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Schriftenreihe des UNESCO-Club für die
UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.
ISSN 0945-1536
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III - V
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Vorbereitung – Résumé –
Der Aufbruch
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Inhalt
III.
Vorbereitung
IV.
Résumé
V. Der Aufbruch
Impressum
Zu
den anderen Aufsätzen des Buches
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III.
Vorbereitungen
Die Reiseorganisation konnte auf
Erfahrungen mit drei ähnlichen Gruppenreisen mit Schülern in VW-Bussen, jeweils
in den Sommerferien, nach Iran, Nordafrika und Skandinavien zurückgreifen,
ebenso in manchen Aspekten auf Erfahrungen während der Türkeireise im Herbst
1985. Diese Erfahrungen und das Bewußtsein, nur über äußerst begrenzte
finanzielle Mittel verfügen zu können, veranlaßte uns dazu, die Reise ohne
Einschaltung eines Reisebüros selbst zu organisieren und mit extra dafür
erworbenen alten VW-Bussen durchzuführen. Drei Busse wurden angeschafft und
nach der Reise wieder verkauft; dazu kam als viertes Fahrzeug noch der VW-Campingbus,
den Till Büthe einbrachte (und auch nach der Reise weiter nutzt). Auf
Vorbuchungen von Hotels und Campingplätzen wurde – weil dies in der gewünschten
Preiskategorie ohnehin illusorisch und bei der zeitlichen Unsicherheit des Reiseverlaufes
unsinnig ist – ebenso verzichtet wie auf eine Vorbuchung der Fährfahrt für den
Rückweg. Letzteres war ein Risiko, das wir aber bewußt eingegangen sind. Daß
wir damit richtig lagen, bestätigte uns unsere Erfahrung in Alexandria und
Haifa, den beiden zur Auswahl stehenden Abfahrthäfen. In Deutschland waren
weder die Zahlungs- und Buchungsmodalitäten korrekt bekannt noch lagen die
vollständigen Fahrpläne aller tatsächlich existierenden Verbindungen vor. Zudem
war in Israel eine Buchung vor Ort weitaus billiger als eine Reservierung von
Deutschland aus. So konnten wir, wenn auch mit einigen Mühen, Rennereien und
kurzfristigen Routenentscheidungen, eine sehr preisgünstige Fährverbindung von
Haifa (Israel) nach Piräus (Griechenland) über Cypern, Rhodos und Tinos bei
der Mano-Linie auf dem cypriotischen Schiff „Paloma“ buchen.
Die Vorbereitung der Reise hatte ihren
Scherpunkt im Erwerb der Fahrzeuge, ihrer technischen Ausstattung, im Kauf von
Ausrüstungsgegenständen (Lebensmittel, Campingausrüstung soweit nicht schon
privat vorhanden, Medikamente) und in der intensiven Besprechung von
Reisealternativen unter Berücksichtigung aller vorhersehbaren Eventualitäten
(geschlossene Grenzen, fehlende Fährverbindungen usw.). Erfreulicherweise war
dann die ganze Reise von ihrem Ablauf her viel problemloser, als es vor allem
außenstehende Skeptiker befürchteten. Daß auch ungünstigere äußere Bedingungen
nicht als unmittelbare Gefahren für die Teilnehmer zu werten gewesen wären, das
war mir nach meinen bisherigen Erfahrungen aber schon vor der Reise so gut wie
sicher. Die Vorbereitung erstreckte sich über ein ganzes Jahr mit regelmäßigen
Treffen, die im Schulalltag als „Orient-AG“ einen festen organisatorischen
Rahmen erhalten hatten. Die technischen Vorbereitungen wurden arbeitsteilig
durchgeführt. Die Busse wurden im Winter und Frühjahr vor der Reise beschafft.
Dabei gab es einige Schwierigkeiten und Verzögerungen, da viele Angebote
technisch oder finanziell nicht akzeptabel waren. Zusammengefaßt muß die
Wagenausstattung etwa so beurteilt werden: Die Fahrzeuge haben trotz Alter und
technischer Unausgeglichenheiten die Reise überstanden, mußten aber
währenddessen einige Reparaturen auch an wichtigeren Funktionsteilen über sich
ergehen lassen. Neuralgische Punkte waren, bei den einzelnen Fahrzeugen unterschiedlich,
Anlasser und Zündung, Schaltung, Bremsdruck und Schiebetüraufhängung. Die
Motorleistung blieb, bei unterschiedlichen Motorisierungen der Fahrzeuge,
akzeptabel, Reifenschäden traten selten auf, und auch eine nach Überfahren
eines Steines in der Türkei leicht angeschlagene Hinterachse hat die Reise gut
überstanden. Die stabile und technisch primitive Faktur der -Busse war
hilfreich, so daß auch kleine orientalische Kfz-Werkstätten mit den Schäden
schnell zurande kamen. Ein Bremsdefekt wurde in Haifa / Israel von einer
autorisierten Werkstatt behoben. Wie ein Anlasserschaden in der Südtürkei auf
der Straße ohne weiteres Werkzeug als Schraubenzieher und Kontaktkabel mit viel
Funkenflug in zehn Minuten behoben werden konnte, bleibt uns ein Rätsel. Einige
Defekte, Start- und Schaltschwierigkeiten, erfuhren auch eine rätselhafte
Spontanheilung. Im Orient wird man schon wundergläubig! Herausfallende Türen
sind dabei eher amüsierende Campingplatzerfahrungen, die mit Bordmitteln
provisorisch zu beheben waren. Als Konsequenz aus dem technischen Zustand der
Fahrzeuge haben wir jedoch einige Sicherheitsregeln eingehalten: die Fahrzeuge
nicht unnötig technisch zu strapazieren, Problemstrecken zu vermeiden und
möglichst im Sichtabstand zu fahren.
Die medizinische Vorsorge (Impfungen
gegen Cholera, Tetanus, Typhus und Hepatitis B, Malaria-Prophylaxe mit
Resochin) und Notausrüstung entsprach tropenärztlichen Ratschlägen und eigener
Erfahrung. Probleme sind während der Fahrt damit nicht aufgetreten. Durch
Anstrengungen, Klimaumstellung und unter Umständen auch durch banale Infekte
war der körperliche Zustand der Teilnehmer nach der Reise dennoch etwas
angeschlagen. Verdauungsprobleme und Durchfälle traten mehrfach auf.
Schwierigkeiten mit der Hitze und der Sonneneinstrahlung waren nur sporadisch
zu beobachten; am gravierendsten war ein Hitzeaffekt bei Gerhard Stünkel in
Damaskus. Schwerere Erkrankungen als diese, mit deren Auftreten wir in der
einen oder anderen Form schon vor der Reise gerechnet hatten, waren
erfreulicherweise nicht zu beklagen. Die Lebensmittelversorgung wurde anteilig
auf mitgenommene Trockenspeisen (Nudeln, Reis, Kartoffelbreipulver, Tütensuppen
etc.) und ergänzende Lebensmittel (Marmelade, Ketchup, Brotbelag, Fett, Gewürze
etc.) sowie zugekaufte Frischaren (Eier, Brot, Obst, Gemüse) abgestellt. Die
„Köche“ haben dabei manche sehr schmackvolle Speise mit den primitiven
Hilfsmitteln (Benzinkocher und Gaskocher im Campingbus, letzterer vor allem zur
Heißwasser- und Tee- und Kaffeezubereitung benutzt) hergestellt. Doch ob diese
Ernährung tatsächlich den physiologischen Bedürfnissen während der Reise
angepaßt war, wage ich zu bezweifeln; zu sehr haben häufige Hetze und
abendliche Müdigkeit eine gewisse „Wurschtigkeit“ gegenüber der
Essenszubereitung und ihrem Zeitaufwand aufkommen lassen. Als wir im letzten
Teil der Reise in Ägypten und Israel sahen, daß unsere Gelder reichen würden,
haben wir daher immer öfter Restaurantmahlzeiten eingenommen bzw. den
Reiseteilnehmern aus der gemeinsamen Kasse „Essensgeld“ ausgezahlt. In Ägypten,
aber auch schon vorher in Syrien, war dies auch angebracht, da durch den
Zwangsumtausch an der Grenze höhere Geldbeträge zur Verfügung standen, die
sonst nicht sinnvoll verwendet worden wären.
Die Übernachtungen erfolgten vorwiegend
auf offiziellen Campingplätzen, da wir die meiste Zeit durch dicht besiedeltes
Gebiet bzw. im Bereich von Großstädten gereist sind. Das unterscheidet eine
Nahostreise trotz naturlandschaftlicher Parallelen deutlich von
Nordafrikareisen, die immer wieder durch unbewohnte Wüsten- und
Steppenregionen führen, in denen das Zelten im freien Gelände nach alter
Nomadentradition selbstverständlich ist. Auf unserer Reise haben wir diese Art
der Übernachtung auch einige Male durchführen können und zwar in der
zentralen Türkei am Tuz Gölü und bei Karaman, in Syrien am Euphrat und auf dem
Sinai in Ägypten. Doch dies waren letztlich Ausnahmen. In den meisten Ländern
waren die Kosten für eine Campingplatzübernachtung mäßig; die Ausstattungsstandards
waren dementsprechend meist recht beschränkt. In Israel dagegen waren die
Campingplätze gut ausgestattet, tadellos sauber, aber auch sehr teuer,
jedenfalls gemessen an unseren niedrigen finanziellen Maßstäben. Die Kosten
entsprechen dem allgemeinen hohen Niveau der Lebenshaltungskosten in diesem
Lande. Insgesamt hat sich die gewählte Reiseform bewährt und ist für eine
Schülerreise in diesen Raum, bei den vergleichsweise geringen Kosten, die nur
entstehen dürfen, angemessen. Eine sinnvolle, gleichwertige Alternative sehe
ich nicht.
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IV.
Résumé
Hier kann nur eine ganz persönliche,
nicht abgesprochene, zusammenfassende Beurteilung der Reiseerfahrungen,
gemessen an den in der Einleitung vorgestellten Erwartungen, gegeben werden.
Doch will ich mir damit, wenn auch nur in einigen Stichorten, selbst
Rechenschaft darüber ablegen, inwieweit meine Vorstellungen in die Realität
umzusetzen waren und inwieweit in späteren Zeiten neue Reisepläne auf die
Konzeption unserer Orientreise zurückgreifen können.
Die
inhaltliche Konzeption der Reise konnte zwar im Sinne der genannten
Vorüberlegungen umgesetzt werden, war aber zu sehr aus der Sicht des
„Orientspezialisten“ formuliert worden, um tatsächlich als einigende
Motivation der Reiseteilnehmer zu fungieren. Sie war daher eher ein Lernangebot
als eine gemeinsam getragene Reisegrundlage – was ihr ihren immanenten Wert jedoch
nicht abspricht.
Die Reisemotivation war erwartungsgemäß
entsprechend der Heterogenität der Gruppe sehr unterschiedlich. Fachliche
Interessen standen neben positiver Abenteuerlust und Erlebnishunger oder auch
neben sozialen Ansprüchen an die Reisegruppe selbst. Letzteres wurde wohl am
geringsten befriedigt. Drei Gründe kann ich dafür nennen: Die Gruppe war zu
groß und mußte daher notwendigerweise in Teilgruppen und Hierarchien
zerfallen; die altersmäßige Streuung hat ein wirklich harmonisches
„Gruppenempfinden“ unmöglich gemacht; meine eigene Rolle als Initiator der
Reise habe ich nicht darin gesehen, als Animateur aufzutreten. Mein eigenes
Interesse an „Gruppenbewußtsein“ ist dazu auch zu gering entwickelt, so daß ich
selbst den Nachteil der großen Gruppe eher als untergeordnetes
Bewertungsmoment empfinde.
Die Wahl der Reiseziele war faszinierend
und zweifellos die Reiseanstrengungen allemal lohnend! er von den
Reiseteilnehmern hätte diese Orte und unsere Ziele in dieser Fülle tatsächlich
sonst besucht und kennengelernt? Die Reiseroute war für die zur Verfügung
stehende Zeit und zu einer eigentlich sinnvollen oder gar notwendigen
Vertiefung der Erfahrungen in den einzelnen Ländern zu lang. Das wußten wir
vorher. Wir haben sie gewählt in voller Kenntnis der damit verbundenen Probleme
und sehen in ihr über den Erlebniswert hinaus vor allem eine Anregung, sich den
Problemen des Nahen Ostens mit mehr Verständnis und affektiver Zuwendung zu
widmen – und vielleicht wieder hinzureisen.
Die Routenorganisation war richtig
geplant und wie vorhergesehen durchzuführen. Probleme an den Grenzen, in den
besuchten Ländern und bei den notwendigen Fährüberfahrten, die den Reiseerfolg
ernsthaft infrage gestellt hätten, sind nicht aufgetreten. Bei gleichbleibender
politischer Lage – die durch die Palästinenseraufstände im israelisch besetzten
Westjordanland derzeit wieder gefährdet ist – ist diese Reise wiederholbar und
durch den Wegfall des Zwangsumtausches in Ägypten auch finanziell noch
problemloser.
Die politischen und sozialen Probleme
der besuchten Länder sind von uns nicht als Risiken, sondern als nachdenklich
stimmende Informationen und Eindrücke erfahren worden. Die unübersehbare
Militärpräsenz, Straßensperren, Versorgungsprobleme z.B. in Syrien, Teuerung
z.B. in Israel, erdrückende Armut und menschenunwürdige Lebensverhältnisse in
bestimmten Regionen Ägyptens waren auffällige Eindrücke.
Spezielle Risiken des bereisten Raumes
können durch sorgfältige Reisevorbereitung vermieden werden. Die Ängstlichkeit
und Terroristenfurcht Außenstehender wird nicht durch die Realitäten begründet,
sondern ist Produkt der Unkenntnis und mangelhaften Information.
Nur im
Straßenverkehr bestehen wesentliche Risiken, die von den begeisterten
jugendlichen Autofahrern nicht immer im vollen Umfang gesehen worden sind. Doch
glaube ich, daß eben diese Fahr-Anfänger bei nicht von erfahrenen Fahrern
begleiteten Urlaubsreisen z.B. nach Südeuropa mit u.U. schnelleren Wagen
wesentlich mehr gefährdet wären, als bei unserer gemeinsamen Reise, wo doch ein
Mindestmaß an sozialer Kontrolle und Verantwortlichkeit im Interesse der
Sicherheit aller stattgefunden hat.
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V. Der
Aufbruch
Am Donnerstag morgens, am 25. Juni gegen
acht Uhr, bei trübem und Hannoverschem Wetter ist es dann soweit: der
Aufbruch. Bis alle vier Wagen in Laatzen auf dem großen Parkplatz zusammengekommen
sind, ergehen doch noch einige Minuten, und auch die Abschiedsfotos und die
letzten Grüße von Familienangehörigen und Freunden zögern die Abfahrt noch
etwas hinaus. Doch dann setzt sich die Karawane der vier Kleinbusse, Gelb
voran, dann folgen zweimal Weiß und einmal Grün, in Bewegung; lange
Autobahnstrecken, nur ab und zu durch eine kurze Rast unterbrochen; und gegen
Spätnachmittag ist die deutsche Grenze erreicht. Auch in Österreich fahren wir
noch eine gute Strecke. Die Autobahn endet, und auf schmaleren, landschaftlich
reizvollen Straßen fahren wir von Passau aus über nicht allzu steile Pässe in
Richtung Graz.
Auf dem Campingplatz von St. Pankraz
erleben wir in der nebligen Frische des Hochgebirgstales zischen dunklen
Gebirgswäldern und dem Rauschen des Flusses im Tal unsere erste Nacht im Zelt.
Noch ist für uns alles neu, die tägliche Routine muß sich erst einschleifen.
Aus unerfindlichen Gründen gibt in der kühl-feuchten Nacht die
Belichtungsanzeige meiner Super-8-Filmkamera „ihren Geist auf“; die Fahrt über
nehme ich dann, in spekulativem Vertrauen auf die übrige Technik sozusagen
„blind“, nur noch an einigen ausgewählten Orten unserer Reise Filme auf, die
tatsächlich tadellos werden. Ich vertraute den Filmkünsten unserer ebenfalls
Super-8-ausgerüsteten Mitreisenden Ines. Zusätzlich helfen der Erinnerung aber
über tausend Fotos auf, ergänzt durch eine Auswahl der besten Fotos quer aus
den Beständen unserer fleißigen Fotografen.
Aber die Hinfahrt ist für diese
Dokumentation ebensowenig ergiebig wie für unseren Reisebericht: möglichst
schnell und ohne unnötige Verzögerungen vollen wir unsere ersten Reiseziele,
vollen wir zumindest die Türkei erreichen. So wird die Fahrt durch Graz auch
nur zu einem kurzen Einkaufshalt genutzt; die jugoslawische Grenze ist dann
bald erreicht, und damit sind die ersten tausend Kilometer Fahrt hinter uns
gebracht. Von Jugoslawien ist nicht viel zu berichten. Über Maribor erreichen
wir Zagreb und damit den – berüchtigten – „Autoput“, die E 5 – heute im größten
Teil schon als durchaus angenehm zu fahrende Autobahn ausgebaut. Die Großstädte
werden umfahren. Nur streckenweise ist der Ausbau noch nicht fertig; der alte
zwei- bis dreispurige Zustand, teilweise eingeengt noch durch Großbaustellen,
lockt die ungeduldigen Fahrer der „Autoputprofis“ zu riskanten Überhol- und
Drängelmanövern; doch wir lassen uns nicht hetzen (könnten das mit unseren
Fahrzeugen wohl auch gar nicht) und bleiben weiterhin defensiv. Für einige
unserer Fahranfänger waren die Verkehrszustände auf diesen Strecken
„Augenblicke der Wahrheit“; andere aber erlernten dabei schneller als in jeder
anderen Situation Reaktionsfähigkeit und Wagenbeherrschung und wurden damit zu
sicheren und für die ganze Reise zuverlässigen Fahrern. Beim Einkauf von Brot und
frischem Obst machten wir dann die erste Bekanntschaft mit den ländlichen
Ortschaften Jugoslawiens mit ihren ockergelben, niedrigen Häusern und den
staubigen Straßen, kleinen Eckläden und verstaubten Straßenbäumen. Hier und da
das träge Bellen eines mittagsmüden Hofhundes, nur selten das Rattern eines
alten, klapprigen Lieferwagens – welch ein Kontrast zur Rast in einer der
supermodernen Autobahnraststätten, wo wir unseren Kaffee zwischendurch
genossen. In Slawonski Brod, auf einem hinter einem LKW-Parkplatz in einem
kleinen Wäldchen versteckten Campingplatz am Rande der großen Straße, übernachten
wir zum zweiten Male. Nun hält uns nichts mehr in Jugoslawien, so schön die
Landschaften auch sind, die uns in der Ferne begleiten. Die Autobahndurchfahrt
durch die Randgebiete von Belgrad ist heute gut ausgebaut und zeigt, auch in
den großen Geschäftsblöcken und Wohnanlagen, architektonische Bemühungen, die
hinter keinem anderen Lande zurückstehen.
Doch auch das lassen wir schnell hinter
uns. Bei Niš erlassen wir die Autobahn in Richtung Bulgarien. Die Fahrt durch
die Schluchten der Nisava mit ihren wildromantischen Felsformationen läßt uns
unsere Eile bedauern. Neben der Straße ausgebrannte, den Felshang
heruntergestürzte Lastkraftwagen lassen uns erschauern. Und in einem der
vielen kurzen Straßentunnel wäre einem unserer Wagen fast auch ein Unglück
geschehen, als, in der plötzlichen Dunkelheit kaum zu bemerken, die Straße
sich verengt und eine Felsnase vor der Windschutzscheibe auftaucht. Nun, noch
einmal ist es gut gegangen. Doch die Beteiligten haben einen ganz schönen
Schrecken davongetragen! Es wird langsam Abend, und wir müßten uns nun eine
Übernachtungsmöglichkeit suchen. Doch auf unseren Plänen ist hier nichts
eingezeichnet, und in Bulgarien sollten wir nicht übernachten, da wir nur
Transitvisa besitzen und eigentlich auch für dieses Land kein Geld eintauschen
wollten. Kurze Beratung. Und der verrückte Vorschlag: Fahren wir doch durch bis
in die Türkei. Mit entsprechenden Fahrerwechseln ist die Monotonie der
Nachtfahrt doch risikolos durchzustehen. Natürlich gibt es Bedenken; die
Interessen meiner (übermüdeten und wenig Autofahrten gewöhnten Familie) werden
übergangen; doch manchmal muß man auch im Interesse der gruppenförderlichen
Erfolgserlebnisse einmal ungewöhnliche Entscheidungen treffen und
akzeptieren. Meine Sicherheitsbedenken machen sich Luft in ernsthaften
Ermahnungen, vorsichtig und umsichtig zu fahren.
Doch wäre die Entscheidung auch dann
gleicherweise gefallen, wenn wir alle unsere Nachterlebnisse vorher gekannt
hätten? Mit Einbruch der Dunkelheit und nach einem problemlosen Grenzübergang
nach Bulgarien ließ der Straßenverkehr schlagartig nach. In der Nacht waren wir
oft weit und breit die einzigen Verkehrsteilnehmer. Das erschwerte die
Orientierung, da die meisten Autobahnstrecken, weitab von jeder Siedlung und
Stadt, noch nicht fertig waren. Bulgarien erschien uns als riesige
Straßenbaustelle. Da die Fahrspuren mal auf die eine, mal auf die andere Seite
erlegt waren, Randstreifen zu Fahrspuren gemacht waren und selten erkennbar
war, wo nun Gegenverkehr zu erwarten war und wo nicht, hatten die wachen
Mitreisenden, welche schnell die Minderheit bildeten, einige Zeit, sich die
Orientierungsprobleme durch den Kopf gehen zu lassen. Die Vorbeifahrt an einem
Jugendherbergs-Wegweiser ließ den einen oder den anderen auch an Alternativen
zur Weiterfahrt denken; doch wie sollte eine Verständigung zischen den Wagen
erfolgen, nachdem sich der Konvoi in der Dunkelheit aufgelöst hatte und die
Sichtverbindungen abgerissen waren?
Der vereinbarte Zwischentreffpunkt gab
neue Unsicherheit. Die Straßenführung war am erwarteten Autobahnende in
keiner Weise mit der Karte übereinstimmend. Und unser grüner Campingbus war als
Vorreiter völlig verschwunden. Nach Hin- und Herfahren, Warten, Suchen und
Zweifeln kam er uns dann doch – entgegen! Der Fahrer, dessen Mitreisende alle
eingeschlafen waren, konnte seiner Fahrbegeisterung einmal unkontrolliert und
nach Herzenslust frönen – und der vereinbarte Treffpunkt war schnell
überfahren und unbemerkt vorüber.
Erst viel später kamen die Bedenken –
die Umkehr und Suche. Bedenken verstärkten sich auch bei anderen über die
Risiken solcher Extratouren, vor allem als wir, im letzten Teil der Fahrt durch
unser Transitland, mehrere schere Unfälle sahen; die Unglücksfahrer schienen
übermüdet in voller Fahrt gegen Alleebäume gefahren zu sein. Einer Sorge waren
wir enthoben, als wir gegen vier Uhr morgens die türkische Grenze vor Edirne
erreichten. Doch wenn wir dachten, daß damit unser Tagespensum (oder
Nachtpensum) absolviert worden wäre, sahen wir uns getäuscht. Seit einigen Jahren
zwar neu und modern ausgebaut, ist die türkische Grenzabfertigung immer noch so
bürokratisch und langwierig wie eh und je, auch im Unterschied zur Ausreise aus
Bulgarien, die schnell und problemlos vonstatten ging. In vielen Reihen
nebeneinander stauten sich die Autoschlangen von rückreisenden türkischen
Familien – mit viel Gepäck und viel Geduld. Die Strecke bis zur Abfertigung
selbst ist leicht abschüssig, so daß wir zum meterweisen Vorrücken nicht immer
wieder den Motor anlassen mußten. Bei der Abfertigung selbst passiert noch das
Mißgeschick, daß der eine Bus als abgefertigt durchgewunken wird, um bei der
abschließenden Zollkontrolle festzustellen, daß noch ein fremdenpolizeilicher
Stempel fehlt. Also wieder zurück. Aber die Zumutung, uns wieder ganz ans Ende
der Warteschlange zu begeben, lassen wir uns nicht gefallen und holen, trotz
Protesten seitens der Beamten, unseren Stempel von der anderen Seite her.
Damit waren wir schon wieder einmal
getrennt. Wo waren die anderen Busse? Etwas weiter der Straße folgend, trafen
wir sie vor einem Campingplatz. Aber jetzt noch, nachdem es schon hell geworden
war, das hier extrem teure Übernachtungsgeld zahlen? Nein, wir fuhren noch
etwas weiter zischen den Zäunen von militärischen Sperrgebieten – gleich rechts
verläuft ja die Grenze zu Griechenland, bis wir nach einigen Kilometern einen
Feldweg links in die Äcker hinein finden, der uns, zwischen einigen
Bauernhäusern hindurch über sanfte, mit Getreide bestandene Hügel hin zu einem
abgelegenen, ebenen Platz führt, den wir für eine Morgenrast benutzen, nur
wenige Meter entfernt von einer Schutthalde und Sandgrube, die sichtlich, wie
Häuser- und Ruinenattrappen bezeugen, für militärische Übungszecke gedient
hatte. Der Wunsch, auch jetzt noch gleich in Richtung Istanbul weiterzufahren,
war zwar verständlich, aber für die etwas müderen Teilnehmer nicht mehr akzeptabel.
Hier wurde von den Männern mit der überschüssigen Kraft die
Kompromißbereitschaft abverlangt, die sie beim Wunsch nach der Nachtfahrt
durch Bulgarien von den müderen Teilnehmern erwartet hatten. Im schnell
aufgebauten Igluzelt oder im Wagen auf Vorder- und Hinterbank fand man dann
bald einige fest schlafende Gestalten, bis dann, nach einigen Stunden Ruhe bei
beginnender Tageshitze eine frische Tasse Kaffee die Lebensgeister wieder
weckte. Nun waren wir also in der Türkei! Unsere Abenteuer konnten beginnen!
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Gerhard Voigt:
Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine
Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im
Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Hannover im Rahmen der Arbeit
einer UNESCO-Projekt-Schule. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule
5 D 30173 Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbeiträgen von Dirk Fuhlbohm,
Hartmut Grote, Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander
Schulze. – Hannover: UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN
3-930307-00-6
Wir bitten um
Verständnis dafür, dass die begrenzten Codierungsmöglichkeiten des
Internet-Zeichensatzes die korrekte Darstellung ausländischer Schriftzeichen im
Gegensatz zu unseren Buchpublikationen in der Druckausgabe nicht immer zulässt.
Das betrifft vor allem osteuropäische und türkische Zeichensätze, die durch
einfache ASCII-Zeichen ersetzt werden müssen.
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I. Vorwort
II. Einleitung
III. Vorbereitungen
IV. Résumé
V. Der Aufbruch
VI. Türkei
VII. „Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“
VIII. Syrien
IX. Jordanien
X. Ägypten
XI. Israel
XII. Verwendete Literatur
XIII. Anhang
1. Ein kurzes Reisetagebuch
2. Teilnehmerliste der Orientfahrt
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