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Lothar Nettelmann

 

 

 

 

Transformation in Osteuropa

 

 

 

Mit einem Anhang »Stichworte für den Unterricht: Real existierender Sozialismus -
Transformation - Europäische Perspektiven« von Gerhard Voigt

 

     
 

1. Vorbemerkungen

Die folgende Gedankenskizze ist gedacht für Kursteilnehmer/innen des 13. Jahrgangs, Themenbereich [Internationales/Transformation in Osteuropa/Globalisierung]. Ausgehend vom Transformations-Begriff soll überlegt werden, in wie weit man von einer Transformation i.S. einer Überlagerung von einem System in ein anderes sprechen kann, was der Begriff selbst ausdrückt. Dies soll u.a. durch Vergleiche prinzipieller Ansätze in den früheren östlichen Ländern (überwiegend am polnischen Beispiel) erfolgen. Dazu bietet es sich an, die Prinzipien des (wie es in früherer Diktion formuliert wurde) »ökonomischen und gesellschaftlichen Systems im Sozialismus« daraufhin zu hinterfragen, ob und in wie weit diese Systeme tatsächlich einer Transformation unterliegen.

Die Frage ist bezüglich des politischen Systems relativ leicht zu beantworten. Die (formale) Herrschaft einer Staatspartei als große soziale Bewegung (in Selbstdarstellung), die faktisch durch eine kleine für Außenstehende nicht nur begrenzt ortbare Machtelite ,beherrscht‘ wurde, stellt(e) eine Diktatur dar. Diese wurde umgestoßen und dadurch der Weg freigegeben für die Einrichtung der Demokratie. Entsprechendes gilt für die – für eine Demokratie unabdingbare – Einrichtung eines Rechtsstaates, von gesellschaftlichen Kontrollmechanismen sowie einer grundlegenden Garantie der Menschenrechte.

So oder ähnlich würde man in der politisch-journalistischen Sprache die Situation deskriptiv erfassen. Dazu gehört selbstverständlich auch die Zergliederung der unwirtschaftlichen und multifunktionalen großen Kombinate und LPGs. Bei ersteren ist kaum jemand stutzig geworden, war doch in der kapitalistischen Welt der Fusionsprozess in den übermächtigen ,Multis‘ längst im Gange. Worin besteht überhaupt der Unterschied? Dass die LPGs in ihrer Konzeption tendenziell durchaus den Vorstellungen der EU-Agrar-Bürokratie entsprachen, lässt hier die Frage naheliegend werden: Warum sollten funktionierende Großeinheiten nach der Wende zerschlagen werden? Dies alles kann doch nicht Ziel und Antrieb für die Transformation gewesen sein. Nun soll diese Frage so, d.h. auf den erwähnten Ebenen, nicht beantwortet werden. Es gilt aber, die Problembereiche aufzuschlüsseln und anhand dessen die Frage nach der Transformation erneut zu stellen.

2. Zu: »Reformen«

Seit einem Jahrzehnt etabliert sich der Begriff Transformation. Er steht im Zusammenhang mit dem in der journalistischen wie politischen Sprache bevorzugten Reform-Begriff. Letzter ist seit dem Ende der 80er Jahre in hohem Maße funktionalisiert worden. Er diente wesentlich dazu, am Ende der West-Ost-Spannungsbeziehung eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zu Ende gehenden System des ,Staatssozialismus‘ zu führen und zugleich die Diskussion um ursprünglich angestrebte und auf breiter Basis als sinnvoll oder gar notwendig erachtete Veränderungen in den westlich-kapitalistischen Systemen abzublocken. Im gg. Zusammenhang sind folgende Ansätze zu diskutieren.

Zum einen ist der Reform-Gedanken bezogen auf Reformen im bzw. des Sozialismus. Es handelt sich dabei um Ansätze von aus dem ,östlichen‘ Sozialismus stammenden Intellektuellen der 60er und 70er Jahre, bevor sie dessen Unrealisierbarkeit bzw. Illusionismus erkannten.[1]

Zweitens entstammt der Begriff dem linken kapitalismus‑kritischen Milieu Westeuropas und ist zweifellos Ausdruck erneuter Rezeption der Revisionismus-Debatten der sozialistischen Bewegungen seit der vorletzten Jahrhundertwende. Der ,neue‘ Begriff stand auch im Zusammenhang mit dem Theorem des ,Dritten Weges‘ (zwischen Kapitalismus und Sozialismus).

Gegen Ende der 80er Jahre bildete sich die Umwertung des Reform-Begriffes in Westeuropa i.S. einer unkritisch-unreflektierte Abschaffung des (sozialistischen) Systems heraus. Gemeint waren dabei mehr und mehr westliche, d.h. marktwirtschaftliche und zunehmend neoliberale Strukturen und Muster. Man kann durchaus von einer Umfunktionierung des der Linken entstammenden Reform-Gedankens sprechen.

Der Begriff der Transformation bezieht sich somit auf den Systemübergang von ,sozialistischen‘, d.h zentralistisch organisierten Planungs-Systemen zur liberal-kapitalistischen Ordnung.

3. Problembereiche

Das erste Problem setzt ein bei einer zeitlich differenzierten Betrachtung. Zunächst ist festzustellen, dass eine Fixierung auf die Jahre 1989/90 für den Beginn der Transformation als adäquat erscheint. Das Problem liegt darin begründet, dass es keinen klar bestimmbaren Zeitpunkt dieses Beginns gibt.

Zum Einen sind Übergangsphänomene zur liberal-kapitalistischen Ordnung z.B. in Ungarn bereits lange zurückliegend in den 70er Jahren erfolgt. Sie waren geknüpft an Kooperationen (in der Regel durch Lizenznahmen). Ähnliches gilt für Polen; dort bestanden zusätzlich erhebliche ›graue‹ Wirtschaftsbereiche. In der nach damaligem Recht irregulären Praxis in der Ökonomie (die Begriffe illegal oder illegitim sind zu vermeiden) handelte es sich um privat organisierte Ansätze des Wirtschaftens, die später als marktwirtschaftliche Vorformen definiert und anerkannt worden sind. Hieraus entstanden bald funktionierende oder gar erfolgreiche und dominierende Handelsketten (bzw. Händlerringe) bis in die östlichen Regionen der ehemaligen UdSSR hinein. Zudem verfügten insbesondere die westlichen Länder des früheren RGW über nennenswerte ,Restbereiche‘ privater Wirtschaftsorganisation. Insgesamt sind Langzeitveränderungen zu konstatieren, die ebenfalls die Suggestion eines ,abrupten Wechsels‘ widerlegen.

Ein weiterer Gedanke betrifft überstaatliche Organisationen im ,Westen‘. Diese Thematik soll aber ausgeklammert werden.

4. ,Westliche‘ versus ,östliche‘ Modelle?

Man kann nicht von ,dem‘ oder ,einem‘ staatssozialistischen[2] System ausgehen, das dann ab 1990 transformiert werden sollte. Dabei wird zumeist außer Acht gelassen, ob es in der Sprachregelung des Westens enthalten ist, ob sich ,die Systeme‘ selbst transformieren sollten und würden oder ob dies unter indirektem oder ggf. beratendem Einfluss aus dem Westen, ‘von selbst‘ bzw. über die dominierenden Systeme des Westens mit deren ,Hilfe‘ oder ob dies unter mehr oder weniger hohem ,Einfluss‘ zu geschehen habe.

Das Problem liegt u.a. darin, dass es über den als Transformation beschriebenen Prozess keine substanziellen und grundlegenden Theorien gab und gibt und keine konkreten theoretischen oder planerisch-praktischen Ansätze existierten bzw. diese niemals entwickelt worden sind. Es wäre ein sicherlich interessanter, letzlich aber wohl eher als historische Ironie zu wertender Gedanke, würde man die Theorien des Übergangs aus den 60er und 70er Jahren sozusagen im umgekehrten Sinne zum Vergleich heranziehen. Die Theorien der Übergangsgesellschaften sowie des Dritten Weges haben nie ernsthafte Resonanz in politisch relevanten und ökonomischen Bereichen gefunden. Dies liegt nicht am geringen wissenschaftlichen Wert oder der mangelnden Reflexionsfähigkeit dieser eher der Linken zuzuordnenden Wissenschaftssparten und den diese Theorien entwickelnden und diskutierenden Intellektuellen, sondern wesentlich an den entsprechenden unterschiedlichen Zugängen zur Durchsetzung von Entscheidungen, d.h. letztlich und eindeutig über die Verfügung der Macht selbst.

Die östlichen Systeme beinhalteten Modelle von Planung, Lenkung und Verteilung der Produktion, die wiederum einst in kapitalistisch hochentwickelten Staaten entstanden waren. Dieses ist wiederum als Ausdruck einer sich in hohem ökonomischen Entwicklungszustand befindlichen Staatsgesellschaft zu werten. In diesen Gesellschaften ist diese Wirtschaftsform in Krisen- oder Kriegszeiten als Kriegswirtschaft unter substanziellen Zwängen effizient praktiziert worden bis zum Zusammenbruch einer der gegnerischen Seiten auf Grund der Übermacht der anderen. Der Erste und insbesondere der Zweite Weltkrieg hätten ohne diese Praxis seitens Deutschlands (und Japans) nicht solange logistisch geführt werden können.

Den Modellen von Kriegswirtschaften ähnliche oder identische Wirtschaftsformen bestehen z.B. in den Bereichen Post und öffentlichen Verkehrs-Systemen, der Elektrizitäts-Wirtschaft sowie den Infrastruktur-Maßnahmen im Eisenbahn- und Straßenbau. Erst in jüngster Zeit erfolgt in West-Europa nach und nach ein Umbau in Richtung Privatisierung dieser Bereiche. Worum es im gg. Zusammenhang geht: Diese Beispiele stellen keinen Gegensatz zu denen der früheren östlichen Systeme dar, sondern eher zeitabhängige Varianten. Diese Varianten beziehen sich dabei z.T. auf abweichende Finanzierungsmodelle (einschließlich der Einnahmeseite) und auf die Einkommenssituation der Beschäftigten. Es hat zwar Erstarrungen im Verbleiben in staatlich gelenkten Ökonomien gegeben, nicht aber in der Substanz originär eigene Modell-Konstrukte.

Wenn man die umfangreichen Subventions-Systeme (Schiffs- und Flugzeugbau, die Schwer- und Elektronik-Industrie über die militärisch-industriellen Komplexe, die gesamte Agrarwirtschaft) kapitalistischer Länder hinzurechnet und die Staatsquoten in Westeuropa die von 40% bis 50% Prozent liegen oder lagen, dann ist der Begriff der Transformation unter diesen Aspekten nicht mehr haltbar und inadäquat, da er eine generelle oder weit gehende Veränderung suggeriert.[3]

5. Sozialstaats-Systeme versus sozialistischem Versorgungsstaat.

Ein weiterer Vergleichsansatz sind die oftmals als Sozialstaat bezeichneten Versorgungs-Systeme westeuropäischer Staaten. Sie sind in der Regel nur formal z.T. ,staatlich‘ und werden abschwächend als gesetzliche Pflichtversicherungen oder soziale Sicherungssysteme benannt. Sie unterliegen klaren rechtlichen, d.h. staatlichen Regelungen und Einflüssen. Sie sind faktisch staatlich-ökonomischen Bereichen zuzuordnen und sind somit letztlich Bestandteil und Ausdruck von Staatsorganisation selbst.

Die ehemals östlichen Modelle der dortigen Sozial- und Gesundheitsversorgungs‑Systeme sind allesamt zweifllos dringend verbesserungsbedürftig gewesen. Es bestand eine dringende Reform-Notwendigkeit – dieses aber unter dem Mainstream Transformation zu subsummieren, ist alles andere als eine geglückte Wahl der Formulierung.

In Westeuropa anhängige Diskussionen über Reformen im Gesundheitswesen, die drohende (oder bereits bestehende) sog. »Zwei-Klassen-Medizin«, die jahrelangen Diskussionen über (überfällige) Reformen im Gesundheitswesen durch Privatisierungen, gibt es in Osteuropa längst in der Praxis auf Grund des Zusammenbruchs der Gesundheitsversorgungs-Systeme seit dem Ende der 80er Jahre. Entsprechendes gilt leider auch für die Bildungs-Systeme, wenngleich letzteres in Westeuropa nicht in entsprechendem Maße bekannt und bewusst ist.

6. Fazit im System-Vergleich

Dies alles ist nicht Ausdruck von System-Transformation sondern könnte als Ausdruck ,kollektiver Konkursverschleppung‘ großer Figurationen und gigantischer Ökonomie-Einheiten angesehen werden. Andererseits ist ein Bereich in der westeuropäischen Betrachtung ausgenommen, der m.E. in erheblichen Maße eine kurzfristig notwendige radikale Veränderung durch unabdingbare Anpassung und nicht diskutable Übernahme von Verhaltensmustern und -praxen erfordert. Es handelt sich wesentlich um den Wandel vom ›Homo sovieticus‹ zum ›Homo ökonomicus‹. Die dafür erforderlichen tiefgreifenden Veränderungen sind leider kaum erforscht. Östliche Wissenschaftler sind dazu unwillens. Im Westen wird die Notwendigkeit zur Erforschung nicht gesehen. Ein Grund mag sein, dass die frühere Ost-West-Spannungsbeziehung aufgehoben ist und die Motivation, das bis dato Gegensätzliche zu erforschen, allein dadurch gegenstandslos geworden ist. Vielleicht besteht auch dort kein Interesse, da es durchaus vergleichbare und partiell kongruente Bereiche gibt. Man denke z.B. an das ,Gimme [„give me“]-Syndrom‘, die ,Versorgungs-‘ wie die ,Beamten-Mentalität‘, d.h. an sehr weitgehende (staatliche oder staatlich beeinflusste) Versorgungs‑Systeme sowie die damit verbundenen Habitus-Entwicklungen, Dinge also, die im Westen eher als politische Dispute in Wahlkämpfen ausgetragen werden. Instrumentalisierung statt Diskussion? Dazu gehören auch die Bereiche Partizipation durch Verteilungsgerechtigkeit. Auch diese dem Theorie-Denken des Sozialismus entstammenden Ansätze können nur anskizziert werden.

7. Zu den Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaat

In der westlichen[4], politisch-journalistischen Sprache wurde Transformation mit der ,Einführung‘ bzw. ,Übernahme‘[5] des westlichen Demokratie-Modells gleichgesetzt. Dies ist zunächst auch erfreulich, sinnvoll und als vielversprechend anzusehen.

Das Problem besteht nun darin, dass man in West‑ wie Osteuropa seitens der jeweiligen Machteliten über die Transformation zu Demokratie und Rechtsstaat zu gelangen gedachte und dieses zumeist über ökonomische Reformen, d.h. wiederum über die Übernahme des westlich-kapitalistischen Modells zu erreichen trachtete. Dass dieses zugleich einen Einstieg in einen hoch dynamischen und komplexen Veränderungsprozess bedeutete, den seit den 80er Jahren begonnenen Prozess der Globalisierung, verbunden mit den bereits seit Jahrzehnten anhaltenden Internationalisierungs-Vorgängen, war zu Beginn der Transformations-Phase kaum jemandem bewusst.

Kann der Rechtsstaat noch über anerkannte und tradierte – man kann durchaus aus Überzeugung sagen – ,bewährte‘ Prinzipien[6] beschrieben werden, so ist die Zuwendung zum Demokratie-Prinzip deutlich schwieriger.

Es kann an dieser Stelle nicht vertieft werden und soll nur anskizziert werden. Als Selbstverständlichkeiten wurden freie und geheime Wahlen einschließlich des freien Zugangs zum aktiven und passiven Wahlrecht in den Transformations-Ländern beschlossen und durchgeführt. Es wurde in Polen ein Zweikammer-System eingerichtet, wobei das Parlament nach dem Verhältniswahl-System gewählt wurde und der Senat nach dem Mehrheitswahl-System. Die Macht des Staatspräsidenten wurde auf Betreiben des damaligen Amtsinhabers Lech Walesa und seiner Berater gestärkt. Das Paradoxon bestand darin, dass die Solidarnosc zuvor die Fülle der Macht des Präsidenten kritisiert hatte. Jetzt aber, nach erfolgter Machtübernahme und Besetzung der Position mit der ,Gallionsfigur‘ der Umwandlung, mit Lech Wa³êsa selbst, begründete man die Verfassungsänderung damit, dass „man nun ja selbst die Macht habe.“ Es handelt sich dabei nicht nur um einen Trugschluss, sondern vermutlich die gewollte Ausblendung respektive Verhinderung eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses über die Inhalte und Formen des Demokratie-Begriffes und anhand dessen über den Weg zur Demokratie selbst.

Das Rechtsstaats-Postulat scheint weniger problembelastet zu sein. Es wird in Ost-Mitteleuropa in den intellektuellen Milieus und den sie tragenden Mittelschichten als notwendig und längst überfällig angesehen, Rechtsstaats-Prinzipen (wieder) einzuführen um Rechtssicherheit und dadurch legitimierte Ordnungssicherheit zu gewährleiten. Dies ist unzweifelhaft auch gut so. Rechtssicherheit, Ordnungssicherheit und und Transparenz bei Verwaltungsentscheidungen sind die gewünschten Folgen und gelten als unabdingbar anzustreben.

Dazu gehört auch, dass allein in Polen rd. 10.000 Gesetze, Verordnungen, Verwaltungsvorschriften und andere Bestimmungen den EU- Normen anzupassen waren und sind. In den Medien sprach man von einem ,Fließbandverfahren‘. Die Vorgänge selbst wurden nicht kritisiert. Im Gegenteil, bei ansonsten oft scharfer Kritik an der parlamentarischen Praxis wurden diese Mühen positiv bewertet – abgesehen von demagogisch operierenden Gruppen und Presseorganen, die die anti-europäische Stimmung instrumentalisierten. Diese Arbeit wurde insbesondere in der Legislaturperiode von 1997-2001 geleistet, in der die aus der Solidarnosc hervorgegangene AWS mit Jerzy Buzek den Ministerpräsidenten stellte und das Links-Bündnis (SLD), das im Oktober 2001 Wahlsieger wurde, die Opposition bildete. Aktiv beteiligt waren insbesondere die früheren Berater der Solidarnoœæ, die der zur Liberal-demokratischen Partei zusammengeschlossenen bürgerlichen Mitte angehören, numerisch und politisch aber zwischen den Linken und den konservativen wie bäuerlichen Gruppen inzwischen zur kleinen Minderheit geschrumpft sind. Es handelt sich dabei um in Westeuropa hoch geschätzte Politiker wie z.B Tadeusz Mazowiecki, Bronislaw Geremek und Wladyslaw Bartoszewski. Die Einführung des Rechtsstaates kann als abgeschlossen betrachtet werden.

Eine andere Ebene stellt die Akzeptanz in der Bevölkerung dar. Dieses Phänomen ist aber eher unter dem Primat der Distanz zum Staat generell zu sehen. Es ist eingebunden in die Fragestellung zur Staatsgesellschaft.[7]

Ein gesellschaftlicher Konsens im Übergang zum Demokratie-Prinzip ist noch nicht gegeben. Der diesbezüglich beobachtbare Prozess kann im gg. Zusammenhang nicht differenziert betrachtet werden. Seine Probleme sind in wesentlichem Maße auch im Kontext mit der begrenzten Akzeptanz des Staates zu sehen, mit der kritischen Sicht der Rolle des Staates bezüglich der Gewährung von Ordnungssicherheit. Das Entscheidende scheint aber nicht nur das prinzipielle Misstrauen in der Gesellschaft gegenüber dem Staat zu sein, sondern ebenfalls die hochgradige Verunsicherung die durch vielfältige negative Erscheinungen seit der ,Wende‘ die große Mehrheit der Bevölkerung getroffen haben. Obwohl es deutliche positive Entwicklungsansätze gegeben hat und ein großer Teil der Bevölkerung sich gegenüber den 80er Jahren (objektiv) zweifellos in einer deutlich besseren Situation befindet, ist jedoch die Selbsteinschätzung zu den ,Verlierern‘ (zumindet zu den Nichtpartizipienten am Erfolg) zu gehören, recht groß.[8] Es scheint, dass das subjektive Gefühl, nämlich dass die eigene, individuelle Situation sich in absehbarer Zeit über und durch den Staat nicht verbessern lässt, dominiert.

Letzteres ist nicht von der Hand zu weisen. Große Bevölkerungsteile der Transformations-Länder leiden unter dem Zusammenbruch des Gesundheits- und Bildungswesens, sie spüren die zunehmende Diskrepanz zwischen sich steigernden Wünschen (Aspirationen) und der nüchternen Einschätzung von Realisierbarkeit, was an sich nach erfolgten Euphorien einen Regelfall darstellt. Menschen machen die Erfahrung, dass sie durchaus ihre persönliche Situation, ihren Lebensstandard, verbessern können z.B. durch erhöhten Arbeitseinsatz, d.h. in der Regel durch Überstunden oder den ,zweiten Job‘, ggf. in Bereichen der grauen Wirtschaft oder auch duch Geldverdienen in Westeuropa oder den USA.

Sie fühlen sich dann darin subjektiv bestätigt, dass das zusätzlich erhöhte Einkommen jeweils durch ihre eigene Tätigkeit bewirkt wird fern oder trotz staatlicher Regelungen.

Diese negativen Eindrücke werden (nicht abnehmend!) durch Berichte in den Medien oder anderweitig transponierte Erfahrungen bestärkt, die über Schlagworte wie ,Korruption‘, ,Schmiergelder‘ oder gar ,Ausplünderung‘ durch ,die da oben‘ gekennzeichnet sind. Entsprechende Strafverfahren sind anhängig. Dieses sind aber sozialpathologische Erscheinungen, die man mit dem vergangenen System assoziierte und zunächst überwunden glaubte.

Die daraus entstandenen Gefühle von Frustration und Ohnmacht sowie Misstrauen gegenüber Jedermann sind die Folgen von enttäuschten Hoffnungen, von erwarteten Chancen, von einem geglaubten besseren Leben, aber auch dem erfahrenen Misserfolg, dem erlittenen Unrecht durch Betrügereien, nicht eingehaltene Versprechungen etc.

Auch die Übernahme von Rechtsstaats-Prinzipien darf nicht überbewertet werden. Auch auf die Gefahr hin, der Polemik verdächtigt zu werden, zum Vergleich: Der Rechtsstaat wurde in der Nachkriegszeit in Westdeutschland mit Juristen vollzogen, die allesamt als Beamte, Richter, Hochschullehrer, Anwälte oder in der Industrie und Verwaltung tätige Juristen dem NS-Staat ,treu‘ gedient hatten.[9]

Ein heikles Thema ist die Entfernung des wissenschaftlichen Personals aus ihren Funktionen in den Universitäten in den Jahren 1990/91, die formal eine Nichtübernahme in die ,neu gegründeten‘ Universitäten nach neu erfolgten Stellen-Ausschreibungen und veränderten Anforderungs‑Bedingungen waren und in den neuen Bundesländern zu erheblichem Unmut wegen der Bevorzugung westdeutscher Nachwuchs-Wissenschaftler führte. In Polen dagegen gab es diese Problematik – aus naheliegenden pragmatischen Gründen, aber auch auf Grund der dort anders eingeschätzten Qualifizierungen – nicht.

Dieses ist aber wesentlich ein Problem des wiedervereinígten Deutschlands. Übrigens wird es tunlichst vermieden, den Transformations-Begriff auf die fünf neuen Bundesländer anzuwenden!

8. ‚Zusammenarbeit‘ mit dem Westen: Beispiele, die als ‚vorgezogene Transformation‘ eingeordnet werden könnten

Die einzelnen Beispiele sollen kurz dargestellt werden. Die ,Sozialistischen Länder‘ haben seit den 70er Jahren eine Investitionspolitik betrieben, um eine Stabilisierung der dortigen Volkswirtschaften durch Modernisierung herbeizuführen. Das bedeutete konkret den letztlich vergeblichen aber zunächst Erfolg versprechenden Versuch, den technologischen Entwicklungs-Rückstand, der nahezu alle Bereiche der Technik und Wissenschaft umfasste, (außer partielle Bereiche des Rüstungssektores der UdSSR) auszugleichen. Diese Kompensation sollte überwiegend durch kreditfinanzierte Lizenznahmen erfolgen.[10]

Vom ,Einholen des Westens‘, von dem noch Nikita Chrustschow gesprochen hatte, war schon lange nicht mehr die Rede. Unser Problem stellt sich folgendermaßen dar: Ist die Lizenznahme im PKW-Bereich [PL: Polski-Fiat, SU: Fiat-Lada, RO: Renault-Dacia, Y: VW- und Fiat-Lizenzen] schon Ausdruck einer Anpassung der Produktionsweisen und damit des ,Anderen‘, also des in gegenüber den ,kapitalistischen Ländern‘ befindlichen und als solcher bezeichneter Systemkonkurrenz? Sind sie somit höchstens im Sinne der »Konvergenz-Theorie«[11] vergleichbar?

Wenn letzteres der Fall ist, dann ist die Frage der Transformation keine prinzipiell-strukturelle Frage mehr, sondern eine tendenzielle, charakterisiert durch Strukturdefizite – also keine Frage ,der Systeme‘ an sich.[12]

Ähnliches wie für Polen gilt für Ungarn. Dort gab es langjährige Kooperationen im Bereich der Busse: Ikarus/MAN/Volvo. Ein Prinzip marktwirtschaftlicher Ökonomie galt auch für die Lizenzprodukte: Sie wurden auch auf westlichen Märkten angeboten und mehr oder weniger erfolgreich verkauft. Der letztliche Misserfolg dieses planerischen Ansatzes offenbarte alle komplexen Strukturdefizite der RGW-Regionen. Dass das angestrebte Prinzip also ambivalent war, liegt auf anderer Ebene. Die östlichen Produkte waren ausschließlich aufgrund von Preisdumping ,absatzfähig‘, sie waren aber generell auf freien Märkten nicht ,konkurrenzfähig‘.

Die Prinzipien: Man stellte sich (formal) dem Weltmarkt. Die negativen Seiten der sozialistischen Ökonomie: unzureichende Qualität, ineffiziente Organisation, Rationalisierungs-Rückstand, mangelnde Produktivität sind nicht mehr zu kaschieren. Die genannten Gesichtspunkte sind zwar gravierend und für den System-Zusammenbruch mit ausschlaggebend, sie belegen aber nicht das prinzipielle ,Anderssein‘ im System.

Schwer zu beantworten ist die Frage, ob die östlichen Zentralplanungs-Systeme sich prinzipiell oder graduell vom Management kapitalistischer Konzerne unterschieden. Auch für sie galt die längerfristige planende Organisation von Arbeitsabläufen an Fließbändern, der Zuführung von Vorprodukten, der Entwicklungsplanung eines technischen Produktes. Die begrenzte Innovationsfähigkeit liegt auf anderer Ebene, ist zweifellos mit dem System verbunden, ist zwar eine ,erhebliche‘ aber keine ,prinzipielle‘ Frage.

Nowa Huta hat als im Standard der 50er Jahre moderne Hüttenstadt gut funktioniert, solide produziert und und war volkswirtschaftlich gesehen keine grundsätzliche Fehlentscheidung, wenngleich auch die Standortwahl dem »Primat der Politik« entsprach. Aber in welchem Land zentralistischer oder föderalistischer Struktur geschehen substanzielle Investitionsentscheidungen in erster Linie nach ,ökonomischen‘ Kriterien?

Die Betroffenheit im Zugang zur weltweiten Stahlkrise zur Mitte der 70er Jahre ist nicht dem System anzulasten. Die Neukonzeption der Huta Katowice weist charakteristische Kriterien des kommunistischen Staates auf: Prestige-Denken, gravierende Fehleinschätzungen bezüglich der Absatzplanung und Realisierbarkeit politischer Vorgaben bezüglich Qualität und Quantität, politische Einflussnahmen unqualifizierter Funktionsträger.

9. Vom Zusammenbruch zur Transformation

Das Fehlerhafte ist insofern für das System charakteristisch, als es nicht korrigierbar war. Die Ursache hat politische, d.h. machtspezifische Gründe: Die faktisch ausgeschlossene Kontrolle seitens der Beherrschten gegenüber den Regierenden. Der Verbleib des Machtmonopols in den Händen weniger, die ihrerseits die freie Beschaffung und den Austausch von Informationen und damit die Übernahme neuen Wissens durch die vorhandenen Machtapparate verhinderten. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit war äußertst erschwert. Positive Effekte zur Entwicklung der bzw. in der Gesellschaft waren extrem gehindert. Die Folge ist das, was Rudolf Bahro die »Kollektive Verantwortungslosigkeit« nannte. Dieses ist aber allen Einherrschaften oder Diktaturen immanent, unabhängig davon in wie weit sie ihre Legitimation dogmatisch, d.h. von monopolisierbaren Lehrmeinungen und Glaubensdoktrinen ableiten. Aus der genannten Problematik resultiert der hohe Anpassungsdruck im Prozess der (nennen wir sie weiterhin:) Transformation.

Andererseits: Welche Fehler in kapitalistischen Unternehmen wurden ,rechtzeitig‘ korrigiert und welche Folgen derselben sind nicht in letzter Konsequenz von der gesamten Gesellschaft getragen worden.[13]

Vom Systemgegensatz verbleiben letztlich schwer korrigierbare psychosoziale Fehlentwicklungen. Zu deren Umlenkung bedarf es möglicherweise mehr als einer Generation. Aber genau diese Problematiken werden aus der Alltagsdiskussion ausgeblendet. Der politische wie der wissenschatliche Diskurs leiden unter der Dominanz der Instrumentalisierbarkeit von Problembereichen in den jeweils tagespolitischen Auseinandersetzungen, in den immerwährenden Machtkämpfen. In wie weit die Funktionalisierbarkeit als dominantes Prinzip eine Rolle spielt, kann aus dem gg. Zusammenhang nur vermutend abgeleitet werden. Es gibt aber gute Gründe zu dieser eher für die Politische Kultur pessimistischen Einschätzung. Über Relativierungen ergeben sich Differenzen – aber liegen die Prinzipien über ihre Negativfolgen so weit auseinander?

Ein weiterer Bereich ist (bzw. war) die Einbeziehung der industriellen Produktion (Textilindustrie, Chemische Industrie, Herstellung von Vorprodukten ) in die kapitalistischen Weltmärkte. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das in der Zeit globalisierter Marktbeziehungen zur Undurchschaubarkeit vieler Produkte führt. Man vermag bei kaum einem Produkt noch alle Wege nachzeichnen bis zu dem Moment, in dem es der Kunde erwirbt. Dies ist heutzutage selbst bei einem Joghurt-Becher unmöglich geworden.

Für die jahreszeitbezogenen SSV und WSV in Westeuropa produzierten Güter (die zudem oft kurzfristig dem dortigen ,Markt‘ entzogen worden waren und dadurch der eigenen Bevölkerung vorenthalten wurden) war der Preis der angebotenen Ware das entscheidenden Kriterium, nicht der Produktionsort: £ ódŸ , Plauen, Pakistan oder Portugal.

Die Frage der Arbeitsbedingungen ist graduell, wenngleich die soziale Absicherung in der DDR oder Polen prinzipiell und deutlich besser war als in Ländern der Semiperipherie.

Von Ländern wie der CSSR und Ungarn wurde in der Wendezeit berichtet, dass es in der Ökonomie und anderen Bereichen der Wissenschaft, aber auch in den Planungsinstitutionen Vorbereitungen zur Umstellung der Produktion nach betriebswirtschaftlichen Kriterien (in der sicheren Erwartung von bevorstehenden qualitativen Veränderungen?) gegeben hat.

Die relativ schnellen Umstellungen auf die neuen Anforderungen, das schnelle Erlernen neuer Inhalte, hat für jüngere Experten oftmals nur wenige Wochen oder Monate bedurft. Auch dieses kann als Beleg für das nachholende und kompensatorische Lernen des bis dato Unbekannten, den Ausgleich von Modernitätsdefiziten gelten.

Junge russische, polnischen, tschechische, ungarische etc. Wissenschaftler und Experten haben z.B. sehr schnell Fuß gefasst im Einstieg in die neuen Technologien (IT-Bereich). Dies mag durchaus daran liegen, dass die mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung in den östlichen Ländern sehr gut war. Den Sozialismus als etwas prinzipiell bzw. substanziell ,Anderes‘ hat es nur in der Vorstellungswelt der Dogmatiker gegeben.

All das lässt den Transformations-Begriff im Lichte von partieller Rückständigkeit sowie von Struktur-Disparitäten erscheinen von nachzuholendem Know-how, insgesamt von nachzuholenden strukturellen Veränderungen.

Transformation bedeutet im gesellschaftlich-ökonomischen Bereich nicht die Einführung von etwas völlig ,Neuem‘.

10. Unterrichtliche Kontexte

Der Text wurde verfasst im Anschluss an eine Studienfahrt eines Leistungskurses (Erdkunde) und eines Grundkurses (Politik) nach Polen. Nach Vorbereitungen im Unterricht und Diskussionen mit Experten auf der Reise stelle sich der Bedarf zu einer Gesamt-Darstellung des Vorgangs der Transformation heraus. Der vorliegende Aufsatz stellt den Versuch dar, auf der Basis von Deskriptionen und möglichen Definitionen einschließlich eines semantischen Zugangs zur Begrifflichkeit in einer möglichst ,schülerfreundlichen Sprache‘ zur Problematik hinzuführen. Das seit längerer Ziet sich ergebende Phänomen, seitens der Schülerinnen und Schüler längere Texte nur widerwillig zu lesen, komplizierte Satzbildungen nicht durchdringen zu wollen und Fremdwörter möglichst nicht in ihrer Tragweite erfassen zu wollen oder nicht nachzulesen, auch unreflektiert dem Wust von Angeboten des Internets nachzugeben und nach Zufallskriterien fragwürdige Texdarstellungen zu entnehmen. Dem Mainstream zu kurzen vereinfachten und ggf. bruchstückhaften Gedanken und ihren entsprechenden Urteilsbildungen soll ebenfalls entgegengewirkt werden.

Insgesamt stellt der Text den Versuch dar, den tradierten Ansatz der Politikdidaktik, problemorientiert in den entsprechendden Ebenen in komplexe Zusammenhänge einzudringen und diese über ihre zeitgschichlichen Zusammenhäng zu bearbeiten und als langerfristige Prozesse zu begreifen. Das neue (universalistische) Problem, der vereinfachenden journalistisch - politischen Sprache in den Medien wie der aktuellen Politik, den zunehmend – je nach dem – euphemistischen Darstellungen oder überzeichnenden Negativdarstellungen und Verzerrungen wie Simplifizierungen muss entgegengewirkt werden.

Wir müssen uns dem Gratwandel stellen, einerseits auf der Basis der Schülersprache und ihrem Verständnis zu arbeiten – und dies angesichts oftmals unzureichender Vorbereitung durch die Sekundarstufe I – und andererseits den Ansprüchen eines entsprechenden Reflexionsgrades zu entsprechen.

11. Stichworte für den Unterricht[14]

Real existierender Sozialismus - Transformation - Europäische Perspektiven

1.   Sowjetunion/UdSSR und die Geschichte des »Ostblocks«

1918

 

Oktoberrevolution, Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg, später Leningrad. Machtübernahme durch die Bolschewiki (Lenin, Trotzki)

 

nach 1918

Aufbau des „Apparats“, Parteiherrschaft

 

 

Zwangskollektivierung der Landwirtschaft / „Kulaken-Verfolgung“

 

 

 

Sowchosen (Staatsgüter), Kolchosen (Kollektivgüter, Cooperativen)

 

seit 1925

 

„Marxismus/Leninismus“: Vorrang der industriellen Modernisierung

 

 

 

Stalin: Ausbau von Stahl, Kohle, Eisenbahn, Bewässerung, Rüstung. – Staatsterror

 

ab 1940

 

Absoluter Vorrang der Rüstungsindustrie, Panzer, Flugzeugbau. – Ökonomische Standardisierung, riesige Industriekombinate, massiver Ausbau von Industrieregionen

/

1939-1945

 

Zweiter Weltkrieg, in der UdSSR seit 1941 nach einer Rede Stalins: „Großer Vaterländischer Krieg“

 

ab 1945

 

Zwangseinführung des sozialistischen Systems im eigenen Einflußbereich (Osteuropa)

 

 

 

1949 RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, COMECON)

 

 

 

1955 WPO (Warschauer Pakt Organisation, militärische Integration)

 

1948

 

Bruch Jugoslawiens unter Tito mit Moskau, „Titoismus“ wird zum Hauptanklagepunkt gegen „Abweichler“ bei den politischen Schauprozessen in der UdSSR, in Ungarn, Rumänien, Bulgarien und anderen „kommunistischen Ländern“: Staatsterror als Systemstabilisierung.

 

 

 

 

In Jugoslawien Versuch einer „blockfreien“ Politik und des Aufbaus eines dezentralen „sozialistischen Wirtschaftssystem“, dem „Jugoslawischen Modell“. 1956 Kongreß der blockfreien Staaten in Belgrad (Jugoslawien, Indien, Indonesien, Ägypten, Ghana werden  zu Trägern der „Blockfreienbewegung“: Bandung-Vertrag)

 

 

März 1953

 

Tod Stalins. Nach Stalins Tod: „Entstalinisierung“, aber keine Aufgabe der Hegemonie der UdSSR. Kollektive Führung des ZK der KPdSU

 

1953

 

17. Juni: Arbeiterrevolte in der DDR, militärisch niedergeschlagen

 

1956

 

XX. Parteitag der KPdSU, Abrechnung mit Stalin und dem Personenkult. Alleinige Macht geht schrittweise an Nikita Chruschtschow: enttäuschte Liberalisierungshoffnungen

 

 

1956

 

Juni-Aufstände in Polen, Posener Aufstand, ausgehend von den Cegielski-Werken: Regierungswechsel, Gomu»ka; militärisch niedergeschlagen

 

 

1956

 

In Ungarn wird der Stalinist Rákosi durch den Reformkommunisten Gerö abgelöst. Volksaufstand in Ungarn, Ministerpräsident Imre Nagy bildet Mehrparteienkabinett und proklamiert den Austritt aus der WPO. Der Aufstand wird von der UdSSR militärisch niedergeschlagen. – Die Regierung János Kádár setzt aber einen vorsichtigen Kurs der inneren Liberalisierung und der Wirtschaftsreformen fort

 

 

13.8.1961

 

Bau der Berliner Mauer

1968

 

„Prager Frühling“, Reformkommunismus von Dub ek, militärisch niedergeschlagen

 

1968

 

Unterdrückung von Studentenunruhen in Polen

 

1970/71

 

Unruhen in Polen, Regierungswechsel: Gierek

 

1976

 

Streik in der polnischen Traktorenfabrik URSUS-Werke bei Warszawa

 

 

1980

 

Streiks in Danzig/Lenin-Werft: Lech Wa sa, Gründung der Gewerkschaft Solidarno , „Danziger Vereinbarungen“. – „Kriegsrecht“ unter General Wojciech Jaruzelski, Verbot Solidarno , Untergrundtätigkeit

 

 

1970-1990

 

Schrittweise Ablösung des „Kalten Krieges“ durch Abrüstungsverträge USA/UdSSR (SALT), „Neue Ostpolitik“ der Bundesrepublik Deutschland unter der „Großen Koalition“ Kiesinger/ Brandt und der „Sozial-liberalen Koalition“ Brandt/Scheel sowie Schmidt/Genscher: „Deutsch-deutscher Grundlagenvertrag“, „Moskauer Vertrag“ (12.08.1970), „Warschauer Vertrag“ (7.12.1970)

 

 

ab 1980

 

Innere politische und ökonomische Zerfallserscheinungen in der UdSSR, u.a. durch die gescheiterte Intervention in Afghanistan, der permanenten Kaukasus/Tschetschenien-Krieg und zentrifugale Entwicklungen in den sowjetischen Peripherien. Führungsprobleme des ZK der KPdSU. Neuer Generalsekretär und Regierungschef: Gorbatschow – Reformpolitik des „Glasnost“ und der „Perestroika“

 

 

1989/90

 

Selbst-Auflösung von UdSSR (belanglose Nachfolge: GUS, Gemeinschaft Unabhängiger Staaten), RGW und WPO. Systemwechsel im gesamten ehemaligen Hegemonialbereich der Sowjetunion. Fall der Berliner Mauer 9.11.1989. 18.03.1990 erste freie Volkskammerwahl der DDR

 

 

 

„Zwei + Vier Verträge“ zur Deutschlandfrage, bei denen Polen nur Beobachterstatus erhält. Beitritt der DDR zur BRD (3.10.1990)

 

 
     
 

 2.   Paradigmen der sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

Gesellschaftliche Zielvorstellungen:

o

 

Die sozialistische Gesellschaft beruht auf dem Sieg des Proletariats (Arbeiter, Landarbeiter, Soldaten) über die Bourgeoisie (Bürgertum, Kapitalisten), d.h. also über den „Kapitalismus“; das Ziel ist die kommunistische klassenlose Gesellschaft nach dem Ende aller Klassenkämpfe; letztlich ist das aber nur global in einer „Weltrevolution“ endgültig zu erreichen

 

o

 

Gleichheit der Menschen durch Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln

o

 

Politische Teilhabe durch Willensbildung in Räten von unten nach oben

 

o

 

Permanente Politisierung des Alltags im Sinne der „gesellschaftlichen Verantwortung“

 

o

 

Solidarität der Menschen untereinander ohne Rassen- und Volkstumsunterschiede

 

o

 

Internationalismus mit dem Ziel einer friedlichen kommunistischen Weltordnung

 

o

 

Freiwillige Annahme der gesellschaftlichen Pflichten zur kollektiven Arbeit

 

 

o

Erstrebter Sparsamer Umgang mit den Ressourcen durch gesellschaftliche/staatliche Planung

 

 

 
     
 

Scheitern dieser Konzeption in der Praxis:

 
 

o

 

Herausbildung einer »neuen Klasse« von unkontrollierten Bürokraten, politischen Funktionären, Privilegierten, Sicherheitsorganen und Geheimdienstlern (»Nomenklatura«)

 

o

 

Parteiherrschaft dominiert die Willensbildung in den Räten „von oben nach unten“

 

o

 

Der »homo sowjeticus« entzieht sich jeglicher Verantwortlichkeit in eine „Nischengesellschaft“

 

o

 

Die Ziele der Solidaritätsforderung, des Antirassismus und des Internationalismus werden nicht erreicht; viele Angehörige der »Nomenklatura« sichern sich ihre persönliche partikulare Macht durch Rekurs auf überkommene nationale und ethnische Stereotype

 

o

 

Die Sparsamkeit der Produktion wird durch das Wirtschaftssystem konterkariert

 

 
     
 

Insgesamt nimmt nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Systemscheitern im gesamten RGW-Bereich einen so katastrophalen Umfang an, daß ein Zusammenbruch unvermeidlich war

Wirtschaftliche Zielvorstellungen: 

o

 

Zentrale Planung sichert den rationalen Ausgleich von Möglichkeiten und Bedürfnissen

 

 

o

 

Industrialisierung löst die Reste der ruralen Gesellschaften ab

 

 

o

 

Modernisierung der Gesellschaft bedeutet Technisierung der Wirtschaft

 

 

o

 

Schwerindustrie ist der Motor der Modernisierung und hat unbedingten Vorrang

 

 

o

 

Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln sichert eine zentral gelenkte rationale, verantwortliche und sparsame Produktion und Distribution und eine gerechte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

 

 

 
     
 

Industrialisierung ist das ökonomische Hauptmerkmal in der UdSSR seit 1925 und in den übrigen RGW-Staaten seit 1948. Die Vernachlässigung der übrigen Wirtschaftssektoren (Konsumgüter/Versorgung, Landwirtschaft, Dienstleistungen) ist ein wesentlicher Grund für das Scheitern dieser Wirtschaftsordnung. Die kontroversen Auffassungen zum Privateigentum an Produktionsmitteln sind sowohl Kern der ideologischen Legitimation des Sozialismus wie der Strukturveränderungen in der Transformationsphase. Die Frage nach der Eigentumsordnung ist immer zuerst zu stellen!

Scheitern des sozialistischen Wirtschaftsmodells:

o

 

Zentraler Planung gelang kein ressourcensparendes Modell der Produktion, da pauschale Mengen- und Gewichts-Plandaten die Effizienzkontrolle über Kostenrechnungen nicht ersetzen konnten; Sparsamkeitsappelle wurden daher in den Betrieben systematisch unterlaufen

 

 

o

 

Der kapitalistische Innovationsdruck zur technologischen Modernisierung in einer Konkurrenzwirtschaft ließ sich durch staatliche Technologieplanung nicht effizient ersetzen

 

 

o

 

Dem Scheitern der optimistischen Gesellschaftsziele (s.o.) folgte ein weitgehendes Scheitern der erwarteten Verantwortlichkeiten in der Produktion, die zunehmend durch Gewalt und Kontrolle ersetzt werden mußten

 

 

o

 

Verhaltensmuster des genannten »homo sowjeticus« – Rückzug in private Nischen, Abwehr von Initiative und Verantwortung, Erleben von Staat und gesellschaftlichen Bindungen über den Privatbereich hinaus als Zwang und Zumutung, privatistisch-subversives Unterlaufen von beruflichen Alltagsanforderungen, Entwickeln einer „Doppelrealität“, Mißtrauen gegenüber jeglicher Öffentlichkeit – verhindert das Entwickeln industriestaatlicher und staatsgesellschaftlicher „Arbeitstugenden“ und letztlich das Funktionieren der Betriebe

 

 

o

 

Das Planungssystem war zu langsam und schwerfällig, um flexibel auf Strukturveränderungen in der Wirtschaft und erst recht auf dem Weltmarkt zu reagieren; zudem reichte durch mangelnde Kontrolle über die Kommunikationsstrukturen und überall praktizierte auch innerstaatliche Desinformation das Wissen der Planungsbehörden nicht aus, sachgerechte Pläne entwickeln zu können.

 

 
     
 

Daraus rührt der miserable Zustand der staatlichen Statistiken z.B. in der UdSSR oder der DDR, die zu völligen Fehleinschätzungen der wirtschaftlichen Potentiale auch im westlichen Ausland führte. Viele ehemalige Bürger der UdSSR oder der DDR nehmen diese geschönten und auch noch propagandistisch überhöhten Selbstbilder auch heute noch als Realität und können den abrupten Zusammenbruch der Systeme innerlich nicht nachvollziehen. Eine kritischere Realitätssicht entwickelten Polen und Ungarn entsprechend ihrer staatsdistanzierten politischen Traditionen schon sehr viel früher. In beiden Ländern funktionierte die Wirtschaft besser dort, wo sie sich eigentlich systemdivergent entwickeln konnte, was von den Regierungen mehr oder weniger offen akzeptiert wurde. In Ungarn näherte sich das Wirtschaftsverhalten der dominierenden Cooperativen relativ unbehelligt von staatlichen Eingriffen immer mehr westlich-marktwirtschaftlichen Modellen.

3.    Transformationsprozesse

Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Herrschafts- und Wirtschaftsordnung änderten sich folgende gesellschaftliche und ökonomische Kategorien sehr schnell:

o

 

Privatisierung der Betriebe und Auflösung der LPGs bzw. Cooperativen

 

 

o

 

Aufgabe der zentralen Wirtschaftsplanung und Auflösung der Planungsbehörden

 

 

o

 

Einführung eines Mehrparteiensystems der repräsentativen Demokratie

 

 

o

 

Veränderung der Staatssymbolik, Anknüpfen an ältere staatliche Traditionen

 

 

o

 

Umorientierung von der »Blockintegration« zum Weltmarkt, zur EU bzw. zur NATO

 

 

o

 

Eingehen neuer bilateraler und multilateraler Verträge mit den Nachbarländern

 

 

o

 

Völlige Erneuerung des Wirtschafts- und Zivilrechtes

 

 

 
     
 

Fundamentale Probleme des Transformationsprozesses

Der Erfolg und die Akzeptanz der Transformationsprozesse ist in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Während in den EU-Beitrittsländern (Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien etc.) sehr große Fortschritte beim Aufbau eines EU-adäquaten wirtschaftlichen und politischen Systems gemacht worden sind, ist die Transformation zunächst gescheitert in den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens, nur bedingt erfolgreich in den übrigen Regionen Südosteuropas und von der alten »Nomenklatura« weitgehend unterlaufen in den Staaten der GUS, in denen sich nur gegen erhebliche Widerstände gesellschaftliche Modernisierungen durchsetzen lassen. Dies entspricht andererseits einem zentral-peripheren Gefälle der Gesellschaftsentwicklung, bei der Rußland wegen seiner Größe und Heterogenität einer regional differenzierten Betrachtung unterworfen werden muß. Grundsätzlich ist die Zeit von 1990 bis 1995 in allen Transformationsländern gekennzeichnet durch Abnahme der Produktion und des Bruttosozialproduktes, schlagartigem Anstieg der Arbeitslosigkeit bis auf über 50 % (Arbeitslosigkeit gab es im sozialistischen Wirtschaftssystem überhaupt nicht) und dem Zusammenbruch ganzer Wirtschaftszweige vor allem im industriellen Bereich.

o

 

Die Aufgabe der staatlichen Privilegierung der Industrie führt überall zu massiven industriellen Produktionsrückgängen, zu Firmenschließungen und regionsweise zum Verschwinden ganzer Industrieagglomerationen.

 

 

o

 

Die Weltmarktkonkurrenz zeigt, daß die bisherige industrielle Fertigung Ressourcen verschwendet, unproduktiv ist, z.T. technologisch überaltert und eine viel zu geringe Arbeitsproduktivität aufweist. Beim Weiterbestehen der Betriebe ist ein massiver Modernisierungsschub notwendig, der neue Techniken einführt, Rationalisierung und Automatisierung mit Einsatz der EDV voraussetzt und bis zu 90 % der Arbeitsplätze einspart.

 

 

o

 

Die notwendigen Modernisierungen können und sollen in einer privatisierten Wirtschaft vom Staat nicht finanziert werden; privates Kapital ist aber nicht bzw. in Polen und Ungarn nicht in nennenswertem Maße vorhanden, staatliche Kredite und Bürgschaften sind, Mangels eines funktionierenden Steuersystems und der wachsenden „öffentlichen Armut“ nicht zu erhalten; es bleiben ausländische Investoren als Hoffnung.

 

 

o

 

Ausländische Investoren sind nur begrenzt an Industriestandorten interessiert, da sie sich selbst wohl kaum eine Konkurrenz aufbauen wollen; industrielle Investitionen betreffen nur Zweigwerke als sogenannte „verlängerte Werkbank“ ohne eigene technische Kompetenz und Entwicklungsfähigkeit

 

 

 

 

– 

– 

 

 

 

Auslagerung der Bus-Produktion von MAN nach Polen etc.

Montage von VW bei Pozna . Hier auch Infrastruktur- und Qualifikationsmaßnahmen, die über eine reine Produktionsauslagerung hinaus gehen

Nicht sehr erfolgreich der Einstieg der koreanischen Firma Deewoo bei FSM (Polski Fiat) bei Warszawa

Die Hoffnung auf eigenständige Entwicklung im Sinne einer Verlagerung der technischen Modernisierungsphasen in die Transformationsländer nach den „Kondratieff’schen Wellen“ ist wenn überhaupt nur langfristig von Bedeutung.

 

o

 

Ausländisches Kapital beschränkt sich auf die Erschließung der Konsummärkte im Handels- und Dienstleistungssektor

 

 

 

 

In der GUS Staaten ergibt sich hier das Sonderproblem, daß sich Angehörige vor allem der regionalen »Nomenklatura« ehemaliges Staatsvermögen illegal angeeignet haben und als privates Spekulationskapital nutzen und z.T. ins Ausland verschieben. Dies ist die Machtbasis der sogenannten »Oligarchen«, die in weiten Bereichen vor allem auch in Mittelasien die legitime Staatsmacht unterlaufen oder abgelöst haben. Im gegebenen Falle finanzieren sie eigene bewaffnete Machtapparate und lokale »warlords«. Diese Entwicklung hängt damit zusammen, daß auch in der sowjetischen Zeit eine nachhaltige Staatsentwicklung und die Herausbildung einer Staatsgesellschaft nach westeuropäischem Muster nicht gelungen ist und daß alte, feudale Klientelbeziehungen die sozialistische Zeit überdauert haben.

 

 

 

 

 

In Polen und teilweise in Ungarn ist die Situation differenzierter zu sehen als in den übrigen ehemaligen RGW-Staaten. Sogenanntes „Schlummerndes Kapital“ in Form von Ersparnissen der Familien (in Polen geschätzt mehrere Mrd. DM, im statistischen Durchschnitt über 1000,‑‑ DM pro Familie) wird z.T. dem Konsum zugeführt und erhöht damit die Kaufkraft und wird anderenteils für private Investitionen genutzt (kleinbetriebliche Investitionen, Hausbau etc.). Dies führt zu einer Abmilderung der unmittelbaren Krisenfolgen, so daß in Polen seit 1993-94 ein positiver wirtschaftlicher Umschwung einsetzt.

 

 

 

 

 

Polen und Ungarn profitieren auch von Einkommen der Migranten z.B. in Deutschland bzw. Österreich und von Rücküberweisungen aus Schwarzarbeitsverhältnissen. Rückkehrer nach Polen und Ungarn sind für die Binnenwirtschaften positiv, da sie nicht nur Geld, sondern auch „human capital“ im Sinne von Qualifikation, Erfahrung und Initiative mitbringen.

 

 

 
     
  Quelle: Gerhard Voigt: Merksätze für Erdkunde-Leistungskurs Kl. 13. – Schuljahr 01/02, 3. Semester.
Aus Anlaß der Auswertung der Klausur über Kraków / 17.11.01]
 
     
 
[1]     Zur vertiefenden Fragestellung vgl. z.b.: Nettelmann, Lothar: Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Han­nover 1997, S. 193 - 214. 
[2]     Der Begriff staatssozialistisch ist zudem unspezifisch und irreführend. Er entstammt deskriptiven An­sät­zen West-Europas und somit dem politischen Denken in Kategorien einer Staatsgesellschaft. Die Krux besteht zugleich da­rin, dass in eben diesen westlichen Staatsgesellschaften die wirtschaftli­che Tä­tig­­keit von der ,Wirtschaft‘ Nahe­ste­hen­den nicht erwünscht und bekämpft wurde und wird (abge­se­hen vom Sub­ven­ti­ons-Empfang) und die Ökono­mien Osteuro­pas über die Assoziation ,Staat‘ geradezu diskreditiert wer­den sollten. ,Kommunistischer Staat‘ und ,sozialistisch‘ sollen beide eine Negativ­asso­zi­­ation erzeugen und haben in der Wortverknüpfung eine abwertende Funktion. 
[3]     Man denke dabei an das Wort Helmut Kohls, für ihn “fange der Sozialismus bei einer Staatsquote von 50 Prozent an.” 
[4]     Ein bisher immer wieder ausgespartes Problem ist, inwiefern man überhaupt noch die Kategorie ,westlich‘ an­wenden kann und darf. Da es sich um einen Rückblick handelt, ist es sicherlich noch ak­zeptabel. Man muss sich aber be­wusst machen, dass man sich im Prozess der Transformation befin­det, der eingebunden ist in den der Globali­sie­rung. Damit sind diese Kategorien wenn nicht aufgeho­ben, so doch als zeitlich überholt und somit als historisch begrenzt einzustufen. 
[5]     Die Begrifflichkeit wurde aber niemals diskutiert und umfassend untersucht. Handelt es sich um freiwil­lige und be­wusste Akzeptanz oder ergab sich die Adaption ,einfach‘ so? Das im sozialwissen­schaft­li­chen Sinne Entschei­dende, die Reflektion des Prozesses selbst, seine Antriebe, die Motiva­tionen der Träger und ihre Vorgehenswei­sen bleiben ,außen vor‘. Die Frage nach der erfolgten Steu­e­rung oder gar der Steuerbarkeit sind nicht geklärt. Eben dieses aber lässt wiederum Schluss­folgerun­gen auf die Dy­namik des Anstoßes zur Umbruchsituation und eben dem, was über­schriftenartig seit dem Jahre 1990 als Transformation bezeichnet wird. Andererseits ergeben sich aus den entspre­chen­den Frage­stel­lungen Hinweise auf die Schwierigkeiten des gesamten Adap­tions­‑Pro­zes­ses, die Skep­sis vieler Men­schen, seine partielle Ablehnung, die Rückläufigkeit des gesamten Pro­zesses und Ent­spre­chendes mehr. 
[6]     In Polen wurden auf Grund des Einflusses der Solidarno als Wesensmerkmale die Einführung von Verfas­sungs- und Verwaltungsgerichtsbarkeit beschlossen und bereits während der Präsidentschaft des letzten kom­munisti­schen Staatsoberhauptes, des Generals Jaruzelski, umgesetzt. Auch die Juri­sten­ausbil­dung orientierte sich im Unterschied zur DDR zunehmend an Mustern westlicher parlamen­ta­risch-de­mokratisch verfasster Rechtsstaaten. 
[7]     Vgl. hierzu: Voigt, Gerhard (Hrsg.), 2002: Staatsge­sellschaft. Hannover  [i.V.] 
[8]     Dies korreliert durchaus mit Umfragen in den neuen Bundesländern Mitte der 90er Jahre. Auch dort haben die Men­schen ihre eigene Situation als besser gegenüber den 80er Jahren eingeschätzt. Kollek­tiv jedoch haben sie sich zurückgesetzt gefühlt. 
[9]     Roland Freisler kam durch einen Bombenangriff auf Leipzig im Februar 1945 ums Leben, Hans Frank wurde hinge­richtet, Carl Schmitt verlor wohl als einziger seine Professur. Man kann durchaus konsta­tie­ren, dass die Aufarbeitung der Verstrickungsgeschichte deutscher Juristen in das NS-System nach den Diskussionan um Hans Filbinger erst Mitte der 80er Jahren erfolgte, also rd. vierzig Jahre nach dem Ende des Krieges, als niemand mehr beruflich tätig sein konnte und ein großer Teil Belaste­ter bereits verstorben war. 
[10]   Parallel dazu gab es eine erhebliche wirkende und zweifellos perfektionierte ,Blaupausenspionage‘, die bisher nicht offen gelegte Dimensionen erfasste. Man kann aber davon ausgehen, dass die Haupt­auf­ga­be östlicher Ge­heim­dien­ste in dieser Form der Auslandsspionage bestand. In die innerhalb die­ser Berei­che ,tätigen‘ Frauen und Män­ner, also in gro­ßen technologisch bedeutender Firmen und zentraler Verwal­tungseinrichtungen, wie auch den sub­versi­ven zur Fi­nanzierung diverser in der Sicht der DDR interessanter Gruppen, ins­be­son­dere der DKP und der ihr nahe­ste­h­enden gewerk­schaftliche Grüppchen ,investierte‘ die DDR zweifel­os viele Milliarden DM. Es han­delte sich da­bei um Gelder, die aus der ,alten‘ Bundes­republik über verschiedene staat­liche offiziell bekannte wie geheime oder indi­rekte Finanzierungen sowie durch das ,Abkassieren‘ bundesdeutscher Besucher der DDR oder auf den sog. Tran­sitstrecken einge­nommen wor­den waren und die letztlich der Versorgung der Men­schen in der DDR mit hö­her­wertigen Konsumgütern nicht zur Verfügung standen. 
[11]   Die »Konvergenz-Theorie« enstand in den 60er Jahren in Westeuropa und den USA. Sie hatte die Idee zum Ge­gen­stand, dass sich das ,kapitalistische‘ und das ,sozialistische‘ System aufgrund indu­striege­sell­schaftlicher Be­dingun­gen längerfristig aufeinander zubewegen, dass sich dabei aber das erstere dem letzteren weitergehend, wenn nicht gar vollständig nähern würde. In ihrer Genese ist diese Theorie mit der Gedankenführung der Theorie des »Dritten Weges« vergleichbar. 
[12]   Vielleicht handet es sich auch eher um eine ,Retourkutsche‘ gegenüber den früheren Dogmati­kern der DDR, die die vorgeblich prinzipiellen System-Unterschiede permanent hervorgehoben haben. 

[13]   Stellvertretend für viele Beispiele aus der Nachkriegs‑Geschichte Deutschlands seien die ,Skandale‘ genannt, die mit folgenden Namen oder Stichwörtern benannt sind: Neue Heimat, COOP, Hanomag, Vulkan-Werft, diverse Sub­ven­tions-Skandale sowie Beschaffungs‑Skandale bei der Bundeswehr.

[14]   hinzugefügt von Gerhard Voigt [Merksätze für Erdkunde-Leistungskurs Kl. 13. – Schuljahr 01/02, 3. Semester. Aus Anlaß der Auswertung einer Klausur über Kraków / 17.11.01].

 

 
 

Redaktionelle Anmerkung:

In der Vorbereitung der Studienfahrt nach Kraków/Polen wurden mehrere Referate zur Geographie und Geschichte des ost- und ostmitteleuropäischen Raumes gehalten, deren Texte hier veröffentlicht werden. Für die inhaltliche Gestaltung sind die jeweiligen Referentinnen und Referenten verantwortlich.

Die Vorbereitung und Auswertung der Studienfahrt erfolgte im Rahmen des »Arbeitsschwerpunktes Polen« zum Thema »Länderübergreifende elektronische Partnerschaften / Begegnung mit Polen« im Projekt

InfoSCHUL II-2 im Schulverbund Hannover / gefördert durch das BMfB+F

 

Urhebervermerk: Bismarckschule Hannover. An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover.

Leistungskurs Erdkunde Schuljahr 2001/2002 / Lehrer: OStR Gerhard Voigt.

Autor: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Veröffentlicht in "politik unterricht aktuell" Heft 1-2/2001 (Verband der Politiklehrenden, Hannover).

Veröffentlicht im Internet im April 2002 unter http:\\www.unesco-club-bismarckschule.de.

Vergleiche auch: http:\\www.Bismarckschule.de.

Kontakt: "Gerhard Voigt" <Bismarckschule.Voigt@gmx.de>.

Urheberrechte vorbehalten.

 
     
  IV/02/Voigt  
     

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An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR, bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 01.05.2008