- und der Schweinezucht (Mästung von 30.000 Tieren pro Jahr). Der Namengeber ist ein berühmter ungari­scher Fürst und siebenbürger Freiheitsheld gewesen, der auch hier in Südungarn Ländereien Besen hatte. Die Kooperative besteht aus 16 einzelnen Genossenschaften mit einer Flächen von heute 16.000 ha Nutzfläche. Die Anpflanzung umfaßt wie oben schon erwähnt Sonnenblumen, Weizen, Mais und Wein. Die Viehzucht erwirtschaftet einen Ertrag von 30.000 Schweine und Rinder pro Jahr. Auf dem Gelände, wo jetzt Wein angebaut wird, stand früher ein Schachtanlage und eine Fut­terfabrik. 1989 mußte man dann 50 % des Gebietes als Entschädigung nach dem Systemwechsel her­ausgeben, die anderen 50 % wurden unter den ehemali­gen Mitgliedern aufgeteilt. 1990 gab es dann die Systemänderung. Eigentum, welches in den 40 Jahren zuvor enteignet wurde, konnte nun auch durch drei eigens hierfür verabschiedete Gesetze zurückgefordert werden. So kamen zwei Drittel der Felder in Privathände. Die LPGs versuchten hingegen, das neu entstandene Privatei­gentum unter Pacht weiter bewirtschaften zu dürfen.

Zwei Jahre später wurde auf freiwilliger und privatwirtschaftlicher Grundlage die Einzelgenossen­schaften gegründet, wobei das Vermögen der LPG anteilig unter den Mitarbeitern verteilt wurde. Die heutigen Genossenschaften bestehen aus den damaligen Mitglie­dern, sowie einer Direktoratskomissi­on (zur Lenkung und Kontrolle der Arbeit), wobei die Manager selber Angestellte oder Miteigentü­mer der Kooperativen sein können.

In den letzten 10 Jahren mußte die Landwirtschaft außerdem unter schwierigen Umständen wie Dürre (7-8 Wochen im Sommer ohne Niederschlag bei einer Temperatur von 35 - 40 °C) geführt werden. Für das daher nötige Bewässerungssystem bekommt man allerdings vom Staat eine 40 - 60 %ige Subvention. Ohne diese künstliche Bewässerung könnte man ca. 25 Doppelzentner/ha ernten, die die Produktionskosten nicht decken, mit Bewässerung al­lerdings 125 Doppelzentner/ha.

Für den Weinanbau stehen diesem Komitat 72 ha Fläche zur Verfügung, die Hälfte davon wurde be­reits 1964/65 angepflanzt, die andere 1982/83. Angebaut werden hier Sorten wie italienischer Ries­ling, Chaslat und Blaufränkischer. 90 % davon werden verkauft, die anderen 10 % sind zur Eigennut­zung. 60 % der Verkäufe finden im Binnenland statt, weitere 30 % werden in die GUS-Staaten ex­portiert. Der Ertrag des produzierten Weines beläuft sich auf 1.000.000 Liter Kapazität. In dieser Kooperative war die Hälfte der Mitglieder Eigentümer ihres eigenen Landes, die andere Hälfte war verstaatlicht. Die Probleme den letzten 10 Jahren ist die natürliche Versorgung der Felder mit Regen. Es ist daher nötig künstlich zu bewässern. Die Erträge liegen 5 mal höher mit künstlicher Bewässe­rung als ohne.Der im eigene Betrieb hergestellte Wein hat eine Menge von 50000 Doppelzentner. Davon werden 90% verkauft und 10% anders genutzt. 70% des Weines geht in den Binnenmarkt und 30% wird in die GUS Länder verkauft.

In dem Betrieb »Rákóczi« konnten wir eine Trocknungsanlage für Getreide und Sonnenblumen be­sich­tigen. Die Sonnenblumenkerne werden direkt von dem Feld geerntet und zu trocknen gebracht. Als wir die Anlage besichtigt wurden gerade Sonnenblumenkerne getrocknet und an diesem Beispiel wurde uns die Anlage erklärt. Die Sonnenblumen werden in den Trockener hineingeschüttet und mit schon getrocknetem Material vermischt. Der Trockner wird mit Gas beheizt und arbeitet in einer 12 Stunden Schicht. Bei nassen Material wird mit Heißluft getrocknet, was bei trockeneren Material nicht nötig ist. Der Wassergehalt wird bei Sonnenblumen von 6% auf 3% Restfeuchtigkeit reduziert. In einer 12 Stunden Schicht können bis zu 700 Doppelzentner getrocknet werden. Bei Weizen sind es 3000 Doppelzentner pro Schicht und Mais der meistens im Oktober geerntet, wegen der Hohen Luft­feuchtigkeit. Von Mais kann man 2500 Doppelzentner in einer Schicht trocknen. Nach Der Trocknung der Sonnenblumen, werde diese zwischengelagert und dann zu eine Ölfabrik gebracht. Dort werden die Kerne zu Tafelöl verarbeitet. Durch Gummiwalzen werden die Kerne geöffnet und das Innenleben von der Schale getrennt. Die Schale wird später als Holzersatz weiter verarbeitet. Die Fabrik, die das Öl herstellt gehört zu der Trans-Ungarn AG mit Anteilnehmern in Deutschland.

Die Perspektiven für den Betrieb liegen in der Modernisierung. Diese Möglichkeiten sind aber sehr begrenzt, weil die Kredite immer mehr abgesetzt werden. Dabei übernimmt der Staat schon 70% der Kredite, aber es müssen immer noch 9% selber bezahlt werden. Nur mit mehr Kapital wäre es mög­lich den Betrieb zu fördern. Um aber eine Kredit aufzunehmen, wollen die Banken Sicherheiten, und eine Hypothek ist zur Zeit auf Grund der Bestimmungen noch nicht möglich.

Verfasser: Kai Radewald

15.30-17.30 Uhr: Stadtrundgang in Szeged

Die Stadt Szeged liegt am zweitgrößten ungarischen Fluß, der Tisza, die mehrere Arme besitzt, die die Stadt, bzw. die Region umschließen. Der Fluß hat seinen Ursprung in östlichen Karpaten und das Hauptflußbett (Sandbett) führt viel Material mit sich. So entstand auch der Name: »die blonde Teiss«. Durch die natürlich vorkommenden Wasserunterschiede zwischen den Winter und den Sommermonaten gilt sie als ein gefährlicher Fluß. Der Unterschied kann das Fünfzigfache der norma­len Wassermenge betragen, (Vergleich; Donau das Fünfzehnfache). Der Grund dafür ist die schnelle Schmelze im März, sowie der Frühjahrsregen. Im Frühling folgt die Dürre, woraus sich auch der niedriger Stand im Sommer erklären läßt.

Bis zur der Regelung des Flusses betrug die Breite des Überschwemmungsgebietes 25 km. Da die Teiss in die Donau mündet kam es bei hohen Wasserständen zum Rückstau; das Wasser aus der Teiss konnte nicht in die Donau abgeführt werden. Am 12 März 1979 wurde die Stadt durch den Fluß vernichtet, es mußten Böden aufgeschüttet wer­den, um eine neue Stadt einrichten zu können. Da bei dem Wiederaufbau viele, auch ausländische Städte mitgeholfen haben wurden viele Straßen mit deren Namen versehen. Das Holz, das für den Wiederaufbau benötigt wurde kam mit dem Fluß aus den Karpaten. Es wurden Sägewerke errichtet, die sich heutzutage mit der Möbelherstellung beschäftigen, besonders aus Tropenhölzern. Die nur 5 km von der Serbischen Grenze entfernte Stadt ist umrahmt von bedeutsamer Landwirt­schaft (Weltbekannte Salamifabrik PICK).

Erdölgewinnung gehört zum Ortsbild von Algyö unmittelbar nordöstlich vor den Toren von Szeged, wo sich ein auf 100 Milliarden Tonnen geschätztes Ölfeld befindet, es ist das größte Feld im Karpa­tenbecken. Dort befindet sich auch das größte Erdgasaufbereitungsbetrieb, wodurch Versorgungs­möglichkeiten der ländlichen Gegenden entstehen. Die Stadt besitzt eine Universität, sowie ein Li­zenzbetrieb für Schläuche zur Erdgas- und Erdölge­winnung aus großen Meerestiefen. Hier auch ent­springt die heißeste Naturquelle Ungarns (92°C), welche zur Beheizung von Wohnungen und Schwimmbädern genutzt wird. Auf dem örtlichen Marktplatz steht ein Denkmal des Nationalhelden Kossuth mit der Aufschrift: »Szecednek Népe Nemetzem Büszueséce«, was bedeutet; »Volk von Szeged, ich bin stolz auf euch«.

Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn

 

»Nightbus« — Eine Geschichte, die das Leben schreibt...

Es war an einem Sonntag im September, der Tag begann mit einer aufschlußreichen Betriebsbesichti­gung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft in Orosháza mit leckerem Mittagessen und Wein­probe. Bevor wir unser Programm fortsetzten, hatten wir die Möglichkeit, uns mit ausreichend Wein zuzudecken.

Zunächst fuhren wir weiter nach Szeged, wo wir eine Stadtbesichtigung geplant hatten. Dieser Pro­grammpunkt fiel buchstäblich ins Wasser, denn wir wurden von einem sintflutartigem Unwetter über­rascht, mußten die Besichtigung vorzeitig beenden und zurück zum Bus flüchten. Fatale Folge: acht­zig Prozent der Gruppe mußte ihre nassen Sachen im Bus zum Trocknen aufhängen oder sich umzie­hen. Somit ergab sich für manche Leute die aufreizende Situation, mit halbnackten Gruppenteilneh­mern konfrontiert zu werden. Was für ein Anblick! Um die innere Kälte zu verbannen und die ange­spannte Situation zu lockern, fielen wir über unsere (restlichen) Weinvorräte her. Die Stimmung stei­gerte sich in ein feucht-fröhliches Happening.

Und nun waren wir auf dem Weg nach Pécs und haben uns auf das dortige Abendessen gefreut. Ur­plötzlich stoppte der Bus mitten auf einer Nationalstraße mitten in der ungarischen Wildnis. Laut un­seres Busfahrers hat der Kompressor versagt. Also war eine kurze Pause geplant, um den Fehler zu beheben — dachten wir! Zu diesem Zeitpunkt war es noch 18 Uhr. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen und die Langeweile zu bekämpfen, wurde spontan von einigen Grup­penteilnehmern eine Technoparty hinter dem Bus am Straßenrand veranstaltet. Innerhalb weniger Minuten strömten gleichsam alle aus dem Bus zur Party und feierten mit. Es herrschte eine ausgelas­sene Stimmung, selbst als es immer später und dunkler wurde. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, den Bus wieder in Gang zu bringen, versuchte Philipp »Handy« Maske gegen 22.30 Uhr, per Handy Hilfe anzufordern. Nach einigen er­gebnislosen Versu­chen wurde aus Budapest ein Ersatzbus angefordert, der uns gegen 3 Uhr nachts aufgreifen sollte. Doch bis dahin war es noch eine lange Zeit.

Gegen 24 Uhr war die Party längst zuende, die letzten Leute flüchteten vor der nächtlichen Kälte in den ebenso kalten Bus, andere wiederum schliefen schon. Da sich bei einigen Hunger einstellte, machte man sich auf die Suche nach Nahrung - meist vergeblich. Aber einige hatten auch Glück: Ein vorbeifahrender LKW stoppte und spendierte den hungrigen Leuten drei Konservendosen Gulasch und einen Dosenöffner. Danach wurde versucht, das Gulasch in den Dosen mit einer Kerze zu er­wärmen, denn wir hatten noch nicht einmal einen Kochtopf oder gar Campingkocher. Aber auch die­ser Versuch war vergeblich. Das halbkalte Gulasch wurde allerdings nicht ganz verzehrt, denn einer aus der Gruppe trat fatalerweise mitten in die Gulaschdose.

Nachdem alle Teilnehmer versucht haben, die restliche Zeit zu schlafen, traf gegen 3 Uhr nachts der Ersatzbus aus Budapest ein, in den wir dann im Halbschlaf umstiegen. Dort versuchten wir, weiterzu­schlafen, nachdem beschlossen wurde, den ursprünglichen Programmplan zu verwerfen.

Gegen 7 Uhr morgens wachten wir auf und stellten fest, daß wir uns auf einem Parkplatz in Dunaújváros (dt.: Donau-Neustadt) befanden. Nach einem königlichen Frühstück in einem 3-Sterne-Hotel und einer kurzen Stadtbesichtigung und einem Vortrag von Prof. Antal haben wir uns auf den Weg nach Budapest gemacht. Die weitere Fahrt barg allerdings keine weiteren Überraschungen.

Das war tatsächlich ein Erlebnis, das wir nicht so schnell vergessen werden - eine Geschichte, die das Leben schreibt!

Verfasser: Lars Ahlström, Andreas Fix, Kai Radewald und Jacek Wischnewski

Montag, 18. September 1995

Erdölraffinerie

Protokoll eines Kurzvortrages von Herrn Voigt nach Angaben von Prof. Dr. Zoltán Antal, gehalten am Montag, den 18.9.1995 auf der Fahrt von Dunaújvaros nach Budapest

Die Erdölraffinerie südlich von Budapest ist die größte in ganz Ungarn. Sie entstand Mitte der 1960er, als Ungarn wie alle RGW-Staaten noch vom günstigen Erdöl aus der Sowjetunion profitierte. Das Öl stammt auch heute noch aus Sibirien, die Pipeline verläuft durch die Tschechische Republik und durchs Matragebirge. Im Gegensatz zu früher, als für die Ostblockstaaten die Energie durch die riesigen sowjetischen Rohstofföorrdte sehr billig war und deshalb kein Anreiz zum Energiesparen be­stand (im Gegenteil: die Energie wurde regelrecht verschwendet und die Suche nach neuen, sparsa­meren Technologien vernachlässigt), hat sich heute – im Zuge der nach dem Zusammenbruchs des RGW-Systems gestiegenen Rohstoffpreise – auch in Ungarn die Erkenntnis durchgesetzt, daß Ener­gie ein kostbares und auch kostspieliges Gut ist, mit dem es hauszuhalten gilt.

Die Raffinerie ist auch noch in einer weiteren Hinsicht vom Ende des alten Systems betroffen: Da man für die hier hergestellten Produkte (Schweröle, Kerosintreibstoffe, Vaseline, Gasoline) weniger Abnehmer findet, mußte man bereits die zweite Raffinerie stillegen, so daß die gesamte Anlage statt mit den maximal möglichen zehn Millionen Tonnen nur noch mit sechs Millionen Tonnen Kapazität arbeitet.

Verfasser: Timur Gül, Tim Höpfner, Holger Stichnoth

Di./Mi., 19./20. September 1995

Die direkte Rückfahrt von Budapest nach Hannover

Leicht wehmütig stiegen wir am Montagmorgen in den Eurocity nach Nürnberg ein, viele hat­ten den Charme der Stadt Budapest bereits tief in ihr Herz geschlossen. Doch eine gewisse Freude auf unsere Heimatstadt Hannover konnte sicherlich keiner leugnen. Schließlich war es zu spät, die Zugtüren schlossen sich und setzte sich langsam anrollend in Bewegung. Einen er­sten Vorgeschmack auf Deutschland bekamen wir bereits durch das deutschsprachige Zugper­sonal. Mehrere Stunden später machte der Zug einen Zwischenstopp in der Weltmetropole Wien. Der größte Teil unserer Reise­gruppe stieg hier aus, um noch ein paar Stunden in der Stadt bleiben zu können und dann abends in ein Liegewagen nach Hannover zu steigen. Nur wir fünf blieben sitzen, um dann in Nürnberg in den ICE nach Hannover umzusteigen. Wäh­rend der Fahrt nutzen wir die intimer gewordene Atmosphäre zu Gesprächen über unsere Ein­drücke während der Studienfahrt zu besprechen; für ausgiebige Skat­turniere war natürlich auch noch genügend Zeit vorhanden.

Gegen 21.00 Uhr abends kamen wir dann – endlich – am hannoverschen Hauptbahnhof an, ich glau­be unser sehnlichster Wunsch war eine heiße Dusche und ein warmes Bett.

Verfasser: Philip Maske

 

IV. Erfahrungsbericht

Die Studienfahrt hat einen reichen fachlichen Ertrag gebracht. Vorträge und Besichtigungen rundeten sich zu einem recht umfassenden und dabei differenzierten Bild der Situation in Ungarn, wobei der Schwerpunkt durch unseren längeren Aufenthalt auf der Agglomeration Budapest lag. Qualifizierte Referenten wie Dr. Gyula Wirth, der uns in die ökonomische Situation des Landes in einer Zeit tief­greifender Systemtransformationen einführte, wurden uns von Prof. Dr. Antal vermittelt, der selbst während der gesamten Studienfahrt unermüdlich bereit war, das Gesehene zu deuten, Informationen zu vermitteln und Interesse an diesem Land und an der Stadt Budapest zu wecken.

An dieser Stelle kann kein umfassender Bericht über Ungarn, wie es sich unseren Studienfahrt­teilnehmern darbot, gegeben werden; die Tages- und Vortragsprotokolle der einzelnen Teilnehmerin­nen und Teilnehmer im vorangegangenen Abschnitt wie auch der kommentierte Programmüberblick im Einleitungsteil dieses Heftes geben einen ersten Eindruck von der Vielfalt der Eindrücke und der möglichen Erfahrungsgewinne.

Schwerpunkte der fachlichen Konzeption der Studienfahrt waren natürlich, entsprechend den Fächern der beteiligten Kurse, gesellschaftlich-ökonomische und geographische, vor allem wirt­schaftsgeographische Fragestellungen, zu denen das umfassende Wissen von Prof. Antal so vieles bei­tragen konnte.

Um einen Eindruck von den fachlichen Möglichkeiten einer Studienfahrt in der Oberstufe zu ge­ben, soll am regionalen Schwerpunkt Budapest versucht werden, über ein Protokoll hinaus gehend einen fachlichen Bericht über Stadt-Geschichte, Raumstruktur und sozioökonomische Wandlungs­prozesse in der Agglomeration Budapest vor dem Hintergrund der Handlungsspielräume und -limita­tionen der heutigen Stadt- und Regionalplanung – in Ansätzen auch eingebunden in den gesamtunga­rischen Kontext – vorzulegen, der auf den Informationen, Eindrücken und Erfahrungen der Studien­fahrt beruht und daher inhaltlich in hohem Maße unseren Referenten und hier vor allem Prof. Antal zu danken ist.

Budapest: Metropole und Agglomeration

Stadtgeographische Ergebnisse der Studienfahrt

Die städtische Situation Budapests ist eingebunden in die aktuellen Transformationsprozesse Ungarns wie in die geographische Lage und Struktur der Agglomeration. So ist ein stadtgeographischer Zu­gang immer zweigestaltig: er untersucht und erklärt das Besondere – in diesem Falle die heutige Si­tuation Budapests – und er ordnet ein in die allgemeinen Erklärungs- und Deutungsmuster der Stadt­geographie, fügt ihnen gegebenenfalls weitere Aspekte und Differenzierungen hinzu und entwickelt so den stadtgeographischen Forschungsstand weiter.

Auf unserer Studienfahrt nach Ungarn hatten wir die Gelegenheit, über die reine Anschauung hinaus mehrere wichtige und umfassende Vorträge zur Situation Budapests und ihrer Einbindung in die allgemeine ökonomische Situation Ungarns zu hören. Aus diesen Anregungen und meinen eige­nen Aufzeichnungen während dieser Vorträge heraus möchte ich eine kurze Problemdarstellung ent­wickeln, die den Inhalt unserer Arbeit während der Studienfahrt etwas detaillierter charakterisieren soll. Zunächst stütze ich dabei auf eine stadtgeographische Situationsbeschreibung, die Prof. Antal zu Beginn unseres Aufenthalts in Budapest vorgetragen hat.

Wachstum der Agglomeration »Groß-Budapest«

Budapest, mit einer Fläche von heute 550 km², ist seit 1950 in Fläche und Einwohnerzahl erheblich gewachsen. Seit 1950 gibt es das sog. »Groß-Budapest«, in das über den eigentlichen Bereich der Kernstadt hinaus eine große Anzahl von Vorstädten und oft noch ländlichen Randgemeinden einge­meindet worden sind. Vor allem der Bereich der Csepel-Insel und der östlichen Randzone von Pest gehören zum Wachstumsraum der Agglomeration.

Dieses Wachstum sollte deutliche Integrations- und Infrastrukturvorteile bringen; doch vieles ist Zukunfstaufgabe geblieben; wichtige Probleme des Agglomerationsprozesses sind nicht gelöst wor­den. Zu den gravierendsten Problemen gehört das sich eher noch verstärkende zentral-periphere Ge­fälle zwischen Innenstadt und Randzone; während in der Kernstadt und in der unmittelbaren Rand­zone der Innenstadt eine starke Bevölkerungsverdichtung mit z.T. neuerer Hochhausbebauung gute Versorgungsbedingungen und eine gut ausgebaute Infrastruktur hervorgerufen hat, fehlen im ländli­chen Peripheriebereich diese Vorteile ebenso wie, zumindest stellenweise, wie z.B. in Pestlörinc, eine ausgebaute Kanalisation. Die Trinkwasserversorgung ist zwar heute überall gesichert, doch ist das das Ergebnis eines aufwendigen Investitionsprogrammes der letzten Jahrzehnte. Die sozialen, strukturellen und ökologischen Probleme, die sich aus dieser Strukturschwäche der städtischen Peripherien ergeben und die gerade in der gegenwärtigen krisenhaften Transformationssituation der ungarischen Gesell­schaft und Wirtschaft ergeben, waren dann zentrales Thema unserer Besuche im Wasserwerk und der Kläranlage der Stadt. Durch die naturgeographische Situation der Agglomerationslage – Gelände und geologische Schichten weisen ein Gefälle von Ost nach West zur Donau hin auf, dem die Grundwas­serhorizonte und Grundwasserströme folgen – drohen die Verschmutzungen in den östlichen Rand­bereichen durch das Grundwasser in die Trinkwassergewinnungsgebiete und letztlich in die Donau selbst zu gelangen.

Auch die städtischen Kleinstrukturen spiegeln das genannte zentral-periphere Gefälle wieder. Hat die Kernstadt ein ausgeprägtes und sich entwickelndes urbanes Zentrum mit allen zentralen Funktio­nen einer Metropole, fehlt den ländlichen Vororten der Peripherie oftmals jeder zentrale Kern, der als Kristallisationspunkt einer urbanen Entwicklung dienen könnte. Die mangelhaften Verbindungen zur Innenstadt werden durch die amorphe Siedlungsstruktur und die in die Landschaft ausufernde exten­sive Zersiedlung nur noch verschlechtert; es fehlen schnelle Massenverkehrsmittel wie Metro oder Vorortbahn; der ÖPNV wird durch Busse aufrechterhalten. Daher konzentriert sich der Infrastruk­turausbau vor allem auf die Erweiterung der Metro, die viel zur städtischen Integration beigetragen hat. An den Endstationen der Metrolinien 2 und 3 in den Außenbezirken von Pest sind Einkaufzen­tren errichtet Förde, die zwei Funktionen übernehmen sollen: einmal die unmittelbare Versorgung der dort wohnenden Bevölkerung, deren Zahl durch einen forcierten Wohnungsbau in diesen Bereichen gesteigert wird, zum anderen als »Magnet« für die Bewohner der äußeren Peripherien, die mit dem Bus zu den Metro-Endpunkten fahren und dort den Weg zur Arbeit mit dem täglichen Einkauf ver­binden können: also wiederum Ansätze zur urbanen Konzentration in – den Kernbereich entlastenden – »Nebenzentren« und zur Verbesserung der ökonomischen Versorgung der Peripherien.

Industrie und ökonomische Krise

Budapest ist aber auch eine traditionsreiche und für Ungarn wichtige Industriestadt. Budapest weist die höchste Konzentration industrieller Arbeitsplätze und die höchste industrielle Wertschöpfung von allen Ballungszentren Ungarns auf. Auf der Grundlage einer traditionellen, in das letzte Jahrhundert zurückreichenden Schwerindustrie (Hüttenwerk Csepel, Maschinen- und Fahrzeugbau/Ganz u.a.), die seit hundert Jahren von Konsumgüterindustrien ergänzt wurde, fand seit den 50er Jahren dieses Jahr­hunderts ein rapider Ausbau der industriellen Kapazitäten statt. Entsprechend den wechselnden wirt­schaftspolitischen Paradigmen des kommunistischen Regimes standen dabei einmal der Ausbau der Schwerindustrie, anderenmals aber die Förderung vor allem umweltverträglicherer und stärker kon­sumorientierter weiterverarbeitender Branchen wie Textil- und Nahrungsmittelindustrie im Vorder­grund.

Ein großes Versäumnis war jedoch durchgängig die mangelnde technologische Innovationsbe­reitschaft – die sich auch als grundlegende Unterkapitalisierung definieren läßt – und die mangelhafte Orientierung an den sich wandelnden Weltmarktstandards, die durch die Vorgaben der RGW-Öko­nomie bedingt waren und heute zum zentralen Strukturproblem der ungarischen Wirtschaft geworden sind. So blieb die budapester Industrie weitgehend technologisch auf dem Standard der 50er und 60er Jahre stehen: arbeitsintensiv, wenig produktiv und mit übermäßigem Rohstoff- und Energieverbrauch, was letzteres gerade in dem energie- und rohstoffarmen Ungarn zu großer Abhängigkeit von den da­maligen RGW-Partnern und hier insbesondere der Sowjetunion führte und heute als krisenverschär­fender Faktor wirkt.

Der große Arbeitskräftebedarf führte in den 50er Jahren zu einem massenhaften Zuzug ländli­cher Bevölkerungsteile in die Agglomeration Budapest. Wegen des entstehenden Wohnungsmangels ließ die Stadtverwaltung in den 50er Jahren große Wohnungen aufteilen; doch waren weitere admini­strative Beschränkungen unvermeidlich. Der Zuzug nach Budapest wurde nur noch beim Nachweis eines Arbeitsplatzes in der Stadt genehmigt. Dadurch wuchsen die Randgebiete unmittelbar außerhalb der Stadtgrenzen schnell auf über 400.000 Einwohner – von insgesamt 2,5 Millionen Einwohner in der gesamten Agglomeration – an, was den Zwang zur Eingemeindung und zur städtischen Integra­tion der Peripherien förderte.

Wohnungsnot und Neubaugürtel

Anfang der 60er Jahre wurden in relativ preiswerter Plattenbauweise – dem Zwang der Wohnungsnot folgend – in einem Gürtel im Norden, Osten und Süden der Kernstadt von Pest große Neubauviertel errichtet mit insgesam über 20.000 Wohnblöcken. Fünf größere Viertel haben jeweils 50 - 100.000 Einwohner. Der Wohnungsbau in dieser Form – wie immer man ihn auch städtebaulich und architek­tonisch bewerten mag – war angesichts des Bevölkerungswachstums und der knappen finanziellen Mittel notwendig und bot und bietet den Bewohnern durch großzügige Infrastrukturmaßnahmen (Metro, Straßenbau) und durch Versorgungszentren im Kern der Verdichtungsgebiete bessere öko­nomische und urbane Lebensverhältnisse als in den strukturschwachen Peripherien. Ob sich in einer zukünftig wandelnden Gesellschaft mit beginnender Massenmotorisierung diese Vorteile auf Dauer in dieser Form bewerten lassen werden, sie noch dahingestellt.

Ebenso sollte hier nur das Problem angedeutet werden, ob diese Form der Massenwohnsiedlung in Zeiten der ökonomischen Krise (Arbeitslosigkeit, materielle Verelendung) der sozialen Selbst- und Nachbarschaftshilfe eher entgegensteht und soziale Vereinsamung und die Gefahr des Abrutschens in die Asozialität, wie es sich bei gewalttätigen Jugendbanden schon heute andeutet, stärker fördert, als ein strukturschwacher, aber ländlich geprägter Peripherieraum. Der verdichtete Wohnungsbau als po­sitives Element der urbanen Integration und der planmäßigen Strukturierung der Agglomeration ist eben abhängig von ganz spezifischen sozioökonomischen Voraussetzungen, wie sie in Ungarn in einer Form in den 60er und 70er Jahren gegeben waren und wie sie, auf höherem Niveau durchaus auch in prosperierenden westlichen Wachstumsgesellschaften auffindbar sein können: Zu diesen Vor­aussetzungen gehört eine sozialstaatliche Lebenssicherung und gesellschaftliche Gesamtverantwortung ebenso wie zumindest tendenziell Vollbeschäftigung und gesicherte soziale und beruflich-ökonomi­sche Lebensperspektiven, also gerade diejenigen gesellschaftlichen Charakteristiken und Leitvorstel­lungen, die historisch untrennbar mit der Entwicklung der europäischen Stadt, mit der Urbanität ver­bunden sind und die in einem globalisierten Transformationsprozeß heute weltweit in Gefahr geraten. Heißt dies, wie einige Kritiker jetzt schon sagen: Abschied nehmen von der traditionellen Stadt und den mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Wertvorstellungen, oder heißt es nicht vielmehr: Auf­fordung zur Suche nach gesellschaftlichen Möglichkeiten der Revitalisierung der Städte durch neue städtebauliche Konzeptionen und Perspektiven?

Hier sehen wir, wie wir einleitend schon angedeutet haben, wie stark die konkrete Fallanalyse, die Untersuchung der stadtgeographischen Situation Budapests, zu allgemeinen gesellschaftlichen und geographischen Frage- und Problemstellungen hindrängt; wie stark also auch die exemplarische Be­deutung der Beschäftigung mit der Agglomeration Budapest sein kann!

Buda

Wir haben uns bisher auf die Entwicklung der östlichen Stadtregion, von Pest, konzentriert. Dieses zentral-periphere Gefälle von einer urbanen Metropole zu ländlichen Einfamilienhaussiedlungen mit Gärten und oft dörflichem Charakter, findet sich im Westen der Stadt, in Buda, nicht in dieser Form.

Blockbebauung, wie wir sie als dominante Form der Stadtentwicklung in Pest vorgefunden ha­ben, finden wir nur im äußersten Süden, wo sich südlich des Gellért-Berges das Donautal weitet, und im äußersten Norden im Stadtteil Óbuda (Alt-Buda) zwischen den zurücktretenden Hügelzügen und dem Donauufer gegenüber der Margareten- und Szentendre-Insel, auf dem Gebiet der antiken Rö­mersiedlung Aquincum.

Zentrum sind auch hier ein Verkehrsknotenpunkt (Straßenknoten und -brücke zur Árpád-Brücke über die Donau; HÉV-Station/Vorortbahn nach Szentendre) und das Einkaufszentrum am Flórián-tér. Doch insgesamt sind diese beiden Neubauzentren strukturell über die Donau hinausgreifende Er­weiterungen des um Pest herum angeordneten Verdichtungsgürtels und als solche nicht typisch für die Siedlungsformen von Buda. Weiter unten werde ich diese Strukturdisparität noch sozialstrukturell einzuordnen versuchen, wie es Untersuchungsergebnisse des budapester Stadtbauamtes vorzeichnen.

Der Burgberg von Buda ist, sieht man von der weiter nördlich gelegenen Römerstadt einmal ab, Ausgangspunkt der Stadtentwicklung von Budapest gewesen. Entlang der Donau ziehen sich die Bu­daer Berge, an deren Hängen sich der Stadtteil Buda ausbreitet. Neben der Altstadt des Budaer Burg­bezirkes (einer typischen mittelalterlich-neuzeitlichen Burg- und Bürgerstadt) finden wir vor allem die ältere Bebauung des Donauufers mit z.T. jahrhundertealten Bädern, Barockkirchen und Verwal­tungsgebäuden des 19. Jahrhunderts, sowie die lockerere, von Wald und Gärten durchsetzte Wohn­bebauung an den Hängen der Hügel, die immer Wohngebiet der sozial und ökonomisch führenden Schichten gewesen sind. Auch heute dehnt sich das Stadtviertel weiter in den Bereich der Budaer Berge aus: z.T. mit prunkvollen Villen, mit exklusiven Firmenresidenzen und mit Konsulats- und Botschaftsgebäuden. Nicht immer ist erkennbar, woher das Geld stammte, mit denen dieser Luxus finanziert wurde.

Zur Geschichte der Stadt Budapest

Die erste städtische Siedlung gründeten die Römer auf dem Gebiet der heutigen Stadt Budapest: aquincum. Ein »castrum« – das Militärlager – war Teil der Grenzbefestigung des imperium romanum: des limes. Der Name des Ortes dürfte vorrömischen, wahrscheinlich keltischen Ur­sprungs sein, und bedeutete wohl: »gutes Wasser«, was schon damals auf die vielen Quellen im Ver­lauf der geotektonischen Bruchzone entlang dem östlichen Randes der Budaer Berge, Leitlinie für den Verlauf des Donautales, hinwies, die immer wieder Besiedlung ermöglichten und förderten.

Die Militärstadt, deren Reste man heute in Óbuda im Bereich des Flórián tér sieht und deren größter Überrest das Fundament eines Amphitheaters für etwa 20.000 Zuschauer ist, wurde bald er­gänzt durch eine ca. 5 km weiter nördlich angelegte Zivilstadt, in der die Familien der Soldaten, aber vor allem auch Handwerker und Händler – sicher nicht nur römische Bürger sondern auch Zuwande­rer von jenseits des limes – wohnten, und die bald zu einem zentralen Ort von einiger Bedeutung für die Provinz Pannonien wurde. Teile der Stadt sind ausgegraben und als Museumsgelände zu besichti­gen.

Spuren der römischen Besiedlung sind aber noch andernorts zu finden. In Budapest selbst findet sich auf der Pester Seite am Beginn der Elisathen-Brücke der Überrest des römischen ›Brückenkopfes‹ contraaquincum, dessen Lage auf die militärtaktische Besonderheit des Ortes verweist. Hier war und ist eine der engsten Stellen des Donaulaufes, die die Gefahr des Übersetzen »barbarischer Stämme« befürchten ließ. Insbesondere im Winter, im Schatten des Gellért-Berges, der hier direkt an das Donauufer reicht (die Uferstraße ist erst in späterer Zeit künstlich davor gelegt wor­den) und dessen Gesteinsbarriere sich noch etwas unterhalb des Wasserspiegels in die Donau hinein erstreckt, diese verengend und im Lauf behindernd – die Stromschnellen waren früher bei den Schif­fern gefürchtet –, fror die Donau hier besonders schnell zu; auch Eismassen schoben sich hier immer wieder zusammen: beides ermöglichte immer wieder den Übergang über die Donau, von den Römern gefürchtet wegen der kriegerischen Gefahren!

In ganz anderer Weise wurde 1838 diese besondere geographische Situation für Budapest zum Verhängnis: In dem sehr kalten Winter staute sich wieder einmal das Eis vor dem Gellért-Berg, das Wasser stieg und die größte Überschwemmung setzte weite Teile Pests und der Uferbebauung in Bu­da und Óbuda unter Wasser. Tausende von Häusern, damals noch oft aus Lehm errichtet, fielen der Flut zum Opfer. Die war der Anlaß zu einer umfassenden Regulierung und Uferbefestigung der Do­nau im Budapester Stadtgebiet und gleichzeitig für eine Höherlegung des Straßen- und Bebauungsni­veaus um etwa einen Meter. Steinhäuser, die die damalige Flut überstanden haben, erkennt man heute an den Stufen, die zum Eingang hinunter führen!

Doch zurück zur älteren Geschichte Budapests. Das römische Straßennetz entspricht in seinen Leitlinien auch den heute noch wichtigen Fernverbindungen, wie sie in der Europastraße von Wien nach Budapest und weiter über die Donau (in das ehemalige »Barbarenland« hinein) und in den Verbindungen von Budapest nach Süden (entlang der Donau und Dem limes) und Südwesten in Richtung Adria zu finden sind. Doch hat sich im Laufe der Geschichte diese geographische Knoten­funktion Budapests noch in dem Maße verstärkt, in dem die östlich liegenden Regionen politisch und ökonomisch in die Geschichte Europas eingetreten sind.

Neben den Standortvoraussetzungen, die sich aus Lage und Infrastruktur ergaben, war für die Römer auch die Ausstattung mit bestimmten Ressourcen wichtig: zum einen die Steinvorkommen für die vielfältigen Bauvorhaben: Basalt, Travertin, vulkanische Gesteine vor allem in den Budaer Ber­gen, und in den Gebirgs- und Hügelgebieten entlang des Donauknies, und zum andern vor allem na­türlich das Wasser, dessen Qualität immer wieder gelobt wurde. Es wurde eine 20 km lange Wasser­leitung von den Quellen an den Hügelhängen über Aquincum zur Militärstadt bis in das Gebiet des heutigen Buda gegenüber der Margaretenbrücke als Aquaeduct gebaut. Rekonstruierte Reste sind heute mitten auf der nach Norden führenden Hauptstraße bei Aquincum zu sehen.

Um 450 verschwanden die Römer. 896 erfolgte die »Landnahme« durch die Magyaren. Die et­wa 200.000 Bewohner des Karpartenbeckens übernahmen die römische Infrastruktur, die Bewohner der verschiedenen Stämme und Einwanderungswellen vermischten sich, Ungarn wurde Teil Europas: doch das ist ungarische Nationalgeschichte. Die Städte Buda, Óbuda und Pest entwickelten sich lang­sam seit dem Mittelalter, die bekannten Standortfaktoren nutzend. Politisch bedeutsam wurde für das ungarische Königtum wie in der 150-jährigen Besetzung durch die Türken für das Osmanische Reich als Grenzfeste die Burg von Buda. Doch ein großer räumlicher und bevölkerungsmäßiger Entwick­lungsschub erfolgte erst wieder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem »Ausgleich« in der habsburgischen »k.u.k. Doppelmonarchie« mit ihrer politischen und ökonomichen Aufwertung des ungarischen Landesteils und schließlich mit der Vereinigung der drei Orte zur Stadt Budapest 1873.

Geographische Lage der Hauptstadt

Die den Römern bekannte Standortgunst Aquincums, des heutigen Budapest, gilt auch als geographi­sche Grundlage der weiteren Entwicklung der Stadt: der mögliche Donauübergang an ihrer schmal­sten Stelle (die heutige Elisabethen-Brücke überspannt ca. 300 m Flußbreite; sonst ist die Donau, ab­gesehen von ihren vielen Inseln und Nebenarmen, in ihrem Hautstrom zwischen 400 und 500 m breit), das Aufeinandertreffen landschaftlich so unterschiedlicher Räume wie der ungarischen Tief­ebene, auf deren letzten Ausläufern Pest liegt, und des ungarischen Mittelgebirges, das mit den Bu­daer Bergen Ort der Siedlung Buda ist – jeweils mit spezifischen Voraussetzungen für die Siedlungs­form, für die wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Nutzungen und darauf aufbauenden gesell­schaftlichen Entwicklungen –, der guten Wasserversorgung mit Trinkwasser und Heilquellen und schließlich der Ressourcen an guten Kalk- und Travertinsteinen, die den Bau der festen Siedlung er­leichterten.

 

Voraussetzungen und Situation der Stadtplanung in Budapest

Aus der dargestellten gesellschaftlichen und wirt­schafts­geographi­schen Situation von Budapest erge­ben sich Voraussetzungen und Leit­linien für die Stadtplanung und Raumordnung. Die folgenden No­tizen orientieren sich dabei weitgehend an einem sehr auf­schluß­rei­chen Vortrag von Dr. József Raab vom Stadtplanungsamt im Haupt­bürger­mei­steramt von Budapest.[7]

Auszugehen ist bei jeder Strukturanalyse und Stadtplanung von der geo­graphischen Lage der Stadt, die ihr schon in historisch zu­rück­lie­gender Zeit eine besondere Bedeutung im Karpartenbecken zuwies.

Über die Bedeutung von Aquincum als römischer Militärgründung am Limes mit wichtigem stra­tegischen Wert für die Sicherung des römi­schen Imperiums wurde an anderer Stelle schon einiges ausgeführt.

Alte Verkehrs- und Handelswege führten von Wien kommend in Rich­tung Balkan und Karpar­ten und querten bei Budapest die Donau. Gleich­zeitig zweigt hier der Handelsweg nach Süden ent­lang der Donau und nach Südwesten in Richtung Triest, Adria und Italien – in der Antike für Rom besonders wichtig! – ab. Für die zukünftige groß­räumige Verkehrsplanung in einem zusammenwach­senden Europa nach Überwindung der Ost-West-Spaltung und in der hoffnungsvollen Per­spektive auf eine friedlichere Zeit nach dem Ende des der­zei­tigen Balkankrieges auf dem Gebiet des ehemali­gen Jugoslawien steht vor allem die Reaktivierung der Diagonalverbindung von Triest über Budapest in Richtung Miskolc, Ukraine und Rußland auf der Tagesordnung. Ungarn war und ist zunehmend wieder verstärkt Dreh­scheibe des Verkehrs zwischen Ost und West, auch, wie sich an dem wachsen­den Verkehrsaufkommen zeigt, zwischen der Türkei und Mit­teleuropa.

Wichtig ist auch, den erwarteten Güterströmen entsprechend, der Aus­bau einer Magistrale in Richtung Bratislava und weiter nach Po­len, in das Baltikum und nach Skandinavien.

Für Ungarn und Budapest bedeutet das zunehmenden Transitverkehr zu­sätzlich zu dem ohnehin wachsenden Binnenverkehrsaufkommen, das auch eine Verschiebung des Verkehrsvolumens von der Schiene und dem Wasserweg zugunsten des Straßengüterverkehrs beinhaltet.

Die Verkehrsbelastung der Agglomeration Budapest wird daher stei­gen; das heutige Straßen- und Schienennetz ist diesen erwarteten Be­lastungen nicht mehr gewachsen, wenn schon die Grenz­übergänge in der Peripherie - wie wir am Grenzübergang nach Rumänien bei Gyula dra­stisch vor Augen geführt bekamen - mit einer Verdreifachung des Güter­fernverkehrs seit 1990 und der damit verbundenen anwachsenden Grenz- und Transitkriminalität hoffnungslos überfordert ist.

Wich­tigstes Straßenbauprojekt in Budapest ist daher der sogenannte M0-Autobahnring auf der Pester Seite mit einem neuen Donauübergang im Bereich der nördlichen Csepel-Insel knapp außer­halb der Stadt­gren­ze mit Anschluß an die Autobahn Wien/Balaton außerhalb des eigent­lichen Stadt­gebietes. Damit soll die Innenstadt vom Durch­gangs­verkehr freigehalten werden.

Eher auf Entlastungen des innerstädtischen Verkehrs zielt der Aus­bau des »Hungária körút (Hungária-Ringes)«, der den bestehenden al­ten Innenstadtringen von Pest einen weiteren Ring hinzu­fügt und über Árpád- und Összekötö vasúti hid, der bisherigen südlichen Eisen­bahn-Brücke, die durch Straßen-Fahrbahnen ergänzt wird, mit der Budaer Seite verbunden ist. Mit seiner Ringstraßen­bahnlinie auf eigenem Gleiskörper stärkt dieses Verkehrsprojekt den ÖPNV und zieht diagonale bzw. radiale Verkehrsströme aus der überlasteten Innenstadt ab, indem alle Métro-Linien an Umsteigesta­tionen mit der Ringlinie schon im äußeren Stadtbereich gekreuzt und verknüpft werden.

Neben der Verkehrslage spielen für die Stadtplanung vor allem auch die Wachstums- und Ag­glomerationsprozesse eine entscheidende Rol­le. Der historische Hintergrund der Bevölkerungsent­wicklung Bu­da­pests ist sehr aufschlußreich. Zwischen 1870 und 1900 wächst Bu­da­pest im internatio­nalen Vergleich überproportional und rückt vom 16. auf den 8. Rangplatz aller Großstädte vor. Dies entspricht der ver­späteten gesellschaftlichen und industriellen Entwicklung Un­garns in der Zeit des k.u.k.-»Ausgleichs«. Bis 1930 ist die Ein­woh­nerzahl von einer halben Million erreicht; bei weiterem be­deu­ten­den Bevölkerungswachstum fällt der Rangplatz jedoch wieder ab, was der allgemeinen de­mographischen Entwicklung Europas im Ver­gleich zu den neu entstehenden megapolitanen Agglome­rationen der Drit­ten Welt entspricht: 1930 steht Budapest auf dem 9. Platz, 1950 auf dem 11. und 1970 mit 1.712.791 Einwohnern (Census) nur noch auf dem 13. Platz. 1990 ist die Zweimillionen­grenze über­schrit­ten (2.016.774 Einwohner), der Rangplatz noch einmal eine Stu­fe heruntergesetzt. Damit leben etwa 20 % der Gesamtbevölkerung Un­garns in Budapest. Im weltweiten Größenver­gleich werden die Euro­päischen Metropolen aber in Zukunft noch weiter an Bedeutung ver­lieren; speist sich der Bevölkerungszuwachs Budapest in den letz­ten Jahrzehnten nahezu ausschließlich aus innerungarischen Wan­derungen, da Ungarn selbst praktisch kein natürliches Be­völ­ke­rungs­wachstum mehr aufweist.

Damit scheint aber zumindest auf mittlere Sicht eine demo­gra­phisch, sozioökonomisch und wirt­schaftsräumlich-strukturelle Wachs­tumsgrenze erreicht zu sein. Der Abwanderung aus der sich um­struk­turierenden City, die in allen marktwirtschaftlich ge­steuer­ten Stadtentwicklungen zu beobachten ist, folgt auch eine gewisse Stag­nation der Zuwanderung in die Peripherien der Agglomeration, die kaum noch attraktive Agglomerationsvorteile in Hinblick auf In­frastruktur, Arbeitsplätze und Versor­gung zu bieten haben. Die Prog­nose geht sogar von einer Bevölkerungsabnahme Budapests durch Ab­wanderung in die strukturell aufgewerteten und durch den ver­stärk­ten Verkehrswegebau besser zu erreichenden Mittelzentren aus.

Da diese Wanderungsbewegungen vor allem in den jüngeren und öko­no­misch aktiven Bevölke­rungsschichten zu finden sind, besteht die Ten­denz, daß die Bevölkerung Budapests überaltert und über­pro­por­tio­nal durch soziale Problemgruppen belastet wird. Dies trifft in ver­stärktem Maße gerade auf die eigentlichen Innenstadtbereiche auf der Pester Seite zu und ist im Citybereich die Vorstufe zur dro­henden Verdrängung der Wohnbevölkerung überhaupt durch fi­nanz­kräf­tigere Geschäfte und an­dere Dienstleistungsbetriebe. Die heu­tige Stadtplanung will dieser rein ökonomisch über die Grund­stücks­preise und Mieten gesteuerten Bevölkerungsverdrängung ge­gen­steu­ern und mit dem Ziel, tradi­tionelle Urbanität zu bewahren, Wohn­bevölkerung in der City erhalten.

Aber nicht nur ökonomische Zwänge der marktwirtschaftlichen Kon­kur­renzgesellschaft machen, wie der Blick auf andere Großstädte er­weist, das Erreichen dieses Zieles fraglich. Auch die veränderte po­litische Situation in Ungarn schwächt die ehemals zen­tra­li­sier­ten Planungsinstanzen. Die eigentliche Stadtplanung ist heute de­zen­tralisiert; sie soll bürgernah von den Stadtbezirken durch­ge­führt werden. Doch sind die Kompetenzabgrenzungen zwischen der mit Ko­ordinationsaufgaben betrauten Raum­ordnungs- und Stadtplanung des Ko­mitats Pest Megye, der innerstädtischen Planung mit dem Ziel, die strukturelle Funktionsfähigkeit der Stadt zu erhalten, und den Be­zirken, in denen sich vor allem die lokalen Interessen kon­zen­trie­ren, weder in Gesetzen und Verwaltungsvorschriften noch in einer eingespielten pragmatischen Praxis geklärt. Die eingeleitete Ver­waltungsreform bedarf hier (und nicht nur hier) einer weiteren Klä­rung, Kokretisierung und Vereinheitlichung.

So kommt es, daß oft die innerstädtische Planungskoordination ver­sagt und daß sich in den poli­tisch weniger durchsetzungsfähigen Be­zirksplanungsämtern ohnehin leicht die stärkeren ökonomi­schen Par­tikularinteressen auch gegen eine abgestimmte Stadtplanung, ge­gen Denkmalschutz, soziale Einrichtungen und ökologische Belange durch­setzen.

Auch wenn in stadt- und regionalplanerischer Hinsicht an den EU-Nor­men orientierte Standards gesetzt werden sollen, sind sie in der Praxis kaum durchzusetzen. Die katastrophale finanzielle Si­tua­tion der Stadt, Spiegelbild der finanziellen Situation des hoch ver­schuldeten ungarischen Staates, verhindert, daß durch eigene kom­munale Investitionen diesen Partikularinteressen ökonomisch-pla­nerisch gegengesteuert werden könnte oder sie wenigstens po­li­tisch in einen Minimalkonsens über eine planerische Ge­samt­kon­zep­tion eingebunden werden könnten.

Strukturelle Gliederung von Budapest

Neben der traditionellen Gliederung Budapests in Buda und Pest, von der Donau getrennt und erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahr­hunderts zu einer Großstadt vereinigt, und neben der schon an­ge­sprochenen zentral-peripheren Differenzierung mit allen Folgen für die strukturelle und demographi­sche Entwicklung, ist Budapest heu­te, als Ergebnis der Siedlungs- und Indu­stria­li­sie­rungs­ent­wick­lung durch eine nur statistisch erfaßbare Trennlinie geteilt, die von Südwest nach Nordost verläuft.

Der Nordwesten der Stadt mit Buda, Obuda, der City auf der Pester Sei­te und dem nördlichen Teil von Pest ist durch urbane Sied­lungs­ver­dichtung, aktive Industrien und Gewerbebetriebe, höhe­rem Dienst­leistungsangebot und verdichteten Neubaugebieten gekenn­zeich­net – wobei natürlich phy­siognomisch zunächst einmal Son­der­ge­biete wie die Wald- und Villenviertel an den Hängen der Bu­daer Ber­ge herausfallen, in anderen Kategorien des statistischen Ver­gleichs jedoch in den Charakter dieser strukturell bevorzugten Zone einzubeziehen sind; demgegenüber wird der Südwesten der Stadt mit den Pester Außenbezirken, der Csepel-Insel und dem Areal auf dem rechten Donauufer südlich des Gellert-Berges statistisch über­re­präsentiert durch ländlichen Charakter, veraltete und inaktive, z.T. aufgegebene Industrie- und Gewerbeareale, alte Arbeiter­sied­lun­gen und eine lockere »low-standard«-Bebauung, in die sich das Neu­bauviertel um die Üllöi-út in Richtung Flughafen als »moderne En­kla­ve« hineinschiebt, ohne den Charakter als strukturschwache Zo­ne verdecken zu können.

Diese Zweiteilung reicht tiefer. Sie korrespondiert über den sied­lungs- und wirtschaftsgeographi­schen Ansatz hinaus mit der un­gleich­mäßigen Einkommens- und Vermögensverteilung sowie der sig­ni­fi­kanten Ungleichverteilung des Bildungsstandards der Bewohner, wo der Nordwesten einen deut­lich höheren Anteil an höheren Bil­dungs­ab­schlüssen und akademischer Ausbildung aufweist.

Alle diese Aspekte sind funktional verknüpft und spiegeln die un­glei­che Sozial- und Berufsstuk­tur der betroffenen Stadtviertel wider, die bedingt ist durch die funktionalen Ressourcen der Re­gion und den damit traditionell verbundenen Arbeitsplatzangeboten in ihrer unterschiedlichen Betroffenheit auch von der derzeitigen öko­nomischen Umbruchsituation.

In übertragenem Sinne haben sich somit auch bestimmte Stadt­vier­tel-»images« herausgebildet, die den differenzierenden Trend einer So­zialstatus-Differenzierung noch verstärken und im Sinne einer »self-fulfilling prophecy« fördernden oder hemmenden Einfluß auf die objektiven Entwick­lungschancen der einzelnen Stadtregionen nehmen.

Schließlich spiegelt aber die innerstädtische Differenzierung die Struk­turdisparitäten des gesam­ten Landes wider, die ebenfalls einen strukturell höher entwickelten Nordwesten von einem struk­tur­schwachen, agrarwirtschaftlich dominierten Südosten trennt, über­lagert von zentral-peripheren Gefäl­len, die vom Zentrum Buda­pest ausgehen. Sowohl auf nationaler wie auf städtischer Ebene be­steht die Gefahr, daß die Schwächezonen von der allgemeinen Ent­wicklung und dem ökonomischen Auf­schwung abgekoppelt und schmerz­haf­ten sozioökonomischen Peripherisierungsprozessen unterwor­fen wer­den, deren politische Risiken kaum abzuschätzen sind.

Die Entwicklung des Wohnungsbaus nach der politischen Wende in Ungarn

Die sozialstrukturelle Differenzierung Budapest steht in engem Zu­sam­menhang mit der Entwicklung des Wohnungsbaues. Wenn wir schon in städtebaulicher und ökonomischer Hinsicht festgestellt ha­ben, daß der Übergang zur Marktwirtschaft und die Veränderungen der öko­nomischen und politi­schen Situation tendenziell zu einer Ver­stär­kung der Unterschiede und zu einer Beschleunigung der Dif­fe­ren­zierung der sozioökonomischen und Status-Gliederung führen, trifft das Gleiche auch auf die Situation im Wohnungsbau zu, was zu einer Verschärfung der regionalen Disparitäten beiträgt.

Doch derzeit fehlen sowohl für eine allgemeine investive Struk­tur­po­litik, die den sich verschär­fenden Disparitäten gegensteuern könn­te, wie einer umfassenden staatlichen Wohnungsbau- und Neu­bau­tä­tigkeit, die das sich verschärfende soziostrukturelle Gefälle zwi­schen den einzelnen Stadtre­gionen anzugleichen in der Lage wäre, die ökonomischen Mittel wie auch, als Ergebnis der po­li­ti­schen Reformen, der notwendige gesetzliche Rahmen und politische Ein­fluß.

Der staatliche und kommunale Wohnungsbau, ehemals für die Stadt­ent­wicklung bestimmend und auch mengenmäßig dominierend, ist dra­ma­tisch zurückgegangen. Wurden im staatlichen Woh­nungsbau 1980 noch ca. 17.000 Wohnungseinheiten fertiggestellt, waren es 1993 nur noch ca. 4.000. Auch der durchschnittliche Wohnungsstandard hat sich verschlechtert, Reparaturen und Renovierun­gen sind kaum noch finanzierbar. Private Investoren haben mangels Ren­di­te­aus­sicht kaum Interesse, sich im Wohnungsbau zu engagieren, einmal aus­genommen den kleinen Sektor von Luxuswohnungen für Ge­schäfts­zwecke, da die neue Oberschicht ausschließlich an Eigenheimen und Vil­len in eigener Bauträgerschaft interessiert ist.

Der reduzierte staatliche Wohnungsbau konzentriert sich zur Zeit nach westeuropäischem Mu­ster auf den »sozialen Wohnungsbau«. Das markt­wirtschaftliche Element und die politisch gewünsch­te Eigen­tums­förderung wird gestützt mit dem Ziel, staatlich geförderte Woh­nungen zu 20-30 % des Marktpreises den Bewohnern zu verkaufen.

Da­bei ist zu beobachten, daß für die wirtschaftlich besser ge­stell­ten Schichten und ökonomi­schen Aufsteiger, die dieses Angebot in erster Linie annehmen könnten, ein Kauf der bisherigen Wohnung we­nig attraktiv ist, da sie eher darauf zielen, in bessere Wohn­vier­tel umzuziehen oder im günstigsten Falle ein Eigenheim am Hang der Budaer Berge zu bauen - und sei es in Eigenbau oder mit Nach­bar­schaftshilfe.

Die Neubausiedlungen, in denen sich der staatliche Wohnungsbau kon­zentriert hat, sind oft im Vergleich zu den »besseren« Wohn­quar­tieren infrastrukturell nicht so gut ausgestattet, weniger ver­kehrsgünstig gelegen und weisen insgesamt das schlechtere Wohn­um­feld auf. Dabei spielen auch die sozialen Abstiegsprozesse und der schlechter werdende Ruf dieser Viertel eine negative Rolle. In­dem die ökonomisch besser gestellten und sozialen Aufsteiger je­doch wegziehen, findet ein negativer so­zia­ler Ausleseprozeß statt, der sie sozialen Probleme des Quartiers noch verschärft und den Se­gre­ga­tionsprozeß beschleunigt. Dem kann die Stadtplanung nur schwer gegensteuern, so daß schlimm­sten Falls eine Verslumung mit Ver­elendungs- und Kriminalisierungsgefahren droht.

Etwa die Hälfte des kommunalen und staatlichen Wohnungsbestandes konn­te seit 1990 privati­siert, d.h. verkauft werden, wenn auch ohne Gewinne für die Gemeinde. Dabei zeigte sich, daß die ring­för­mig um die City angeordneten Zonen der Wohnbebauung sehr un­ter­schied­lich in ihrer Attrak­tivität für die Käufer waren. Vor allem spie­gelt sich darin die besondere Problematik der Übergangs- bzw. Tran­sitionalzone zwischen Innenstadt und Peripherie wider.

Zone

 

Anzahl

Privatisierung 90-94 in %

(City)

113.000

59

II 

(Innenstadt)

244.000

59

III 

(Übergangszone)

170.000

35

IV

(Außenzone)

281.000

45

 

Total:

809.000

48

Auch die Änderung der Zahlen der Wohnbevölkerung spiegelt das so­zia­le Gefälle zwischen den Stadtvierteln. Bevölkerungszunahme zei­gen die Hänge der Budaer Berge und stellenweise, wo Infra­struktur und Wohnumfeld schon modernen gehobenen Ansprüchen genügen, auch die Außenbezirke.

Abwanderung ist zu verzeichnen auf der Pester Seite in der Alt­stadt und der City, was aber we­niger auf mangelhafte Ausstattung der Wohnquartiere als auf den ökonomischen Verdrängungspro­zeß durch funktionalen Wandel hin zur absoluten Dominanz der Ge­wer­be­nutzung (Handel, Dienstlei­stungen, Firmenverwaltungen) über die Grund­stückspreise zu erklären ist. In der Transitonialzone halten sich derzeit Abwanderungen und Zuzug einer ärmeren bzw. ländlichen Be­völkerung noch die Waage, doch ist mittelfristig hier auch mit Be­völkerungsabnahme zu rechnen; hier sind jedoch die schon ge­nann­ten negativen Strukturmerkmale die Ursache für den Be­völ­ke­rungs­verlust.

Das südliche Pest sowie das Gebiet von Újpest leiden unter Struk­tur­problemen durch die Ab­wanderung bzw. Stillegung der Industrie und die Schließung von Gewerbebetrieben in der Folge des öko­no­mi­schen Systemwandels der Wendezeit.

Stadtregionen und Planungsschwerpunkte

Die Stadtplanung muß sich angesichts ihrer reduzierten Mög­lich­kei­ten heute vor allem nur auf ausge­suchte Planungsschwerpunkte in den besonders von Strukturschwäche und sozialen Problemen ge­kenn­zeich­neten Stadtregionen kümmern; dabei spielen Funktions- und Struk­turwandlungen, die durch den soziökonomischen Trans­for­ma­tions­prozess eingeleitet worden sind, eine besondere Rolle.

Daher sollten die unterschiedlichen Stadtbezirke noch einmal in einer Übersicht physignomisch-stadt­geographisch und ökonomisch-funk­tional gekennzeichnet werden:

Stadtteil                                   Charakteristik

Stadtmitte                                traditioneller Kern, City, Handel,

(Pest, Budaer Donauufer)       Dienst­leistungen, dichte Bebauung, Häuser der Jahrhundertwende do­mi­nie­rend, z.T. schlechter Bauzustand, in­ten­sive Restaurationen und In­ve­sti­tio­nen im gewerblichen Bereich

Gebirgszone (Buda)                 elegante Zukunftszone, hoher Grund­stücks­wert, aufgelockerte Villen­bebau­ung, Infrastruktur noch lückenhaft

Donauufer                                Zone starken Struktur- und Funk­tions­wan­dels; überlastete Uferstraßen; alte, z.T. hochwertige Uferbebauung im Innen­stadt­bereich gefolgt von z.T. auf­ge­ge­be­nen Industrie- und Gewerbearealen mit ho­her ökologi­sche