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In memoriam

Hans-
Albrecht Gütte
* 22. 01. 1927 †
09. 01. 2007
in Potsdam in
Hannover
Der Abend wechselt langsam
die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten
Bäumen hält;
du schaust: und von dir
scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und
eins, das fällt;
und lassen dich, zu keinem
ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie
das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher
Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird
jede Nacht und steigt -
und lassen dir (unsäglich
zu entwirrn)
dein Leben bang und
riesenhaft und reifend,
so dass es, bald begrenzt
und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir
wird und Gestirn.
Rainer Maria Rilke
Zur Erinnerung an den unvergessenen
Kollegen Hans-Albrecht Gütte folgt hier die vorzeitige Internetpublikation des
Erinnerungsartikels über Hans- Albrecht Gütte,
die sein Kollege Gerhard Voigt in der Festschrift zur 100jahr-Feier der
Bismarckschule veröffentlicht hat. Wir werden dem Kollegen Gütte ein ehrendes
Gedenken bewahren!
Top
Erinnerungen an Hans-Albrecht Gütte
Er lebte für die Musik und wie viele
Künstler konnte er Menschen nicht verstehen, die nicht ebenso wie er in einer
musikalischen Welt aufgingen. Er litt an den Schülerinnen und Schülern, die in
ihrer musikalischen Ignoranz die Musik als lästiges Nebenfach zur „Entspannung“
mit Jux und Unfug, Unaufmerksamkeit und Quatscheritis missbrauchten. Er war eben
Künstler, Musiker von ganzem Herzen, so dass in diesem großen Herzen wenig Platz
für die Finessen der Pädagogik blieb.
So sind die Erinnerungen von
Schülerinnen und Schülern ebenso wie die seinen Kolleginnen und Kollegen sehr
widersprüchlich. Hier sollen aber nur die positiven Erinnerungen zu Wort kommen.
Über seine Musikpraxis kann jeder ins Schwärmen kommen, der ihn auch bei
schulischen Feiern am Jazz-Piano oder als engagierter Begleiter musikalischer
Ensembles gehört hat, als er das Feuer seiner musikalischen Emotion mit der
perfekten Fähigkeit der Instrumentbeherrschung zu verbinden wusste. Nach seiner
Pensionierung – zu der er zu einem fulminanten Abschiedsfest für Freunde und
Kollegen in die „Insel“ beim Strandbad am Maschsee eingeladen hatte – konnte er
diese Fähigkeit noch eine Zeit professionell und mit großem Erfolg ausleben als
Bordpianist auf großen Kreuzfahrtschiffen, die ihn dann um die ganze Welt bis
hin nach Alaska brachten.
Hier kam dann seine zweite Profession,
das heißt sein zweites Schulfach, das er kaum je praktisch ausüben konnte, da
wir immer Mangel an Musiklehrern hatten, zum tragen: die Geographie. Als
Erdkunde-Fachkollege berühren meine Erinnerungen daher auch vor allem diesen
Teil von Hans Güttes Engagement. Eine erste Reminiszenz berührt seine Teilnahme
an einer Studienfahrt mit einem Erdkunde-Leistungskurs nach Ungarn, einem sehr
beliebten und fachlich ergiebigen Reiseziel, das wir seit den siebziger Jahren
regelmäßig mit Kursen angesteuert haben. Wichtiger Aufenthaltsort war natürlich
immer Budapest. Hier erinnere ich mich an lange Abende in Weingaststätten auf
dem Burgberg in Buda, wo schon damals restaurierte mittelalterliche Wohnhäuser
mit romantischen Durchgängen und Gewölben kleinen stimmungsvollen Gaststätten
Platz boten. Wir saßen bei einer Flasche guten ungarischen Rotweines und haben
über Gott und die Welt geredet und dabei viele Gemeinsamkeiten in unseren
Anschauungen und Erwartungen entdeckt. Für mich gehören diese Stunden dank Hans
Gütte zu den schönsten Erinnerungen meinen vielen Fahrten nach Ungarn.
Noch mehr Gewicht haben aber meine
Erinnerungen an die gemeinsame Fahrt mit einer Gruppe von Schülerinnen und
Schülern der Bismarckschule Hannover 1985 in die Türkei, begleitet auch von der
Kollegin Schulz. Es war die erste Fahrt mit einer Schülergruppe in das Land, das
ich vorher nur im Rahmen meines Geographiestudiums kennen gelernt hatte. Hier
hatten wir uns, noch etwas unsicher über die Reisemöglichkeiten, noch auf die
Hotelangebote der Tourismusbüros der einzelnen Städte İstanbul, Ankara, Konya
und İzmir verlassen. In İstanbul wurde uns ein Hotel auf der Galata-Seite
nachgewiesen, das wir mit dem Flughafenbus nach Şişane zu erreichen suchten.
Dann standen wir mit Gruppe und Stadtplan an einem Ort, der keine Ähnlichkeit
mit dem Plan hatte. Nach einiger Zeit auf der Hauptstraße kam nun Hans Gütte auf
die gute Idee, einmal nachzufragen. Unversehens ging er in einen Teppichladen,
zückte den Brief des Tourismusbüros und, dann auch mit Hilfe von Kollegin Schulz
und mir, versuchten wir sichtlich mit Händen und Füßen klar zu machen, was wir
eigentlich wollten.
Doch es folgte keine Wegebeschreibung,
sondern ein Gang zum Telefon und die Aufforderung zu warten. Wir Lehrer mussten
eine aufgeregte und nach nächtlichem Flug übermüdete und mit schweren Koffern
beladene Schülergruppe erst einmal beruhigen. Dann kam ein junger Mann mit
Englischkenntnissen und forderte uns auf, ihm zu folgen. Wenige Minuten standen
wir vor einem Hotel, dem »Yeni İstanbul« (»Neues İstanbul«), das sichtlich nicht
das gebuchte Hotel war. Etwas misstrauisch folgten wir unserem Begleiter zur
Rezeption, die Zimmer wurden verteilt und den Schülerinnen und Schülern erst
einmal ein paar Stunden Ruhe verschrieben. Bei dieser Operation war Hans Gütte
mit der energischste und frischste, der die ganze Gruppe aufzumuntern verstand.
Das Hotel war nun sicher nicht gerade
sehr »Yeni«, sondern sicher seine fünfzig Jahre alt, ein schmaler Wohnblock,
etwa vier Zimmer breit, mit sieben Etagen zwischen der Reihe anderer
gleichartiger Häuser eingereiht (und dadurch am Hang gestützt??). Die mit
Teppichläufern belegten Treppen knarrten, der kleine Aufzug schnaufte
asthmatisch und zunächst war eben Gottvertrauen angesagt. Doch im Vergleich zu
früher kennen gelernten Absteigen im Orient machte das Haus einen durchaus
sauberen und einladenden, wenn auch etwas altväterlichen Eindruck.
Wie sind wir nun gerade hierher
gekommen? Diese Frage und einige wilde Befürchtungen über Betrug und Schlimmeres
machten in der Gruppe ihre Runde. Doch alle diese Gerüchte konnten am Abend
ausgeräumt werden. Der junge Mann lud uns drei Lehrer am Abend „auf das Dach
ein“. Dies war eine verglaste Dachterrasse mit einem idyllischen Blick über die
am Hang etwas niedriger stehenden Häuser der anderen Straßenseite hinweg auf den
weiter unten glitzernden Bosporus und dahinter die Altstadt mit ihren Minaretten
und Moscheekuppeln, als Versprechen für die Abenteuer der nächsten Tage. Hans
Gütte war begeistert von der Romantik des Sonnenuntergangs, der die Altstadt vor
und in goldrote Farben tauchte.
Umgehend kam auch der Hotelboy mit
Gebäck, Nüssen und Salaten und vor allem Rakı, dem Nationalgetränk der Türkei.
Und es blieb an diesem langen Abend und der großzügigen Einladung nicht bei dem
einmaligen Besuch des Hotelboys und nicht bei der einzigen Rakı-Flasche.
Unser Gastgeber stellte sich als der
Hotelbesitzer vor und erklärte uns, dass ihm auch das andere Hotel gehörte, in
dem wir eigentlich eingebucht waren, dass er aber nach dem „Brand-Anruf“
beschloss, uns in das »Yeni İstanbul« zu verlegen, um uns einen längeren
Fußmarsch mit unseren Koffern zu ersparen.
Für Hans Gütte und die Kollegin Ulrike
Schulz war dieser Abend dann auch die Gelegenheit, eine Vielzahl von Fragen über
die Türkei zu stellen und sich in die türkischen Gegebenheiten erstmalig
einzuleben. Das war für unsere weitere Reise sehr wichtig, die wir mit
Linienbussen zwischen den Städten durchführten, was uns vom vorherigen
Ticketkauf am jeweiligen »Otogar« und dem notwendigen Transfer zu den gebuchten
Hotels einiges an Mühe und Aufregung abverlangte. Hier war es ein Segen, Hans
Gütte dabei zu haben, der echtes Engagement mit nie endendem Interesse an dem
Neuen des Landes und der besuchten Orte verbinden konnte.
Der Abend auf der Dachterrasse endete
dann doch etwas humoristisch, da die Rakı-Kapazitäten bei uns etwas
unterschiedlich waren – oder auch die einverleibte Menge? –, so dass nach der
Verabschiedung von unserem Gastgeber mit den landesüblichen Umarmungen und
Höflichkeitsritualen voller Dank und Freundschaft eine etwas wacklige Karawane
die enge Holztreppe zum darunter liegenden Geschoss, in dem sich, Gott sei
Dank, das Zimmer von Gütte und mir befand, heruntertorkelte, mit mir voran,
auf der einen Schulter schwer Arm und Schulter von Hans Gütte und dahinter
Ulrike Schulz, die unseren nicht mehr ganz klaren Freund von der anderen Seite
stützte, damit er sich nicht auf seine eigenen Beine verlassen musste…
Aber der nächste erlebnisreiche Tag in
İstanbul und der erste Besuch in der İstanbul Lisesi, die dann unsere
Partnerschule werden sollte, war ein Highlight, das jeden Kater vertrieb…
Von der weiteren Reise haben wir in
einem Berichtheft unsere Erlebnisse zusammengestellt, das im Rahmen des
UNESCO-Modellschulprogrammes der Bismarckschule Hannover erschienen ist, und an
dessen Zustandekommen Hans Gütte wesentlichen Anteil hatte.[1]
Leider hat sich dann bis zu seiner
Pensionierung kein weiterer Anlass zu einer gemeinsamen großen Reise ergeben,
doch an der großen Orientreise mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule
Hannover 1987 – einer Fahrt mit vier VW-Bussen durch die Türkei, durch Syrien,
Jordanien und Ägypten und schließlich Israel, was ein letzter günstiger
historischer Moment vor dem Ausbruch der Intifada (und am Rande bemerkt für
unsere Fahrt durch Jugoslawien: auch gerade noch vor den jugoslawischen
Sessionskriegen) gewesen ist – nahm Hans Gütte rege Anteil und stellte uns einen
fachlich und literarisch bedeutsamen Artikel für unser Abschlussbuch über die
mystische Musik des Ordens der tanzenden Derwische in Konya, dessen
Spiritualität uns schon bei der Türkei-Reise tief berührt hatte, zur Verfügung,
der auch heute noch in der Internet-Ausgabe dieses Berichtes zu lesen ist.[2]
Hier trifft sich nun Hans Güttes Leben
in der Musik mit seinem unerschöpflichen Interesse an der Welt, das mehr ist,
als nur fachlich geographisches Interesse. In der Mystik des Mêvlâna in Konya
trifft sich mehr, als nur Islam und mystische Gottesliebe, die Liebe zum
Menschen erfüllt sich hier in der mystischen Musik und im Tanz.
Ein Reisender traf Madjnun:
Allein saß er in der Mitte der
Wüste.
Er nutzte die ebene Fläche des
Sandes
als ein Blatt Papier
und seine Finger als Feder:
Er schrieb den Namen seiner
Geliebten Leyli
wieder und wieder in den Sand.
Da sprach der Reisende:
O verrückter Madjnun!
Was tust du da?
Wenn du einen Brief schreibst,
wer wird ihn je erhalten?
Und Madjnun antwortete:
Ich lebe den Namen von Leyli –
wenn ich sie selbst nicht erreiche
zur liebenden Vereinigung,
so gebe ich meine Liebe ihrem
Namen!
Rûmî:
Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha. Aus: Persian Love Songs and
Mystic Chants (LP). Tangent TNGS 108
Leider ist seither viel Zeit
vergangen, vieles an Hoffnungen und Träumen, die wir auf dem Burgberg in Buda
und an langen türkischen Abenden ausgetauscht haben, ist nicht Realität
geworden. Doch Hans Gütte hat sich einen Traum nach seiner Pensionierung,
finanziert durch seine Bordengagements, erfüllen können: die Reise in die
Antarktis auf den Spuren von Shackleton, den er schon immer bewundert hat. Doch
darüber müsste er selbst erzählen, Berichte aus zweiter Hand taugen hier nicht
viel.
Vielleicht ist es aber doch sinnvoll,
die Erinnerungen mit einigen Zeilen des großen persischen Dichters und Mystikers
Hafez abzuschließen, zwischen Trauer über die Kürze der Zeit und Hoffnung auf
die Erfüllung der Liebe (und ich hoffe, Leser und Übersetzer dieser
beeindruckenden deutschen Fassung haben nichts dagegen, wenn ich das Gedicht
vollständig zitiere und ohne Kommentar als Résumé Hans Gütte widme:
Die Ernte in der Werkstatt des
Daseins
ist nicht sehr ergiebig,
bring Wein herbei, denn mit dem
Werkzeug
dieser Welt ist’s nicht weit her!
Seele und Herz verlangen
nach Freundeswort,
dessen bedürfen wir, sonst wäre es
um Herz und Seel’ nicht allzu gut
bestellt!
Verpflichte dich der Zeder nicht,
der Tuba
um ihres Schattens willen,
denn wenn du’s recht bedenkst,
freie Zypresse,
ist’s damit nicht weit her!
Es fällt das Glück uns ohne Mühe
zu,
wenn nicht, mit Aufwand und
Bestreben wäre
es um den Wonnegarten nicht zu gut
bestellt!
Fünf Tage misst die Frist, die uns
hienieden ist gewährt, –
nutz frohgemut die Zeit,
denn mit der Zeit ist’s nicht weit
her!
Wir harren, o Saghi, am Strande
des Meeres der Vergänglichkeit:
gib Stundung uns, denn sieh, von
Mund zu Mund
ist ja der Weg nicht weit!
Scheinheiliger, vor des Rausches
Launen
wähne dich nicht gefeit,
vom Kloster bis zum Weinhaus
ist auch der Weg nicht weit!
Den Gram und meine Bitternis
will ich für mich behalten,
doch eure öffentliche Anteilnahme
ist mir durchaus entbehrlich!
Des Hafis Name wurde mit der
Chiffre
der Güte ausgezeichnet.
Es gilt vor Wissenden
Verlust und selbst Gewinn nicht
viel!
Hafis (1320-1389 u.Z.):
Aus den Liebesgedichten. Übertragen von Cyrus Atabay. Hamburg 1965 (Hoffmann und
Campe). S. 34
Meine Erinnerungen an die
gemeinsamen Unternehmungen mit Hans Gütte schließen hier zwar, doch verlangt die
Gegenwart noch einen traurigen Satz zum Abschluss. Wie mir die Frau von Hans
Gütte, Hella Gütte, schrieb, hat sich die altersbedingte Erkrankung unseres
Kollegen leider in den letzten beiden Jahren so verschlimmert, dass er wegen
vollständiger Orientierungs- und Hilflosigkeit nicht mehr zuhause bleiben
konnte, sondern jetzt in einem Diakonie-Pflegeheim untergebracht ist. Es fällt
schwer, ein Schicksal zu akzeptieren, dass diesem weltoffenen, phantasievollen
und der Kunst ergebenen Menschen gegen Ende seines Weges nach und nach die
Fähigkeiten der Kommunikation und sogar des Klavierspielens nimmt, und nur noch
die Hoffnung besteht, dass Erinnerungen an ein reiches Leben und an die
erfahrene Freundschaft in irgend einer Weise doch noch innerer Teil dieser
Persönlichkeit geblieben sind. Unsere guten Gedanken begleiten Hans Gütte ebenso
wie seine Frau, die ihm jetzt täglicher Halt und Zentrum sein wird.
Gerhard Voigt
Top
[1] G. Voigt, ed.: Türkei ’85. Eine
Studienfahrt mit Schülern der Bismarckschule Hannover (25.10.-10.11.1985).
Als Manuskript veröffentlicht. Dezember 1985 (120 Ex., vergriffen).
Internetausgabe:
http://www.tuerkei-didaktik.de/Tuerkei/Tuerkei85/TR85_Reisebericht.htm

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