UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

 

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Berichtübersicht

Chronologie der UNESCO-Arbeit

Aus der Arbeit einer UNESCO-Schule

Gerhard Voigt / Lothar Nettelmann*

 

 

Die Arbeit einer UNESCO-Schule:
z.B. Schulpartnerschaften mit Polen und der Türkei

I. UNESCO-Schulen: Aufgaben und Möglichkeiten

1. Wandlungen der Ziele der UNESCO-Arbeit

Die internationale Organisation der „UNESCO-Modellschulen“ ist eine typische Gründung der ersten Nachkriegszeit und in vielerlei Beziehung von ihrer Entstehungszeit geprägt worden. Sie steht neben den nationalen „Gesellschaften für die Vereinten Nationen“, neben der idealistischen Europabewegung und den verschiedenen bilateralen Jugendwerken. Die Ziele waren direkt und unmittelbar geprägt von der Erfahrung des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das „Nie Wieder“ reichte zunächst als Zielbestimmung aus, eine Zielbestimmung, die vor allem ethisch und moralisch motiviert und in der praktischen Umsetzung eher unpolitisch war.

Das soll nun nicht als fundamentale Kritik verstanden werden; der moralische Anspruch war damals so richtig und wichtig, wie er es heute noch ist. Doch stießen diese aus den frühen fünfziger Jahren herrührenden internationalen politischen Initiativen schnell an die Grenzen ihrer Wirksamkeit; „Kalter Krieg“ und imperiale Großmachtpolitik drängten die idealistischen Ansprüche bald an den Rand des öffentlichen Interesses und der öffentlichen Wirksamkeit. Eine politisch wirksame Massenbewegung wurde die UNESCO-Schularbeit nie, konnte sie nie werden, und zwar gerade durch das seit der Gründung bestehende Defizit an politischem Gehalt und politischer Institutionalisierung.

Die heutige Generation von Lehrern und Schülern in den jetzt bestehenden UNESCO-Schulen kann kaum noch an unmittelbare Erfahrung und Augenzeugenschaft der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit anknüpfen. Sie muß sich den heutigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen und Problemlagen stellen, muß eine zeitgenössische UNESCO-Arbeit betreiben und Ziele und Inhalte dieser Arbeit neu überdenken.

Die erstaunlichen politischen Umwälzungen der letzten Jahre, die Bewegung, die in das Ost-West-Verhältnis gekommen ist, das wieder wachsende internationale Ansehen der Krisenlösungsbemühungen der Vereinten Nationen in Namibia, Nahost, Angola oder in Südost-Asien erleichtern es, den UNESCO-Gedanken neu und nun auch politisch zu fassen. Es ist ein günstiger Moment, UNESCO-Schulen zu Erprobungsstätten einer neu überdachten politischen Bildung, zu Multiplikatoren für die Erfahrungen mit interkulturellem Lernen zu machen. Der Bericht über die praktischen Erfahrungen mit der UNESCO-Schularbeit am konkreten Beispiel der Bismarckschule Hannover – mit Blick über die Schulmauern hinaus auf Initiativen und Erfahrungen anderer UNESCO-Schulen – soll ein wohlüberlegter Schritt in die Öffentlichkeit sein, um die genannte Multiplikatorenfunktion der UNESCO-Schulen noch deutlicher zu betonen, um im Sinne der interkulturellen Ziele der UNESCO politisch in unserer eigenen Gesellschaft wirksam zu werden.

Die UNESCO ist eine Sonderorganisation der UN, und die Abkürzung steht für „United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization“. Der Sitz dieser internationalen Organisation ist Paris; sie hatte im Jahr 1984 bereits 161 Mitgliedsstaaten. Die UNESCO ist 1945 zum Zwecke der internationalen Zusammenarbeit auf den Gebieten der Erziehung, der Wissenschaft und Kultur gegründet wurde. Innerhalb dieser Organisation haben sich nun Schulen zu sogenannten „UNESCO-Schulen“ zusammengeschlossen.[1]

An dem Modellprogramm der UNESCO sind über 1500 Schulen in über 80 Ländern beteiligt. UNESCO-Schulen sind Schulen, die sich in besonderem Maße dem Erziehungsziel der internationalen Zusammenarbeit und Verständigung verpflichtet fühlen. Das Engagement einer UNESCO-Schule realisiert sich durch eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen und Problemstellungen im Unterricht sowie durch zusätzliche Schulaktivitäten wie z.B. Ausstellungen, internationale Veranstaltungen, Studienfahrten, Austauschprogramme, Partnerschaften und ähnliche Aktionen. Darüber hinaus zeichnet sich die Arbeit der UNESCO-Schulen dadurch aus, daß sie meist einmal jährlich ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen, in dem ein ausgewähltes internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet wird. Über diese Projekte werden Dokumentationen angefertigt, die anderen Lehrern als Anregung für eigene Projekte dienen sollen. Mit der Erarbeitung derartiger Unterrichtsprojekte wollen die UNESCO-Schulen, bewußt abhebend von einer zu theoretischen Curriculumentwicklung, einen praxisnahen Beitrag zur Behandlung internationaler Problemstellungen in der Schule leisten. In den letzten Jahren waren dies beispielsweise die Themen „Ausländer in unserer Stadt“, „Kinder unserer Welt“, „Wie wir morgen leben wollen“, „Dritte Welt“, „Islam“, „Gastarbeiter“ und „Jahr des Friedens“.[2]

An den genannten Schwerpunktthemen ist zu erkennen, wie stark UNESCO-Arbeit jetzt auch in aktuelle innen- und gesellschaftspolitische Themen eingreifen muß, wenn sie sich weiter ihren internationalen Zielen verpflichtet fühlen will. Die positive Auseinandersetzung mit den heute innergesellschaftlich zum Problem gewordenen Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Nationalität und kultureller Herkunft in einer Gesellschaft, mit den Ansprüchen auf kulturelle Identität von Minderheiten, mit dem Erkennen und Anerkennen von erworbenen Wohn- und Heimatrechten ohne Rekurs auf traditionelle Staatsangehörigkeiten, mit dem Begreifen von Akkulturationsproblemen und Integrationsvorstellungen bestimmt nun die dominanten Inhalte, da internationale Konflikte zumindest in Europa weniger auf dem außenpolitischen Felde denn als innergesellschaftliche Problemlagen zu verstehen sind. Das alte UNO-Konzept einer „Weltinnenpolitik“ erlangt dadurch problematische neue Aktualität, der sich die UNESCO-Schulen stellen müssen.

Die – für Europa so überaus positiven – internationalen Veränderungen sind eine Chance, direkt und mit politischer Kraft die Jugendprobleme der heutigen Gesellschaft zu bewältigen zu versuchen. Den Zusammenhang zwischen der individuellen Sozialerfahrung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erkennen und pädagogisch umzusetzen, ist eine Forderung, der sich das traditionelle Schulwesen mit seinem bürgerlich-individualistischen Pädagogikverständnis noch viel zu wenig geöffnet hat. Schulpolitisch relevant wird so die auf diesem Kontext basierende UNESCO-Schularbeit, da sie modischen konservativen Trends der Schulpolitik widerspricht.

2. Realisierung der Arbeitsschwerpunkte

Praktische UNESCO-Schularbeit ist immer nur ein Kompromiß mit den schulorganisatorischen Möglichkeiten, mit den verschiedenen innerschulischen Auffassungen und Interessen, zwischen den heterogenen Impulsen und Angeboten der UNESCO-Arbeit selbst, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben.

Der Erprobungscharakter von UNESCO-Projekten sollte dabei ganz deutlich in den Vordergrund gestellt werden. Es wäre vermessen zu fordern, die UNESCO-Schulen sollten „völlig andere“, vielleicht sogar „bessere“ oder gar „neue“ Schulen sein. Das ist weder vom Ansatz her noch im gegebenen Rahmen der Realisierung möglich. UNESCO-Schulen haben die gleichen Probleme wie andere Schulen der entsprechenden Schulformen: Konflikte zwischen Schülern und Lehrern, Auseinandersetzungen um pädagogische Konzepte, Leistungsdruck und Schulangst, Einschränkungen durch Schulverwaltung und Schulaufsicht, viele große Enttäuschungen und Mißerfolge bei einigen kleinen Erfolgen, die die Schule erst rechtfertigen. UNESCO-Arbeit ist eine zusätzliche Aufgabe, die aber die Chance beinhaltet, in den Unterrichtsalltag auszustrahlen, neues Interesse an schulischen Inhalten zu wecken und Ansätze einer sozialen Integration der Schule zu sein. Kein einzelnes UNESCO-Projekt kann nur an einer UNESCO-Schule durchgeführt werden; im Gegenteil, die auf öffentliche Wirkung angelegte UNESCO-Schularbeit lebt ja gerade aus der Hoffnung, Anstöße vermitteln zu können, die auch an anderen Schulen Wirkungen zeigen, vielleicht sogar einmal zum allgemeinen Bestand von Schule zu werden. Das wichtigste Charakteristikum einer UNESCO-Schule ist, daß sie sich Gedanken über die UNESCO-Arbeit macht, daß sie die vielfältigen möglichen Initiativen und Projekte als Schule diskutiert, verantwortet und auch in der Öffentlichkeit vertritt.

Ehe wir zur Beschreibung einzelner UNESCO-Projekte kommen, wie sie die Autoren an der eigenen Schule, der Bismarckschule Hannover, erfahren haben, sollte hier noch einmal hervorgehoben werden, was uns in der heutigen politischen Situation tatsächlich als Kernbestand einer aktuellen UNESCO-Arbeit erscheint: die Auseinandersetzung mit den vielfach noch wenig erprobten und diskutierten Möglichkeiten des interkulturellen Lernens und einer auf dieser Grundlage aufbauenden Ausländerpädagogik.

Wir sehen mit Sorge, daß auf die schulpolitische Ausgrenzung des Politikunterrichtes und seine Fesselung in einer konservativen Staatsdidaktik eine Krise des Selbstverständnisses der Politikdidaktik gefolgt ist. An den Schulen findet eine politikdidaktisch verantwortete Gestaltung von „Politischer Bildung“ nicht mehr statt. Die Folgen des Verdrängens eines kritischen Politikunterrichtes aus den Schulen, vor denen schon vor einem Jahrzehnt eindringlich in der Öffentlichkeit gewarnt worden ist, sind nun in bestürzendem Maße eingetreten: sogenannte „Republikaner“ und Neonazis, Ausländerhatz und Verlust an Liberalität und Rechtsstaatlichkeit gehören zum Alltag unserer „politischen Unkultur“. Hier Einhalt zu gebieten, Umkehr zu fordern und zu einer positiven Neubewertung der politischen Bildung als Grundlage von Demokratie und sozialem Rechtsstaat zu gelangen, sollte zu den vordringlichsten Zielen der UNESCO-Schularbeit und dabei vor allem einer inhaltlich neu überdachten und bestimmten interkulturellen Erziehung sein.

Politische Bildung und Politikdidaktik müssen sich in der konkreten gesellschaftlichen Situation und an den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten bewähren und beweisen, daß sie dazu beitragen, den Schülern in der Gesellschaft die notwendige Orientierung und rationale Konfliktfähigkeit zu vermitteln und sie politisch handlungsfähig zu machen. Zum Prüfstein unserer „politischen Kultur“ wird in zunehmendem Maße unsere gesellschaftliche Fähigkeit, die sogenannte „Ausländerproblematik“ als unsere eigene „deutsche Problematik“ des Umgangs mit Vorurteilen, Stereotypen und sozialen Problemlagen zu begreifen.[3]

„Ausländerpädagogik“ bekommt aus der Sicht der Politikdidaktik unterschiedliche Dimensionen, deren Kontext erkannt und unterrichtspraktisch umgesetzt werden muß:

- „Ausländerpädagogik“ konfrontiert mit den sozialen Bedürfnissen und den Akkulturationsproblemen ausländischer Schüler in der Schule, wobei das Kriterium „Ausländer“ nicht als staatsrechtliches, sondern als sozialpsychologisches Agens zu werten ist. In dieser Dimension wird der fundamentale Perspektivunterschied deutlich zwischen individualpsychologisch orientierter Pädagogik, die Probleme vor allem als individuell bedingt definiert und auf dieser Basis lösen will, und den sozial-kollektiv argumentierenden Politik- und Gesellschaftswissenschaften.[4]

- „Ausländerpädagogik“ ist aber gleichermaßen Bestandteil einer umfassenderen „interkulturellen Erziehung“, die sich an alle Schüler unabhängig von ihrer Herkunft wendet und den interkulturellen Kontakt selbst unterrichtlich thematisiert.

Der UNESCO-Club Hannover und der Verband der Politiklehrer veranstalteten in der Bismarckschule Hannover am 15. -16. März 1988 mit Gästen aus dem Kultusministerium, dem Verein zur pädagogischen Förderung ausländischer Kinder in Osnabrück, den beiden Lehrerverbänden und engagierten Lehrern aus der Schulpraxis unterschiedlicher Schulformen ein Symposium zum Thema Ausländerpädagogik, das im Zusammenhang mit den Perspektiven der UNESCO-Schularbeit recht interessante Ergebnisse erbrachte.[5] Es wurde – um hier die realen sozialen Voraussetzungen zugrunde zu legen – festgestellt, daß die Schulpolitik und die schulische Realität heute zwar als Zielsetzung akzeptieren, für Ausländerkinder eine integrationsorientierte Grundbildung bereitzustellen, daß aber die Teilhabe an weiterführenden Bildungsgängen, an denen Ausländerkinder immer noch deutlich unterrepräsentiert sind, explizit oder durch strukturelle Hürden behindert wird. Diese Benachteiligung wurde auch durch die Zahlen deutlich, die vom Niedersächsischen Kultusministerium vorlegt wurden. Zwar ist eine steigende Tendenz des Realschul- und Gymnasialbesuches festzustellen – die Gesamtzahl läßt eine Beschäftigung mit dieser Schülergruppe durchaus dringlich erscheinen! –, doch die Hürden sind noch hoch.

Es fällt dabei auf, daß Türken gegenüber anderen Ausländergruppen noch deutlich benachteiligt sind. Das hat vor allem zwei Ursachen:

  1. Das Verhalten der deutschen Gesellschaft gegenüber ihrer türkischen Minderheit ist stärker diskriminierend als gegenüber anderen Ausländergruppen; das oft zu beobachtende „Sich-Absondern“ türkischer Familien ist auch eine unmittelbare Reaktion auf das „Abgesondert – Werden“ durch die deutsche Mehrheit; dies beeinträchtigt in doppelter Weise die Teilhabe z.B. an den Bildungsangeboten des Schulwesens.

  2. Kinder aus Familien Asiens oder Afrikas, die bei uns politisches Asyl gefunden haben, stammen, im Gegensatz zur Mehrzahl der bei uns lebenden türkischen Familien, überwiegend aus den Oberschichten ihrer Heimatländer. Sie haben oft schon in ihrer alten Heimat trotz aller politischen Bedrohung und Repression das Selbstbewußtsein kultureller Eliten verinnerlicht und verfügen damit über die international schon recht nivellierten Symbole und Verhaltensweisen einer Bildungsschicht, durch die eine Integration in unser bürgerliches Gymnasium trotz aller Sprachanpassungsprobleme erheblich erleichtert wird.

Von der Häufigkeit ihres Auftretens wie von der Gewichtigkeit der Problemlage her konzentriert sich unser Thema daher schwerpunktmäßig auf folgende Aspekte:

  1. Wie kann die Anzahl türkischer Jugendlicher am Gymnasium erhöht werden, um unter anderem auch diese „Bildungsreserve“ auszuschöpfen und um dabei fruchtbare Ansätze kultureller Erziehung zu finden, die auch das Gymnasium selbst inhaltlich positiv verändern könnten?

  2. Wie ist der türkischen Minderheit ein gleicher Anteil an Bildungschancen, wie sie von deutschen Kindern selbstverständlich in Anspruch genommen werden, zu sichern?

  3. Wie können die innerschulischen strukturellen Barrieren überwunden werden, die sich vor allem im Vorhandensein typischer „Hürdenfächer“ am Gymnasium ausdrücken?

  4. Wie können Vorurteilshaltungen bei Lehrern wie bei Mitschülern abgebaut werden, und wie kann ein fruchtbarer interkultureller Austausch, als Bereicherung des Schullebens, in die Institution Gymnasium fest integriert werden?

  5. Ausländische Schüler am Gymnasium sollten nicht in erster Linie als Problem, sondern als Chance und Selbstverständlichkeit verstanden werden!

In einem späteren Abschnitt werden wir noch einmal auf konkrete Folgerungen aus diesen Problemstellungen für die Arbeit einer UNESCO-Schule eingehen, aber auch auf die Widerstände, die sich, sogar in einer UNESCO-Schule, gegen eine solche Betonung der Ausländerpädagogik aufbauen, wenn sie tatsächlich in die gewohnte Unterrichtsroutine eingreift oder das traditionelle Selbstverständnis der Schulform, in unserem Falle eines Gymnasiums, tangiert. Zunächst jedoch noch einige kurze Anmerkungen zur Praxis der UNESCO-Schularbeit.

3. Die Realisierung von UNESCO-Projekten

Den Anstoß zu konkreten UNESCO-Projekten sollten nach der Idee der UNESCO-Schulen die jährlichen Tagungen auf Bundesebene geben. Darüber hinaus bieten diese Treffen von Vertretern möglichst aller bundesdeutscher UNESCO-Schule die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und zur Weiterentwicklung des UNESCO-Gedankens. In den letzten Jahren wurde vor allem versucht, über die traditionellen Fachbezüge der politischen Bildung hinaus, die zunächst einmal vorrangiger Träger der UNESCO-Arbeit ist und war, andere, in ihrem Selbstverständnis nicht so ohne weiteres angesprochene Fachbereiche wie die künstlerischen und besonders die mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfelder enger in die UNESCO-Arbeit mit einzubeziehen, um den einheitlichen ganzheitlichen pädagogischen Anspruch stärker zu betonen.

Wie nimmt die einzelne Schule die Anstöße auf, die von der UNESCO-Schul-Organisation ausgehen? Feste Regeln existieren nicht. Projektveranstaltungen und Projekttage müssen von der Gesamtkonferenz beschlossen und strukturiert werden. Die inhaltliche Umsetzung fordert dann aber sicher delegierte Arbeit von einzelnen Kolleginnen und Kollegen in ihren Fachgruppen oder in Projektausschüssen. Besonders wichtig ist es, schon hier Schüler und Eltern in die inhaltliche Konzeption mit einzubeziehen, denn es ist eine verbreitete Erfahrung, daß es Schülern aus deren gesellschaftlichem Hintergrund heraus an unmittelbarer Affinität zur UNESCO-Arbeit oft mangelt. Das ist kein Widerspruch zum schülerorientierten Anspruch der UNESCO-Arbeit, sondern nur Zeichen für die Bedeutung des Erziehungszieles „interkulturelles Lernen“; wenn dies bei Schülerinnen und Schülern ohnehin selbstverständliches Verhalten und positive Einstellung wäre, würde eine aktive UNESCO-Schul-Arbeit „offene Türen einrennen“ und eher eine attraktive „Verzierung“ eines ohnehin in internationalen und interkulturellen Perspektiven sich ausdrückenden Unterrichtsalltages sein. Daß dem so nicht ist, dürfte jedem Kenner der innerschulischen Situation und jedem, der sich mit Haltungen und Vorurteilen Jugendlicher in den letzten Jahren beschäftigt hat, klar sein.

Häufigster aktueller Konfliktpunkt mit Schülern ist die Planung von Projektveranstaltungen mit UNESCO-Zielsetzungen, denen von Schülerseite her die Forderung nach einer thematisch „freien“ Projektarbeit entgegengehalten wird. Hier liegt oft ein Mißverständnis über den Stellenwert von Projekttagen und Projektwochen im Schulalltag zugrunde, das auch von Lehrerseite häufig durch unernste Haltung gegenüber jeglicher Projektarbeit gefördert wird: Projektwochen wären bestenfalls geruhsame Zusätze zum eigentlich wichtigen Schulalltag und Fachunterricht. Dem ist aber entgegenzuhalten: Projektveranstaltungen sind kein „außerschulischer“ Zeitraum in der Schule, sondern pädagogisch von der Schule zu verantwortende Veranstaltung von mindestens gleichem Rang wie der „normale“ Unterricht. Ein Herangehen an Projekte in der üblichen Konsumhaltung – „jetzt bietet uns die Schule einmal Spaß und Spiel an, und wir machen, was wir wollen (vielleicht auch gar nichts)“ – ist unvertretbar. Auch „freie Handlungsformen“ müssen pädagogisch reflektiert werden und den Zielen der Schule auch im Sinne des sozialen Lernens oder der Selbsterfahrung dienen. Daher kann und soll die Schule auch über die regelmäßige thematische Bindung von Projektzeiträumen nachdenken und diese Bindung den Schülern verständlich machen. Für UNESCO-Schulen sind Projektthemen aus den jeweiligen Schwerpunktthemen der UNESCO-Schul-Organisation, die ja international ausgeschrieben werden, vorrangige Arbeitsmöglichkeiten, die Schüleraktivitäten breiten Raum lassen.

Die Vorbereitung und Durchführung von Projektveranstaltungen detaillierter zu schildern, ist hier nicht der Ort. Die Autoren beabsichtigen, dieses Thema an anderer Stelle noch einmal schwerpunktmäßig zu bearbeiten und zu publizieren. So sollen an dieser Stelle nur die wichtigsten Kriterien genannt werden, die eine pädagogisch und inhaltlich erfolgreiche Projektveranstaltung einer UNESCO-Schule auszeichnen:

  1. Projektveranstaltungen werden fächerübergreifend von den Gremien der Schule vorbereitet und strukturiert; Sinn und Gehalt des gewählten Rahmenthemas sind schon hier zu reflektieren; eventuell ist vorbereitendes schriftliches Informationsmaterial bereitzustellen bzw. ein Einführungsreferat eines externen Referenten in der Konferenz zu hören.

  2. Lehrer, Eltern und Schüler sind an der inhaltlichen wie organisatorischen Vorbereitung der Projektveranstaltung zu beteiligen; neben der Beteiligung der formalen Gremien sind freie, informelle Mitwirkungsmöglichkeiten zu eröffnen.

  3. Das Veranstaltungsprogramm soll nicht nach Fächern strukturiert werden; dagegen steht eine problem-, aufgaben- und tätigkeitsbezogene Programmgestalt.

  4. Projektarbeit bedeutet ergebnisorientiertes Arbeiten. Nicht der Nachvollzug vorgedachter und vorerprobter Lernprogramme mit planerisch definierten Freiheitsspielräumen ist für die Projektarbeit typisch, sie erhält ihren pädagogischen Wert dadurch, daß die Überlegung, auf welchem Wege eine Aufgabe zu lösen ist, im Mittelpunkt der Arbeit steht [was auch das Risiko des Scheiterns beinhaltet].

  5. Ergebnisorientiertes Arbeiten bedeutet auch, daß von Anfang an die Ergebnissicherung und Ergebnisvermittlung mit bedacht werden muß. Hier können materielle Produkte (Kunstgegenstände, Plakate, Gerätschaften), Ausstellungen und Berichthefte (Publikationen) erstellt werden. Dies geschieht zunächst schulintern; aus der Multiplikatorenfunktion der UNESCO-Arbeit heraus sollte aber auch eine breitere Öffentlichkeit z.B. durch Einbeziehung der lokalen Medien (Zeitung, Funk) informiert werden.

  6. Der letzte Schritt in der UNESCO-Arbeit ist dann die Gesamtdokumentation der Arbeiten zum gewählten UNESCO-Thema, was eine kritische Reflexion der gewählten Veranstaltungsform wie der erzielten Ergebnisse mit einschließt. Diese Dokumentation dient dem Erfahrungsaustausch mit anderen UNESCO-Schulen ebenso wie schließlich einer möglichen Wirkung auf schul- und bildungspolitische Veränderungen und Entscheidungen.

Projektorientiertes Arbeiten, erfahrungsorientierte Pädagogik, handlungszentriertes Lernen, interkulturelle Erfahrungsmöglichkeiten sind pädagogische Paradigmen der UNESCO-Schularbeit. Schule wird hier als öffentlicher Handlungsraum verstanden, der sich in seinen Arbeitsformen, Zielen und Ergebnissen öffentlich zu verantworten hat und so auch öffentlich wirksam werden kann. Die Schule ist angesichts der bedrückenden Problemlagen der heutigen politischen Kultur stärker als bisher wieder in die Gesellschaft zu integrieren; das Konzept einer gesellschafts- und politikfreien Schule halten wir nicht nur für gescheitert, sondern den pädagogischen Zielen einer heutigen, weltoffenen Schule geradezu entgegengesetzt.

Die Anzahl der UNESCO-Schulen ist begrenzt und wird begrenzt bleiben. Um so stärker wird dadurch die Aufgabe sichtbar, exemplarisch zu wirken. Dafür gibt es, in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche, Vorteile, die eine UNESCO-Schule nutzen kann und nutzen sollte. In erster Linie können zusätzliche Stundenkontingente für die UNESCO-Schularbeit abgerufen werden. Darüber hinaus sind experimentelle Projektveranstaltungen, Studienfahrten und Schulpartnerschaften für eine UNESCO-Schule leichter zu begründen und damit häufiger genehmigungsfähig. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, als UNESCO-Schule zusätzliche Informationen und Kommunikationsbeziehungen zu nutzen und eigene Erfahrungen z.B. bei Entscheidungen im Kultusministerium mit einzubringen. Die Bismarckschule Hannover hat, um nur ein Beispiel zu nennen, ihre Türkei-Beziehungen in eine entsprechenden Türkei-Arbeitsgruppe beim niedersächsischen Kultusministerium einbringen können.

Doch immer wieder stoßen sich weiterreichende UNESCO-Projekte mit den gegebenen organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen einer staatlichen Schule mit ihrem Dienststellencharakter. Das betrifft Veranstaltungen, die in die Ferienzeit hineinreichen oder die in Zusammenarbeit mit anderen Trägern interkulturellen Lernens außerhalb des Schulgebäudes, z.B. in städtischen Freizeitheimen, stattfinden sollen, ebenso wie Vorhaben, die über den offiziellen Schuletat hinaus eine eigene finanzielle Abrechnung erforderlich machen. Die Organisation der UNESCO-Schulen in Deutschland schlug deshalb nach positiven Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen vor, von der Schule unabhängige Träger der UNESCO-Arbeit als eingetragene gemeinnützige Vereine zu gründen, die im Sinne der schulischen Zielsetzungen, kontrolliert von den jeweiligen Schulen, aber in eigener vereinsrechtlicher Verantwortung, die Arbeitsmöglichkeiten einer UNESCO-Schule erweitern. Auch an der hier immer wieder als Beispiel herangezogenen Bismarckschule Hannover wurde ein solcher Verein gegründet.

Am 29. Oktober 1986 fand in der Bismarckschule Hannover die Gründungsversammlung des UNESCO-Clubs statt. Heute zählt der UNESCO-Club 58 Mitglieder, von denen 25 Schüler und 10 Lehrer der Bismarckschule sind. Die übrigen 23 Mitglieder sind entweder ehemalige Bismarckschüler oder fühlen sich auf irgendeine Weise mit der Schule und/oder dem Club verbunden. Neben diesen offiziellen Mitgliedern gibt es noch ca. 50 Personen, die, ohne Mitglied zu sein, dem Club sehr nahe stehen, sich für seine Arbeit interessieren und an der einen oder anderen Veranstaltung teilnehmen.[6]

Der Club ist in das Vereinsregister des Amtsgerichts unter der Nummer 5575 eingetragen. Der Verein dient ausschließlich und unmittelbar gemeinnützigen Zwecken im Sinne des Abschnitts „Steuerbegünstigte Zwecke“ der Abgabenordnung. Der UNESCO-Club ist selbstlos tätig; er verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke. Laut vorläufiger Bescheinigung des Finanzamtes Hannover-Nord vom 09.02.88 dient die Körperschaft UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., nach der eingereichten Satzung ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigten gemeinnützigen Zwecken im Sinne der §§ 51 ff. Abgabenordnung.[7]

Wir haben hier diese vollständige „bürokratische“ Darstellung der Gründung des UNESCO-Clubs gewählt, um zum einen zu zeigen, daß eine solche Gründung durchaus einen eigenen neuen Rechtszustand begründet, mit dem die Schule erst umzugehen lernen muß, daß aber zum andern einiges an bürokratischem Schriftwechsel, an Notarbesuchen und an rechtlicher Akribie notwendig ist, um eine solche neue Organisation in Gang zu bringen.

Doch zeigen die bisherigen Erfahrungen, wie wichtig und richtig es war, diesen Club zu gründen, vor allem in Phasen, in denen aus verschiedenen Anlässen die UNESCO-Arbeit in der Schule in die Krise geriet und vor allem bei den Schülern sehr umstritten war – einige Gründe haben wir ja schon weiter oben angedeutet. Vor allem die aktive Einbeziehung ehemaliger Schüler ist hier ein kaum zu unterschätzender Aktivposten, der sich derzeit sogar darin äußert, daß alle drei Vorstandsmitglieder ehemalige Schüler sind. Ein Auszug aus dem Rechenschaftsbericht des UNESCO-Clubs der Bismarckschule Hannover zeigt die Spannweite der Vereinsaktivitäten:

  • „Die drei Hauptziele des UNESCO-Clubs als Organ der Intentionen und Aktivitäten der Bismarckschule Hannover im Bereich der internationalen Kontakte sind:

  • Fortführung der Schulpartnerschaften zu Polen, Finnland und der Türkei;

  • Verknüpfung dieser Kontakte, um letztlich einen multilateralen Meinungs- und Informationsaustausch zumindest in Ansätzen erreichen zu können;

  • Umsetzung der Erfahrungen im Schüleraustausch und in den Schulpartnerschaften in innerschulische Aktionen und unterrichtliche Schwerpunkte;

  • Wir halten im Vorfeld der Umsetzung der genannten Ziele folgende Voraussetzungen innerhalb der Schule für notwendig und bitten um Unterstützung, sie zu verwirklichen;

  • Information der Gesamtkonferenz über die UNESCO-Aktivitäten;

  • stärkere Einbeziehung und Information der Elternschaft;

  • Beschlußfassung über ein längerfristiges Programm;

  • bessere materielle Ausstattung bei Veranstaltungen;

  • mehr Aktivität der Kollegen bei der Unterstützung dieser Arbeit!

Schwerpunktveranstaltungen im Berichtszeitraum 1987 bis 1989:

Osterferien 1987: Studienreise nach Polen: Posen, Danzig, Warschau, Krakau; politische Gespräche, Besichtigungen, zeitgeschichtliche Informationen; im Zusammenhang mit dem Besuch einer polnischen Schülergruppe in der Bismarckschule ein Berichtabend über die Polenkontakte und Herausgabe eines Reiseberichtes in der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs.

Sommerferien 1987: Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel; anschließend Berichtabend in der Schule und Herausgabe eines umfangreichen Reiseberichtes in der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs.

Die Herausgabe eines Reiseberichtes einer schulischen Studienfahrt nach Ungarn im Herbst 1987 wird ebenfalls vom UNESCO-Club übernommen.

Herbst/Winter 1988: Beginn der Arbeit der neuen TÜRKEI-AG.

Januar 1989: Finnlandreise; anschließend Berichtabend mit finnischem Imbiß

Im Mai 1989 findet aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens in Hannover die Deutsch-Polnische Woche 1989 der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. statt, der sich die intensiven Polenkontakte der Bismarckschule Hannover eng verbunden wissen. Auch personell besteht eine Verflechtung zwischen Bismarckschule Hannover, Deutsch-Polnischer Gesellschaft und UNESCO-Club, die positive Anregungen für diesen Teil der UNESCO-Aktivitäten gewährt. Daher ist es selbstverständlich, daß sich die Bismarckschule Hannover auch an den Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen Woche aktiv beteiligt und daß der UNESCO-Club ein Informations- und Ratgeberheft für Schulpartnerschaften mit Polen und für Polenreisen mit Schülern herausgeben wird.

Im Juni 1989 betreut die Bismarckschule Hannover mit Unterstützung des UNESCO-Clubs drei Gruppen ausländischer Schüler, die jeweils für zehn Tage im Rahmen bestehender Schulpartnerschaften nach Hannover gekommen sind und neben einem umfangreichen Reise- und Informationsprogramm in Hannover und Umgebung die Schule kennenlernen, zeitweilig am Unterricht teilnehmen und vor allem im Rahmen der privaten Unterbringung Kontakt zu unseren Bismarckschülern und ‑schülerinnen knüpfen konnten.

Schließlich plant die Türkei-AG der Bismarckschule Hannover und des UNESCO-Clubs für den Herbst 1989 eine Studienreise in die Türkei, in deren Mittelpunkt ein Besuch bei der türkischen Partnerschule, der Istanbul Lisesi, stehen wird. Dies institutionalisiert einen Kontakt, der seit 1984 besteht, 1985 von unserer Seite zu einem ersten Besuch der Türkei führte, mit der Orientreise 1987 und mehreren privaten Kontakten fortgeführt wurde und im Juni, wie schon erwähnt, einer türkischen Schülergruppe den Besuch in der Bismarckschule Hannover ermöglichte.

In einem Rechenschaftsbericht über Clubaktivitäten ist jedoch auch der Rahmen, in dem diese Veranstaltungen stattfinden können, genauer zu kennzeichnen: „Der UNESCO-Club der Bismarckschule ist ein selbständig rechtsfähiger Verein und verfügt demgemäß über eine eigene Satzung, in der die Ziele der Arbeit des Clubs festgelegt sind. Danach fördert und initiiert der UNESCO-Club pädagogische Veranstaltungen, die den völkerverbindenden und friedenserhaltenden Zielen der UNESCO und der Organisation der UNESCO-Schulen in Deutschland, insbesondere der Bismarckschule Hannover dienen.

Der UNESCO-Club ist nicht dafür gegründet worden, damit er für die Bismarckschule die UNESCO-Arbeit übernimmt und sie sich UNESCO-Schule nennen darf. Der UNESCO-Club ist ein selbständiger Verein, der von dem oben beschriebenen UNESCO-Gedanken bestimmt wird. Da der Club ein Teil der Bismarckschule ist und bleiben will, wird er versuchen, den UNESCO-Gedanken in die Schule zu tragen, um Interesse bei den jungen Schülern zu wecken. Der Club wird alle diejenigen Lehrer der Bismarckschule, für die die Arbeit der UNESCO wichtig ist und sie deshalb in ihren Unterricht einfließen lassen wollen, tatkräftig unterstützen.

Der UNESCO-Club ist kein Aushängeschild der Bismarckschule. Er wird sich dafür einsetzen, daß im Sinne der UNESCO etwas bewegt wird. Die Unterstützung von völkerverbindenden Maßnahmen und die damit einhergehende Friedenssicherung sind dem Club sehr wichtig, und er wird bei seiner Arbeit versuchen, dieses Bewußtsein gerade bei den Schülern zu wecken. Gerade in der heutigen Zeit müssen bei jungen Menschen Interessen geweckt werden, die über das bloße Konsumdenken hinaus gehen.“[8]

4. Schwierigkeiten und Hindernisse der UNESCO-Arbeit

Solange UNESCO-Arbeit als abstraktes Konzept vorgetragen wird, solange die Ziele von Ausländerpädagogik und interkulturellem Lernen ganz allgemein vertreten werden, ist die Akzeptanz in den Schulen wie in der Öffentlichkeit groß, wenn man einmal von bedauerlichen negativen Besetzungen jeder positiven internationalen Arbeit am rechten Rand des politischen Spektrums der Bundesrepublik in der letzten Zeit absieht, wo jeder interkulturelle Anspruch als angeblicher Vorläufer einer „multikulturellen Gesellschaft“ (die ja in der BRD tatsächlich schon seit langem existiert) abgelehnt und verteufelt wird. Doch sind diese Stimmungen (noch?) nicht mehrheitsfähig, und die UNESCO-Schul-Arbeit steht dafür, innerhalb der Pädagogik, der Schulpolitik und der politischen Bildung dafür zu sorgen, daß diese verderblichen politischen Tendenzen niemals mehrheitsfähig werden können.

Die Widerstände gegen die UNESCO-Arbeit entstehen somit nicht in erster Linie in der allgemeinen politischen Öffentlichkeit, sondern sie entzünden sich an konkreten Projekten und Arbeitsvorhaben zunächst einmal in den Schulen selbst, um dann ggf. in Teilen der Öffentlichkeit aufgegriffen und politisch benutzt zu werden.

In unserem Kontext erscheint es uns wichtig, einige Haupteinwände gegen konkrete UNESCO-Schul-Projekte anzuführen und zur Diskussion zu stellen, da es nicht genügt, schlicht zu behaupten, daß diese Einwände vor dem Hintergrund der allgemeinen positiven Ziele der UNESCO-Arbeit irrelevant wären, sondern daß die realen, oft durchaus nachvollziehbaren Motive der Ablehnung und Kritik ernst genommen und in der UNESCO-Arbeit selbst thematisiert werden sollten.

Die umfassendste Form von Widerständen gegen die UNESCO-Arbeit ist als Auswirkung aktueller internationaler Spannungen zu beobachten, die als Ursachen nicht schulintern beseitigt, sondern bestenfalls in ihren Auswirkungen berücksichtigt und aufgearbeitet werden können. In den letzten Jahren schlug sich die internationale Auseinandersetzung um die Schwerpunktprogramme und die Führung der UNESCO selbst, die zum Austritt der Vereinigten Staaten und Großbritanniens aus dieser Sonderorganisation der Vereinten Nationen führten, auch zu einer spürbaren Belastung der basisnäheren UNESCO-Aktivitäten. Da sich die Bundesrepublik der Absonderungspolitik ihrer Verbündeten nicht anschloß und durch den zwischenzeitlichen Wechsel an der Spitze der UNESCO der Konflikt einiges von seiner aktuellen Brisanz verloren hat, kann dieser Bereich potentieller Widerstände gegen UNESCO-Schul-Projekte heute wohl vernachlässigt werden. Nicht vernachlässigt werden darf jedoch die politische Auseinandersetzung um Zulässigkeit und Opportunität politischer Kontakte – und als solche werden auch persönlich begründete UNESCO-Schulpartnerschaften in der Öffentlichkeit definiert – zu konkreten „Kontakt- oder Partnerländern“, deren innenpolitische Situation nicht den politischen Maßstäben oder demokratischen Idealen der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Die Berührungsängste oder Einwirkungshoffnungen sind dabei in hohem Maße parteipolitisch besetzt und daher für die öffentliche politische Auseinandersetzung hervorragend geeignet, was für eine Schule, deren Bildungsauftrag Distanz zu parteipolitischen Stellungnahmen verlangt, erhebliche Behinderungen der konkreten UNESCO-Arbeit bedeuten kann.

Das wird leicht verständlich, wenn einige solche konkreten Fälle benannt werden: positiv fördernde UNESCO-Kontakte zu Nicaragua treffen sehr schnell auf die Ausgrenzungs- und Destabilisierungspolitik gegen die Sandinistas, der sich die USA verschrieben haben und die in konservativen Kreisen der BRD durchaus als sinnvolle politische Strategie verstanden wird. Auch humanitäre Hilfsmaßnahmen und Basiskontakte zu Schulen laufen dieser Abgrenzungspolitik zuwider. Hier muß schulintern und in der lokalen Öffentlichkeit deutlich gemacht werden, daß UNESCO-Arbeit nicht „Anerkennung“ politischer Herrschaftsverhältnisse heißt (die einer Schule naturgemäß nicht zusteht), sondern das Beharren auf dem Menschenrecht auf Bildung, Kultur und Kommunikation für die jeweiligen Bevölkerungen, auch wenn staatliche Rahmenbedingungen bis zu dem Grade hingenommen werden müssen, wie es die Herstellung und Institutionalisierung von Basiskontakten erforderlich macht.

Mit umgekehrten politischen Vorzeichen gilt das in gleicher Weise für zwei Kontakte, die die Bismarckschule Hannover pflegt, nämlich die Schulpartnerschaft zu Schulen in der Türkei und die im Aufbau befindliche Schulpatenschaft zu einer Farmschule in Namibia. In beiden Fällen lassen sich durchaus kritische Einschätzungen der politisch-gesellschaftlichen Situation in den Kontaktländern vermitteln, die bei der Einleitung und Institutionalisierung dieser Kontakte im Bewußtsein gehalten werden müssen. Doch auch in diesen Fällen läßt sich die UNESCO-Arbeit von der Überzeugung leiten, daß das genannte Menschenrecht auf Bildung, Kultur und Kommunikation durch internationale Kontakte zwischen den Menschen, zwischen den Schulen nur gefördert werden kann und daß eine Förderung und Unterstützung der Menschenrechte, auch wenn die Schule nicht auf der eigentlich politisch-staatlichen Ebene wirksam werden kann, immer auf längere Sicht positive Auswirkungen auch auf die politisch-staatlichen Rahmenbedingungen haben kann.

Widerstände auf dieser Ebene ergeben sich mit noch viel brisanterer persönlicher Emotionalisierung bei – geschichtlich, politisch und geographisch – „näher“ liegenden Kontakten zum mitteleuropäischen Nachbarland Polen, zu dem die Bismarckschule Hannover ihren wichtigsten und intensivst gepflegten Kontakt hergestellt und institutionalisiert hat. Wie stark hier Einwände auf der einen Seite durch die bundesdeutschen „Vertriebenenorganisationen“ zu berücksichtigen waren und wie stark auch auf der anderen Seite die „Abgrenzugspolitiker“ in Polen offizielle Kontakte zwischen Schulen und Schülern behinderten, soll andeutungsweise in einem folgenden Kapitel noch angesprochen werden. Die Partnerschaft zum V. Liceum in Pozna (Posen) ist dann doch eine der ersten offiziell beschlossenen und auf Dauer angelegten Schulpartnerschaften zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik Deutschland geworden, eingebettet in die Städtepartnerschaft zwischen den beiden Messestädten Posen und Hannover. Doch die persönlichen Sperren und Widerstände sind damit, wie bei jedem heutigen Polenkontakt, nicht endgültig ausgeräumt, da zu viele sehr persönliche belastende Lebenserfahrungen die Einstellungen prägen und zum Teil unveränderlich gemacht haben. Es ist daher Aufgabe einer positiv und auch innergesellschaftlich wirkend verstandenen UNESCO-Arbeit, bei aller Sensibilität gegenüber den persönlichen Schicksalen auf beiden Seiten in der heutigen Situation verhindern zu helfen, daß das empfindliche mitteleuropäische Gleichgewicht durch parteipolitisches Kalkül und eine unreflektierte Politik aus den tagespolitischen Stimmungen heraus gestört werden könnte. Je dichter das Netz der menschlichen Kontakte und Begegnungen, der Partnerschaften und Besuche wird, zu denen UNESCO-Schul-Arbeit ihren Beitrag leistet, desto stabiler gegenüber tagespolitischen Irritationen wird auch das Verhältnis zwischen den Völkern in Mitteleuropa.

Die gravierendsten Widerstände gegen die forcierten UNESCO-Aktivitäten einer Schule liegen jedoch in der Schule selbst und sind vor allem durch folgende Stichpunkte zu umreißen, die anschließend noch diskutiert werden sollen:

  1. UNESCO-Arbeit ist ein Lernbereich und keine autonome Schüleraktivität

  2. Projektarbeit verlangt ungewöhnliche Qualifikationen

  3. UNESCO-Arbeit geht über den Unterrichtsvollzug hinaus

  4. UNESCO-Arbeit ist arbeitsaufwendig

  5. Einzelne Projekte sind meist an bestimmte Personen gebunden

  6. UNESCO-Arbeit verlangt Einstellungs- und Verhaltensänderungen

  7. UNESCO-Arbeit berührt das institutionelle Selbstverständnis

  8. interkulturelles Lernen fordert Distanz und Konfliktfähigkeit.

Auseinandersetzungen um die UNESCO-Arbeit können daher an jeder Stelle der Institution Schule auftreten, sowohl gegenüber Schulleitung und Aufsichtsbehörde, Eltern- und Schülervertretungen, als auch in der Schülerschaft und im Lehrerkollegium selbst, wobei die oft persönlich gefärbten Konflikte zwischen kontroversen Gruppen in der Lehrerschaft die quälendsten und am schwersten zu überwindenden Hindernisse einer erfolgreichen UNESCO-Arbeit sind.

Zum ersten angesprochenen Punkt, daß UNESCO-Aktivitäten ein Lernbereich und keine autonome Schüleraktivität sind, wurde schon weiter oben einiges gesagt. Dieser Umstand hat einige gravierende Folgen, was die spontane Motivation und Beteiligung an UNESCO-Projekten betrifft, die genauso sorgfältig von Schul- und Lehrerseite her geplant und eingeführt werden müssen wie sonstige Unterrichtsveranstaltungen, mit dem Unterschied, daß das „vereinfachte Verfahren“ des Zensierungsdruckes hier wegfällt und Einsicht und Verständnis beim Schüler angesprochen werden müssen. Hauptsächliche Argumente von Schülern gegen dominierende UNESCO-Schul-Aktivitäten sind z.B.: „Wir haben ohnehin schon genug zu tun und wollen nicht noch mehr Zeit für die Schule opfern“, „Zunächst einmal sollte die Schule sich mit ihren eigenen Problemen und Defiziten beschäftigen, ehe sie übertriebene weltweite Projekte betreibt, die nur zu Lasten eines vernünftigen Unterrichtes gehen“ und „Was nützt mir die ganze UNESCO-Arbeit, wenn ich meine Leistungen in den Hauptfächern nicht verbessere“. Diese Argumente haben aus der subjektiven Sicht heraus durchaus einige Berechtigung und müssen ernst genommen werden. Wichtig ist es dann, den engen inneren Zusammenhang zwischen den Lernmöglichkeiten in der UNESCO-Arbeit und den Bildungszielen der Schule herauszustellen, die bis hin in die individuelle Leistungsqualifikation in einer Wechselbeziehung stehen, von der die Schüler selbst auch in Hinblick auf die spätere Berufseignung nur profitieren können. Das wird nicht leicht sein, wie die gleicherweise argumentierende politische Bildung seit langem immer wieder erfahren hat: soziale Qualifikationen gelten in unserer Gesellschaft noch allzu wenig, so wichtig sie für den Fortbestand unserer demokratischen Gesellschaftsform auch sind.

Der zweite Punkt, neue Qualifikationen für die Vorbereitung und Durchführung von Projekten oder allgemeiner für die Einführung der Projektarbeit, Voraussetzung einer aktiven UNESCO-Arbeit, ruft zwar zunächst einen gewichtigen Einwand hervor, der auch Ängste in der Lehrerschaft auslösen kann; doch auf längere Sicht hin profitiert Schule von dieser zusätzlichen pädagogischen Qualifikation so ungemein viel, daß die Mühe des Qualifikationserwerbs, das Risiko des anfänglichen Scheiterns und die Langwierigkeit des Experimentierens mit dem neuen methodischen Instrumentarium des Lernens durch Projekte dadurch aufgewogen wird. Einer Mehrzahl von Kollegen wird dieses Argument wohl plausibel gemacht werden können; hilft es doch der besseren und vielseitigeren Planung und Durchführung auch des eigenen Unterrichtes. Wenn auch in der wissenschaftlichen Pädagogik schon lange gute und anwendbare Arbeiten und Unterrichtsversuche zur Projektarbeit greifbar sind, so sind diese doch noch längst nicht in ausreichendem Maße in der Schule rezipiert worden. Das spricht für eine verbesserte, vielleicht sogar institutionalisierte Rückkoppelung von Forschung und Praxis, auch wenn von Seiten der Schulverwaltung diesbezügliche Versuche und Einrichtungen beendet, behindert oder aufgelöst worden sind. Die Universität Oldenburg hat damit ja leidvolle Erfahrungen machen können. So bleibt sicher vieles dabei der persönlichen Initiative überlassen – und der Hoffnung auf vielleicht zukünftig veränderte politische Rahmenbedingungen. In Niedersachsen sollte die Lehrerfortbildung des „NLI“ verstärkt methodische Themen aus dem Feld Projektarbeit und handlungsorientiertes Lernen anbieten, ebenso wie hier eine Institution vorhanden ist, die bei entsprechendem politischen Willen interkulturelles Lernen, Ausländerpädagogik und UNESCO-Arbeit zu einem selbst vorangetriebenen Arbeitsschwerpunkt machen könnte.

UNESCO-Arbeit verlangt persönlichen Einsatz über den üblichen Unterrichtsvollzug hinaus. Hier können die grundlegend verschiedenen Einstellungen zum Lehrerberuf in der Lehrerschaft selbst zu unlösbaren Konflikten führen. Der „Idealismus“-Vorwurf (was ist an diesem „Vorwurf“ eigentlich so negativ?) ist nur die freundlichste Reaktion auf die Zumutung, den eigenen Unterricht einzubinden in unterrichtsübergreifende Zusammenhänge, von den Fachlernzielen überzuleiten auf allgemeine Aufgaben- und Zielbestimmungen für die Schule. Wer die Aufgaben des Lehrers gleichsetzt mit der Vermittlung von Fachqualifikationen im jeweils eigenen wissenschaftlichen Fach, wird für UNESCO-Arbeit schwerlich zu interessieren sein. Hier müßte eine öffentliche Diskussion über das Berufsbild des Lehrers einsetzen. Ein erster Ansatz wäre vielleicht durch einen Konsens darüber zu schaffen, daß mitbürgerliches Leben und Berufstätigkeit in der Öffentlichkeit, d.h. auch: im öffentlichen Dienst, ganz allgemeine Pflichten beinhaltet, zu denen auch gesellschaftliche Verantwortung, Verantwortung für die politischen und interkulturellen Probleme unserer Existenz gehören. Erst recht gilt das für Lehrer, die mit Jugendlichen und Kindern in ihrer prägsamsten Altersstufe zu tun haben! Doch wäre viel allgemeiner zu überlegen, ob das Berufsverständnis und die „Arbeitsplatzbeschreibung“ des Lehrers nicht grundsätzlich verändert und von dem Bild des Fachwissenvermittlers abgelöst werden müßte, ohne dabei in eine romantische, vorrationale „Gesamtpädagogik“ zurückzufallen. Die sehr konkreten Paradigmen der fächerübergreifenden interkulturellen Lernziele können dabei ebenso eine Hilfe sein wie die Methodik des Projektlernens.

Die daraus erwachsende Arbeitsbelastung des Lehrers macht die virulente Frage nach den Arbeitszeiten und der anstehenden Arbeitszeitverkürzung nur noch dringlicher. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann forcierte UNESCO-Arbeit durchaus mit gewerkschaftlichen Strategien zur Durchsetzung notwendiger Arbeitszeitverkürzungen kollidieren. Behutsames aufeinander Eingehen ist in einem solchen Falle notwendig, da die Motive und die politische Bewertung der UNESCO-Arbeit, des interkulturellen Lernens und der Ausländerpädagogik nicht nur nicht im Widerspruch zu gewerkschaftlichen Zielen und Traditionen stehen, sondern im Gegenteil als ureigenster Bestandteil gewerkschaftlicher Solidarität und gewerkschaftlichen Selbstverständnisses gelten können. Neben dem Bewußtsein dieser Interessenidentität ist aber auch von den Lehrerverbänden und Gewerkschaften zu verlangen, ihre Handlungsperspektiven nicht so auf die aktuellen Kampfziele zu verengen, daß dadurch den inhaltlichen Perspektiven die Luft genommen wird. „Schlechte Schule“ als Druckmittel gegenüber dem öffentlichen Arbeitgeber kann doch wohl als Kampfstrategie nicht nur nicht hinreichend sein, sondern ist wohl eine Perversion des kulturellen Anspruches der Gewerkschaftsbewegung, die eine bessere Gesellschaft will. Diese Argumente sind in der Auseinandersetzung mit gewerkschaftlichen und personalrätlichen Einwänden zu betonen in der Absicht, Grundlagen für gegenseitiges Verständnis und Gemeinsamkeit in der Zielsetzung einer Veränderung von Schule herzustellen. In diesem Sinne kann das Argument, UNESCO-Arbeit ist unbezahlte Mehrarbeit, nicht akzeptiert werden (abgesehen davon, daß in der Schule im konkreten Falle Entlastungen gewährt werden können), da hier nicht nur im engeren Sinne berufliche Pflicht sondern auch Verpflichtung zum politischen Handeln eine Rolle spielt.

Jede Aktivität, das zeigt die Erfahrung, ist als Initiative oder als kontinuierliche Programmgestalt an das individuelle Engagement gebunden. Daß öffentliche Aktivitäten, wie sie UNESCO-Schul-Aktivitäten nun einmal sind, sich in der Öffentlichkeit auch mit bestimmten Personen verbinden, ist selbstverständlich und unvermeidlich. Daß sich die Öffentlichkeit, wie sie sich in den Medien nun einmal repräsentiert, auf der anderen Seite sehr wenig für die, als selbstverständlich vorausgesetzte „Normalität“ von Schule und Unterricht interessiert, ist notwendigerweise hinzunehmen, auch wenn sich Kollegen, die [wie sie glauben] einen besonders guten und engagierten „normalen“ Unterricht geben und sich dafür vielleicht sogar bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit einsetzen, von der Öffentlichkeit nicht besonders wahrgenommen werden, sondern „nur“ zum guten Ruf einer Schule allgemein beitragen. Hier können böse persönliche Rivalitäten und Gehässigkeiten entstehen, deren Ursache jedoch, bei der Beibehaltung der geschilderten Rollenverteilung in der UNESCO-Arbeit, nicht zu beheben ist. Hier müssen Anerkennung und Gratifikation im Kollegium selbst, im Kontakt mit den Schülern und Eltern gewährt werden, wobei auch die Schulleitung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen kann. Doch im Sinne einer „neuen Bescheidenheit“ zu verlangen, sinnvolle und wertvolle Aktivitäten zu unterlassen, weil sie einzelnen Kollegen größere öffentliche Resonanz und Wirkungsmöglichkeit eröffnen, bedeutet letztlich: Verzicht auf jede positive Veränderung, jeden Fortschritt und Verzicht auf Schule als öffentlich zu verantwortende Institution.

Die Forderung nach Verhaltens- und Einstellungsänderungen trifft immer auf Widerstände. Doch ist dies ein allgemein politisches und pädagogisches Problem, mit dem sich die Lehrerschaft nur allzu selten konfrontiert gesehen hat. Die Ziele dieser Einstellungsänderungen sind von uns an anderer Stelle erörtert worden und werden im Zusammenhang mit den Anmerkungen zu den konkreten Kontakten mit Polen und der Türkei noch beispielhaft erläutert.

Ähnlich ist es mit dem Selbstverständnis der Schule und der Pädagogik, das durch die UNESCO-Arbeit berührt werden kann. Vor allem die individualistische Perspektive der Gymnasialpädagogik wird von den Ansätzen des gesellschaftlichen, interkulturellen Lernens und einer erneuerten, gesellschaftspolitisch verantworteten Ausländerpädagogik berührt. Hier soll eine Zusammenstellung von Thesen und Fragestellungen zitiert werden, die diesen Zusammenhang verdeutlicht. Diskutiert wurden diese Thesen auf einem Symposium, das der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., am 15./16.3.1988 in der Bismarckschule Hannover zum Thema „Probleme der weiterführenden Allgemeinbildung für Ausländer“ veranstaltet hat.

„Das Gymnasium hat sich um Ausländerprobleme bislang wenig gekümmert, weil es zahlenmäßig weniger als andere Schulformen betroffen ist und es bislang vor allem mit ausländischen Schülern aus den jeweiligen Mittel- und Oberschichten zu tun hatte.

§        Schulerfolg und gesellschaftliche Integration sind nicht identisch. Auch das Gymnasium hat die erzieherische Aufgabe, sich über die Lerninhalte hinaus um die Probleme des sozialen Lernens und der persönlichen Sozialentwicklung der Schüler zu kümmern.

§        Das Gymnasium tendiert dazu, Problemlagen zu individualisieren und ihrer gesellschaftlichen Dimension zu berauben. Das führt zu Problemlösungswegen allein auf individueller Ebene, wenn eigentlich das soziale Umfeld zu betrachten wäre.

§        Negative Folge der Individualisierung von Problemlagen ist, daß „unlösbare“ Probleme mit Mitteln der Leistungsbewertung zur Klassifizierung in „geeignete“ und „ungeeignete“ Schüler führt.

§        Soziale Probleme sind erst dann lösbar, wenn sie als solche erkannt werden.

§        Integration heißt nicht „Umsozialisierung“ oder affirmative Anpassung.

§        Wo können deutsche Schüler von der Anwesenheit ausländischer Schüler in den Lerngruppen profitieren?

§        Die Schulfächer mit eigenen Symbolsprachen sollten ihre Chance nutzen, die Verbalisierungsprobleme derjenigen Schüler, die in einer Fremdsprache (Deutsch) lernen müssen, durch Erfolgserlebnisse überwinden zu helfen. Mathematik und Naturwissenschaften sollten dadurch leichter erlernbare Fächer für nichtdeutschsprachliche Schüler werden

§        Der Förderunterricht sollte seine fachorientierte Rolle überdenken.

Als Fragestellungen ergeben sich daraus: Sind differenzierte Bewertungsmodi im Verbalisierungsbereich praktikabel? Sollte der muttersprachliche Unterricht auch im Gymnasium ermöglicht werden? Können feste Lerngruppen für spezifische Lerndefizite auch über den Förderunterricht hinaus eingerichtet werden? Welche Binnendifferenzierungsmodelle der Unterrichtsmethoden sind im Gymnasium erprobt worden? Können nonverbale Arbeitsformen in der Benotung eine stärkere Betonung erlangen? Wie können Unterrichtsinhalte aus dem Erfahrungsbereich der ausländischen Schüler in den Gymnasialunterricht integriert werden?“

Auf diese Fragen kann im Zusammenhang unserer Darstellung keine Antwort gegeben werden; doch legen die erläuterten Zielsetzungen der UNESCO-Schularbeit durchaus Diskussionsrichtungen nahe, die über den Anlaß hinaus fruchtbare Auseinandersetzungen und schulische Veränderungen initiieren könnten.

Zum Abschluß dieses Kapitels über Widerstände und Probleme der konkreten UNESCO-Schul-Arbeit soll noch verallgemeinernd eine Zielsetzung angedeutet werden, die sehr schwer zu erfüllen ist, die aber dem interkulturellen Ansatz erst seinen allgemeingültigen Wert gibt: Interkulturelles Lernen steht in der Tradition der Aufklärung; Rationalität der Auseinandersetzung und Distanz der Beobachtung und Begutachtung sind die Grundlagen dessen, was aus dem interkulturellen Ansatz der eigenen Situation gegenüber als Reflexionsbereitschaft und Ideologiekritik entwickelt werden kann. Unsere Auffassung ist, daß nur diese Distanz zu gesellschaftlicher Kreativität führt, daß gesellschaftliche Verantwortung und Veränderungsbereitschaft, die wir für den gültigen Kernbestand der politischen Bildung halten, nur durch Rationalität und Kritikfähigkeit gesichert werden können.[9]

5. Patenschaften: UNESCO-Schule und „Dritte-Welt-Didaktik“

Die Aufgaben und Ziele der UNESCO sind eng mit den Problemen der Dritten Welt verbunden. UNESCO-Arbeit an einer Schule in einem der reichsten Industrieländer der Welt muß sich daher die Frage gefallen lassen, wie sie die „ferne“ und doch so brennend aktuelle Problematik der Dritten Welt mit einbezieht, im Bewußtsein erhält. Durch Reisen und Schüleraustausch bei traditionellen Schulpartnerschaften ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen. Ehe wir, näher in unserem geographischen Bereich bleibend, uns mit zwei Beispielen für solche Schulpartnerschaften beschäftigen – mit einer Schule in Polen und einer Schule in der Türkei – wollen wir uns in einem Exkurs mit Chancen und Problemen einer Aktionsform der UNESCO-Schul-Arbeit beschäftigen, die in letzter Zeit stärker als Lern- und Handlungsmöglichkeit ins Bewußtsein getreten ist: mit der Patenschaft zu Schulen und Bildungseinrichtungen in Ländern der Dritten Welt. Die ist gleichzeitig der Anlaß, neben einigen konkreten Aktionshinweisen die grundlegende Problematik einer aktuellen Dritte-Welt-Didaktik anzureißen, auch um Interesse für eine vertiefte Beschäftigung mit diesem brisanten Thema in anderen Diskussionszusammenhängen anzuregen. Zunächst ein kurzer Abriß der Überlegungen, die in der Bismarckschule Hannover mit Unterstützung des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., seit 1988 zum Aufbau von zwei Patenschaften geführt haben.

UNESCO-Modellschulen unterscheiden sich laut Definition von anderen Schulen dadurch, daß sie zwar wie sie Projekte, Patenschaften und Austauschprogramme machen, daß diese aber bei uns umfassender und stärker schulintegriert sind als sonst. Mit den bestehenden Schüleraustauschprogrammen mit Polen und Finnland und den angebahnten bzw. geplanten mit der Türkei und den USA hat, wie es scheint, die Bismarckschule die Grenzen von Austauschprogrammen erreicht, weil die Zahl der Schüler weitere kaum noch zulassen wird. Selbst wenn weitere Programme (z.B. mit Frankreich) begonnen werden könnten, würden jedenfalls Länder der „Dritten Welt“ fehlen müssen: die Entfernungen und damit die Reisekosten sind zu hoch, die potentiellen Gastgeber nicht in der Lage, uns aufzunehmen oder gar einen Besuch zu erwidern. Bei Kontakten von deutschen UNESCO-Schulen mit Einrichtungen der „Dritten Welt“ hat sich deshalb immer ergeben, daß es entweder ausgesprochene Hilfsprogramme im schulischen Bereich sind oder ein Besuch über viele Jahre hinweg geplant und angespart wird, um dann womöglich nicht stattzufinden.

Der UNESCO-Club der Bismarckschule hat deshalb die Unterstützung von zwei Projekten in der „Dritten Welt“ beschlossen:

  1. Namibia: im Auftrage der Niedersächsischen Landesregierung besuchte eine Delegation von Lehrern unseres Landes Namibia, um die Probleme des Schulunterrichtes von Farbigen kennenzulernen. Sie bestehen vor allem auf dem Lande, wo in Einzelfällen Farmer Schulen für die Kinder ihrer Landarbeiter eingerichtet haben; zum anderen für Mädchen, die später einen Beruf ergreifen wollen und nicht die Tradition der frühen Heirat ohne vorherige Ausbildung fortsetzen wollen. Wir wollen eine Schule für Mädchen in der Hauptstadt Windhuk unterstützen; das können wir selbständig oder durch Mitarbeit bei einem schon bestehenden Projekt der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim tun.[10]

  2. Bolivien: Cochabamba, die zweitgrößte Stadt Boliviens, ist ein wichtiges Schulzentrum mit mehreren Internatsschulen, deren oft sehr arme Schüler durch Patenschaften (z.B. Kindernothilfe) unterstützt werden. Übergreifende Hilfen, u.a. eine jährliche ärztliche Untersuchung aller Kinder, fallen in zunehmendem Maße der Inflation zum Opfer. Wir wollen deshalb das Schulzentrum Cochabamba in diesem Bereich [innerhalb dessen aber mit freier Verfügung über die Summe] unterstützen. Als Vermittler für die Überweisung des Geldes stehen „el Puente“ in Hildesheim („Dritte-Welt-Laden“) oder die Kindernothilfe in Duisburg bereit. Der UNESCO-Club bürgt mit seinem Vermögen für Spenden von je 100.-- DM pro Projekt und Jahr. Wir hoffen aber, diese Summe – und mehr! – durch Spenden zu bekommen. Bei einem wesentlich höheren Spendeneingang könnten wir die beiden Projekte um so besser ausstatten oder ggf. noch weitere in Angriff nehmen. Wir hoffen sehr, daß das Überweisen des Geldes nur der Auslöser von brieflichen und anderen Kontakten sein wird. Diese müßten von Einzelschülern oder ganzen Klassen übernommen werden.[11]

Dieser konkrete Anlaß führt uns zu einigen allgemeineren Reflexionen über die Dritte-Welt-Didaktik, welche die Grundlage eines Unterrichts sein kann, der das Patenschaftsprojekt vorbereitet und pädagogisch umsetzt. Daß dem Thema „Dritte Welt“ ein im einzelnen wie auch immer anzusetzender hoher Stellenwert im schulischen Curriculum einzuräumen ist, darüber besteht – zumindest in den letzten Jahren – bei den meisten Fachdidaktikern kaum Dissens. So finden wir das Thema in nahezu allen Richtlinien und Schulbüchern der Fächer Erdkunde, Politik und Geschichte. Wie sich diese Bedeutung in das Alltagsleben des einzelnen übersetzen läßt, darüber finden sich, wie noch nachzuweisen sein wird, kaum Aussagen. Unterhalb der ganz abstrakten Ebene der Anerkennung einer „existentiellen Bedeutung“ wird der angebliche Konsens schon brüchig. Die Zuordnung des Themas „Dritte Welt“ zu allgemeinen Problemkreisen ist unsicher.

- Ist der „Nord-Süd-Konflikt“ als Funktion der „Ost-West-Auseinandersetzung“ anzusehen?

- Sind Entwicklungsländerprobleme vor allem „Schwachstellen“ in der internationalen Arbeitsteilung, die unsere eigene ökonomische Zukunft berühren? – Ist das Schicksal der armen Länder vor allem ein ethisch zu bewertendes Sozialproblem, das unser Gewissen belastet und unser Mitgefühl anspricht? – Sind die lokalen Konflikte in der „Dritten Welt“ Teil einer internationalen Friedensbedrohung?

Schon die in der Pädagogik wie in der Öffentlichkeit angeführten Ziele der „Dritte-Welt-Didaktik“ sind heterogen und teilweise widersprüchlich. Eine Auseinandersetzung mit den dominierenden Begründungszusammenhängen ist auch innerhalb der UNESCO-Schul-Arbeit notwendig. Nur in Kenntnis der gängigen Begründungen, die stereotypen bzw. ideologischen Charakter zeigen, läßt sich der Grad der Akzeptanz dieses Unterrichtes bei Schülern und in der Öffentlichkeit abschätzen und lassen sich Motivationshemmnisse erkennen und didaktisch aufarbeiten. Folgende Begründungszusammenhänge treten meist in den Vordergrund:

  1. Die Zielsetzung allgemeinbildender Weltläufigkeit zeichnet sich durch Maßstabslosigkeit aus; ein Kriterium für die Rangfolge „wichtiger Inhalte“ läßt sich in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr finden, es sei denn, man setzt sich dem Vorwurf manipulativer, herrschaftssichernder Bildungsideologien aus.

  2. Humanitäre Zuwendung ist prinzipiell positiv zu beurteilen; als Basis für Lernprozesse ist sie jedoch nicht tragfähig. Man beobachte nur, wie schnell Mitleid und Mitempfinden je nach (oft fragwürdiger) Information „umkippt“ und wie zufällig und z.T. manipuliert dieses Interesse sich über die Krisengebiete der Welt verteilt. Die inhumane Asylantenhetze ist nur ein widerliches Beispiel dafür.

  3. Ausgehen von eigenen Interessen ist eine Grundforderung der heutigen Pädagogik. Aber welche Naivität verbirgt sich hinter der Anschauung, ökonomische und politische Interessen des Staates wären ohne weiteres als Interessen des einzelnen Schülers wahrzunehmen; oftmals sind sie nur Gruppen- und Herrschaftsinteressen. Die demokratisch wünschenswerte Interessenidentität müßte sich zunächst einmal legitimieren.

Die Schüler, ihrer Altersstufe jeweils entsprechend, legen an das Thema „Dritte Welt“ noch andere Maßstäbe und Erwartungen an, die es zu kennen und zu berücksichtigen gilt.

Das Schülerinteresse ist mit den Schlagworten „Exotik“ und „Abenteuer“ zu umreißen. Die psychischen Hintergründe dieser Interessen, besonders in der Pubertät, sollen hier nicht näher aufgerollt werden, es genügt der Hinweis, daß sich in der Zuwendung zur Exotik Verdrängungsprozesse eigener unbewältigter Konflikte manifestieren, daß – hier auch ideengeschichtlich – in der Figur des „guten Wilden“ eine Projektion eigener tabuisierter Bedürfnisse und in der Figur des „Barbaren“ oder „Unterentwickelten“ die uneingestandene Angst vor der Verletztlichkeit der eigenen Person und Identität ausdrückt. Diese Schülerbedürfnisse unreflektiert zu befriedigen und sie als „Sachmotivation“ zu verkennen hieße, der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen.

Das Interesse des Lehrers (von verdrängten oder uneingestandenen Exotikbedürfnissen einmal abgesehen: es ist interessant zu untersuchen, welche verdeckten Motive z.B. zur Berufswahl des Geographielehrers oder des Entwicklungshelfers führen!) äußert sich völlig anders. Er denkt in gesellschaftlichen oder ethischen Kategorien, betont mitmenschliche, humanitäre Verpflichtungen und fordert Solidarität mit den Armen ein (wenn er sich überhaupt engagiert auf den Themenbereich Dritte Welt einläßt – siehe das schon erläuterte viel weiter reichende Begründungsspektrum). Der pädagogische Leitbegriff der „Betroffenheit“ wird dann zur Grundlage der didaktischen Reflexion.

  1. Ist Betroffenheit nun mit „Solidarität“ mit der Dritten Welt zu umschreiben? Theo Rauch schreibt dazu (in: Geographie als politische Bildung“, 1978, S.251): „Die Realität zeigt auch, daß Lernprozesse und gesellschaftliches Handeln auch ohne die Grundlage eigener Erfahrung, allein basierend auf Solidaritätsgefühlen, zustande kommen können. Deutliches Beispiel hierfür scheint mir der Vietnamkrieg zu sein... Grundlage des Solidaritätsempfindens ist hier weniger die gemeinsame Interessenlage, sondern der Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und Realität, die aus der Erfahrung solcher Widersprüche resultierende Empörung über Unrecht.“ Dies Zitat zeigt jedoch deutlich, daß die Maßstäbe, nach denen das Empörungspotential gemessen wird, daß die Anlässe, an denen sich Empörung entzündet, gesellschaftlichen Voraussetzungen und der Aufbereitung in den Medien unterliegt; es zeigt gleichermaßen, daß hier vor allem die informierte Mittel- und Oberschicht, Träger der studentischen Protestbewegung der 60er-Jahre, angesprochen wurde und wird. Als allgemeine Unterrichtsvoraussetzung dürfte diese „Solidarität“ wohl kaum in Frage kommen. Um die Einsichten einer schulischen Beschäftigung mit der Dritte-Welt-Thematik kurz zu umreißen, sollen nachfolgend einige Thesen zum Lernbereich Dritte Welt vorgestellt werden, ehe auf die praktischen Probleme von Schulpatenschaften eingegangen wird:

  2. Das Thema „Dritte Welt“ ist dadurch gekennzeichnet, daß es sich weitgehend den persönlichen Erfahrungen von Lehrern und Schülern entzieht; eine unmittelbare Betroffenheit ist daher in der Regel nicht festzustellen.

  3. Vorhandenes subjektives Interesse unreflektiert als Basis der didaktischen Strukturierung anzunehmen, greift zu kurz und verliert sich in manipulativem Gebrauch vorhandener Exotik- und Abenteuerbedürfnisse.

  4. Der Schule die Rolle als allwissender Richter über zukünftige Lebensbedürfnisse zuzuerkennen bedeutet, den Schüler in eine rezeptive Haltung des Nicht-Akzeptiert-Seins zu drängen. Eine tragfähige Motivation ist darauf nicht aufzubauen.

  5. Das Bild der „Dritten Welt“, verstellt von einer Vielzahl interessengeleiteter Vorurteile, Fehldeutungen und Wertungen, ist Bestandteil der eigenen politischen Kultur und als solches sowohl repräsentativ für die Struktur des politischen Bewußtseins insgesamt als auch selbst politische Handlungen und Wertungen induzierend.

Der Aufbau von konkreten Schulpatenschaften und „Dritte-Welt-Projekten“ verlangt sorgfältige Vorüberlegungen bezüglich der Einbindung in die allgemeine UNESCO-Schul-Arbeit (bei anderen Schulen in ein entsprechend auszudifferenzierendes Arbeitsfeld der Schule insgesamt) und in Hinblick auf die Einbeziehung der damit angesprochenen Probleme und Erfahrungen in den Unterricht. Da Dritte-Welt-Projekte in der Schule kaum von Schülerseite spontan initiiert werden dürften, muß von Anfang an deutlich gemacht werden, daß die Schule beim Aufbau einer solchen Patenschaft nicht als Interessenverwalter externer Organisationen oder politischer Gruppen ihren Schülern gegenübertritt, sondern daß Dritte-Welt-Projekte und Schulpatenschaften Bestandteil und Konsequenz des schulischen Bildungsauftrages sind und an diesen Bildungszielen gemessen und geprüft werden müssen. Dabei ist auf die Zielbestimmung des Schulgesetzes im Rahmen übergreifender grundgesetzlicher Rechte und Verpflichtungen ebenso zu rekurrieren, wie die jeweilige Erlaß- und Verordnungslage zu berücksichtigen ist. Vor allem kann es Schwierigkeiten und Einsprüche geben, wenn die Schule (durchaus aus ehrenwerten Motiven) mit dem allgemeinen Sammlungsverbot an Schulen, mit dem Sammlungsgesetz (das bei öffentlich genehmigten Sammlungen die Einrichtung eines staatlichen Sammlungskontos oder vergleichbare finanzielle Kontrollen verlangt) oder mit der Verpflichtung zur Unabhängigkeit von außerschulischen ökonomischen oder politischen Interessen kollidiert oder wenn schließlich mit geltendem Haushaltsrecht Probleme entstehen. Die Zusammenarbeit mit einer kontrollierten gemeinnützigen Organisation ist somit empfehlenswert, doch darf diese nicht im eigenen Interesse in der Schule wirksam werden.

Es ist somit ersichtlich, daß zunächst die pädagogische Begründung und Verankerung des Dritte-Welt-Projektes, der Schulpatenschaft oder der humanitären Hilfe erfolgen und von den schulischen Gremien abgesegnet werden muß. Die Begründung von solchen Aktionsformen sind vielschichtig und geben einen guten Überblick über pädagogische Möglichkeiten der Schule, die im laufenden Fachcurriculum meist vernachlässigt werden müssen, nichtsdestoweniger aber zu den ureigensten Zielen schulischer Arbeit gehören:

Schulpatenschaften und sonstige humanitäre Kontakte zu Schulen und Schülern in der Dritten Welt eröffnen den deutschen Schülerinnen und Schülern sonst verschlossene direkte Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die bei aller Exemplarik und Zufälligkeit eine Chance bieten, sich dem Thema nicht nur durch die Vermittlung von Medien zu nähern. Der unmittelbare Kontakt, auch wenn er zunächst einseitig als Patenschaftsangebot formuliert wird, weckt Zuwendung, Aufmerksamkeit und Interesse, das vom Unterricht begleitend und auswertend aufgegriffen werden kann und muß. Für die beteiligten Schülerinnen und Schüler ergibt sich mehr als beim medienbegründeten kognitiv gewichteten Unterricht die Notwendigkeit, das Verhältnis von Handeln und Realität zu beachten, kritisch zu überprüfen (soweit das in einem solchen schwierigen Themenfeld überhaupt möglich ist) und zu verantworten. In einem sonst diesem pädagogischen Ansatz aus praktischen Gründen meist verschlossenen Themenbereich ergeben sich so erste Ansätze zum handlungsorientierten Lernen.

Die Schule findet in sorgfältig ausgewählten Patenschaftsprojekten Identifikations- und Zentrierungsangebote, die die schulischen Aktivitäten dauerhafter machen, über die Schülergenerationen hinaus verknüpfen; von diesen zentralen Themen können dann viele Fächer profitieren und im positiven Falle Ansätze zu fächerübergreifenden Aktivitäten und Unterrichtsvorhaben finden.

Durch die Arbeit an Dritte-Welt-Projekten und Patenschaften findet die Schule Zugang zu Personen und Institutionen, die sich in der BRD mit den jeweiligen Regionen und Problemfeldern beschäftigen; das eröffnet neue Informations- und Gesprächsmöglichkeiten, die in ihrer Unmittelbarkeit und ihrem Engagement für die Schülerschaft äußerst anregend sein können.

Diese allgemeinen Zielbestimmungen sind dann projekt- und schulbezogen zu konkretisieren und vorab in den schulischen Gremien zu diskutieren. Erst wenn die angesprochenen Themen schulische oder unterrichtliche Umsetzung erfahren haben (z.B. durch Ausstellungen in der Schule bzw. in den Klassen, Informationsveranstaltungen, Filmabende etc.) und wenn eine umfassende Projektbeschreibung als schriftliche Information z.B. für das Kollegium und die Elternschaft vorliegt, stellt sich im Gespräch in den Klassen von ganz alleine die Frage, inwieweit die Schülerinnen und Schüler sich selbst aktiv an der Realisierung des Patenschaftsprojektes beteiligen können und wollen. In der Spannweite der möglichen eigenen Beiträge – Hilfe bei Veranstaltungen und Ausstellungen, Kontakte zu lokalen Informationsträgern, Anfertigung von Berichten, Kontakte mit den Medien, Leserbriefe, Briefe an die Patenschule – hat dann auch die finanzielle Spende ihren Platz und wird gleichwie die anderen Aktionsformen auf ihre Einsatzmöglichkeit, ihren Nutzen und ihre Wirksamkeit hin diskutiert und verantwortet werden müssen.

Die Patenschulen oder anderen Adressaten von Dritte-Welt-Aktivitäten sollen in diesem pädagogischen Prozeß von Objekten humanitärer Zuwendung und Hilfe zu Subjekten und Partnern werden, die letztlich über ihre Zukunft und die Wege aus ihren materiellen Problemsituationen selbst entscheiden müssen, auch bei der Annahme und Verwendung von Hilfe. Die Patenschaftsprojekte sollen dazu dienen, verbreitete Überlegenheitslegenden der eigenen politischen Kultur abbauen zu helfen; sie sollen bewußt machen, daß Hilfe nicht nur aus der Sicht des positiv motivierten Gebers zu sehen ist, sondern auch aus der Sicht des Hilfsbedürftigen, der durch Hilfsannahme auch in die Gefahr der Abhängigkeit und Unselbständigkeit kommt, eine Situation, die u. U. seine Hilfsbedürftigkeit erst perpetuiert. Humanitärer Impetus, gefühlsmäßige Zuwendung und kritische Abwägung der gesellschaftlichen und politischen Folgen der Hilfe, auch ihrer möglichen negativen Auswirkungen, müssen unterrichtlich – jedoch sicher altersstufendifferenziert! – aufgearbeitet und diskutiert werden, um das Patenschaftsprojekt zu einer Grundlage selbstverantwortlichen politischen Lernens und Handelns zu machen.[12]

Gerhard Voigt


*      Nachdruck einer vergriffenen Veröffentlichung als Oldenburger Vor-Drucke Heft 98/90, herausgegeben von der Universität Oldenburg, Zentrum für pädagogische Berufspraxis, 2. Auflage, Oldenburg 1991. Die Rechte liegen bei den Verfassern.

[1]      nach: J. Dallwig, Internes aus dem Club; UNESCO-Club Rundbrief I/89, S. 1 f.

[2]      Frei nach Dr. H.-W. Risson, Deutsche UNESCO-Kommission. Quelle: ibid; unter Verwendung von Ausführungen von H.-W. Risson, Arbeitsberichte aus dem Modellschulprogramm ibid; unter Verwendung von Ausführungen von H.-W. Risson, Arbeitsberichte aus dem Modellschulprogramm

[3]      nach: G. Voigt, Arbeitsschwerpunkt Ausländerpädagogik; Politik Unterricht Aktuell, Juni 1989, Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, S. 9

[4]      ibid

[5]      nach: G. Voigt, Chancen interkultureller Erziehung? Politik Unterricht Aktuell, Juli 1988, Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, S. 6

[6]      nach: J. Dallwig, Internes aus dem Club; UNESCO-Club Rundbrief I/89, S. 1 f.

[7]      nach: UNESCO-Club Informationen in der Bismarckschule Hannover, verwendet von J. Dallwig in UNESCO-Club Rundbrief I und II/89; überarbeitet und aktualisiert.

[8]      nach: E. Kalthoff, Patenschaften. In: UNESCO-Club Rundbrief II/88 und I/89

[9]      im Original folgt hier: Abb. 1:  Polenreise in den Osterferien 1987. Kartenskizze aus dem Reisebericht des UNESCO-Clubs

[10]    Anmerkung 1997: Dieses Projekt ließ sich wegen organisatorischer Probleme dann doch nicht realisieren.

[11]    Anmerkung 1997: Später wurde die Bolivien-Patenschaft durch persönliche Kontakte stärker personalisiert und auf konkrete Hilfen eingeschränkt. In diesem Rahmen läuft sie seither regelmäßig und mit unterrichtlicher Unterstützung. Daneben wurde in der Bismarckschule Hannover ein ›Dritte-/Eine-Welt-Laden‹ eröffnet, der interessierten Schülerinnen und Schülern die Möglichkreit zur praktischen Betätigung bietet.

[12]    im Original folgt hier: Abb. 2: Titelblatt der UNESCO-Club-Mitteilungen I/89.

 

 

   

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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
http://www.UNESCO-Club-Bismarckschule.de
http://www,UNESCO-Club-Hannover.de
An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR, bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 01.05.2008