|
|

|
Schriftenreihe des UNESCO-Club für die
UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.
ISSN 0945-1536
|
|
VII
|
Musik und Mystik
Hans
A. Gütte
|
| |
|
|
| |
VII.
„Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“
|
|
| |
|
Ein Reisender traf Madjnun:
Allein saß er in der Mitte der Wüste.
Er nutzte die ebene Fläche des Sandes
als ein Blatt Papier
und seine Finger als Feder:
Er schrieb den Namen seiner Geliebten
Leyli
wieder und wieder in den Sand.
Da sprach der Reisende:
O verrückter Madjnun!
Was tust du da?
Wenn du einen Brief schreibst,
|
wer wird ihn je erhalten?
Und Madjnun antwortete:
Ich lebe den Namen von Leyli –
wenn ich sie selbst nicht erreiche
zur liebenden Vereinigung,
so gebe ich meine
Liebe ihrem Namen!
Rûmî: Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha.
Auf: Persian Love Songs and Mystic Chants.
Tangent TNGS 108
|
|
|
| |
„Sama“ als Nahrung
für die Seele. Einige Anmerkungen zur Musik im Islam
Es ist eines der am weitesten
verbreiteten Vorurteile nicht nur im Westen, sondern auch in islamischen
Ländern, daß im Islam Malen und Musizieren erboten seien. Indes vermag man in
den relevanten Basistexten des Islam – den Offenbarungen Allahs, genannt der
Qur'an, und der Praxis des Propheten Mohammed, die z.B. in den überlieferten
Verhaltensweisen und örtlichen Äußerungen des Propheten, den sogenannten
Hadith, fixiert ist – bei inhaltlicher und nicht örtlicher Interpretation für
das eine wie das andere keinen das erbot belegenden Beweis finden. Al Ghazali,
der große Reformer und Theologe des Islam (gest. 1111) berichtet so in seinem
berühmten Standardwerk „Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften“, daß
der Prophet Mohammed Musik nicht als schlecht empfand und zu gewissen
Gelegenheiten selbst Musik zu hören pflegte. Andererseits wird uns in den
Hadith auch eine Begebenheit mitgeteilt, daß der Prophet sich beim Hören eines
Flötenliedes die Finger in die Ohren steckte, um keinen Ton des Satans
vernehmen zu müssen. Musik hat im Islam mithin zwei Seiten: sie kann
haram (erboten) sein, wenn sie üble
Leidenschaften weckt oder Schlechtes intendiert; sie kann empfehlenswert und
erlaubt (halal) sein, wenn sie dazu
beiträgt, die Empfindungen der Seele zu verfeinern und, wie die Sufis sagen,
das Gemüt zur Ekstase, zum Ablegen des Äußerlichen und Entdecken des
Göttlichen leitet. Sufis, d. h. islamische Mystiker, auch Derwische oder Fakire
genannt, tauchen etwa zu Beginn des zehnten Jahrhunderts als Antwort auf einen
Islam auf, der verweltlicht oder auf trockene Rituale beschränkt war. Der Name
soll von dem Wort suf (Wolle) stammen,
da die Mystiker schlichte, wollene Gewänder im Gegensatz zu der üppigen
Seidentracht der reichen Muslime trugen. In der Folge entwickelte sich eine
blühende Vielfalt von Orden, die nach dem Namen ihrer Begründer benannt und
kulturell wie politisch zu Zentren des Widerstandes gegen einen als unreligiös
empfundenen Macht-Islam wurden. In ihren Kreisen wurde auch die Musik gepflegt,
und für den, der sich in den mittelalterlichen Beziehungen zischen Orient und
Okzident auskennt, ist es nicht verwunderlich, daß die meisten heute im
Abendland gebräuchlichen Instrumente ihren Ursprung in den islamischen
Vorbildern für Gitarre, Trompete, Violine, Oboe etc. haben. Musik war den
Sufis jedoch nicht alltägliches Konsummittel, sie war auch nicht Gegenstand von
Gottesdiensten, wenn auch der Ruf des Muezzin (des zum Gebet Rufenden) oder
die Rezitation des Qur'ân durch den Imam (Vorbeter) gesanglichen Charakter
tragen. Das, was die Sufis zur Reinigung des Herzens und zur Erhöhung der Seele
in ihren Tiefen unter dem Vorsitz ihres Meisters praktizierten, wurde als
Sama (hören) bezeichnet. Diese
spirituelle Musik des Sama war
gebunden an vielfältige Bedingungen: die richtige Zeit, der richtige Ort, die
richtigen Gefährten, Wahrheitssuche, die Sehnsucht nach Gott, dem Geliebten,
und der Vereinigung (Fana) mit Ihm.
Die dem Sufismus nahestehenden Gelehrten haben sich in langen Abhandlungen
über die Vorzüge und Qualitäten des Sama ausgelassen und es auch nicht
versäumt, die Bedeutung und Wirkung der einzelnen Instrumente zu würdigen oder
ihre Wichtigkeit abzuwägen. So wurde Leder- und Holzinstrumenten besonderer
Vorzug gegeben.
Der durch seinen Orden der Tanzenden
Derwische bekannt gewordene bedeutende mystische Dichter Jalal-ud-Din Rûmî
(türk. Celaleddin Rûmî, 1197-1273) hat so zum Beispiel in dem einleitenden
Gedicht zu seinem Hauptwerk, dem Masnavî, die Rohrflöte (Ney) als Symbol für
die an der Trennung von dem/der Geliebten leidenden Seele gepriesen. Das auch
heute noch in Konya aufgeführte Zeremoniell dieser Derwische hat als Voraussetzung
für die Teilnehmer, daß sie die Anhaftung der Sinne an das Äußere der Klänge
überwunden haben und, sozusagen, von Innen her lauschen.
|
|
| |
|
Hör’ auf der Flöte Rohr, was es
verkündet,
hör, wie es klagt, von
Sehnsuchtsschmerz entzündet:
Als man mich abschnitt am beschilften
See,
da einte alle Welt bei meinem Weh.
Ich such’ ein sehnend Herz, in dessen
Wunde
ich gieße meines Trennungs-Leides
Kunde;
sehnt doch nach des Zusammenweilens
Glück
der Heimatferne allzeit sich zurück.
Klagend durchzog ich drum die weite
Welt,
und Schlechten bald, bald Guten
beigesellt,
galt jedem ich als Freund und als
Gefährte, –
und keiner fragte, was mein Herz
bescherte.
Und doch – so fern ists meiner Klage
nicht,
den Sinnen nur fehlt der Erkenntnis
Licht.
So sind auch Seel’ und Leib einander
klar,
doch welchem Aug’ stellt’ je ein Geist
sich dar? –
Kein Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr
entwindet.
Verderben dem, den diese Glut nicht
zündet!
Der Liebe Glut ist’s, die im Rohre
saust,
der Liebe Seufzen, das im ein
aufbraust.
Getrennter Liebenden Gefährtin sie,
zerreißt das Innerste die Melodie.
Als Gift, als Gegengift stets
unvergleichlich,
an Mitgefühl und Sehnsucht
unerreichlich,
gibt sie vom Pfad im Blute uns
Bericht,
von Madschnuns Liebe singt sie manch
Gedicht.
Vertraut mit diesem Sinn ist nur der
Tor,
gleich wie der Zunge Kundsmann nur das
Ohr.
In Leid sind unsre Tage hingeflogen
und mit den Tagen Plagen mitgezogen!
Und ziehn die Tage, laß sie ziehn in
Ruh,
wo du der Reinen Reinster, daure du!
Den Fisch nur sättigt nie die Flut,
doch lang
sind des Darbenden Tage, lang und
bang.
Aber mein Wort sei kurz; ersteht doch
nicht
der Rohe, was der Vielgeprüfte
spricht!
Rûmî: Einleitung ins Masnavi.
Deutsch aus: G. Rosen, Mesnevi oder Doppelverse des
Scheich Mêvlânâ Dschelal-ed-din Rûmî.
Leipzig 1849. Zit. nach: R. Jockel, Hg., Islamische Geisteswelt. Wiesbaden
1981
|
|
|
| |
|
|
| |
Andere Formen der Sufi-Mystik sind
die einst in Indien kreïerten Qaali,
Lobgesänge in Raga-ähnlicher Form, die, wie überliefert, von dem Heiligen
Môin-ud-Dîn Chisti verwandt wurden, um (im 11. Jahrhundert) der
Hindu-Bevölkerung mit einer Predigtweise gegenüberzutreten, die ihren religiösen
Vorstellungen nahekam. Die Qaali-Sänger haben ihre Erfahrungen meist in ihren
Familien weitergegeben, und so sind traditionelle Spielarten entstanden, die
bis in unsere Zeit gepflegt werden.
Ohne instrumentale Begleitung wird
eine andere Weise von Musik vorgetragen, das
Ghazal, ein gesungenes
religiöses Gedicht, als dessen Ursprung Persien angesehen wird. Es ist
bemerkenswert, daß sich so, zumal im indischen Subkontinent, innerhalb der
Literatur weitgehend das gesungene Gedicht (in Pakistan
Nazam genannt) behauptet, das heißt,
daß der Poet seine Lyrik nicht spricht, sondern in einem ihm eigenen Tonfall
singt oder singen läßt. Im Zuge der Zeit haben sich in diesem Jahrhundert zudem
Sufi-Orden entwickelt, die mit dem einstigen Bemühen, nur einen „reinen,
friedlichen Islam“ zu leben und zu propagieren, nicht mehr viel gemein haben
und synkretistische Religionsvorstellungen pflegen. Vor allem unter dem
Mystiker Inayat
Khan und dessen Sohn,
Pir Wilayat Khan, haben sich so im Westen Zirkel gebildet, in denen Musik
eine wesentliche Rolle spielt. Das führte dann unter anderem zu mehr westlich –
folkloristische Elemente aufnehmenden Gesängen, die – vor allem in den USA – von
Sufi-Chören aufgeführt und, natürlich, in Vinyl gepreßt wurden.
Die ganze Spannbreite der „Musik in
der Welt des Islam“ ist auf einer sechs Schallplatten umfassenden Serie der
englischen Firma „Tangent“ enthalten, die nicht nur Sufi-Zeremonien (das
Dhikr, d.h. „Erinnern und Gedenken
Gottes“ durch lautes, rhythmisches wiederholen des Namen Allahs) aufgezeichnet
hat, sondern auch Lieder der Bauern, Fischer, Kameltreiber und Hirten, dazu
traditionelle Musik, wie sie zu Festlichkeiten wie Hochzeiten oder Begräbnissen
üblich waren oder sind. Die Plattenserie unterscheidet: menschliche Stimme,
Lauten, Saiteninstrumente, Flöten und Trompeten, Rohrpfeifen und Sackpfeifen,
Trommeln und Rhythmusinstrumente. Musik im Islam, vor allem wenn sie das
Attribut Sufi-Musik trägt, ist immer an besondere Voraussetzungen gebunden, wenn
wir davon absehen, daß sie in unseren Tagen verständlicherweise profanen
Ausdruck gewonnen hat, was etwa durch die ungezählten Versionen der
schlagerähnlichen Liebeslieder manifestiert wird, die zum Beispiel eine Sängerin
wie die Ägypterin Umm
Kulthum fast zum Objekt eines Kultes
werden ließ. Die zahlreichen auch in Deutschland aktiven Sufi-Gruppen halten
indes nicht nur fest an dem Ausspruch
Al
Ghazalis, daß
„Musik Nahrung für die Seele“ sei, sondern auch an seiner
Warnung, daß sich das Herz des mit unkontrollierten Sinnen – und sich dem Ziel
seiner Sehnsucht nicht bewußten – Zuhörenden in einen Aufruhr ersetzt sehen
kann, der schwer reparablen Schaden verursacht. In diesem Sinne ist Sama nicht
nur spirituelle Musik mit hohem Anspruch – den Hörer zur Ekstase zu treiben –,
sondern auch, der eigenen Vorstellung gemäß, einer Schar vorbehalten, die auf
ihrem Weg zu Allah fortgeschritten ist. Kein Wunder also, daß trockene
Ritualisten und verweltlichte Zuhörer beim Sama ausgeschlossen sind.
|
|
| |
Gerhard Voigt:
Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine
Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im
Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Hannover im Rahmen der Arbeit
einer UNESCO-Projekt-Schule. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule
am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5 D 30173
Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbeiträgen von Dirk Fuhlbohm, Hartmut Grote,
Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander Schulze. – Hannover:
UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN 3-930307-00-6
Wir bitten um
Verständnis dafür, dass die begrenzten Codierungsmöglichkeiten des
Internet-Zeichensatzes die korrekte Darstellung ausländischer Schriftzeichen im
Gegensatz zu unseren Buchpublikationen in der Druckausgabe nicht immer zulässt.
Das betrifft vor allem osteuropäische und türkische Zeichensätze, die durch
einfache ASCII-Zeichen ersetzt werden müssen.
|
|
| |
Zu
den übrigen Aufsätzen des Bandes:
I.
Vorwort
II.
Einleitung
III.
Vorbereitungen
IV.
Résumé
V.
Der Aufbruch
VI.
Türkei
VII.
„Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“
VIII.
Syrien
IX.
Jordanien
X.
Ägypten
XI.
Israel
XII.
Verwendete Literatur
XIII.
Anhang
1.
Ein kurzes Reisetagebuch
2.
Teilnehmerliste der Orientfahrt
|
|
| |
|
|
| |
|
|
|