|
 |
|

|
Schriftenreihe des UNESCO-Club für die
UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.
ISSN 0945-1536
|
|
I / II
|
Vorwort und Einleitung
|
|
|
|
| |
Inhalt
I.
Vorwort
II.
Einleitung
1. Rückblick
Einige Gedanken...
2. Zielsetzungen und
Vorüberlegungen
3. Pädagogische
Überlegungen
4. Die Situation im
Nahen Osten
a. Die
Sonderstellung Israels
b. Der Zusammenbruch
des Osmanischen Reiches und die moderne Türkei
5. Islam
6. Alltagsverhalten
und politische Kultur
7. Orient
Impressum des
Buches
Zu
den übrigen Aufsätzen des Bandes
|
|
| |
Es wird Zeit, neue Gebiete zu durchforschen. Wir brauchen euch, junge
Freunde, euch, die bereit sind, neuen Spuren zu folgen, das Wagnis auf sich zu
nehmen, dem Unbekannten die Stirn zu bieten. Abenteuerlust, die in jedem von
uns steckt, sie ist das geheimnisvolle erlangen, etwas zu unternehmen, das
Leben mit mehr zu füllen als mit dem täglichen Gang vom Haus zur Arbeitsstätte
und von dort wieder nach Hause. Sie ist unser eigner Drang, Schwierigkeiten und
Gefahren zu überwinden, Verborgenes zu enthüllen, in Gebiete jenseits des
Alltags einzudringen. Sie ist der Ruf des Unbekannten, die Sehnsucht nach dem
Lande jenseits der Berge, der tief in der Menschenseele wurzelnde göttliche
Trieb, der die ersten Jäger neue Bereiche finden ließ, vielleicht der Urquell
unserer größten Taten, der beschwingte Gedanke, der seiner Freiheit keine
Grenzen setzt. Der Reisende echten Schlages erwägt zwar sorgsam, wählt dann
aber eine Straße und hält unbeugsam an ihr fest. Er gelangt an ein Ziel. Für
ihn gibt es nur eine Straße, die Straße, die vor ihm liegt und auf der es kein
Zurück gibt. Ich sage Ihnen das alles, um Ihnen verständlich zu machen, daß unmöglich
erscheinende Dinge geleistet werden können, wenn sie geleistet werden müssen,
und daß ein anscheinend sicheres Leben erträglich wird, wenn man ein Ziel vor
Augen hat. Allein zu stehen, hat offenbar Vorteile. Man wird unabhängiger im
Handeln und läuft weniger Gefahr, von anderen falsch beraten zu werden. Daraus
folgt aber nicht, daß jeder, der allein steht, notwendigerweise auch stark ist
oder daß man jedes Vorhaben ausführen soll, das von Fachleuten abfällig
beurteilt wird. Hüten Sie sich vor Eigensinn und Tollkühnheit! Für den Starken
bilden Widerstand und Widerspruch eine große Gefahr. Nur der überlegene Geist
läßt sich von der Logik des Gegners überzeugen.“ |
|
| |
I.
Vorwort
Die Orientreise in den Sommerferien 1987
ist Teil einer Reisetradition, die die Bismarckschule Hannover seit Jahren
aufrechterhält; zu denken ist dabei neben vielfältigen unterrichtsgebundenen
Studienfahrten und regelmäßigen Reisen in die VR Polen vor allem an eine große
Reise in den Iran 1974, nach Nordafrika 1981, zum Nordkap 1983 und an die
Türkeireise im Herbst 1985. Der Versuch, mit der Orientreise 1987 an diese
Türkeireise wieder anzuknüpfen und unsere Partnerschule in Istanbul zu
besuchen, scheiterte leider an den türkischen Sommerferien. Doch sollte schon
hier auf den umfangreichen Reisebericht über die Türkeireise 1985, die über
Istanbul hinaus Ankara, Konya, Kappadokien, Pamukkale, Izmir, Pergamon und
Troja einschloß, verwiesen werden, der es uns erlaubt, die Beschreibung der
türkischen Situation im vorliegenden Reisebericht, vor allem die Darstellung
der allgemeinen politischen, geographischen und sozioökonomischen Probleme der
türkischen Republik, kürzer zu fassen. Einige Gedanken aus dem Bericht von 1985
wurden auch in die vorliegenden Ausführungen übernommen.[2]
Der vorliegende Reisebericht ist in
seinen Hauptteilen vom Herausgeber (und Initiator der Reise) erfaßt worden.
Einige Beiträge von Gerhard Stünkel, Udo Herges, Dirk Fuhlbohm, Alexander Schulze
und Hartmut Grote sind, mit der entsprechenden Verfasserangabe, in den
fortlaufenden Text integriert worden, so daß ein weitgehend chronologischer
Bericht über die Reise entstanden ist.
Wir sind keine professionellen
Reiseschriftsteller. Der Wechsel zischen der Schilderung subjektiver
Eindrücke, gemeinsamer Erlebnisse und der Reflexion über die erfahrene
Situation in den bereisten Ländern, macht den Charakter dieses Reiseberichtes
aus. Dennoch sollte er nicht als wissenschaftliche Analyse mißverstanden
werden. Es wurde jedoch darauf Wert gelegt, daß es sich nicht nur um einen
Erinnerungsbericht für die Mitreisenden selbst handelt und um einen
Rechenschaftsbericht für diejenigen, die uns vor und während der Reise in
vielfältiger Weise geholfen und unterstützt haben – auch dies ist ein
wichtiges Motiv für einen umfassenden Reisebericht! –, sondern daß der Reisebericht
von allen mit Gewinn und Verständnis gelesen werden kann, die sich in die
Thematik „Orient heute“ einarbeiten oder selbst Reisen – vielleicht sogar mit
Schülergruppen – vorbereiten wollen! Kurz nach der Reise wurde, um einem
dringenden Bedürfnis an Information nachzukommen, schon ein „Kurzbericht“[3] über diese Reise
erstellt und den Reiseteilnehmern vorgelegt. Die dortigen Ausführungen sind,
mit leichten Überarbeitungen, in den jetzt fertiggestellten endgültigen Bericht
mit aufgenommen worden.
Eine wichtige Ergänzung erfährt der
Reisebericht durch einen kenntnisreichen Aufsatz über orientalische Musik,
angeschlossen an die Beschreibung des Aufenthalts in Konya, den der Kollege
Hans A. Gütte beigesteuert hat, der leider an der Orientreise nicht teilnehmen
konnte, aber 1985 die Gruppe der damaligen Türkeireisenden begleitet und dabei
selbst in Konya war. Ihm sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt!
Den zahlreichen Dankespflichten können
wir hier gar nicht in der gebotenen Ausführlichkeit nachkommen. Das gilt sowohl
für Kollegen der Bismarckschule Hannover als auch für Eltern, Bekannte und
Freunde der Reiseteilnehmer, für materielle Unterstützung wie auch die
Vermittlung von Kontaktadressen, Informationen etc.; vor allem aber danken wir
für fachlichen Rat und Kontaktermittlungen dem Kollegen Dr. Schliephake von
der Universität Würzburg, der Deutschen Botschaft in Damaskus für Informationen
und praktische Hilfen, der Schneller-Schule in Amman, in der wir übernachten
konnten und wo sich uns Herr Bairuti mit Rat und freundlicher Begleitung zur
Verfügung stellte, Herrn Professor Barham vom geographischen Institut der
Universität Amman wie auch den vielen, vielen hilfsbereiten Kontakten in allen
bereisten Ländern, die wir, mehr oder weniger durch Zufall kennenlernen konnten
und ohne die unsere Reise nicht möglich, zumindest nicht so erfolgreich gewesen
wäre. Ihnen allen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.
Ich persönlich schließe in den Dank auch
die Mitreisenden ein, ebenso wie meine Frau und meine Tochter Natascha als
jüngste Teilnehmerin, für die diese Reise neben neuen Erlebnissen auch
Anspannungen und Streßsituationen an der eigenen Leistungsgrenze bedeutete. Ich
hoffe, daß die äußeren Umstände, die gesundheitliche Situation und das
Älterwerden es mir doch noch erlauben, weitere Reisen in ähnlicher Form zu
erleben und die liebgewonnenen Regionen, Stätten und Länder noch einmal
wiederzusehen!
Laatzen,
Sommer 1988
Gerhard
Voigt
|
|
| |
II.
Einleitung
1. Rückblick
Ein Jahr ist seit der großen Orientreise
vergangen. Die Aufregungen, Eindrücke und Sensationen sind Erinnerung
geworden. Es ist Zeit, die Erinnerungen zu fixieren, ehe sie zu Träumen
geworden sind. Es war auf der Rückfahrt, nachts, an Deck der „Paloma“. Die
Reiseerlebnisse rundeten sich und trieben ihrem Abschluß entgegen. Über uns ein
hoher, dunkler Sternenhimmel. Klare, frische Meeresluft, erholsam nach Wochen
brütender Hitze in orientalisch gedrängten Städten mit ihren tausendfachen
Düften und Gerüchen, dem Lärm der Menge und erhaltenen Fetzen von Musik aus
Häusern und Läden, nach schneidend heißem Wüstenwind, Staub und der
erdrückenden Stille der Wüstennächte; jetzt geruhsame drei Tage Seefahrt in der
billigen Decksklasse, und die Nächte auf See. Die meisten Mitreisenden schlafen
schon auf den Holzbänken, in Schlafsäcken oder auf Matten auf dem grün
gestrichenen Metallboden. Das sanfte Rauschen der Wellen am Schiffsrumpf tief
unten wird begleitet von einem unaufdringlichen vibrieren und Brummen der
Schiffsmaschinen. Das milde Sternenlicht konkurriert mit der
Neon-Nachtbeleuchtung der Decks. Wir steuern Limassol an, den Heimathafen der
„Paloma“, übrigens in jüngeren und besseren Tagen als Ostseefähre eingesetzt;
Zypern, Heimat der Europa; dann Rhodos – hic Rhodos, hic salta –: aber wir brauchen
nicht zu springen, unser Schiff wartet ja nach dem Landgang auf uns, um uns
weiter nach Tinos, zur wunderwirkenden Madonna im Kloster auf dem Berge zu
bringen; die Prozession mit hohen Kerzen und Fackeln, Weihrauchdüften und den
Gesängen der orthodoxen Mönche; Menschenmengen im Klosterhof: weiße Mauern,
eine barocke und doch schlichte Fassade, dunkle Zypressen und die dunklen
Portale, in die die Gläubigen in das Halbdunkel hineingezogen werden, zur Gnade
der Madonna, zum Gebet. Und wieder artet das Schiff, an dem provisorischen Kai
vertäut – einen richtigen Hafen hat Tinos nicht –, um uns weiter nach Piräus
und damit zur letzten langen Landetappe unserer Heimfahrt zu bringen. In den
Nächten kreisen die Gedanken noch einmal um die vielfältigen Erlebnisse der
letzten Wochen, wollen Ordnung und Ruhe hineinbringen. Wie hat es doch angefangen?
Was waren die Überlegungen, als der Plan der Orientreise reifte, als wir ein
Jahr lang regelmäßig zusammenkamen, Pläne erörterten, Bedenken zerstreuten, uns
Klarheit über unsere Ziele zu erschaffen versuchten?
Einige
Gedanken, wie Stichworte aufgereiht, drängen sich auf:
Reisen.
Wir suchen im Fremden uns selbst. Wir
erstehen im Unbekannten das Bekannte. Wir entdecken im Neuen das Bleibende. Der
Rhythmus von Aufbruch und Wiederkehr, Heimkehr, ist der Rhythmus unserer
eigenen Biographien, ein Rhythmus, den wir zu einem geringen Teil auch selbst
gestalten können.
Aufbruch.
Der Abreise voraus geht die Zeit der
Vorbereitung, der Vertiefung in die zunächst, so scheint es, unbegrenzte Zahl
der Möglichkeiten; Auswahl, Prüfung, Suche nach dem richtigen Weg und den
richtigen Reisegefährten, Angst vor dem Scheitern und Sehnsucht nach der
Ferne. Und dann fahren wir tatsächlich los. Ein Element der Überraschung bleibt
bestehen. Aber nun wird es sich zeigen, ob unsere Überlegungen der Realität
standhalten – oder ob alles doch ganz anders wird.
Schule.
Auch Reisen kann Schulung sein –
Schulung der Persönlichkeit, indem es die eigenen Schwächen unbarmherzig
aufdeckt, die Grenzen der Leistungsfähigkeit und der Erlebnisfähigkeit
markiert. Es bietet aber auch die Chance, über alte Grenzen – innere wie äußere
– hinwegzuschreiten, sich zu verändern und Neues in sich aufzunehmen. Wieviel
wichtiger sind solche Erfahrungen als alles, was in unserer
institutionalisierten Schule sonst geboten wird!
Orient.
Der Orient ist ein
Produkt unserer eigenen, westlichen Vorstellungswelt. Diese Aussage ist ganz materiell
gemeint und bezieht sich nicht nur auf unser „Bild vom Orient“, sondern, hierin
den historischen Untersuchungen Saids[4] folgend, auf die
tatsächliche gesellschaftliche Entwicklung in den Ländern des Nahen Ostens.
Über lange Zeit hinweg wurde dieser Raum im „westlichen Interesse“ funktionalisiert
– wir werden auf diese Tatsache in unserem Bericht noch zurückkommen – und
spiegelt in seinem heutigen Erscheinungsbild unter anderem auch das Ergebnis
unserer eigenen geschichtlichen Aktivitäten, Zielsetzungen und Vorstellungen.
Doch wird diese ungleiche Beziehung in unserer eigenen politischen Kultur
verschleiert und umgebogen – und damit für uns selbst brauchbarer, akzeptabler
gemacht. Dadurch entsteht unser „Bild vom Orient“, das sich angesichts der
geschilderten Zusammenhänge in der „naiven Betrachtung“ dieser Länder
bestätigt. Aber vergessen wir nicht: Exotik und Abenteuer sind Erwartungen, die
unsere eigenen Erlebnisdefizite widerspiegeln. Eine Reise in den „Orient“ muß
über diese selbstbezogene Vorstellungswelt hinausgehen und die Realität
ergreifen, die ungleich differenzierter und interessanter ist, als es
stereotype Vorurteile jemals wahrhaben wollen. Das bedeutet: genaues
Hinsehen, Geduld, Selbstkritik und die Fähigkeit zum Gespräch, zum
menschlichen Kontakt. Das bedeutet aber auch: gewohnte Maßstäbe der Heimat
hinter sich zu lassen, eigene Wertvorstellungen in Frage stellen zu können und,
vor allem, Überlegenheitsvorstellungen abzubauen. Die Lebensformen und
-möglichkeiten in fremden Regionen erhalten ihren Wert aus sich selbst heraus.
Veränderungen können sich nicht an unseren gesellschaftlichen Zielvorstellungen
orientieren, sondern müssen sich ebenfalls aus der eigenen geschichtlichen
Erfahrung heraus ergeben. Wenn wir dies erkannt haben, sehen wir auch
plötzlich das Gemeinsame menschlicher Existenzformen, Wünsche und Sehnsüchte
in den unterschiedlichen Kulturen, in uns selbst: das scheinbar Fremde ist
doch nur die ungewohnte Einkleidung des Vertrauten. Im Orient wird dies noch
deutlicher, wenn wir erkennen, daß die Wurzeln dieser Kultur auch unsere
eigenen sind: die drei monotheistischen Weltreligionen sind ebenso
gemeinsames kulturelles Erbe wie die Vorstellungen und Ausdrucksformen, die
sich vom alten Orient, der klassischen Antike wie vom Kulturkontakt (und -konflikt)
zischen Islam und Christentum im Mittelalter herleiten lassen. Dieses Erlebnis
der Gemeinsamkeit kann zu einem Erkenntnisziel der Orientreise werden.
|
|
| |
2. Zielsetzungen und
Vorüberlegungen
Im Herbst 1985, nach der Heimkehr von
der damaligen Türkeireise, die uns so viele neue Einsichten und Anregungen,
aber auch offene Fragen hinterlassen hatte, entwickelte sich der Plan einer
Orientreise mit Schülern der Bismarckschule Hannover. Der Impuls entstand aus
dem Bedürfnis einer erweiterten Beschäftigung mit den Problemen des Nahen
Ostens, hervorgerufen nicht nur durch die Erfahrungen beim Aufbau einer
Schulpartnerschaft mit dem Istanbul Lisesi, sondern auch in Anbetracht der
bedeutenden und kritisch betrachteten Rolle, die dieser Raum in der Weltpolitik
wie im Bewußtsein unserer Mitbürger spielt. Die Gespräche in unserer
Partnerschule und im Ministerium für Nationale Erziehung in Ankara warfen so
viele Fragen auf, die über die Situation in der Türkischen Republik
hinauswiesen, daß der unmittelbare Kontakt mit den vorderasiatischen
Nachbarländern zu einem immer dringenderen Wunsch wurde. Diese
Türkeiaktivitäten, die hilfreiche Unterstützung sowohl von türkischen
Dienststellen wie vom Niedersächsischen Kultusministerium fanden, entwickelten
sich parallel zu den jährlich anempfohlenen Schwerpunktthemen für die
UNESCO-Schulen, zu denen auch die Bismarckschule Hannover gehört. Erwähnt sei
hier der schon etwas weiter zurückliegende Projekttag „Islam“ zum
gleichlautenden Schwerpunktthema, bei dem die Beschäftigung mit Kultur und
Gesellschaft der islamischen Welt über den kleinen Kreis speziell
interessierter Kollegen hinaus zu einem permanenten Unterrichtsgegenstand
unserer Schule gemacht werden konnte.
Die darauf folgende Schwerpunktthematik
„Arbeitsmigration in Europa“ spiegelte sich in einer vertieften Beschäftigung
mit Geschichte und Gegenwart der Türkei wider. Die Aufnahme einer
Schulpartnerschaft mit der Türkei – parallel zu weiteren wichtigen Kontakten
und Partnerschaften unserer Schule, z.B. zu Poznan [Polen], Livonia [USA],
Kempele [Finnland] und mehr oder weniger kontinuierlich zu Schulen in England
und Frankreich und der Beteiligung an überschulischen internationalen
Austauschprogrammen – war ein weiterer Baustein zu unserem Selbstverständnis
als aktive UNESCO-Schule. Am Ergebnis dieser Arbeit haben viele Kollegen und
Fächer aktiv mitgewirkt!
Was ist nun das
Besondere an einer UNESCO-Schule? Dazu hier noch einige kurze Bemerkungen. An
dem Modellschulprogramm der UNESCO sind über 1500 Schulen in 80 Ländern
beteiligt. UNESCO-Schulen sind Schulen, die sich im besonderem Maße dem
Erziehungsziel der internationalen Zusammenarbeit und Verständigung
verpflichtet fühlen. Das Engagement einer UNESCO-Schule realisiert sich durch
eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen und Problemstellungen im
Unterricht sowie in zusätzlichen Schulaktivitäten wie z.B. Ausstellungen,
internationalen Veranstaltungen, Studienfahrten, Austauschprogrammen,
Partnerschaften und ähnlichen Aktionen. Darüber hinaus zeichnet sich die Arbeit
der UNESCO-Schulen dadurch aus, daß sie meist einmal jährlich ein
fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen, in dem ein ausgewähltes
internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet wird. Die Bismarckschule
Hannover gehört zu den 21 UNESCO-Schulen in der Bundesrepublik, von denen sich
vier in Niedersachsen befinden. Einen besonderen Scherpunkt ihrer
UNESCO-Arbeit sieht die Bismarckschule Hannover im Aufbau von Schulpartnerschaften,
z.B. zum . Liceum in Poznan (Posen) in der R Polen oder zum Istanbul Lisesi in
Istanbul/Türkei. Um die vielfältigen internationalen Kontakte besser
koordinieren zu können, gründete die Bismarckschule Hannover 1986 als
rechtsfähigen Verein den UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover e.V., der auch die Orientfahrt im Sommer 1987 betreut
hat.
|
|
| |
3. Pädagogische
Überlegungen
Eine Reise, die mit Schülern und Lehrern
im engen Zusammenhang mit einer schulischen Konzeption geplant und durchgeführt
wird, ist etwas anderes als eine übliche Abenteuer- und Erholungsfahrt. Es ist
daher notwendig, sich über die ermittlungsbedingungen für die Reiseteilnehmer
selbst und – in der Folgezeit – für die Schulöffentlichkeit Klarheit zu erschaffen.
Eine in Form und Anspruch so aufwendige Reise, auch wenn sie in der Ferienzeit
stattfindet, steht im Scheinwerferlicht des schulischen Interesses, ja des
Interesses einer Öffentlichkeit, die über den engen Kreis der Bismarckschule
Hannover hinaus reicht; ein erhöhter Legitimationsdruck ist die Folge. Seit
langem wird an unserer Schule den Auslandsstudienfahrten eine besondere
pädagogische Aufmerksamkeit zugemessen. Neben den Studienfahrten der
Oberstufe, die an die inhaltliche Arbeit der Leistungskurse geknüpft sind,
finden seit langem regelmäßige Erkundungsfahrten zu verschiedenen wichtigen
Zielen statt. Im Vordergrund stehen dabei Reisen nach Polen, die als
Ferienfahrten fast regelmäßig zweijährlich in den Osterferien und als
Schüleraustauschfahrten nach Posen im Wechsel mit Reisen von Schülern unserer
Partnerschule nach Hannover, eingebunden in die Städtepartnerschaft zischen
Posna und Hannover, durchgeführt werden. Es ist unmöglich, hier
auch nur annähernd ein vollständiges Bild der internationalen Aktivitäten
unserer Schule geben zu wollen, die damit zu einem wichtigen Erfahrungsbereich
für unsere Schüler werden.
Die Begegnung mit einer Region, die
gemeinhin als exotisch angesehen oder mit dem Etikett „Dritte Welt“ ersehen
wird, erlangt intensive inhaltliche Vorbereitungen. Nicht alle Perspektiven
konnten dazu, so wie es wünschenswert gewesen wäre, den Schülern ermittelt
werden; zu fremd, zu neuartig war der bereiste Raum, waren die anzusprechenden Themen.
Doch die Grundidee erwies sich als durchaus tragfähig: das „Lernen durch
Erfahrung und Anschauung“. Lernen durch Erfahrung ist vor allem ein Konzept zur
Bewältigung und Durchdringung des Alltagslebens und der persönlichen sozialen
Umwelt. Wesentliche Bereiche der Wertfindung in unserer politischen Kultur –
Weltbilder, Urteile über Fremdgruppen, weltpolitische Stereotype, rassische
und kulturelle Vorurteile und Herrschaftslegenden – sind im Alltag wirksam,
aber nur unzureichend durch persönliche Erfahrungen zu begründen oder
abzubauen. Jede bewußte und kritische Ausweitung der persönlichen Erfahrung
durch das Herausgehen aus der Schule und die Begegnung mit fremden
Kulturkreisen ist daher eine nötige Ergänzung und Erweiterung des
„Erfahrungslernens“ in Bereiche hinein, die sonst nur über Medien ermittelt
werden. Konventionelle Ansätze der „Dritte-Welt-Didaktik“ stützen sich vor
allem auf ein bildungsbürgerliches Konzept von „Weltläufigkeit“,
weltpolitischer Kategorisierungsfähigkeit und allgemeinen „Grundwissenskonzepten“
– ob konservativer oder „linker“ Prägung, sei dahingestellt. Alternativ dazu
steht der Ansatz über „Mitleid und Solidarität“. Beide Konzepte sind zwar in
ihren Intentionen positiv zu bewerten, stoßen aber in der Unterrichtspraxis schnell
an Grenzen, die in der – gesellschaftlich bedingt – nur begrenzten
Rezeptionsfähigkeit des Schülers liegen. „Dritte Welt“ ist eben doch
„exotisches Wissen"! Über diese Grenzen hinaus gelangt die
Dritte-Welt-Didaktik nur, wenn sie in die Lage ersetzt wird, unmittelbare
Erfahrungsbereiche des Schülers anzusprechen, und wenn sie zum anderen ihre
Bildungsaufgaben im Einfluß auf die herrschende politische Kultur sieht. Auf
jeden Fall muß eine Reflexions- und Brechungsstufe mehr erreicht werden als im
traditionellen Materialunterricht zur Entwicklungsländerthematik.
|
|
| |
4. Die Situation im
Nahen Osten
Im Vordergrund stand der Wunsch, eine
Region kennenzulernen, die weltpolitisch als Krisenherd zu bezeichnen ist und
deren Situation und Entwicklung unmittelbar auf unsere eigene Gegenwart und
Zukunft einwirkt. Ziel der Reise war, die ökonomischen und politischen
Entwicklungen in diesem Raum aus eigener Anschauung heraus besser beurteilen zu
lernen und die Urteilsfähigkeit durch spontane und von Deutschland aus vorbereitete
Gesprächskontakte, die wir in den bereisten Ländern hatten, zu vertiefen.
Gespräche in der Deutschen Botschaft in Damaskus, mit Professor Barham in
Jordanien und mit John Bairuti von der Schneller-Schule in Amman waren
vereinbart und brachten uns wichtige neue Einsichten. Die ebenfalls
vorgesehenen Gespräche im Istanbul Lisesi, mit Professor Mahli in Damaskus und
in der Deutschen Botschaft in Amman mußten aus verschieden Gründen (Ferien,
Umzug, Zeitdruck) ebenso ausfallen wie das Angebot eines Kontaktes zur
deutschen archäologischen Kommission in Jordanien, deren Adresse und
Kontaktmöglichkeit nicht mehr rechtzeitig vor unserer Abreise eingeholt worden
war.
Mehrmals lagen die kulturellen Wurzeln
unserer eigenen „westlichen“ Zivilisation in Nahost; sei es in
altgeschichtlicher Zeit, als Kultur und Schrift, Philosophie und Kosmogonie aus
Mesopotamien den ganzen mediterranen Raum ergriffen; sei es in hellenistischer
und frühchristlicher Zeit, als Judentum und Christentum in
Auseinandersetzungen mit dem griechisch-antiken Erbe die monotheistischen
Grundlagen der europäischen Kultur schufen; sei es im 8. bis 14. Jahrhundert,
als die arabisch – islamische Kultur in Europa letztlich den Kulturfortschritt
hin zu den Naturwissenschaften, zur Säkularisierung und zur
Handelsgesellschaft anregte: ermittelt durch Kreuzfahrer, über Sizilien unter
arabischer, normannischer und staufischer Herrschaft und über die arabisch
geprägte, in der Reconquista für die christliche Herrschaft zurückeroberte
iberische Halbinsel. Wir finden unsere eigenen Wurzeln im Nahen Osten wieder.
In Aleppo und Palmyra, Damaskus und Petra, Kairo und Jerusalem: Orte
unvorstellbarer historischer Tiefe, Orte auch der subjektiven Sinnfindung und
der Frage nach der eigenen Stellung in der Geschichte und ihrer kulturellen
Überlieferung.
Drei
zentrale Probleme fallen bei einer Beschäftigung mit den Ländern des Nahen
Ostens vor allem ins Auge:
1. Staatliche Instabilität. Die politischen
Verhältnisse sind unsicher und wenig dauerhaft. Die bestehenden Staatsgrenzen
sind entweder „zufällig“ zustandegekommen oder durch ausländische Mächte nach
der Auflösung des Osmanischen Reiches nach eigenen Interessen festgelegt worden
(Curzon, Sykes, Picot). Viele Länder leiden unter Terror und staatlicher
Gewalt.
2. Wirtschaftliche Entwicklungsdefizite.
Nach europäischem Maßstab – in vielen orientalischen Ländern vergleicht man
sich mit Europa – sind die meisten Länder des Nahen Ostens wirtschaftlich
rückständig und gelten als Entwicklungsländer.
3. Gesellschaftliche Zersplitterung. Es
fällt auf, daß es sehr viele geschlossene Gruppen innerhalb der orientalischen
Gesellschaften gibt: ethnische Minderheiten, Religionsgemeinschaften, religiöse
Sekten, politisch-regionale Gruppierungen und „Familienclans“. In Syrien gibt
es z.B. sechs muslimische und elf christliche Religionsgemeinschaften, die
gleichzeitig abgeschlossene soziale Einheiten sind.
Erklärungsversuche fallen in dieser
komplexen und differenzierten Situation nicht leicht; sie werden wohl nur vorläufigen
Charakter tragen. Aber Überlegungen, die offensichtlichen Probleme der Länder,
die wir bereisen, besser erstehen zu können, sind dennoch nicht müßig. Einige
historische Wurzeln der heutigen sozialen Konflikte können durchaus
verständlich gemacht werden.
Alle Länder des Nahen Ostens wurden über
Jahrhunderte hin von den Türken, vom Sultanat des Osmanischen Reiches
beherrscht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts konnten sich nach und nach der
Balkan, Griechenland und auf der anderen Seite der Maghreb und Ägypten von der
osmanischen Herrschaft befreien. Für die europäischen Staaten ist dieser Akt
der Befreiung durchaus konstituierend für die Entstehung eines eigenen
Nationalbewußtseins geworden und ein Teil der kollektiven Erinnerung dieser
Völker, auch wenn andere, europäische Abhängigkeiten, z.B. vom Habsburgerreich,
die neugewonnene Unabhängigkeit stark einschränkten. In den nordafrikanischen
Staaten war dieses Phänomen noch viel deutlicher zu spüren, ersetzte doch
französischer, italienischer und englischer Kolonialismus die zurückgedrängte
osmanische Herrschaft. Die Bildung echter Nationen war so noch nicht möglich,
es mußte noch einige Zeit bis zu einer tatsächlichen nationalen Souveränität
ergehen. Diese konnte dann erst gleichzeitig mit den bis zum Ersten Weltkrieg
unter türkischer Herrschaft verbliebenen Territorien des Nahen Ostens –
Palästina, Syrien und Mesopotamien – errungen werden: aus der Erbmasse des
Sultanats und gegen den Versuch der europäischen Mächte, zischen den
Weltkriegen noch einmal imperialistische Interessen durchzusetzen. Das
Machtgefüge im nahöstlichen Raum vor dem Zeiten Weltkrieg war äußerst
unübersichtlich. England und Frankreich suchten Interessensphären
gegeneinander abzugrenzen, die einzelnen Bruchstücke des Osmanischen Reiches
hatten zwar gemeinsam die Fremdherrschaft erlebt, aber keine gemeinsame
Konzeption für einen staatlichen Neuanfang nach dem Zusammenbruch entwickeln
können. So zogen sich die Bevölkerungsgruppen auf vielfältige,
widersprüchliche, historisch begründete Staats- und Gesellschaftsvorstellungen
zurück, die zischen den Ethnien, regionalen Gruppen und Religionsgemeinschaften
durchaus differierten. Die Europäer spielten keine konstruktive Rolle bei der
Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Identität. Die nach dem Motto „teile
und herrsche“ konzipierte Ordnungspolitik Großbritanniens zum Beispiel konnte
gleichzeitig den islamischen Panarabismus stützen, wenn er im ersten Weltkrieg
dem Kampf gegen die Türkei nütze: Lawrence von Arabien!, und, aus der
innereuropäischen Problemlage heraus verständlich, dem jüdischen Bankier
Rothschild und damit der zionistischen Bewegung in der Balfour-Declaration
eine „nationale Heimstätte“ in Palästina zusichern, um dabei gleichzeitig
wirtschaftliche Interessenpolitik ohne jegliche Beteiligung der einheimischen
Bevölkerung im Nahen Osten zu betreiben: Erdölausbeute in Iraq und Iran,
Suezkanal-Politik, strategische Inwertsetzung Palästinas. An den dadurch
erzeugten Konflikten und Strukturbrüchen in Wirtschaft und Gesellschaft leidet
der Nahe Osten noch heute. Doch seine offensichtliche Unfähigkeit, mit den
aktuellen Konflikten, jedenfalls bis heute, konstruktiv und zukunftsweisend
umzugehen (aber dafür bieten ja auch die europäischen Staaten keine besonders
positiven Beispiele!), ist historisch schon früher angelegt und durch die
chaotische Phase der Auseinandersetzung mit der europäischen Penetration
zischen 1918 und der Mitte dieses Jahrhunderts nur verfestigt worden.
Die Ursachen liegen zu einem Teil in der
Situation der Spät- und Zerfallsphase des Osmanischen Reiches begründet, die
sich, nach der Niederlage vor Wien, über zwei Jahrhunderte erstreckte. Vielleicht
können die Wurzeln aber auch noch tiefer in die Geschichte hinein erfolgt
werden. Schon der Zerfall des arabischen Reiches am Ende des Abbasidenkalifats
von Baghdad ab dem zwölften Jahrhundert und die nachfolgende Kriegs- und
Fremdherrschaftszeit bot für die Länder des Nahen Ostens kaum Möglichkeiten,
eine gesellschaftlich-politische Integrität zu entwickeln; unter vielfältigen,
mehr oder weniger mächtigen oder abhängigen, territorial zersplitterten oder
sich zu Reichen mit außerhalb des Raumes liegenden Herrschaftszentren
zuordnenden Dynastien – Ilkhane, Fatimiden, Seldjuken, Timuriden – konnte sich
keine stabile Staats- und Gesellschaftsordnung entwickeln. Das Osmanische
Reich setzt hier nur die Tradition der Abhängigkeit und des
gesellschaftlich-kulturellen Verfalls fort. Diese wertende Beurteilung sei
hier erlaubt, da sie auch mit der Perspektive der Historiker dieser Länder
selbst übereinstimmt. Das negative Urteil über die Zerfallsphase des
Osmanischen Reiches führte in der Türkei so offensichtlich zu den
politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen von den Jungtürken des letzten Jahrhunderts
bis zur Gründung der Türkischen Republik durch Atatürk, daß eine Kontroverse
darüber wohl müßig ist.
Charakterisieren wir die Situation des
späten Sultanats mit ein paar Schlagorten: Dieser Staat hatte eine nur noch auf
persönlichen Beziehungen aufbauende spätfeudale Verwaltung, die die Änderungen
der politischen und weltpolitischen Rahmenbedingungen nicht mehr aufnehmen
konnte; die Regierung war durch und durch korrupt und bis hoch zum Sultan
selbst nur auf persönliche Bereicherung und Machtentfaltung aus. Hauptziel der
Politik auch in den abhängigen Staatsgebieten des Nahen Ostens war es,
möglichst viele Steuern herauszupressen und für die Fülle der privilegierten
Paschas regionale Pfründe abzusichern.
Diese Politik führte zu massiven
Ungerechtigkeiten und materiellem Elend unter großen Teilen der Bevölkerung. So
bildeten allein die vorhandenen religiösen und ethnischen Gruppen den notwendigen
gesellschaftlichen Schutzraum, der dem einzelnen das Überleben möglich machte.
Kollektive Sicherung auf lokaler Ebene zischen gegenseitig sich verpflichtet
fühlenden Mitgliedern von Wertkonsensgruppen, im Islam ebenso wie in den alten
Nomadengesellschaften Arabiens eine altehrwürdige und bewährte Tradition,
ersetzte staatliches Handeln oder neutralisierte dieses nach Bedarf.
Das Vorbild war die Familie, die als
unterste Ebene sozialer Organisation in ihrer Autonomie bei innerfamiliäre
Angelegenheiten bestärkt wurde. Soziale Gruppen und die familiäre Organisation
der Gesellschaft sicherten die sozialen Grundbedürfnisse. Das bedeutete aber
auch, daß sich diese Organisationsform ganz grundsätzlich gegen den Staat,
gegen jede überregionale Abhängigkeit enden mußte und damit für die
Organisation einer modernen, industrialisierten Massen- und Wirtschaftsgesellschaft
europäischen Zuschnitts untauglich wurde. Die sozialen Gruppen waren einerseits
zu schwach, den Staat tatsächlich abzulösen, um andere übergreifende
gesellschaftliche Organisationsformen entwickeln zu können – wofür sich
historisch die Ideen der muslimischen „umma“ und des Panarabismus angeboten
hätten und von den Literaten und Intellektuellen auch immer wieder in dieser
Weise postuliert worden sind –, aber sie waren andererseits auch zu stark – und
im ganzen Reich ubiquitär –, um vom Staat zerschlagen, in ihrer Funktion
abgelöst oder beherrscht zu werden. Viele dieser Gruppen und auch die Neigung,
in Konflikfällen diese gesellschaftliche Organisationsform zu suchen, bestehen
auch nach dem Ende des Osmanischen Reiches weiter.
Der korrupte Staat, vor dem man sich
schützen muß, die „orientalische Despotie“, ist also eine historische Erfahrung
der Menschen im Nahen Osten. Vieles, was sich uns heute, im positiven wie im
negativen Sinne, als „typisch orientalisch“ darstellt, ist Ausdruck
menschlichen Verhaltens eingedenk dieser geschichtlichen Hintergründe, deren
Bewertung vom Osmanischen Reich auf die neuen Staaten übertragen wurde. Durch
die allgemeine Ablehnung des Staates kann dieser kaum innenpolitische Erfolge
erzielen, wodurch sich das Mißtrauen der Bevölkerung gegen den unfähigen Staat
wieder bestätigt. Nur zu verständlich ist dann, wenn Staaten zum eigenen
Machterhalt die Probleme nach außen projizieren, internationale Sündenböcke
suchen müssen, um ihr Versagen vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen –
und die eigene Macht zu erhalten. Es ist tragisch, daß oftmals kriegerische
Auseinandersetzungen den gesellschaftlichen Fortschritt mehr befördern als die
Kette innenpolitischer Mißerfolge in Friedenszeiten.
Ein Beispiel dafür ist Algerien, das im
Befreiungskampf gegen Frankreich tatsächlich eine eigene und auf eigener
Erfahrung aufbauende nationale Identität entwickeln konnte, die in vieler
Hinsicht die gesellschaftliche und innenpolitische Situation stabiler und für
den einzelnen erträglicher erscheinen läßt als in anderen vergleichbaren
arabischen Staaten. Zurück zum Nahen Osten. Die Regierungen der neuen Staaten
werden, aufgrund eigener historischer Erfahrung und auch gedrängt von den Erwartungen
der mißtrauischen Bevölkerung, eingefangen in Verhaltensmuster politischen
Handelns, die in der osmanischen Zeit angelegt wurden. Auch sie werden –
Ausnahmen bestätigen die Regel – wieder korrupt, wenn sie überhaupt die
Herrschaft behalten wollen: niemand erwartet ja etwas anderes von ihnen! Das Mißtrauen
der Bevölkerung bestätigt sich, der Allltagsanarchismus konterkariert auch
positive Intentionen der Herrschenden, die jetzt zynisch und durch
Gewaltanwendung ihre Herrschaft durchzusetzen versuchen. Einen Ausweg scheint
es – jedenfalls kurzfristig – nicht zu geben. Wenn eine Regierung eines
nahöstlichen Staates innenpolitisch tatsächlich etwas durchsetzen will, muß sie
sich Bündnispartner suchen, von denen sie an der Macht gehalten wird und die
dafür auch Gegenleistungen erwarten: jede Regierung hat in der Bevölkerung eine
Klientel. Das können sowohl soziale Gruppen sein als auch andere Staaten oder
überstaatliche Organisationen, wie z.B. die PLO. Das Bündnis hält so lange, wie
der Widerstand anderer Bevölkerungsgruppen nicht bedrohlich groß wird. Dann
isoliert sich das Land oder die Regierung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die
sozialen oder wirtschaftlichen Probleme so groß werden, daß unbedingt Maßnahmen
erfolgen müssen. An dieser Stelle muß sich die Regierung, wenn sie nicht
gestürzt werden will, neue Bündnispartner suchen. So kann natürlich keine
kontinuierliche Politik gemacht werden!
|
|
| |
In Israel gibt es durch die aus Europa
und Amerika eingewanderten Juden europäische Staatsvorstellungen; deshalb hat
dieses Land einen gewissen Vorteil, was die Herausbildung einer eigenen staatlichen
Identität nach europäischem Muster angeht. Andererseits leben in Israel auch
viele orientalische Juden, die – neben den Palästinensern, die sich vor allem
in den besetzten Gebieten der „Westbank“ und des „Gazastreifens“ als
alteingesessene Bevölkerung konzentrieren – die gleiche historische Erfahrung
verinnerlicht haben wie die anderen Bewohner der orientalischen Nachbarländer
Israels. Der Staat Israel setzt sich also aus zwei – oder mehr – „Staaten“
zusammen: einem europäischen Staat mit „perfekter“ Verwaltung und Bürokratie
und westlich-nationalstaatlicher Politik, und immer größer erdenden
gesellschaftlichen Bereichen, in denen Staatsvorstellungen nach orientalischer
Art zur Leitlinie des gesellschaftlichen Verhaltens im Staat – und gegen den
Staat – wirksam werden. Die orthodoxen Juden in Israel sind ein Beispiel für
eine soziale Gruppe, die sich in der Zeit der osmanischen Herrschaft
ausgesondert und abgeschlossen hat, um sich vor staatlichen Eingriffen in ihr
religiös-soziales Leben zu schützen und um allein einem eschatologischen
Messianismus zu folgen; sie übertragen heute ihre Ablehnung auf den in ihren
Augen verweltlichten und illegitimen Staat Israel. Ihre fundamentalistische
Glaubensüberzeugung, nicht aber ihre völlige Ablehnung staatlicher Organisationsformen,
zeigt durchaus Parallelen zur theokratischen Herrschaft in der Islamischen
Republik Iran.
|
|
| |
Der Zusammenbruch des Sultanats mit dem
Ende des Ersten Weltkrieges ist ein Schlüsseldatum für den Nahen Osten, vor
allem weil er eine neue republikanisch-laizistische Staatsauffassung in der Türkei
ermöglichte, die für viele Politiker des Raumes mehr oder weniger Vorbild
wurde. Der Vorgeschichte des Zusammenbruches gerecht zu werden, bedarf es
auch, neben dem Aufzeigen der inneren Schwächen des Sultanats, des Hinweises
auf die gegen türkische Interessen gerichtete Politik der europäischen
Großmächte. Gefühlsmäßig wurden die Türken in den europäischen Staaten als
Muslime und historische Gegner abgelehnt. Ihr Auftreten auf dem Balkan wurde
allein unter der Perspektive der Bedrohung Europas gesehen, deren Höhepunkt die
Belagerung Wiens gewesen war. Daß das Osmanische Reich zu dieser Zeit gar nicht
in erster Linie expansive Ziele in Europa erfolgte, sondern tief in die
Koalitionen und Intrigen Südosteuropas verstrickt war [und z.B. vor Wien
erschienen als Verbündete ungarisch-siebenbürgener Fürsten, die ihre
Unabhängigkeit von Habsburg sichern wollten und eine Tributpflicht gegenüber
dem Sultan als weniger drückend empfanden] ist vom europäischen
Geschichtsbewußtsein erst noch aufzuarbeiten. Die Türkei war eine europäische
Großmacht geworden, die von den anderen Großmächten zwar in ihre Intrigen und
Bündnisse aus Eigennutz einbezogen, aber nicht als gleichwertig und
gleichberechtigt anerkannt wurde. Dazu war sie als immer präsente Gefahr und
als Erzfeind viel zu nützlich. Vertragsbrüche waren zwar immer schon ein übliches
Mittel der europäischen Politik, gegenüber der Türkei bemühte man sich aber
kaum, diese auch nur ansatzweise zu vertuschen oder gegenüber der politischen
Öffentlichkeit zu legitimieren. Reiner Machtnutzen war Rechtfertigung genug
gegenüber den eigenen „moralischen Normen"! Der innenpolitischen
Strukturschwäche des Sultanats standen so außenpolitische Korruption und
Machtintrige gegenüber. An dem langsamen Niedergang des Osmanischen Reiches
hatten die europäischen Großmächte, vor allem England und Habsburg, gut
verdient.
So wurde die Türkei immer als
minderwertig behandelt und ausgebeutet, aber sie wurde nie militärisch
vernichtet, was den Interessen an einem machtpolitischen Vakuum und
Verfügungsraum im Nahen Osten zischen den konkurrierenden europäischen
Großmachtinteressen nicht entsprochen hätte. Deshalb trat die Türkei im Ersten
Weltkrieg auf die Seite der Mittelmächte, weil das Deutsche Reich
machtpolitisch noch wenig im Nahen Osten engagiert war – und betont
türkeifreundlich auftrat, wie der Besuch Kaiser Wilhelms II. in Konstantinopel
/ Istanbul und in Jerusalem ebenso zu zeigen schien wie die deutsche
Beteiligung am Bau der Baghdadbahn – und daher nicht als imperialistische
Gefahr eingeschätzt wurde. Der Sultan hatte, wie die Geschichte zeigte, keine
realistische Vorstellung von den europäischen Kräfteverhältnissen – darin
Kaiser Wilhelm II. nicht unähnlich! – und von der militärischen Stärke seines
Landes. Daß nur ein einziges Scharmützel mit türkischer Beteiligung im Ersten
Weltkrieg für das Sultanat erfolgreich verlief – die Schlacht von Gallipoli am
Marmarameer unter der Heerführung von Mustafa Kemal Pascha, dem späteren
Atatürk, der hier schon auf dem Wege zum „Volkshelden“ war –, zeigt diese
tragische Verkennung der Situation durch das Osmanische Reich sehr deutlich.
Als das Osmanische Reich besiegt war,
hatten die Alliierten vor, das Gebiet der heutigen Türkei nach polnischem
Muster zu teilen. Das gelang jedoch nicht, weil die aufständische türkische
Armee unter Führung des Gallipoli-Siegers Mustafa Kemal Pascha nach einem
spektakulären Marsch von der Schwarzmeerküste, wo sie sich auf Geheiß des
Sultans ergeben sollte, nach Ankara im inneren Anatoliens, wohin die
militärische Macht der Westmächte nicht gedrungen war, den Kampf wider alles
Erwarten der Europäer fortsetzte und – gegen kriegsmüde und demotivierte Gegner
– einen Sieg nach dem anderen errang und damit den Bestand der staatlichen
Einheit der Türkei sicherte. Die Zeche bezahlen mußten vor allem die in Westanatolien
siedelnden Griechen, die sich in der Hoffnung auf einen Anschluß an
Griechenland auf die Seite der Westalliierten geschlagen hatten und nun zum
ersten Nationalfeind der neu proklamierten türkischen Republik wurden. Sie
mußten unter Leiden und tragischen Verlusten ihre angestammte Heimat erlassen
und wurden von Griechenland aufgenommen. Die Wunden dieses Konfliktes sind,
wie die gegenwärtigen mühsamen Annäherungsschritte zeigen, bis heute nicht
verheilt. Der Führer des Aufstandes gegen die kapitulationsbereite Sultansherrschaft,
der spätere Staatschef Kemal Atatürk, errichtete von Ankara aus einen neuen,
säkularen Nationalstaat und erreichte ein Friedensabkommen mit den ehemaligen
Weltkriegsgegnern.
Die arabischen Gebiete des ehemaligen
Osmanischen Reiches wurden von England und Frankreich untereinander
aufgeteilt. Nach dem Sykes-Picot-Geheimabkommen von 1916 standen Palästina,
das nun für jüdische Einwanderer offen stand, Jordanien und der Iraq unter
englischem, Syrien und der Libanon dagegen unter französischem Mandat. Während
des Krieges, an dem sich auch Araber auf der Seite der Alliierten beteiligt
hatten, hatte man den arabischen Völkern unabhängige Staaten versprochen.
Diese entstanden aber erst nach dem Zeiten Weltkrieg.
|
|
| |
5. Islam
Bisher haben wir die Probleme des Raumes
vor allem in politisch-historischer Perspektive gesehen und dabei den Islam als
gesellschaftliches und historisches Phänomen nur am Rande gestreift. Im
Selbstverständnis der Menschen des Nahen Ostens nimmt der Islam als Religion,
Wertmaßstab und gesellschaftliches Ordnungssystem aber eine solche überragende
Rolle ein, daß wir die Situation dieser Länder noch einmal von dieser Seite
her beleuchten müssen, ohne hier eine Einführung in die Lehren und
Entwicklungen dieser Weltreligion geben zu wollen.[5]
Schwieriger als die aktuelle Problematik
war auf der Fahrt selbst die Auseinandersetzung mit dem Islam zu ermitteln.
Hier zischen der sozialen und zeitgeschichtlichen Oberfläche und der geistigen
Substanz islamischer Wertordnungen zu unterscheiden, erlangt nach einer
längeren und vertieften Beschäftigung mit diesem Themenkreis, die in der
Reisevorbereitung nicht zu leisten war und wohl auch Schüler überfordert hätte.
So ist nur zu hoffen, daß die soziale Realität nicht nur voreilig beurteilt
wird, sondern Anlaß zum vertieften Nachfragen wird. Wo immer es möglich war,
z.B. bei den erschütternden Eindrücken von Not und Verelendung, mit denen wir
in Ägypten konfrontiert waren, habe ich ersucht, Anstöße für eine solche
Reflexion zu ermitteln. Sicher aber ist jedem Reiseteilnehmer durch eine fast
erdrückende Fülle kultureller Zeugnisse aus allen geschichtlichen Perioden deutlich
geworden, daß wir uns im „Orient“ in einem Gebiet von hoher historischer und
kultureller Dichte und Intensität befinden.
Die Folgen der „Islamischen
Renaissance“, die wir mehrfach im erhalten der Bevölkerung beobachteten, für
die soziale und politische Zukunft des Nahen Ostens und für uns selbst können
wir bei unserem gestörten Selbstverständnis als Träger „westlicher Werte“ nur
scher abschätzen. Erst wenn wir die Motive einer „islamischen Revolution“, des
islamischen Sozialismus oder des islamischen Fundamentalismus in der eigenen
gesellschaftlichen Umgebung erfahren, führt das zu einer Überprüfung unserer
eigenen kulturellen Mythen und Überlegenheitslegenden, kann es auch zu einer
neuen „europäischen Bescheidenheit“ führen. Der Nahe Osten stand immer in einem
besonderen Verhältnis zu Europa: als Ursprung, Anreger und Kontrahent. Die
scheinbare Einheitlichkeit des geographischen Raumes mediterraner und arider
Prägung löst sich aber beim näheren Hinsehen in eine Vielzahl deutlich
unterschiedener geographischer und kulturhistorischer Teilräume auf, deren
Individualität die Vielfalt der kulturellen und politischen Anregungen
bewirkte, die wir diesem Raum zu verdanken haben.
Heute ist die kulturelle Prägung durch
den Islam dominant, wenn sie auch nicht alleine das Bild bestimmt, denken wir
einmal an Israel, an die christlichen Bevölkerungsanteile vom Libanon bis nach
Ägypten und auch an die unterschiedlichen Ausprägungen des islamischen Impulses
vom islamischen Sozialismus nationalarabischer Ausprägung in Syrien bis zum
konservativen neofeudalen Islam in Jordanien. Die arabische Dominanz wird
modifiziert durch zwei überlagernde Prägungen: einmal durch die über
Jahrhunderte währende Zugehörigkeit des Nahen Ostens zum Osmanischen Reich mit
deutlichen Elementen der kulturellen Turkifizierung, durch die bestimmte
Rechtsformen entstanden sind, politische und soziale Strukturen und
Handelsformen, durchaus abweichend von orthodox-islamischen und alt-arabischen
Traditionen, die ihre Wirksamkeit bis heute nicht verloren haben. Zum anderen
folgte nach dem Zusammenbruch der türkischen Herrschaft eine Zeit intensiver
europäischer Penetration, die noch in unserem Jahrhundert Abhängigkeiten vor
allem von Großbritannien und Frankreich aufgebaut und ein Staatsmodell
europäischen Zuschnitts, bei oft willkürlichen Grenzfestsetzungen, ermöglicht
hat.
Die Zielrichtung einer verwestlichten
Entwicklungsdynamik konkurriert somit mit den Entwicklungsmodellen islamischer
Provenienz. Diese Vielzahl der Einflüsse und die sehr unterschiedlichen lokalen
und regionalen Gesellschafts- und Verkehrsformen bewirken nun die noch nicht
gelösten Probleme und nicht beseitigten Strukturdisparitäten, die bis heute
immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen und zu Revolten und
Bürgerkriegen geführt haben.
Der Islam besinnt sich auf seine
historische Bedeutung und gesellschaftliche Macht, je mehr das europäische
Entwicklungsmodell verblaßt und an seinen inneren Widersprüchen zu zerbrechen
droht. Umweltkatastrophen und Weltkriegsgefahr, Großmachthegemonie und
Neokolonialismus, Massenarbeitslosigkeit und das Umsichgreifen psychischer
Defekte in der modernen Massengesellschaft, Vereinsamung und Entfremdung sind
Gefahren, die, nach Teilen der intellektuellen Eliten in den arabischen
Ländern, immer weitere Bevölkerungskreise erkennen und fürchten. Die Antwort
des Islam ist, wir deuteten es bereits an, nicht einheitlich. Jahrhunderte
theologischer Stagnation und Unfruchtbarkeit, Unterordnung unter feudale
Despotien, lassen sich nicht in wenigen Jahrzehnten überwinden und aufarbeiten.
Welche historischen Erfahrungen des
Islam sind tragfähig zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft? Wieweit muß sich
der Islam gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen öffnen? Findet er
übertragbare Gesellschaftsmodelle in der Blütezeit des Kalifats, wie es manche
Traditionalisten glauben, oder gar in den Lebensformen der Zeitgenossen
Muhammads, wie es manche fundamentalistische Vorstellung für sinnvoll hält?
Gerade weil er neu gefordert ist, steht der Islam vor einer historischen
Zerreißprobe. Bassam Tibi
untersucht diese „Krise des modernen Islam“ und plädiert, gegen alle
fundamentalistischen Ideen, für eine Individualisierung der religiösen Praxis,
für eine Säkularisierung des Islam in einer Weise, wie sie das Christentum zu
Beginn der Neuzeit durchgemacht hat. Aber ist der heutige Bedeutungs- und
Glaubwürdigkeitsverlust des Christentums für islamische Kreise nicht gerade
ein Gegenargument gegen die Forderungen von Tibi?
|
|
| |
6. Alltagsverhalten
und politische Kultur
Die Auswirkungen historischer
Erfahrungen einer Gesellschaft auf ihre politische Kultur und ihr Alltagsverhalten,
die sozialpsychologischen Probleme dieses „kollektiven Gedächtnisses“ sind in
den letzten Jahrzehnten Anlaß kontroverser wissenschaftlicher Debatten gewesen.
Es bestehen hier noch deutliche Erkenntnisdefizite, obwohl diese Thematik gerade
bei dem Versuch, gesellschaftlich-historische Abhängigkeiten aufzudecken,
immer wieder ins Blickfeld rückt. Im Zusammenhang mit den Gesellschaften des
Nahen Ostens gibt es daher schon eine alte, oft eher spekulative Tradition
sozialhistorischer Kategorisierungen von der frühmarxistischen Theorie über
eine „Asiatische Produktionsweise“, die zu spezifischen Formen der
orientalischen Despotie führt[6], über die These von
der „Hydraulischen Gesellschaft“[7] bis zu den
Untersuchungen über den „Orientalischen Wirtschaftsgeist“ von E. Wirth [1956]. Gegen das marxistische
Modell der gesellschaftlichen Entwicklungsphasen stellt der konservative
Geograph H. Bobek [1959] seine
These vom „Rentenkapitalismus“, der einiges theoretisches Gewicht in der
nachfolgenden orientalistischen Literatur gewinnt. Im Zusammenhang mit einer
ganz anderen Thematik habe ich kürzlich ersucht, durch einen sozialpsychologisch-historischen
Vergleich mit Befunden aus dem Nahen Osten scheinbar „orientalische“ Verhaltensformen
im Alltag einer – desolaten – europäischen Gesellschaft, in Polen, verständlich
zu machen. Diese Überlegungen können, meine ich, auch zurückweisend auf
unsere Thematik aufschlußreich sein, so daß ich einige Passagen der genannten
Arbeit nachfolgend zitieren möchte[8]. Im Vergleich dazu mag
auch noch mein Aufsatz „Über das Handeln und Verhandeln“ im schon erwähnten
Reisebericht Türkei ‘85
(UNESCO-Club) interessant sein.
„Es mag
als Exkurs interessant sein, nach den Ausprägungen und Wertorientierungen
dieses anachronistischen Verhaltenes (Alltagssubversion, Korruption,
Rechtswillkür, Vetternwirtschaft) zu fragen, denn nur aus unserer eigenen
Wertperspektive heraus sind diese Verhaltensweisen eindeutig negativ
gekennzeichnet. Wenn Produktion und Distribution noch eindeutig dem Handeln
konkreter, bestimmbarer Personen zuzuordnen sind, wenn die einzelne ökonomische
Handlung in ihrem Gesamtzusammenhang noch in ihrer direkten Beziehung zum
Lebensunterhalt der Familie gesehen werden kann, ist die Bedeutung der
sozialen Kontakte noch nicht auf den Waren- und Austauschwert reduziert,
sondern in ein soziales Wertgefüge gegenseitiger Verantwortlichkeit
eingebunden. Das hingebungsvolle ‚Feilschen‘ im Bazar, das von westlichen
Touristen fast immer falsch eingeschätzt wird, ist ein solcher Prozeß des
Vertrauensaufbaus und der gegenseitigen Verpflichtung. An die Stelle staatlicher
Regelsysteme, die dazu tendieren, die Handlungsfreiheit des einzelnen immer
stärker einzubeziehen in ein perfektes System der ‚checks and balances‘, tritt
in diesen feudalen, orientalischen oder regressiven Gesellschaften ein (meist
metaphysisch legitimierter) Grundwertkonsens: Sitte, Tradition, Moral, Ritual
oder ein religiöses Menschenbild. Im islamischen Orient hat sich auf dieser
Basis ein funktionierendes, nichtstaatliches Gesellschaftssystem entwickelt,
das unter der Klammer des Wertkonsenses der muslimischen Gemeinschaft ein
dezentrales System persönlicher Verpflichtungskreise und -ebenen aufweist.
Drei Kategorien dieser Gruppenloyalitäten sind z.T. bis heute noch anzutreffen
(nach Kippenberg [1981], S. 222
f.):
– die
Familie (Großfamilie, Verwandtschaft, Stammeszugehörigkeit)
– die
Klientel (wirtschaftliche Verpflichtung, berufliche Gruppenzuordnung [z.B. die
‚Bazari‘, die Handwerksinnungen etc.], feudale Abhängigkeiten [Tribute])
– die
religiöse Loyalität (gegenüber dem persönlichen Lehrer, dem Mullah, dem lokalen
Schriftgelehrten oder religiösen Sprecher).
Alle drei Hierarchien können sich in
vielfältiger Weise überschneiden und verknüpfen, immer aber sind es Beziehungen
zu konkreten Personen, die nicht nur als Rollenträger in einer Institution auftreten.
Der Lebensunterhalt dieser sicherlich auch Herrschaftsfunktionen ausübenden
Hierarchieangehörigen wird dabei nicht von ‚oben‘ her garantiert und
bestimmt, sondern ist Teil der gegenseitigen Verpflichtungen. Diese Bezahlung
kann freiwillig und aus Überzeugung gewährt oder auch erzwungen oder erpreßt
sein. ‚Amtshandlungen‘ müssen, so will es uns von außen her erscheinen,
‚bezahlt‘ werden; abstrakter ‚Dienst am Menschen‘ oder gar im ‚Interesse der
Sache‘ ist unvorstellbar. Immer hat das erhalten einen konkreten Adressaten
der Mildtätigkeit, der gerechten Behandlung oder auch der gegenseitigen
Verpflichtung. Erst eine spätere Industriegesellschaft wird dieses erhalten als
korrupt definieren – meist jedoch nicht einmal aus gewandelten Moralvorstellungen
heraus, sondern ganz konkret, um den ‚Hilfsorganen der staatlichen Herrschaft‘
keine materielle Autonomie zuzugestehen. Antikorruptionskampagnen sind meist
nur der Versuch eines weniger legitimierten Staates, seinen
Herrschaftsanspruch zu verabsolutieren und einen materiell abhängigen Herrschaftsapparat
aufzubauen.“
Das Fehlen einer Verantwortlichen staatlichen
Organisation während der letzten beiden Jahrhunderte osmanischer Herrschaft im
Orient, gekennzeichnet eher durch die Charakteristiken, die oben erwähnt
wurden, führte zu einem grundsätzlichen Rückzug des politischen Bewußtseins aus
der übergeordneten Herrschaftsebene hin auf die lokalen und gruppenbezogenen
Kleinformen gesellschaftlicher Organisation.
Bis zu welcher gesellschaftlichen
Fraktionierung dieser Prozeß historisch treiben kann, werden wir in dem
Abschnitt über Syrien, im Zusammenhang mit der Thematik des Libanonkonfliktes,
erörtern. Solange der angesprochene Grundkonsens, ermittelt durch die „umma
muhammadja“, funktionierte, ließen sich Interessenkollisionen zischen diesen
lokalen und regionalen politischen Gebilden meist vermeiden oder durch
religiösen Schiedsspruch regeln. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen,
daß trotz der geringen Zahl von übergreifenden Konfliktursachen in einer
verkrustet-immobilen Feudalgesellschaft die Grunderfahrung des Menschen
oberhalb der gesellschaftlichen Ebene, die noch durch die familiäre und lokale
Gruppenzugehörigkeit abgesichert war, das Erlebnis von Unsicherheit und
Gefahr, drohender Gewalt und kriegerischer Konflikte war. Vertrauen galt nur
auf der Ebene der persönlichen Bekanntschaft und familiären Verpflichtung.
Aller darüber hinaus gehender Herrschafts-, Verwaltungs- und
Organisationsanspruch wurde und wird zunächst als suspekt und bedrohlich
abgelehnt. Diese Einschätzung wird nach dem Zusammenbruch der osmanischen
Herrschaft durch die rein machtpolitisch motivierte Einflußnahme der
europäischen Staaten mit ihren nicht legitimierbaren Herrschaftsansprüchen und
ihrer mangelnden Vertragstreue nur noch bestätigt. Diese Perspektive der
sozialen und ökonomischen Unsicherheit führt auch im Alltagsleben zu einer
geringeren Zukunftsorientiertheit, zu Distanzerhalten und zu familiärer
Abgeschlossenheit – unterstützt durch gleichsinnige Wertvorstellungen des
Islam –, die der Geograph Eugen Wirth
[1956] als „orientalischen Wirtschaftsgeist“ bezeichnet. Trotz aller
politikwissenschaftlichen Bedenken gegen sein Theoriekonzept kann in dieser
sozialpsychologischen Perspektive auch ein bedenkenswerter, realitätsbezogener
Kern in Bobeks Beschreibung des
‚Rentenkapitalismus‘ als nicht-dynamischer kapitalistischer Wirtschaftsform
des Orients liegen, in der aus landwirtschaftlichem oder Handelskapital
kontinuierlich Renten abgezogen werden.
|
|
| |
7. Orient
Auf unserer Reise hatten wir uns mit dem
Begriff „Orient“ auseinanderzusetzen. Wichtig ist es für uns gewesen, zu
erkennen, daß unser Begriff vom „Orient“ nicht einer realen Beschreibung von
Sachverhalten entspricht, sondern weitgehend Projektionen eigener europäischer
Wahrnehmungsperspektiven und Überlegenheitsmythen seine Existenz verdankt.[9]
In einem komplizierten
Rückkoppelungsprozeß[10] haben die Völker des
Orients das europäische Orientbild, das seit dem 15. Jahrhundert, in einzelnen
Zügen sogar seit den Kreuzzügen, entwickelt wurde, partiell akzeptiert und
übernommen: sie wurden zu „Orientalen“ gemacht[11]. Die Belege über
sozialpsychologische Deformationen durch den Kolonialismus sind erdrückend; vor
allem die französische Sozialanthropologie hat sich eingehend mit ihnen befaßt
(Fanon, Memmi, Leiris, Lévi-Strauss
u. a.).
Ich möchte unsere Reise auch deshalb
gerade in diese Tradition gestellt wissen, weil ich seit einiger Zeit selbst
ein Forschungsprojekt betreue, bei dem untersucht werden soll, wie
„Dritte-Welt-Stereotypen“ bei niedersächsischen Schülern kennzeichnend für die
herrschende politische Kultur unseres Landes sind. Unsere Reise kann in ihren
Auswirkungen auf lange Sicht hin, wenn sie unsere eigene
Wahrnehmungsfähigkeit mit reflektiert, vielleicht auch ein Beitrag zur
Erkenntnis der Beziehungen zischen Wahrnehmung und Realität, zischen Ideologie
und Erfahrung werden. Vielleicht läßt sich der eine oder der andere
Reiseteilnehmer nach der Fahrt auf der Grundlage der persönlichen Erlebnisse
auf ein neues, kritisches und differenziertes Orientbild ein, abweichend von den
üblichen, herablassenden Vorstellungen des „industrialisierten Westens“
gegenüber dem Nahen Osten!
|
|
| |
[1] Zitiert nach:
alter Bauer, Fridtjof Nansen. Humanität als Abenteuer. Frankfurt/M. 1981. S. 250
ff. [Fischer Taschenbuch 5091] {München 1956 [Kindler]}
[2] beim UNESCO-Club
für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., zu erhalten!
[3] Restexemplare
des „Kurzberichtes“ stehen weiterhin für Informationszecke des UNESCO-Clubs für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V., zur Verfügung.
[4] Zu den
Literaturangaben vgl. Literaturhinweise im Anhang
[5] Im Zusammenhang
mit einigen Reflexionen über die Bedeutung der Omayyadenmoschee in Damaskus
werden wir noch einmal etwas tiefer in die Geschichte des Islam eintauchen
müssen; darauf sei hier schon verwiesen!
[6] Wieder
diskutiv aufgegriffen von G. Leng
[1974] oder durch M. Massarat
[1977].
[7] Ein von K. A. Wittfogel [1938] geprägter Begriff.
[8] Aus: Nettelmann/Voigt [1986] S. 67f.
[9] Vgl. dazu Max Webers Konzept der
„Herrschaftslegenden“, das u.a. von H. Popitz
[1968] reflektiert und sozialpsychologisch interpretiert wird.
[10] „Self-fulfilling prophecy“ nach Merton [1949].
[11] Im Prozeß des
„Orientalismus“, vgl. E.. Said
[1981] und U. Bitterli [1976].
|
|
| |
|
|
| |
Gerhard Voigt:
Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine
Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im
Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Hannover im Rahmen der Arbeit
einer UNESCO-Projekt-Schule. Mitherausgeber
Till Büthe, Bismarckschule Hannover. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule
5 D 30173 Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbeiträgen von Dirk Fuhlbohm,
Hartmut Grote, Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander
Schulze. – Hannover: UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN
3-930307-00-6
Wir bitten um Verständnis
dafür, dass die begrenzten Codierungsmöglichkeiten des Internet-Zeichensatzes
die korrekte Darstellung ausländischer Schriftzeichen im Gegensatz zu unseren
Buchpublikationen in der Druckausgabe nicht immer zulässt. Das betrifft vor
allem osteuropäische und türkische Zeichensätze, die durch einfache
ASCII-Zeichen ersetzt werden müssen.
|
|
| |
Zu
den übrigen Aufsätzen des Bandes:
I.
Vorwort
II.
Einleitung
III.
Vorbereitungen
IV.
Résumé
V.
Der Aufbruch
VI.
Türkei
VII.
„Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“
VIII.
Syrien
IX.
Jordanien
X.
Ägypten
XI.
Israel
XII.
Verwendete Literatur
XIII.
Anhang
1.
Ein kurzes Reisetagebuch
2.
Teilnehmerliste der Orientfahrt
|
|
Top
|