UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

 

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Schriftenreihe des UNESCO-Club für die
UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.

ISSN 0945-1536

IX

Jordanien

 

 

IX. Jordanien

1. Grenzen

2. Amman

3. Jordanien und seine Wirtschaft (Hartmut Grote)

4. Jordanische Tagebuchblätter

5. Petra: Stadt in den Felsen

Impressum

Zu den übrigen Aufsätzen des Bandes

 

 

 
 

IX. Jordanien

1. Grenzen

Sonntag, 12. Juli. Robert-Schneller-Schule in Zarqa bei Amman. Wieder ein Reisetag, wieder ein Grenzübertritt, ein neues, unbekanntes Land. Die Eindrücke unserer Reise nehmen eine beängsti­gende oder bedrückende Fülle an. Werden wir sie je wieder für uns selbst ordnen können, werden wir, wenn wir vielleicht in späteren Jahren Erinnerungen austauschen und uns ge­gen­seitig von unseren längst ergangenen Erlebnissen berichten, überhaupt noch an dieselbe Reise denken können, oder hat jeder von uns aus der unübersehbaren Fülle der Bilder, Situationen, Ereig­nisse und Begegnungen die für ihn wichtigsten herausgeschält und zu seiner ganz persönlichen Ori­entreise ver­knüpft? wie würden diese Kapitel, erinnert und geschrieben von den anderen Reiseteil­nehmern, aus­sehen? Aber ist nicht auch der systematische Erinnerungsversuch eines Reiseberichtes ein Versuch, zufällige Subjektivität in einen kommunizierbaren, intersubjektiv erlebten Ereignisrah­men einzubin­den? Provoziert von mei­nen Notizen während der Reise, von mehr oder weniger zufäl­ligen Erinne­rungsstücken und von den vie­len Fotos, die ein zusätzlicher, externer „Erinnerungsspeicher“ sind und tatsächlich immer wieder Erlebnisse aus der verlassenden Erinnerung hervorziehen, schweifen meine Gedanken sehr oft ab in den Versuch, das Erlebte zu deuten, ihm größere Allgemeingültigkeit zu er­schaffen, als es das damals gegenwärtige, überraschende Gesche­hen zunächst ermitteln wollte.

Grenzübergänge: Das ist eine Erfahrung, die sich beim Rückblick auf die Reise immer wieder vor das innere Auge drängt. Langwierige, gefürchtete, bürokratische, umständliche, einschränkende und die Willkür fürchten lassende Rituale, Herrschaftsrituale, zerschneiden die Reise in feste und ge­trennte Abschnitte. Aber erzeugen diese Rituale und Grenzen nicht erst die Realität, die zu be­schrei­ben und umgrenzen sie vorgeben? Die Realität von Staaten und Herrschaftsgebieten ist für uns zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, daß sie kaum in Frage gestellt werden kann. Aber, so denke ich nach der immer unüberschaubarer gewordenen Zahl der Grenzen, die ich in meinem Leben schon überquert habe, ist der Staat nicht in erster Linie ein Vorstellungsinhalt? er kann denn herr­schen, wenn ihm das Herrschaftsvermögen nicht geglaubt wird, wenn seine Befehle nicht befolgt werden? Ist Herrschaft, und hier nähern wir uns den politischen Philosophen der Klas­sik, so gegensätzlichen wie Hobbes und Rousseau, ist Herrschaft also doch stillschweigende Über­einkunft aller, ein ertrag, die Gesellschaft auch als Herrschaftsordnung zu erstehen? Der idealisti­sche Appell an die freie, vernünftige Entscheidung des Menschen zum Gesellschaftsertrag müssen wir wohl als utopisch ad acta legen; aber daß durch Situationsdefinitionen erst Herrschaft als Herrschaft wahrgenommen oder auch bestritten werden kann, daß Macht vor allem in den Köp­fen der Menschen entsteht – die ökonomischen Determinanten dieses sehr komplexen Vorganges will ich dabei durchaus nicht negieren –, macht es auch verständlich, daß Macht und Herrschaft sicht­baren Ausdruck brauchen, um prä­sent und mächtig zu bleiben, daß sie Herrschaftssymbole und Herrschaftsrituale brauchen, um sich in den Köpfen der Menschen festsetzen zu können, daß sie schließlich auch eine definierte Grenze ihrer Ansprüche durchsetzen müssen. Es ist kein Zufall, so­ndern notwendige Folge aus dem Gesag­ten, daß „Grenzkonflikte“ viel mehr beinhalten als Aus­ein­andersetzungen um tatsächlich brauch­bare, interessante oder vielleicht sogar lebensnotwendige Herrschaftsterritorien, daß sie vielmehr der Test darauf sind, ob die Herrschaftsdefinition so fest verankert ist, daß daraus die Bestätigung der bisherigen oder die Neufestsetzung einer erweiterten Grenzdefinition abgeleitet werden kann. War der Grenzkonflikt im Chatt-el-Arab tatsächlich mate­riell so bedeutsam, daß er die Opfer eines achtjäh­rigen Krieges rechtfertigen könnte? Ist der mar­ginale Interessenkonflikt, ob die Grenze zwischen DDR und BRD in der Mitte oder am östlichen Ufer der Elbe verläuft (und das nur auf einer Strecke von einigen Kilometern) tatsächlich die Verzöge­rung einer Regelung der Umweltprobleme durch die Schadstoff-Fracht dieses Stromes Wert?

Unsere Fahrt durch den Orient zeigt aber noch mehr. Landschaft, Kultur, Geschichte und Religion weisen den nahöstlich-arabischen Raum als große Einheit aus, deren Landschaftsgliederung nichts mit den erst im zwanzigsten Jahrhundert gezogenen Staatsgrenzen zu tun hat. Doch die Grenzen sind es, die heute unser Bild von diesem Raum prägen. Ist es sinnlos zu fragen, wo denn die staatsphilo­sophi­schen und politischen Ansätze für eine fernere Zukunft zu finden sind, in der Grenzen nicht Verän­dert, sondern in ihrer Bedeutung verringert, wenn nicht schließlich obsolet gemacht werden könnten?

Aber nicht nur die damit verbundene Infragestellung von staatlicher Herrschaft, auch eine an­thro­pologische Dimension wird diese Perspektive erschweren. Ist nicht das Erlebnis von räumlichen und zeitlichen Grenzen überhaupt die primäre Wahrnehmungskategorie, definiert sich der wahrge­nommene Gegenstand aus seinen Grenzen heraus und die wahrgenommene Situation aus ihrer Ver­änderung und Veränderbarkeit? Ist die philosophisch fundamentale Kategorie des Unbegrenzten und Absoluten nicht nur aus der Interpolation der ständigen Wahrnehmung des Begrenzten heraus zu entwickeln? Aus diesen Spannungen zischen Wahrnehmungsfähigkeit und Denknotwendigkeiten, die wohl nie zur Deckung zu bringen sind, entsteht das Bedürfnis nach Fragekategorien, die nicht nur in die Wahrnehmung verflochten sind, Kategorien, wie sie im ethisch-moralischen Bereich entstehen, wie sie in der Sinnfrage der Religionen aufgeworfen werden. Diese fundamentale Bedürftigkeit nach religiösen Befragungen der Wirklichkeit ist ein Jahrtausende altes Merkmal, vielleicht auch Agens der vorderasiatischen Kulturentwicklung, deren spätester Sproß wir ja selbst sind.

 

 
 

2. Amman

Die Fahrt von Damaskus zur jordanischen Grenze war problemlos. Mit gebratenen Kichererb­sen­bällchen, wie sie hier oft am Straßenrand, frisch vom Feuer, angeboten werden, konnten wir uns preiswert stärken. Über die Grenzabfertigung habe ich in einer Randbemerkung schon weiter oben be­richtet; viel Neues erlebten wir nicht. Amüsant war vielleicht noch das Bild des Grenzbeamten, der die fertig bearbeiteten Pässe, umringt von hunderten von meist mit den langen traditionellen weißen Umhängen bekleideten Reisenden aus den arabischen Ländern, auf einem Tisch stehend von der weit geöffneten Glasfront der Abfertigungshalle aus laut über den Hof hin rufend, stimmächtig zur Abho­lung „feilbot“. Einige Zigaretten waren auch hier die Voraussetzung für eine zügige zollamtliche Ab­ferti­gung. Doch wurde es hier schon bedenklich heiß, so daß wir recht froh waren, nach einigen Stunden die Grenzkontrollen beider Länder glücklich hinter uns gebracht zu haben.

Kurz hinter der Grenze riefen wir, mit freundlicher Hilfe, von einer Tankstelle aus John Bairuti von der Schneller-Schule an. Durch Empfehlung von Konrad Schliephake aus Würzburg, der mit seinen Studenten ebenfalls in der Schneller-Schule übernachtet hatte, hatten wir uns an John Bairuti gewandt und prompt eine freundliche Einladung erhalten. Mein zweiter Brief mit den genauen Reise­da­ten war zwar nicht mehr beantwortet worden, doch vertrauten wir auf den telefonischen Kontakt in Jorda­nien selbst. Die Schneller-Schule ist eine deutsch-jordanische Einrichtung, die vor allem mit Mitteln der evangelischen Kirche errichtet worden ist und jordanischen Kindern, darunter auch Wai­senkindern, schulische und berufsschulische Ausbildungsangebote als Internatsschule macht. Das mo­derne, erst vor wenigen Jahren eingeweihte Gebäude ist auch in der Lage, Gäste – vor allem aus Deutschland – und während der Ferien auch Gästegruppen zu beherbergen, was eine erwünschte kleine Nebeneinnahme ergibt.

Wir stellten etwas später dann fest, daß es auf dem Postwege mit meinem Brief einige Verzöge­rungen gegeben hatte und dadurch die Schuldirektion von unserer Ankunft nicht verständigt worden war. Bei unserem Anruf vereinbarten wir mit dem etwas überraschten Herrn Bairuti, daß wir uns an einem genau bezeichneten Weg von der Hauptstraße bei einer Baustelle links ab und dann hinter ei­ner Brücke und einer Überführung nach einem Wegweiser in Richtung Marqa und dann weiter in Rich­tung Zarqa. oder wie diese Beschreibung auch gelautet hatte. treffen wollten. Nachdem wir im vor­beifahren gesehen hatten, daß die römischen Ruinen von Jerash offenbar wegen der gerade lau­fenden Festspiele nicht zu besichtigen waren, suchten wir den beschriebenen Weg, der ein Mehrfa­ches von Baustellen, Wegweiser etc. etc. als beschrieben aufzuweisen hatte. Schließlich half uns, nach Anspra­che an einer Tankstelle, ein einheimischer PKW-Fahrer, der die Schneller-Schule kannte, indem er uns einige Zeit vorausfuhr; und, welch ein Wunder: in einer Straßenkurve drängte sich plötzlich ein anderes Fahrzeug heran – John Bairuti hatte uns erspäht und übernahm die Führung.

Welche Hilfsbereitschaft und welches Improvisationsvermögen: Obwohl, wie gesagt, die An­mel­dung schief gelaufen war, stimmte die zuständige „Hausmutter“ der Unterbringung zu – in der Warte­zeit waren wir schon mit frischem Tee verköstigt worden – und gemeinsam suchten wir die geeigne­ten Schlafsäle aus und vervollständigten sie mit zusätzlichen Matratzen. Und auch ein Abendbrot wurde noch gezau­bert. So hatten wir dann drei erholsame Tage in der Schneller-Schule, von der aus wir Amman und das nordwestliche Jordanien erkunden konnten. Den folgenden Montag erbrachten wir, nach einer Li­nienbusfahrt nach „Downtown“, mit der Besichtigung der Stadt, dem im Zentrum gelegenen römischen Theater und den modernen Einkaufsstraßen. Amman ist eine junge Stadt, die erst seit der Gründung Jordaniens von einer kleinen ländlichen Siedlung im Tal zu einer in die Fläche ausgreifenden „Sieben-Hügel-Stadt“ angewachsen ist. Viele Sehenswürdigkeiten waren nicht zu be­wundern; auch der haupt­städtische Charakter hielt sich in Grenzen. Die Regierungsviertel und die Residenz sind außerhalb der inneren Stadtbezirke in einem recht geschlossenen Areal auf ei­nem der Hügel angesiedelt, auch das erst in den letzten Jahren in reger Bautätigkeit fertiggestellt. Auf anderen Hügeln finden wir den Sportpark, aber auch große Neubausiedlungen für die in die Hauptstadt zie­hende Bevölkerung.

In Richtung auf die nordöstlich gelegene Vorstadt Zarqa, politisch unabhängig, aber langsam mit Amman zusammenwachsend, wo sich die Schneller-Schule befindet, sehen wir auch eine großes Pa­lä­stinenserlager. Die Palästinenser spielen in Jordanien, nach ihrer blutigen Entmachtung durch die Ar­mee, politisch keine Rolle mehr. Sie sind in vorstädtische Ghettos gedrängt und haben einen recht ge­ringen Anteil an der offensichtlichen jordanischen Prosperität. Der positive erste Eindruck von die­sem Land, Neubautätigkeit, wo man hinsieht, neue Industrieerschließungsareale, neue Hochschulen und ein sauberes und properes Stadtbild der Hauptstadt, in der große, neue und gepflegte Pkws das Bild bestimmen, ist für uns sicher erklärungsbedürftig. Es trifft sich gut, daß Hartmut Grote, in einer Doppelverwertung auch für ein schulisches Geographiereferat, sich intensiver mit Jordanien und sei­ner Wirtschaft auseinandergesetzt hat und einige sehr plausible und wohlbegründete Erklärungen für die heutige Situation findet, wenn er auch die Zukunftsperspektiven für Jordanien kritischer sieht, als es viele Ge­spräche und Urteile im Lande selbst wahrhaben wollten. Im folgenden Abschnitt analysiert Hartmut Grote die heutige Problematik Jordaniens:

 

 
 

3. Jordanien und seine Wirtschaft

a. Einleitung

Kommt man von Syrien her in die jordanische Metropole Amman, so fällt im Kontrast zum nördli­chen Nachbarland auf, daß Jordanien einen sehr verwestlichten Eindruck macht. In den Vororten Am­mans entstehen viele Neubauten einer Art Mehrfamilienhaus. In der Innenstadt sind Autos westli­cher Marken zu sehen, und auch eine Ballung verschiedener Banken im Zentrum ist zu beobachten. Westliche Konsumgüter finden immer weitere Verbreitung; Jordanien mit seinem hohen Wirtschafts­wachstum ist heute das reichste der arabischen, nicht Erdöl produzierenden Länder, obwohl das Land ungünstige natur­räumliche Voraussetzungen hat und die (außen-)politische Situation nicht im­mer stabil ist. Um diesen Sacherhalt etwas besser zu erstehen, beschäftigt sich dieser Beitrag im we­sentli­chen mit der Wirtschaft Jor­daniens und einigen signifikanten Hintergründen.

b. Einige Grunddaten

Jordanien hat eine Fläche von 97 740 km2 , wovon 22,5 % besiedelt sind. 1985 hatte das Land 3,8 Mio Einwohner, wovon 30,8 % auf der von Israel besetzten „Westbank“ lebten. Die Verstädterungs­quote in Ost-Jordanien (= Jordanien ohne das besetzte Westjordanland) betrug 1982: 57 %. Die landwirtschaftliche Nutzfläche lag bei 390 000 ha (offizielle Statistik) und das Bruttosozialprodukt pro Kopf und Jahr betrug, ebenfalls auf Ost-Jordanien bezogen, umgerechnet 3820 DM. Zum Ver­gleich das BSP 1974: umgerechnet 919 DM! – 90 % der Bevölkerung sind (vor allem sunnitische) Muslime; 5 % Christen.

c.  Kurzer geschichtlicher Überblick

Nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches entstand 1920 das Emirat Transjordanien unter britischem Protektorat. England hatte dabei das Interesse, die Teile der Syrischen Wüste zu verwal­ten, die es nicht den Franzosen überlassen hatte, sowie eine Landverbindung zischen Ägypten, Palä­stina und dem Iraq herzustellen. Nachdem dem Emirat Transjordanien 1928 das Recht auf eine Ver­fas­sung ein­geräumt wurde und 1939 ein Kabinett entstand, erreichte es 1946 seine formale Unab­hängig­keit, war aber finanziell von den Briten abhängig, und außerdem standen die jordanischen Streitkräfte weiterhin unter britischem Oberbefehl. Nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg be­setzte Jorda­nien die Westbank, die ihm dann 1950 offiziell vom arabischen Lager zugesprochen wurde. Nach der Ermordung seines Vaters bestieg der heutige König Hussein 1953 den Thron, und 1956 erreichte das Land dann mit dem Abzug der letzten britischen Truppen die volle Unabhängig­keit. Im „Sechs­ta­ge­krieg“ von 1967 verlor Jordanien das wirtschaftlich wichtige Westjordanland an Israel, und in der Folge drohten ge­flüchtete Palästinenser die Souveränität Husseins in seinem Land zu untergra­ben. Erst 1970 vertrieb Hussein die PLO aus Jordanien (der sog. „Schwarze Septem­ber“). Seit dieser Zeit gab es zwar immer wieder Attentatsversuche auf den König, doch ist die in­nenpolitische Lage seit Mitte der 70er-Jahre relativ stabil.

Sollen im folgenden die wirtschaftlichen Verhältnisse Jordaniens betrachtet werden, so sind zu­nächst die Voraussetzungen für jegliche Wirtschaftsformen zu beschreiben.

d. Natürliche Ressourcen

Da 90,9 % des jordanischen Gebietes jährlich unter 200 mm Niederschlag erhält, ist das Wasser die wichtigste Ressource des Landes. Der Regenfeldbau ist erst ab etwa 400 mm Niederschlag pro Jahr eini­germaßen ertragssicher, und die Niederschlagsmenge variiert im Laufe der Jahre stark, so daß das Land auf die Nutzung von Oberflächen- und Grundwasser angewiesen ist. Ca. 97 % des Gesamtwas­serverbrauchs Jordaniens wurden 1975 für die Bewässerung genutzt. Zwei Drittel davon konnten aus den Jor­dan-Nebenflüssen Yarmuk und Zarqa gedeckt werden, der Rest aus Grundwasser. Doch die Zukunfts­prognosen sind hier ungünstig, da die Flüsse nicht weiter ausgeschöpft werden können und auch das Grundwasserpotential stark begrenzt ist, zumal es zunehmend durch die ungefiltert versic­kernden Abwässer Ammans verseucht wird. Im Umland Ammans läßt sich eine der Folgen eines sin­kenden Grundwasserspiegels bereits an austrocknenden Pflanzen (Sträuchern) beobachten, die noch vor wenigen Jah­ren genug Wasser zum Leben hatten. Um wenigstens die Wasserversorgungspro­bleme für die Landwirtschaft zu bewältigen, muß Jordanien den Ost-Ghor-Kanal (parallel zum Jor­dan auf ostjordanischem Gebiet) weiterhin nutzbar halten und eventuell erweitern. Ein geplanter Yarmuk-Stausee, der eine intensivere Nutzung des Yarmuk-Wassers ermöglicht hätte, wurde 1981 von Syrien verwehrt.

Bei den natürlichen Ressourcen bilden die Phosphate den wichtigsten mineralischen Rohstoff (ca. 23 % des Gesamtexportes). Jordanien ist mit einer Phosphatproduktion von 6,3 Mio t p.a. (1984) der drittgrößte Phosphatexporteur der Welt. Die Phosphatgebiete erstrecken sich in Nord-Süd-Rich­tung von Amman bis Qala’a-al Hasa sowie über das Gebiet von Ma’an bis Al Gul. Sie wer­den auf einen Gesamtvorrat von 1,1 – 1,5 Mrd t geschätzt. Da die Transportkosten für Rohphospha­te relativ hoch sind, sieht Jordanien hier seine Zukunft in der Weiterverarbeitung der Phosphate im Lande (s.u.).

Außer den Phosphaten werden seit 1982 Kalisalze am Toten Meer abgebaut (1987 ca. 1,2 Mio t). An sonstigen Mineralien gibt es in Jordanien zwar Kupfer, Mangan und Eisenerze, der Abbau ist je­doch auf Grund der Weltmarktpreise nicht rentabel.

Des weiteren werden Glassande sowie Kalke für zwei Zementfabriken in Jordanien abgebaut und er­arbeitet. Trotz intensivster Suche konnten in Jordanien bisher keine förderungswürdigen Erdöl­reservoirs entdeckt werden, so daß das Land insgesamt von Rohstoffarmut gekennzeichnet ist und der Landwirtschaft und Industrie Grenzen durch Wassermangel gesetzt werden.

e. Das landwirtschaftliche Potential

Jordanien ist heute noch weniger ein Agrarland als die anderen arabischen Länder. Nur noch 18 % der Bevölkerung werden in der Landwirtschaft beschäftigt (1966 noch 44 %), und Jordanien muß 63 % der im Lande verbrauchten Lebensmittel importieren, da nur 3 % der Landesfläche jährlich mehr als 300 mm Niederschlag erhalten und nur 0,4 % des Landes in Ost-Jordanien tatsächlich von land­wirtschaftlichen Betrieben für Feldbau genutzt wird. Lediglich beim Obst- und Gemüseanbau wird ein Überschuß produziert, der exportiert werden kann, wogegen Fleisch und Milch etwa zur Hälfte, Zucker, Öl und Fette ganz importiert werden müssen. Ein Ziel der Planer ist es somit, eine Ernäh­rungssicher­heit zu gewährleisten und den Bewässerungsfeldbau auszubauen, da hier die Erträge pro Flächeneinheit vier bis sechsmal höher sind als im Regenfeldbau.

f.  Das Bevölkerungspotential

Wenn ein Land – wie Jordanien – nur ein geringes agrarisches Potential besitzt, so muß – um eine gewisse wirtschaftliche Entwicklung zu erreichen – die Qualität und Mobilität der Arbeitskräfte rela­tiv hoch sein, was in Jordanien der Fall ist. Trotz seines Bildungsgefälles – aus der Zeit vor und nach dem Zeiten Weltkrieg – von der Westbank zum Ostteil des Landes (der hauptsächlich durch Noma­den geprägt war) ist es Jordanien seit den sechziger Jahren gelungen, den Anteil der Schüler und Stu­denten an der Gesamtbevölkerung auf 35 – 40 % zu steigern, sowie den Anteil der Analphabeten unter den Erwachsenen von 68 % auf 30 % zu senken. Der hohe Schüler- und Studentenanteil an der Bevölkerung resultiert zwar auch aus dem generell hohen Anteil junger Menschen an der Gesamtbe­völkerung, jedoch ist der Bildungsstand der Jordanier im Durchschnitt höher als in den anderen ara­bi­schen Ländern. Durch diese Ausbildungslage ist Jordanien in der Lage, hochqualifizierte Arbeits­kräfte als Gastarbeiter ins Ausland zu „schicken“. 1984 arbeiteten rd. 300 000 Jordanier im Ausland. 46 % davon in Saudi-Ara­bien, 25 % in Kuwait. Diese Auslandsarbeit entlastet den innerjordanischen Ar­beitsmarkt, jedoch führt eine zu hohe Abwanderungsquote teilweise auch zu einem Arbeitskräfte­mangel in Jordanien, der wiederum durch billige, zumeist ungelernte Gastarbeiter z.B. aus Ägypten aufgefangen wird. Insgesamt ist Jor­danien sehr auf die Geldüberweisungen der im Ausland arbeiten­den Jordanier angewiesen. Allein 30-40 % der Warenimporte des Landes können und müssen von diesen Geldern gedeckt werden.

Ein sehr großes Problem beim Bevölkerungspotential ist das Wachstum der Einwohnerzahlen. Zum einen vermehrt sich die Bevölkerung natürlich um 2,6 % pro Jahr, zum anderen strömen immer noch Flüchtlinge ins Land (z.B. kamen aus Israel seit 1948: 1,2 Mio Menschen!), nicht zuletzt durch die gegenwärtig aggressiver erdende Palästinenserpolitik Israels verstärkt. Außerdem kehren Gastar­beiter aufgrund einer inzwischen auch in den Erdölförderländern etwas stagnierenden Wirtschaft zu­rück, so daß die Aussichten ins Jahr 2000 hier nicht so günstig sind. Die Weltbank schätzt die Ein­wohnerzahl Jordani­ens bis dahin auf sieben Millionen und bis 2110 (soweit solche Schätzungen sinn­voll sind) auf 18 Mil­lionen. Das ist angesichts des sehr begrenzten Lebensraumes (bereits heute leben bezogen auf die be­siedelbaren Flächen 300 Einwohner auf dem Quadratkilometer) und der knappen Ressourcen ein ent­scheidendes Problem.

g. Die wirtschaftliche Entwicklung

Die wirtschaftliche Entwicklung Jordaniens lief bereits 1967 in günstig scheinenden Bahnen, brach aber mit dem Verlust der Westbank und somit eines Großteils seines Agrarlandes und wichtiger tou­ristischer Attraktionen wieder etwas ein. Doch mit dem Boom in den Erdölförderländern konnte Jor­danien seit Beginn der 70er-Jahre ein starkes Wirtschaftswachstum verzeichnen; das BSP pro Kopf verzehnfachte sich in diesem Zeitraum. Mit dieser Entwicklung ging ein starker Wandel vom Agrar- zum Dienstleistungssek­tor (Agrarvolumen 1982: nur noch 7 % des BSP!) und einer exportorientier­ten Konsumgüterprodukti­on einher. Auch vom Libanonkrieg (seit 1975) profitierte Jordanien, indem Amman weitgehend die Funktion Beiruts als westlich orientiertes Bankenzentrum übernehmen konn­te.

Im tertiären Sektor sind heute 60 % aller Erwerbstätigen beschäftigt. Etwa zwei Drittel davon ar­beiten beim Staat in Verwaltung und Armee. Einen Anteil am tertiären Sektor hat auch die Transit­funktion des Landes; 65 % der im Hafen Aqaba’ umgeschlagenen Güter gehen in den Iraq. Der Frem­denverkehr stützt sich zu 70 % auf arabische Touristen.

Was den sekundären Sektor betrifft, so profitiert Jordanien zwar von seiner Funktion als Han­dels­drehscheibe zischen Europa und der Arabischen Halbinsel, doch versuchen die Jordanier auch ei­ne eigene Industrie aufzubauen, um wirtschaftlich unabhängiger zu werden. Textilprodukte, Nah­rungsmit­tel (Obst und Gemüse) sowie pharmazeutische Produkte sollen in den Nachbarländern abge­setzt wer­den; jedoch ist auch hier die Tendenz eher ungünstig, da die Kaufkraft der Empfängerländer sinkt und eine starke Konkurrenz durch Produkte aus den Niedriglohnländern Süd- und Ostasiens besteht. Wie schon weiter oben erwähnt, ersucht Jordanien verstärkt, seine Rohstoffe im Lande zu er­arbeiten. Ca. 20 % der Phosphate werden zu Grundstoffen der Düngerindustrie im Lande erarbei­tet, doch auch hier ist der Konkurrenzdruck außerordentlich hoch, da auch die anderen arabischen Län­der ihre För­derquoten erhöht haben und ein Kartell ähnlich wie beim Erdöl nicht in Sicht ist.

Auch aufgrund dieser nicht so günstigen Lage der Industrie ist es zu erklären, daß Jordaniens Ei­genwirtschaft [Landwirtschaft, Industrie, Verkehr, Tourismus] niemals seit Bestehen des Staates die Staats­ausgaben decken konnte, sondern immer nur zischen 40 und 60 % des Haushaltes aus­machte. Das Außenhandelsbilanzdefizit des Landes wird zu ca. 37 % von Gastarbeiter-Überweisun­gen (Verdienste im Ausland), zu 32 % von Kapitalgeschenken, zu 16 % von Krediten und zu 15 % von Dienstleistun­gen (Tourismus) gedeckt. Dadurch, daß sich die jordanische Bevölkerung bereits an ei­nen relativ ho­hen Lebensstandard gewöhnt hat, steigt – durch den Import von Konsumgütern – das Handelsbilanz­defizit weiter. Das interessanteste Phänomen der Finanzlage bleibt aber, daß Jor­danien von den Kapi­talgeschenken der Erdölförderländer abhängig ist.

Während bis Anfang der 70er-Jahre Kapitalgeschenke aus den USA kamen („Angst vor Kom­munisten“), beschlossen 1978 die Erdölförderländer, Jordanien jährlich 1,25 Mrd $ zu schenken. 50 % davon wurden (zusammen mit etwas Kapital aus anderen Ländern) tatsächlich gezahlt, so daß Jor­da­nien seit 1979 jährlich 2,4 bis 3,1 Mrd DM erhält. Das sind ca. 650 bis 850 DM pro Kopf und Jahr und etwa 20 bis 30 % des BSP. Eine erwähnenswerte Tatsache ist, daß die Kapitalhilfen etwa die Größe der jordanischen Militärausgaben haben! Der größte Teil dieses Geldes kommt von Saudi-Arabien und Kuwait, die dabei mehrere Interessen im Auge haben:

Zum einen bildet Jordanien eine Art arabischer „Frontstaat“ zu Israel (die gesamte Ostgrenze Is­raels stößt an Jordanien), was bedeutet, daß eine Eindämmung bzw. eine Begrenzung des Nahost­konflik­tes besser durch ein stabiles Jordanien zu erreichen ist, zum anderen ist Jordanien ein kapitali­stisches, am Westen orientiertes Land, und in diesem Sinne ist das Bankenzentrum Amman für die Erdölförder­länder mit ihrem Kapital wichtig.

In Jordanien soll ein stabiler kapitalistischer Staat bestehen, der wirtschaftlich, militärisch und poli­tisch stark genug ist, sich und die Region vor dem sozialistischen Syrien im Norden „zu schüt­zen“. Für die reichen Erdölförderländer soll Jordanien als „Tor zum Westen“ erhalten bleiben.

h. Zukunftsaussichten

Trotz einer labilen politischen Situation und ungünstiger naturräumlicher Voraussetzungen scheint sich Jordanien günstig entwickelt zu haben. So sehen es vor allem auch die staatlichen Planer, die optimi­stisch in die Zukunft blicken. Sie rechnen mit steigenden Einnahmen durch Phosphat- und Ka­liex­porte, sowie konstanten Gastarbeiterüberweisungen in Höhe von etwa 3 Mrd DM pro Jahr. Die Planer hoffen des weiteren auf noch steigende Auslands-Kapitalgeschenke und wollen die Ernäh­rungssituation durch erweiterten Bewässerungsfeldbau im Jordan-Graben verbessern. Der Arbeits­markt soll weiterhin durch Entsendung hochqualifizierter Fachkräfte entlastet werden, und man hofft noch immer auf eine eigene Erdölproduktion. Für Außenstehende sind die Prognosen jedoch nicht so optimistisch: Die Wirtschaft Jordaniens ist sehr nach Außen orientiert und somit auch sehr krisenan­fällig. So wurde z.B. 1985 berechnet, daß bei einem Rückgang des Ölpreises auf unter 20 $ pro bar­rel die Gastarbeiter-Überweisungen um 50 % zurückgehen würden. Heute liegt der Preis bereits dar­unter! Das große Bevölkerungswachstum bringt eine weitere Abhängigkeit von Lebensmittelimpor­ten mit sich. Außer­dem werden Flächen und Ressourcen knapp. Bereits heute leben 55 % der jorda­nischen Bevölkerung im Raum Amman, mit einer Bevölkerungsdichte von über 600 Einwohner pro km2. Der extreme Was­sermangel gewinnt unter diesem Aspekt an Bedrohlichkeit, zumal Kapital zur Wasse­rentsalzung fehlt. Und letztlich ist auch eher mit einem Rückgang der Gastarbeiter-Auswande­rung zu rechnen, da die Erdölförderländer zunehmend ihre eigenen hochqualifizierten Fachkräfte ein­setzen wollen und zudem für einfachere Arbeiten lieber billigere Arbeitskräfte aus Süd- und Ostasien einset­zen.

Werden andere Maßstäbe als die Orientierung an westlichen Konsumgewohnheiten und hohem Le­bensstandard angelegt, so scheint ein Land wie Syrien langfristig günstiger dazustehen, da es we­sentlich stärker als Jordanien noch an der Landwirtschaft orientiert ist und mehr für den eigenen Be­darf z.B. an Lebensmitteln produzieren kann, voraus eine größere Unabhängigkeit folgt. Es muß Jor­danien jedoch zugute gehalten werden, daß es trotz widriger Umstände eine Planungspolitik erfolgt hat, die große Prestigeobjekte vermied. Damit Jordanien seine Politik erfolgen kann, die auch auf wirtschaftliche Un­abhängigkeit ausgerichtet ist, müssen jedoch weiterhin hohe Kapitalgeschenke aus dem Ausland flie­ßen.

Hartmut Grote

 

 
 

4. Jordanische Tagebuchblätter

Jordanien war ganz anders, als wir gedacht hatten. Eine dichte Kette funkelnder Perlen bildeten die vier Tage unseres Programmes in diesem Land. Es ist müßig, den Reiseführer hier abschreiben zu wollen, um die vielfältigen Sehenswürdigkeiten im einzelnen zu beschreiben. Was wir nicht voraus­ge­sehen hatten war, daß auch einer der ganz großen Eindrücke in der Begegnung mit historischen Landschaf­ten und Orten in Jordanien stattfinden sollte: der Tag in Petra, der alten Hauptstadt des früharabi­schen Nabatäerreiches, tief in die Felsenschluchten der südjordanischen Gebirge hineingezo­gen, mit den großartigsten Felsen- und Grabtempeln, die man sich überhaupt denken kann. Hier wäre sicher ei­ner der Orte gewesen, der einen längeren, intensiveren Aufenthalt gelohnt hätte. Doch die Vielzahl der Eindrücke drängt mich dazu, nicht allzu weit ins Erzählen zu kommen, sondern unsere jordanischen Tage so, wie sie mir in der Erinnerung aufscheinen, in der Form von kurzen Andeutun­gen, Notizen und Reflexionen an das Band der Chronologie zu legen: Tagebuchblätter.

Sonntag, 12. Juli. Einreise. Über die Schneller-Schule habe ich schon berichtet. Nachzutragen wäre noch, daß ich mich alsbald um einen telefonischen Kontakt mit Professor Barham vom Geographi­schen Institut der Universität Amman bemühte, den ich dann, von einem stickig heißen Nebenraum der Großküche aus mit freundlicher Hilfe des Chefkochs auch bald erreichte. Für den nächsten Abend wurde ein erstes Treffen in der Schneller-Schule vereinbart; dieses Treffen wurde dann dank der freundlichen Bereitschaft von Professor Barham ergänzt durch einen fachlichen Vortrag über die jor­danische Entwicklungssituation am Vortag unserer Abreise aus Amman, Dienstag, vor einem Aus­flug mit John Bairuti zum Toten Meer.

Montag, 13. Juli. In der Nacht hatten wir von unserem Schlafraum aus einen herrlichen Blick auf das Lichtermeer von Amman und seiner Vorstädte, durchzogen von den „lebensspendenden Adern“ der gelbo­range beleuchteten Schnellstraßenbänder. Energieknappheit war in Jordanien nicht zu sehen, eher Verschwendung von Strom und Benzin für aufwendige Beleuchtungen und die vielen großen, nicht gerade sparsamen Luxuswagen. Im Stadtinneren wird der Verkehr durch, streckenweise aufge­ständerte Stadtauto­bahnen entflochten. Das Warenangebot ist groß, aber auch recht teuer. An den Hauptstraßen konkurrie­ren Wechselstuben und Banken um den ausländischen Besucher; wir konnten leicht differierende Kurse beobachten und für unsere eigenen Wechselgeschäfte ausnutzen.

Einige sind bis auf den Zitadellenberg hinaufgestiegen. Die Zitadelle aus osmanischer Zeit – wohl auf hellenistischen Fundamenten errichtet – ist weitgehend zerstört und auch für den Besucher noch nicht wieder zurecht gemacht wie die hellenistisch-römischen Ausgrabungsstätten in „Downtown“; doch der Blick auf die Stadt, die sich an den Hängen der Hügel emporzieht und in den Tälern weit in das wüstenhafte Umland hineinwächst, lohnt wohl die Mühe des Aufstiegs. In diesen abgelegeneren Vierteln fin­den sich dann auch leichter Gesprächskontakte mit einheimischen Besu­chern des Ruinen­feldes.

Das Gespräch mit Professor Barham am Abend war aufschlußreich und locker. Er kam schnell mit unseren Reiseteilnehmern ins Gespräch und ersuchte alle, einfachen und komplizierten, banalen wie spekulativen Fragen zu beantworten. Besonders interessant war aber der etwas privatere Ge­sprächsteil, den wir beiden Geographen aus der Reisegruppe, außer mir noch der Kollege Till Büthe, mit Herrn Barham führen konnten, wobei wir erst realisierten, daß wir alle, nur ganz kurz zeitver­setzt, in Hannover studiert hatten. Die Reminiszenzen an Hannoversche Studientage, an die Institut­sinterna- und Intri­gen, an die wechselvollen Karrieren der Hannoverschen Geographen, sind hier nicht wieder­zugeben, waren aber ein auflockernder Punkt in unserem sonst oft recht „ernsten“ Rei­seprogramm. Ich hoffe, daß ich unsere Versprechen wahr machen kann, und wieder nach Amman zurückkehre, dann aber mit stärker geographisch pointierten Arbeitsvorhaben. Jordanien würde, auch anknüpfend an die gehaltvollen Studien von Konrad Schliephake, die schon angeführt wur­den, eine intensi­vere geographische Bearbei­tung auch von Seiten der deutschen Geographie her loh­nen. Barham wies auch auf die Außenseiterrolle der deutschen Geographiekonzeption in der ameri­kanisch dominierten Fach­tradition Jordaniens hin, die ihm ein Fußfassen in der Universität doch eini­germaßen erschwert hatte. Insgesamt ist wohl die jorda­nische Geographie weniger theoriebelastet und stärker pragmatisch pro­jektorientiert und bringt sich dabei recht gut in die fachliche Politikbera­tung bei der Landesent­wick­lung ein.

Ökologisch-hydrogeographische Problemlagen stehen dabei im Vordergrund; auf die katastro­phalen Grundwasserprobleme des ehemaligen Sumpfgebietes und schützenswerten Biotopes von Az­raq im östlichen Wüstengebiet hat Hartmut Grote im letzten Kapitel schon hingewiesen. Grund ist der im­mer weiter steigende Trinkwasserbedarf der Hauptstadt, der nicht aus dem verschmutzten Ein­zugs­gebiet des Jordans sondern aus den gesunden Quellen des Ostens gespeist wird – bis diese Quellen in abseh­barer Zeit versiegen werden. Barham machte dann einige Besichtigungsvorschläge für unsere nächsten beiden Programmtage. Vor allem das Eastern-Ghor-Kanal-Projekt, das die östli­chen Jorda­nufer zu einem großen bewässerten Gartenbaugebiet umwandeln soll; aber auch die ge­nannte Pro­blemregion um Azraq erscheint uns als ein lohnender Programmpunkt, der mit der Be­sichtigung der omayyadischen Wüstenschlösser verknüpft werden kann.

Dienstag, 14. Juli. Unsere Autokarawane vergrößert sich heute. John Bairuti versammelt zu dem ge­meinsamen Ausflug einige seiner Schützlinge aus der Schneller-Schule; er ist handwerklicher Berufs­schulausbilder, vor allem, wenn ich richtig erstanden habe, im Metall- und Kfz-Handwerk. Morgens steht das vereinbarte Treffen mit Professor Barham im Geographischen Institut auf dem Campus der Universität Amman auf dem Programm.

John Bairuti führt uns von der Schneller-Schule aus hin. Das Gelände macht einen erstaunlichen Eindruck: eine völlig neu gebaute Universität. Neue, z.T. in gewollt auffällig „beton-orientalischem“ Stil gebaute Instituts- und Verwaltungsgebäude, die an Regierungsviertel von Brasilia bis Islamabad, von den reichen Scheichtümern bis zu Hochschulgebäude in Iran erinnern. Die Grundaufgabe dieses Sti­les ist ja auch einsichtig: Durch zurückversetzte Fenster, schattenspendende Vorbauten und weit überkra­gende Dächer die Innenräume kühl und schattig zu halten. Am schönsten ist aber der große Park, der die Universitätsgebäude umgibt und durchzieht: eine Oase in der Stadtwüste (die ja tat­säch­lich in einer echten Wüste liegt).

Der Vortrag von Professor Barham führt uns in die Bevölkerungsentwicklung Jordaniens ein und gibt einen Überblick über die wirtschaftsgeographische Zonierung in Aktiv- und Passivräume; dabei wer­den vor allem Intensitäts- und Entwicklungsgefälle von Nord nach Süd und von West nach Ost festge­stellt. Die Region am Golf von Aqaba’ ist demnach ein kritisches Entwicklungsgebiet, aus dem die Be­völkerung verstärkt in die industriellen Aktivräume des Nordens um die Hauptstadt herum zieht. Die Beurteilung der ökonomischen Gesamtsituation deckt sich in etwa mit den Ausfüh­rungen im vorangegangenen Kapitel.

Ein zusätzlicher Vortragsteil befaßt sich noch intensiv mit den ökologischen und hydrologischen Probleme des Landes, die auch in unserem Bericht immer wieder angesprochen werden. Wir sind Professor Barham zu großem Dank verpflichtet, da er dazu beigetragen hat, Jordanien besser erste­hen zu lernen.

Nach diesem Vortrag beginnt dann unser gemeinsamer Ausflug in den jordanischen Westen hin zum Jordantal. Zunächst folgen wir biblischen Spuren. In Madaba, einem Zentrum frühchristlich-by­zantinischer Frömmigkeit und Mosaikkunst besichtigen wir die berühmte „Pilgerkarte von Madaba“, in der als Fußbodenmosaik einer – im sonstigen Bau im letzten Jahrhundert mehr fromm als stilecht erneuerten – orthodoxen Kirche das Heilige Land in durchaus ansprechender und kartographisch durchdachter Form dargestellt ist. Daneben ist Madaba aber auch ein Einkaufsort für Obst, Eis und Souvenirs, was uns noch einige Zeit kostet.

Nun geht es aufwärts zum Berg Nebo, aus dem Alten Testament bekannt als der Ort, von dem aus Moses vor seinem Tode ein einziges Mal einen Blick auf das verheißene Heilige Land werfen durfte. Der Blick ist tatsächlich atemberaubend. Mächtige Bergabfälle führen hinunter ins Jordantal, einem der tiefsten Grabenbrüche im Festlandbereich, und über das Tote Meer, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, 1200 m unter dem Gipfel des Berges Nebo, nur wenig mehr als zehn Ki­lometer ent­fernt.

Bei dem diesigen Sommerwetter, wie es für alle Randwüsten so typisch ist, verliert sich der Blick in der Ferne aber bald ins Ungewisse. Doch zu anderen Jahreszeiten ist von hier aus auf der anderen Seite des Jordangrabens Jerusalem zu erblicken. Eine Wetterschutzhalle überdeckt die Aus­grabung einer frühchristlichen Moseskapelle. Auch hier wieder Mosaikfragmente des Madaba-Stiles.

Tausend Meter Höhenunterschied in aufregenden Serpentinen sind ein Erlebnis, das Geographie unmittelbar fühlbar macht. Die Badepause am Toten Meer in einer recht komfortablen, und teuren, Touristenanlage, zu der man nur nach polizeilichen Straßenkontrollen gelangt, denn das Tote Meer ist nachts für Besucher tabu, war verdient; auch das Essen auf der Aussichtsterrasse mit den erfri­schende kühlen Getränken – besonders auch für die Nichtschimmer, die dem Salzbad nichts abge­winnen konn­ten. Doch Fotos von den wie Baumstämme treibenden Badenden gehören heute zu den amüsan­ten Erinnerungen an dieses Tagestour. Wir machen die Bekanntschaft eines Jordaniers mit seiner halb­deutschen, etwa zwölfjährigen Tochter, die in Jordanien zu Besuch war und, natürlich, viel bes­ser Deutsch als Arabisch spricht und sich dann vor allem auch mit unserem „Küken“, Natascha (hoffentlich kommt ihr diese Seite nicht vor Augen, sonst gibt es Rache!), unterhält.

Die Fahrt entlang des Jordantales zum Eastern Ghor Kanal führt uns in ein üppiges, fruchtbares Bewässerungsland, das sich heute, wir können es ja einige Tage später im eigenen Augenschein ver­gleichen, mit den Anbauformen im von Israel besetzten, traditionell die Ernährungsbasis Jordaniens bil­denden Westjordanlandes durchaus messen kann. Bananenstauden, Tomaten, Fruchtbäume und Gemü­sekulturen bestimmen das Bild. Der Eastern Ghor Kanal führt Wasser der Nebenflüsse des Jor­dans von dem syrischen Grenzfluß Yarmuk angefangen, parallel zum Jordan, mit durch Wasserver­brauch immer geringerer Wasserführung bis zum Toten Meer. Die Hoffnung auf eine Selbstversor­gung des Landes mit Agrarprodukten liegt im Eastern Ghor Projekt begründet.

Die Fahrt zurück nach Amman geht dann in den Abend hinein. Auf einer Nebenstraße gelangen wir in abenteuerlicher Paßfahrt im Licht der untergehenden Sonne wieder auf die Gebirgstafel empor. Fast oben angelangt, müssen wir durch Luftverlust in einem Reifen noch einmal anhalten. Reifen­wechsel, Prüfen des Luftdrucks bei allen Wagen, und schließlich noch wird die Gelegenheit genutzt, vor dem roten Abendhimmel über dem Jordantal eine Gruppenaufnahme zu machen. Trotz kritischer Lichtverhältnisse gelingen die Fotos recht gut und sind uns auch eine Erinnerung an John Bairuti, der unseren Jordanienaufenthalt so angenehm und erlebnisreich mit gestaltet hat. In der anbrechenden Dunkelheit geht es weiter und es wundert mich noch heute, daß wir, ohne Karten und Ortskenntnis, die Vorderwagen in der nächtlichen Gebirgsfahrt immer wieder verlierend, doch vor Amman alle wieder zusammentref­fen, um gemeinsam zur Schneller-Schule hoch zu fahren.

Mittwoch, 15. Juli. Abfahrt von Amman zum Besuch der Wüstenschlösser. Die Fahrt führt uns wie­der in östlicher Richtung in die Wüste. Doch sind landschaftlich einige bemerkenswerte Unterschiede zu den Wüsteneindrücken in Nordsyrien festzustellen, da wir uns hier am Rande einer ausgedehnten vulkanischen Landschaftsbildung befinden, in der dunkle Lavafelder und schwarze Gerölle sowie die typi­schen vulkanischen Gebirgsformen das Bild bestimmen. Nach Süden hin überwiegt dann wieder gelber Sand und beiges Geröll; die Siedlungen werden immer spärlicher, kaum noch sind bewässerte Anbau­gebiete zu sehen. Wir sind hier am nördlichen Rand der großen Wüsten, die die Arabische Halbinsel einnehmen, am nördlichen Rand auch derjenigen Gebiete, aus denen arabische Beduinen im Laufe der Jahrtausende immer wieder nach Norden vorgestoßen sind, die seßhafte Bevölkerung plündernd, neue, meist eher flüchtige Reiche zu gründen, aber selbst häufig seßhaft erdend.

Aus diesem Antagonismus des Zusammenstoßes der wachen, kriegerischen und schnellen No­maden mit der verwurzelten, Gesellschaften und Sozialhierarchien begründenden seßhaften Bev­ölkerung entwickelten sich im Laufe der Geschichte, wie es schon Ibn Khaldun im 13. Jahrhundert feststellte, immer wieder wesentliche Kulturimpulse und Anstöße zur gesellschaftlichen Weiterent­wicklung. Wichtige Phasen dieses Eindringens semitischer Beduinenstämme in die Gebiete des „Fruchtbaren Halbmon­des“ waren, schon in frühgeschichtlicher Zeit, die Reichsgründungen der As­syrer, schon dem Namen Nach Vorfahren der Syrer, genannt nach ihrem Regierungssitz Assur; spä­ter dann die nordarabischen Staaten der Aramäer und später der Nabatäer, denen wir an diesem Tage noch in Petra begegnen werden. Im großen Rahmen dieser Wanderungsbewegungen sind auch die alttestamentarischen Züge der „Kinder Israel“ zu betrachten ebenso wie die Staatengründung der Phi­lister, die später den Namen gaben für „Palästina“, aber, am Rande auch, die Stadtstaatenkulturen der Phönizier. Der letzte und bis heute prägende Kulturimpuls, der von der Arabischen Wüste aus­ging, war die Islamisierung des ge­samten Nahen Ostens seit dem 7. Jahrhundert u.Z.

In der Herrschaftszeit der Omayyaden von Damaskus war die Arabische Wüste für die Kalifen und ihre Familien noch immer mit einer gewissen Wehmut erinnerte Heimat, auch wenn Regierungs­geschäfte und Hofhaltung die Anwesenheit in Damaskus meist notwendig machten. Nicht nur nach Mekka und Medina zog es die Herrscher des Arabischen Reiches, zur Pilgerfahrt oder zum persönli­chen Besuch der heiligen Stätten, auch eigene Refugien wurden in den Wüstengebieten errichtet, lu­xuriöse Bäder und Winterpaläste, Schlösser zum Empfang der Staatsgäste und schließlich, von be­sonderem Wert für diese noch immer dem Leben in der freien Natur innerlich verbundenen Herr­scher, für die Jagd z.B. auf die Oryx-Antilope, auf Gazellen und Onager, die früher hier noch in grö­ßerer Zahl wild lebten

Ein interessantes Beispiel für ein solches Jagdschloß ist die Festung Qasr el-Azraq am Rande des Sumpfgebietes von Azraq, von dem schon die Rede war, wo in einer üppigen Busch- und Pal­menve­getation früher eine Unzahl von Jagdtieren anzutreffen war. Leider wurden die Bestände schon früh durch exzessive Jagd dezimiert und sind, trotz Naturschutz und einem Erhaltungsprogramm des World Wildlife Funds in ihrem Bestand grundsätzlich gefährdet, da durch Absenkung des Grundwas­serspiegels – Folge des enormen Wasserverbrauchs der Hauptstadt Amman – der Sumpf am Aus­trocknen ist. Schon jetzt mach die, für ein Wüstengebiet erstaunliche Vegetation einen kläglichen, teilweise verdorrenden, eingehenden Eindruck.

Die Omayyaden würden ihr Jagdrevier wohl nicht mehr wiedererkennen. Der Ort hat aber auch eine strategische Bedeutung an der Grenze zu Mesopotamien. Das haben schon die Römer hier an der Grenze ihres Reiches erkannt und die Grundmauern des Qasr el-Azraq aus mächtigen, wenig be­hauenen schwarzen Natursteinen, Findlingen und Bruchsteinen gelegt; diese Festung wurde im 8. Jahr­hundert von Al-Wali II. übernommen, restauriert und ausgebaut und zu einem Schloß ergänzt. Im Laufe der Zeit verfiel der Innenausbau und heute ist wiederum, wenn auch in beeindruckender Mas­sigkeit, das Bruchsteinmauerwerk der Außenmauern, der den Innenhof umgebenden Hallen und Stallungen und der Treppen zu bewundern.

Eine Kuriosität ist das tonnenschwere steinerne Eingangstor, das so leichtgängig auf Zapfen gela­gert ist, daß es selbst von einem Kind bewegt werden kann. Eine kleine Entdeckung am Rande machten wir beim Gespräch mit dem Wärter und Wächter, Betreuer und Informanten in diesem Schloß – wie bei vielen der von uns besichtigten Altertümer beschränkt sich die Aufsicht auch hier nur auf einen einzi­gen alten Mann, der in einer Hütte neben dem Kulturdenkmal wohnt und eigent­lich Tag und Nacht für den ihm anvertrauten Bau zuständig ist –, als einer der Mitreisenden ent­deckte, daß das Bild dieses Mannes schon in dem, von uns bei der Reiseplanung zugrunde gelegten, DuMont – Reiseführer von Scheck zu finden ist; er bestätigte es lachend, denn er ist schon seit Jahr­zehnten verantwortlich für Qasr el-Azraq!

Einen ganz anderen Eindruck macht das Lustschlößchen Qusair Amra, das eingebettet in ein Dü­nenfeld, an einem ergiebigen Brunnen gelegen, der früher wohl auch eine kleine Palmoase gespeist ha­ben wird, ist der rechteckige Bau aus gelben, gebrannten Ziegeln errichtet und durch ein mehrfa­ches Tonnengewölbe gedeckt. An den einstöckigen Hauptbau direkt angebaut und mit Durchgängen mit ihm verbunden schließt sich ein Badetrakt an. Das große Brunnenhaus steht einzeln im Hof. Von ihm aus führen Wasserleitungen das Wasser in den Badetrakt. Ein aufwendiges Heizungssystem in hellenistisch-rö­mischer Tradition wärmt die Badeeinrichtungen und das Schloß an kalten Winterta­gen.

Doch, neben diesem offensichtlichen Luxus, der sich schon in der Baukonzeption ausdrückt, sind es vor allem die überreichen und gut erhaltenen Fresken, die Qusair Amra so sehenswert ma­chen. Jagdszenen, allegorische historische Darstellungen und eine Bildnisreihe großer Herrscher aus By­zanz, Westrom, dem sassanidischen Persien und dem Negus aus Äthiopien, werden durch freizü­gigen Amoretten und Darstellungen von Liebesspielen ergänzt. Dieses Ausmalung gibt, anbetrachts der Bil­derfeindlichkeit der islamischen Herrschaft, Rätsel auf. Indem man den Darstellungen von SCHECK folgt, ist es wohl am einleuchtendsten, den Begriff der Herrschaftssymbolik heranzuziehen: Das im Vergleich zu den klassischen Reichen des Mittelmeerraumes als Neuling und Emporkömm­ling abzuquali­fizierende muslimische Kalifat erhebt Anspruch auf Gleichwertigkeit neben den histori­schen Herrscher­gestalten, die Möglichkeit ungezügelten weltlichen Luxus wird als Zitat hellenisti­scher Le­bensauffas­sungen einbezogen, um die eigene Herrschaft in diese historische Tradition mit einzubin­den.

Qusair Amra ist also ein Ort, an dem das Omayyadenkalifat von Damaskus ganz bewußt seine Ebenbürtigkeit demonstrieren und die Legitimität der Kultur- und Herrschaftsnachfolge postulieren wollte. So ist es sicher richtig, den Hauptraum des Schlosses als Thronsaal anzusprechen, in dem, an­gesichts auswärtiger Besucher und Gesandtschaften, Staatsakte vollzogen worden sind – ganz im Ge­gen­satz zum ersten Eindruck eines eher privaten Lustschlößchens, als das es dem heutigen Rei­senden leicht in der Erinnerung bleibt.

Das letzte Wüstenschloß, das wir besuchen, ist Qasr el-Kharaneh. Ein mächtiger, dreistöckiger, quadratischer Bau mit Ecktürmen und mächtigem Natursteinmauerwerk beherrscht die Wüstenebene an dieser Stelle. Keine Fenster, nur Schießscharten und kleine Spalten in der Außenmauer zeugen vom militärischen Charakter dieses Wüstenschlosses. Der Erhaltungszustand ist sehr gut; auch im in­neren sind die Hallen und Räume, die Treppenaufgänge und Verteidigungsstellungen erhalten. Nur alles das an Einrichtungen, was das Haus hätte wohnlich machen können, ist verschwunden. Nur ei­nige stei­nernen Ker­zen- oder Fackelhalter geben einen kleinen Eindruck davon, daß hier vor Jahr­hunderten Leben herrschte.

Der Baustil von Qasr el-Kharaneh ist umstritten; doch, wie einige meinten, persischen Ur­sprungs dürfte der Bau wohl nicht sein, denn persische Dynastien haben hier zur Bauzeit keine mili­tärischen Verteidigungslinien unterhalten. Daß persische Bauerfahrungen eine Rolle beim Bau ge­spielt haben können, ist stilistisch aber wahrscheinlich. Literaturangaben zu dieser Kontroverse fin­den sich wie­derum bei Scheck (S. 248). – viel Gelächter gab es auch, als sich der, wohl unter der Wüstenein­samkeit lei­dende „Majordomus“ von Qasr el-Kharaneh allzu heftig um die Gunst unserer weiblichen Mitreisenden bemühte. Ein Foto, von mir selbst gemacht, zeigt ihn im Schloß in seiner malerischen, einheimischen Tracht, zwischen den verschämt grinsenden Begleiterinnen Natascha und Jutta, wie er feurige, stolze Blic­ke in Richtung Kamera wirft. Er träumt wohl noch von den Raubzü­gen, den Raz­zien, seiner beduini­schen Vorfahren, die noch nicht vom Staat als Museumswächter in der Wüsten­einsamkeit bestallt worden sind.

Auf der neuen Wüstenstraße geht es zunächst noch einmal in Richtung Amman. Ein unabsehba­rer Zug von Lkws und Tankwagen befährt diese Straße in beiden Richtungen; es ist eine der Verbin­dungen zischen der zentralen Region um Amman und dem Nachbarland Iraq. Wir sehen, daß der Golf­konflikt die engen Handelsbeziehungen zu Jordanien – und damit mittelbar auch mit den westli­chen Ländern als den wichtigsten Handelspartnern Jordaniens – nicht beeinträchtigt, eher, im Gegen­teil, durch den erhöhten Güterbedarf Iraqs, noch gefördert hat. Vor Amman, auf autobahnähnlichen Um­gehungsstraßen, biegen wir dann nach Süden ab, wo wir auf der östlichen Nord-Süd-Hauptver­bindungslinie in Richtung Aqaba’ unseren Weg fortsetzen. Die alte, Kurven- und bergreiche Straße weiter im Westen über Madaba und Kerak wird heute nur noch vom lokalen Verkehr benutzt. Die östliche Stra­ße wird als Autobahn ausgebaut, wenn auch die Bauarbeiten noch nicht überall abge­schlossen sind. Neben der Straße ziehen sich die Gleise der einzigen Nord-Süd-Eisenbahn des Nahen Ostens hin, der alten Hedschas-Bahn nach Mekka.

Doch Personenverkehr findet hier nicht mehr statt. Das Haupttransportgut ist das Phosphat, das über eine neue Abzweigung nach Aqaba’ zum verschiffen transportiert wird. Die wichtigeren Trans­port­aufgaben hat in Jordanien längst der LKW übernommen. Unsere Hauptstraße ist, kaum ausge­baut, schon jetzt dicht befahren. Zu ihrer Entlastung hat Jordanien weit in der Wüste noch eine neue Verbindungsstraße angelegt, die schon von Azraq abzweigend die Region Amman weiträumig um­geht und erst im Süden bei Maân auf die Hauptstraße nach Aqaba’ stößt. Diese Straße dient vor al­lem dem LKW-Transit aus Iraq.

Nach flotter Fahrt durch Wüsten und Steppen, bei der wir auch ein Phosphatabbaugebiet berüh­ren, biegen wir von Maân bei der kleinen Ortschaft Aneza von der Hauptstraße nach Westen ab, um über einen flachen Gebirgsrücken zur alten Straße und damit nach Petra zu gelangen. Dabei nehmen wir für eine kurze Strecke noch zwei jordanische Soldaten – auf Heimaturlaub? – von der Haupt­straße zu ihren Heimatdörfern im Westen mit. Doch Gespräche sind durch die Sprachschwierigkeiten kaum möglich. Gegen Abend erreichen wir dann die gebirgige, kurvenreiche Zufahrtsstrecke nach Petra, bzw. zum heutigen Ort Wadi Musa, dem „Mosesfluß“.

Der im Reiseführer avisierte Campingplatz stellt sich als abgelegene Sandfläche im Besitz eines Nobelhotels heraus; der Preis allein für das Aufstellen der Fahrzeuge war unverschämt hoch und das versprochene Aufschließen einer Toilettenhütte ließ auch auf sich warten. Dann wurden wir, ich muß schon sagen glücklicherweise, „abgeworben“, indem uns ein junger Mann ansprach und uns, am an­deren Ende des Ortes, zum gleichen Preis Zelt- und Übernachtungsmöglichkeiten in einem „Student Hotel“ anbot. Wir verzichteten auf unseren sogenannten „Campingplatz“, dessen mangelnder Service uns einen Rückzieher möglich machte, und fuhren zu unserem neuen Quartier.

Der Abend wurde dann noch recht vergnügt. Die Wagen konnten auf einem Parkplatz in Stra­ßen­nähe direkt vor dem „Hotel-“ Gebäude abgestellt werden; dazwischen war Platz für ein Zelt und auf dem Dach des Gebäudes konnten die restlichen Mitreisenden ungestört ihre Schlafstätten unter freiem Himmel ausbreiten. Im Gaststättenraum wurde in gemeinsamer Arbeit ein Abendessen zube­reitet. Der ganze Betrieb war eher improvisiert, aber für uns genau richtig, ließ er uns doch viel Frei­heit, un­seren Tagesablauf selbst zu bestimmen, unsere Mahlzeiten zuzubereiten und doch immer Ge­tränke und Sitzplätze zur Verfügung zu haben. Am zweiten Abend ließen wir uns dann ein etwas professio­nelleres Abendessen zubereiten, das unsere Ernährungsdefizite etwas ausgleichen sollte.

Für einige aus unserer Gruppe begann dann aber noch ein weiterer Programmpunkt: Feiern und tanzen auf einer großen Hochzeitsfeier. Etwas kurios: schon bei einer Rast an einer Tankstelle und Raststätte an der Autobahn am Nachmittag trafen wir einige ausgelassen-fröhliche Jordanier aus Wadi Musa, die uns, als sie unser Tagesziel erfuhren, für den Abend zur großen Hochzeitsfeier ein­luden. Wie ernst das gemeint, war uns – trotz schriftlicher, arabisch gedruckter Einladung – nicht ganz klar; auch ob es sich vielleicht um ein touristisch-kommerzielles Unternehmen handeln könnte, war nicht ausgeschlossen.

In Wadi Musa wurde uns dann noch berichtet, daß sogar drei Hochzeiten gleichzeitig gefeiert würden und daß zu allen Gäste, auch Fremde, herzlich willkommen seien. Zu einer dieser Feste gin­gen die an Tanz und Feiern interessierten dann hin – welche es nun war, weiß ich nicht – und kamen spätabends glücklich über ein besonders schönes Erlebnis wieder zurück, erzählend von gemeinsa­men Gruppentänzen, von Musik, Gelächter und Gesprächen, ohne die Ausfälle, die alkoholisierten deut­schen Feiern ja leider so oft die Regel sind!

Der Sonnenuntergang, der die gegenüberliegenden Gebirgszüge zu schwarzen Silhouetten wer­den ließ, kündete den Einbruch der Nacht an. Ein Esel schrie unten im Tal, zu dem steile Stufen und ge­fährliche Trampelpfade direkt am Steilhang hinter unserem Stellplatz gute hundert Meter in die Tiefe führten, Hunde bellten, doch dann legte sich die ungestörte Ruhe über unser Lager. Morgens weckte uns ein überwältigender Sonnenaufgang, der die Felsen von Petra, dort drüben hinter dem Talkessel von Wadi Musa, in leuchtendes, lebendiges, sich immer wieder Veränderndes Rot tauchte und wie der alte Felsgott der Nabatäer zum Weg in die Berge, zum Weg nach Petra aufrief!

Und damit begann ein neues Abenteuer, ein neues Erlebnis, das zu einem Höhepunkt unserer Reise werden sollte und über das im nächsten Kapitel zu berichten ist.

 

 
 

Petra: "Schatzhaus des Pharaos"

 

 
 

5. Petra: Stadt in den Felsen

Der Weg nach Petra ist kaum zu beschreiben. Von einer sandigen Talebene her nähern wir uns den vor uns liegenden dunkelbraunen Felswänden. Linkerhand begleitet uns das weiße, ausgetrocknete Schot­terbett des Wadi Musa, des Mosesflusses, der, wie wir erfahren, zu seltenen, regenreicheren Zeitpunk­ten anschwellen kann und den ganzen Zugang nach Petra mit einer tödlichen Wasserflut frei­spült. Wasserbautechnische Maßnahmen, ein kleiner Staudamm und ehre in den Seitentälern und -schluchten sol­len diese seltene Gefahr bannen helfen. Und plötzlich werden uns diese Schilderungen nachvollziehbar. Das Tal wird immer schmaler und tritt in eine Felsschlucht ein, die sich bis auf we­nige Meter verengt, so daß gerade noch ein Jeep der Museumsverwaltung passieren kann oder daß sich gerade noch zwei Reitpferde begegnen können. Und seitwärts ragen die senkrechten, stellenwei­se überkragenden Felswände gut dreißig, vierzig Meter in die Höhe und lassen das Tageslicht nur noch in einzelnen Strahlen in die Dämmerung der Schlucht hinab. Ein Gefühl der Beengung und der Be­klemmung, aber auch der Bewunderung und Ehrfurcht gegenüber diesem Naturereignis wächst und ist während des weiteren, gut einen Kilometer langen Ganges durch die Schlucht, von der immer wieder Seitenschluchten, steile Einschnitte und Brüche rechts und links abzweigen, eine gute Ein­stimmung auf die Eindrücke, die uns im Zentrum von Petra erwarten.

Schon am Eingang der Klamm zeugen kleinere in den Stein gehauene Tempel, Figuren und In­schriften davon, daß dieser Weg der einzige reguläre Zugang zur Hauptstadt eines geheimnisvollen Volkes gewesen ist, das, plötzlich aus der beduinischen Lebensform heraustretend, im Machtvakuum zischen Rom und Persien die Hauptstadt eines Reiches gründete, die bald Drehscheibe des nahöstli­chen Han­dels wurde und ihrem Herrscher, dem König der Nabatäer, Reichtum und Einfluß brachte. Aber im Zentrum des Denkens der Nabatäer stand, geboren aus der jahrtausendealten Erfahrung mit dem Le­ben in der Wüste, in den schroffen Tälern und Felsmassiven Nordarabiens, der Glaube an die mächtigen Berg- und Felsgottheiten, die allein dem Reisenden und dem Nomaden Schutz, Zuflucht und in ihren Gebirgsquellen auch das Leben geben und erhalten konnten. Ihnen wurde die Felsstadt Petra gewidmet, die zunächst weniger politischer denn religiöser Mittelpunkt des Volkes werden soll­te.

Die Toten werden dem Felsengott Dhushara zurückgegeben; für sie wurden, als dies für die Nabatäer technisch in der Übernahme hellenistischer Muster und Steinbearbeitungstechniken möglich wurde, Höhlen und Grabtempel in die Felswand gehauen, die in der Blütezeit des Nabatäerreiches im­mer größer und eindrucksvoller wurden und in Petra schließlich ein ganzes Bilderbuch späthelle­nisti­scher Tempelfronten aufblättern. In mühseliger Steinmetzarbeit wurden, oben beginnend, Archi­trav, Figurenschmuck, Kapitelle und allseitig freistehende Säulen aus dem Felsen herausgearbeitet.

Am Ende der Wanderung durch die dämmerige Siq-Schlucht öffnet sich unvermittelt nach einer leichten Biegung des Weges der Blick durch den engen Schluchtausgang auf die gegenüberliegende, sonnenbeschienene rote Felswand, gerade auf einen der schönsten Grabtempel, der von den heutigen Einheimischen Khazne Firaun (Schatzhaus des Pharao) genannt wird. Vierzig Meter in der Höhe mißt dieses Felsbauwerk von dem Sockel der in den Felsen geschlagenen Eingangstreppe bis zur ei­ner hel­lenistischen Zierurne auf der Spitze des oben abschließenden Giebels – alles gleichermaßen aus dem eichen Sandstein gehauen. Dieser Anblick hat etwas ganz Geheimnisvolles, wenn die Sonne den roten Stein zum Glühen bringt, und der sichtbare Ausschnitt der Tempelfassade von den im Dunkel liegen­den Felsbändern unregelmäßig rechts und links scharf begrenzt wird.

Wir treten hiermit in eine ganz andere Welt ein, in der der Berggott herrscht und die Toten ihre ewige Ruhe im Felsen gefunden haben. Von den weltlichen Bauten der Hauptstadt, die sich im ver­breiterten Talkessel befunden haben, ist außer Trümmerhaufen, einer kleinen Säulenreihe und einigen Mau­erresten nichts mehr erhalten. Es herrschen hier die Toten in ihrer steinernen Nekropole.

Langsam steigt die Hitze. Der Glast des schattenlosen Mittags läßt die Besucher in die künstli­chen Felsenhöhlen eilen oder Platz nehmen unter den Laub- und Segeltuchdächern der Getränkever­käufer. Die Pferdeführer bieten ihre Reittiere denjenigen an, die den Weg durch die Schlucht nicht mehr zu Fuß zurück unternehmen wollen. Die unternehmungslustigen Besucher Wagen aber noch den Aufstieg über siebenhundert in den Stein gemeißelte Stufen hinauf zum obersten Gebirgstempel, dem Toten­tempel von ed-Dir, eine der mächtigsten Fassaden in der riesigen Anlage von Petra. Die Besonderheit eines Besuches in Petra liegt in der hohen sinnlichen Qualität dieses Ortes, in die der geistige Gehalt umgesetzt und materialisiert worden ist. Im Gegensatz zu abstrahierenden und ver­geistigenden Aus­drucksformen religiöser Kultur, wie sie uns später in den Pyramiden von Giza be­gegnen werden und die mehr durch ihre Idee als durch ihre materielle Gestalt wirken und sich einprä­gen, ist die Formenvielfalt der Grabkultur Petras in erster Linie unmittelbar sinnlich zu erfahren. Da­zu gehört, mehr als nur Verständnis für die geistigen Hintergründe, der Blick auf die Monumente in der wechselnden Be­leuchtung des Tagesverlaufes, der Gang durch die Schlucht und die Weiterungen des Tales mit seinen im­mer wieder wechselnden Perspektiven und Farben, auch die unmittelbare Er­fah­rung von Ferne und Nä­he, von Gebirgsanstieg und Talgefälle.

Eine Beschreibung von Petra ermittelt immer nur einen Bruchteil der vielfältigen Erfahrungen, die ein Besuch am Orte selbst schenkt. Ich glaube, daß dieses Gefühl des Besonderen, das durch den Besuch ermittelt wurde, allen Reiseteilnehmern sehr unmittelbar erfahrbar wurde. Gerhard Stünkel beschreibt seine Gedanken und Eindrücke folgendermaßen:

Petra: wir haben auf dieser Fahrt wirklich schon bedeutende Sehenswürdigkeiten gesehen, und na­türlich war das Besondere jedesmal mit dem Zufälligen gekoppelt, einem bestimmten Tag, einem Wetter, Leuten, die dabei waren oder den Bedingungen des Aufenthaltes. Aber die Zufälle des einen langen Tages in Petra sind – nicht erst in der Erinnerung – wie abgeglitten von dem Einmaligen – von Petra selbst!

Ich nehme wohl wahr, daß es dieselben jungen Männer sind, die gestern auf der Hochzeit wie be­sessen ihre Rundtänze aufführten und die uns heute Pferde und Kamele zu Ritten anbieten wollen, die so notwendig nicht sind, wie allerhand Reiseexperten es ankündigt hatten. Auch daß im Gelände Bedui­nen in den Höhlen wohnen, daß ihre Herden plötzlich durch die flimmernde Hitze poltern, daß je­mand an den buchstäblichen Höhepunkten aus dem letzten Schatten unter der Höhe tritt und mit Tuch und Kaftan archaisch, mit Cola und Wechselgeld prosaisch wirkt. – Das alles ist auch da und gut, vor allem die Cola. Wußte ich jemals, daß Cola so gut tun kann? Daß ich soviel davon brauchen könnte? Aber was ist denn nun – Petra selbst? Ich habe eine großartige Kombination von Elementa­rem erlebt: Abgeschiedenheit, ganz wörtlich, Weite, aber doch in einem großen Kessel: alles ist auf eins hin konzentriert – was nicht die Mitte ist. Da ist Öde, da sind Berge von Schutt, in dem arabische Jungen römische Münzen suchen. Es sind auch nicht die Ränder: Da sind aber die großen, überdi­mensionierten Totentempel, die Grabhöhlen, die Treppen, Säulen und scheinstati­schen Steinmetzar­beiten, an Wänden, in Bergen, an Hängen. Landschaft in einem sehr intensiven Sinne trotz aller Ge­schichte, die hier erscheint. Natur ist es in so bizarrer Schönheit, obwohl Inbe­griff einer Kultur zu­gleich. Ist es nicht schön, daß Petra Jahrhunderte verborgen blieb?

Der lange Marsch durch den Schlitz im Berg führt wie in ein Geheimnis. Es ist auch gut, den gan­zen Tag zu verdienen durch die Anstrengung der langen und steilen Wege und endlosen Treppen. Petra ist eine Offenbarung von Schönheiten, die ich nicht definieren kann, die sich aber nach allen Krite­rien meines Empfindens ergänzen und zugleich eine Herausforderung sind, mehr von dem Fremden zu wissen, das hier einmal lebendig war. Hier habe ich mich wie selten gefreut am Photo­graphieren. Petra selbst ist eine Graphik im Glutlicht von Hitze und armem rotem Stein mit soviel Nuancen der Farbe und Struktur, wie das Auge nur wahrnehmen will“.

Am Ende sollte noch etwas berichtet werden von einem Gespräch, das ich nach dem Ende unserer Be­sichtigung führen konnte. Zunächst aber artete auf meine Familie und mich nach erlassen des Mu­se­umsgeländes ein Essen mit entsprechenden, sehnlichst erwarteten Erfrischungen in einem guten Restau­rant. Der Kellner schaute zwar recht mißbilligend auf unsere verstaubte und durchschwitzte Kleidung und unser nicht ganz stilgerechtes Habit – verglichen mit dem Nachmittagsausgehsommer­dress der lässig ihre Cocktails schlürfenden Hotelgäste – und setzte uns an einen Ecktisch im Schat­ten der Speise­halle, abseits der mißbilligenden Blicke formbewußterer Gäste; doch das Essen war gut und preiswert und wog die „Randlage“ allemal auf; während des Diner benutzte er die Nachfrage nach weiteren Wünschen immer wieder dazu, durch „taktvolle“ Fragen unser Woher und Wohin zu eruie­ren!

Nach einer Waschprozedur im Hotelwaschraum, die auch die verstaubten Schuhe mit einschloß (!), fühlten wir uns schon wieder viel wohler und begaben uns zum Büro der Touristeninformation, um dort auf diejenigen Mitreisenden zu warten, die anders als wir noch die Kraft für weitere, anstren­gende Entdeckungen in Petra hatten. Interessant wurde dieser Aufenthalt durch die Begegnung mit einem jungen, promovierten Archäologen, der Ausgrabungen im Umfeld der Nekropole unternimmt und sich vor allem auf die vorgeschichtlichen Funde, die erst in jüngerer Zeit reichhaltig erschlossen wurden, konzentriert.

In einem Ausstellungsraum sind diese Ausgrabungen dokumentiert, und er konnte mir konkret am Objekt die kulturelle Entwicklung der alten Nordaraber bis zur Gründung des nabatäischen Rei­ches er­läutern, wobei besonders deutlich wurde, daß unser Bild von den Nabatäern, deren Zivilisati­on quasi aus dem Nichts plötzlich voll entwickelt gewesen zu sein schien, oder die plötzlich begon­nen hatten, helle­nistische Vorbilder zu kopieren, nur auf unserem bisher mangelnden Wissen über die hi­storischen Entwicklungen und Vorphasen dieser Kultur beruhen. Die Nabatäer sind eingebunden in eine, seit Alexander dem Großen sicherlich stark hellenistisch geprägte, vorderasiatische Kultur, die mit den Eckpfeilern Palmyra, aramäische Kultur mit starken persischen Affinitäten, jüdisch-römische Gesellschaftsformen in Palästina und, neuphönizisch verwurzelt, der Levante, sowie eben dem Reich der Nabatäer zu kenn­zeichnen ist.

Die Blütezeit des Nabatäerreiches dauerte vom zweiten Jahrhundert v. Chr. mit König Aretas I. bis 106 n. Chr. mit dem Ende der Herrschaft von König Rabel II. Danach konnten sich dann die Rö­mer durchsetzen, die den Raum militärisch und durch Statthalter regierten, bis die Handelsbeziehun­gen zerbrachen, die Nabatäer in ihrer Mehrzahl zur beduinischen Lebensform zurückkehrten und Pe­tra erlassen wurde und zerfiel, bis es erst im letzten Jahrhundert wieder durch Reisende und Archäo­logen in das Geschichtsbewußtsein zurückgeholt wurde.

Doch die heutigen arabischen Bewohner dieser Region sind sicher zum großen Teil noch Nach­kommen der Nabatäer. Sie identifizieren sich heute stark mit diesem kulturellen Zeugnis ihrer großen Vergangenheit. Der junge Archäologe berichtete auch, daß seine Familie aus Wadi Musa stammt und schon sein Großvater und sein Vater bei archäologischen Expeditionen nach Petra mitgeholfen hat­ten. Er zeigte uns ein Buch in deutscher Sprache, in dem, vor Jahrzehnten, sein Vater und andere Famili­enan­gehörige vor der Kulisse Petras – recht malerisch und exotisch postiert – abgebildet wor­den sind.[1]

Einer Einladung, am nächsten Tage noch die Ausgrabungen zu besichtigen, konnten wir leider ebensowenig folgen wie dem Angebot einer abendlichen Führung durch Petra. Vielleicht treffen wir uns aber bei einem späteren Besuch in Petra noch einmal wieder; Wissen und Kompetenz dieses jun­gen Wissenschaftlers – dessen Bruder übrigens den Souvenirverkauf im Touristenbüro betreibt – las­sen weitere Gespräche und Führungen sehr lohnend erscheinen.

Der weitere Verlauf unserer Reise durch Jordanien ist schnell geschildert. Nach einer weiteren Nacht im „Student Hotel“ von Wadi Musa fahren wir wieder zurück auf die Hauptstraße, um dort unse­ren Weg in den Süden fortzusetzen.

Freitag, 17. Juli. Die Hitze auf unserer Fahrt in den Süden wird immer unerträglicher. Fünfzig Grad sind bald erreicht, und in unseren Wagen wird es noch heißer. Doch das gewaltige Naturdenkmal, die Fel­senreihen im Wadi Rum, wollen wir uns doch nicht entgehen lassen. Als Grabenbruch vulkanisch-tektonischen Ursprungs ist der kilometerbreite, von massiven, fast senkrecht abfallende Felsblöcken seit­lich begrenzte Cañon des Wadi Rum eine – so will es uns scheinen – ideale Wild-Westfilm-Ku­lisse. Der Höhepunkt ist jedoch erreicht, als am Ende der Fahrstraße Kamele zum Fotografieren wie zum versuchsweisen Aufsteigen anzutreffen sind. Thomas Gontarski versucht sich dabei, als durch­aus, so will das Bild erscheinen, erfolgreicher Sieger in der Kamelschlacht, einer Situation, die wohl häufiger als die meisten anderen photographiert worden ist. Aber auch die Landschaft ist es Wert, obwohl der Ein­druck der Größe und Weite im Bild kaum zu vermitteln ist.

Die Weiterfahrt nach Aqaba’ wird noch einmal durch eine polizeiliche Straßenkontrolle aufgehal­ten, die hier ganz regulär und ständig durchgeführt wird und bei der wieder die großen „Haupt­bü­cher“ hervorgeholt wurden, in die Personen- und Fahrzeugdaten handschriftlich eingetragen werden mußten. Die Hitze macht das Warten auf der Parkfläche des Kontrollpunktes fast unerträglich; doch auch die kontrollierenden Polizisten leiden in ihren Uniformen, die MP über die Schulter ge­hängt, sichtlich, was sich leider in Trägheit und langsamer Arbeitsweise ausdrückt.

Doch dann geht es weiter, und die dunkelblaue Wasserfläche vom Golf von Aqaba’ kommt in Sicht. Rechterhand können wir über die israelische Grenze nach Eilat hineinsehen. Unser Weg führt durch die Stadt Aqaba’ auf der Küstenstraße entlang – idyllisch als Palmenallee hergerichtet – nach Osten, vorbei am Hafen, von dem wir morgen dann abfahren wollen, zu einem ausgeschilderten „Na­tio­nal Tourist Camp“, den wir, nach einer weiteren polizeilichen Paßkontrolle – schließlich ist die saudi-arabische Grenze nicht mehr weit und der Hafen verdient noch einen besonderen Polizeischutz! –, bald erreichen.

Es ist ein breiter Sandstrand, auf dem allseitig offene Schattendächer sowie Duschanlagen die tou­ristische Infrastruktur bilden. Toiletten finden sich etwa einen halben Kilometer zurück an der Gelän­deeinfahrt, so daß wir in unserer Hitzeträgheit einige Male einen „Toilettenzubringerbus“ fah­ren las­sen! Etwas weiter zurück, jenseits der halbwegs festgewalzten Zufahrt- und Abstellstraßen, sind große olivgrüne Zelte aufgestellt, von denen wir nicht genau Wissen, ob sie zeitweise militäri­schen oder anderen Formationen als Unterkunft dienen sollen, oder ob es sich schlicht um geschlos­sene Übernachtungs­stätten handelt, die nur in der brütenden Hitze nicht in Anspruch genommen werden.

Hier kann ich es mir auch als Nichtschimmer nicht verkneifen, zum ersten Mal auf unserer Fahrt auch selbst baden zu gehen. Das Wasser ist angenehm kühl (ich vermute, nur wenig ärmer als 30° C.), und ich lasse mich stundenlang auf dem Rücken treiben, was mir erstmalig einen Sonnenbrand auf dem wohlgerundeten Bauch einbringt. Ab und zu ein kleiner Landgang unter die eher arme Du­sche, die nur durch die Verdunstungskälte sehr angenehm wirkt, doch dann zieht es uns alle jeden­falls bis zum Einbruch der Dämmerung wieder in das flache Wasser.

Das Leben in diesem Meer ist sehr interessant: was die vielen Seeigel angeht, aber für den Ba­denden nicht immer ohne Risiko. Ines ist gleich zu Anfang in diese Stacheln hineingetreten und kann dann tagelang kaum noch auftreten. Mit einer Taucherbrille erkennt man unter Wasser eine reiche Fauna von Fischen, Quallen, Korallen und auf dem Meeresboden lebenden Tieren. Haie gibt es auch, doch kommen sie nicht in diese seichten Ufergewässer. Es wird verständlich, warum der Golf von Aqaba’, sowohl von Israel, Ägypten als auch von Jordanien aus, als eines der Paradiese der Taucher gilt.

In der Ferne jenseits des Golfes ist schon das israelische und weiter südlich das ägyptische Sinaiufer zu erkennen. Ab und zu sehen wir Frachtschiffe auf der Wasserstraße nach Aqaba’ und Ei­lat, die ja Anlaß für einen Nahostkrieg gewesen ist. Auch das Fährschiff nach Nuweiba, das wir mor­gen benutzen wollen, ist im vorbeifahren zu sehen. Auf unserer Seite steigt das Land hinter der Küst­enstraße zu einer langgestreckten, tiefzerfurchten Wüstengebirgskette an, wo auch die Grenze zu Saudi-Arabien verläuft. Besonders romantisch wirkt dieses Felsmassiv im roten Licht der unterge­hen­den Sonne. Die Nacht bringt die ersehnte Abkühlung und erquicklichen Schlaf unter dem gestern­ten schwarzen Him­mel.


[1]     Helen Keiser: Sie kamen aus der Wüste. Olten 1964. Walter Verlag.

 
   

 

 
 

Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Han­nover im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5 D 30173 Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbei­trägen von Dirk Fuhlbohm, Hartmut Grote, Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander Schulze. – Hannover: UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN 3-930307-00-6

 

Wir bitten um Verständnis dafür, dass die begrenzten Codierungsmöglichkeiten des Internet-Zeichensatzes die korrekte Darstellung ausländischer Schriftzeichen im Gegensatz zu unseren Buchpublikationen in der Druckausgabe nicht immer zulässt. Das betrifft vor allem osteuropäische und türkische Zeichensätze, die durch einfache ASCII-Zeichen ersetzt werden müssen.

 

 
 

Zu den übrigen Aufsätzen des Bandes:

I. Vorwort

II. Einleitung

III. Vorbereitungen

IV. Résumé

V. Der Aufbruch

VI. Türkei

VII. „Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“

VIII. Syrien

IX. Jordanien

X. Ägypten

XI. Israel

XII. Verwendete Literatur

XIII. Anhang

1. Ein kurzes Reisetagebuch

2. Teilnehmerliste der Orientfahrt

 
 

IX /02/Voigt

 

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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
http://www.UNESCO-Club-Bismarckschule.de
http://www,UNESCO-Club-Hannover.de
An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR, bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 01.05.2008