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La Paz, 12. September 2004
An die Lehrer und Schüler
Der UNESCO ‑ Schule
Bismarckschule Hannover
z.hd. Herrn Günter Fuchs
An der Bismarckschule 5
30173 Hannover
Liebe Lehrer, Eltern und Schüler,
Ganz herzlichen Dank möchte wir allen für
die Spende von E 1.000.‑ sagen, die wir über Misereor erhalten haben. Es
sind nun schon viele Jahre, dass die Bismarckschule unseren Kindern
hilft, und wir sind sehr glücklich, dass auf diese Weise bei den Kindern
das Bewusstsein, dass anderen Kindern geholfen werden muss, entstehen
kann.
Dieses Mal haben wir eine ganz andere
Aufgabe übernommen, über die ganz sicher noch nie nachgedacht worden ist
‑ wahrscheinlich weiss man auch gar nichts hierüber!
Wie in jedem Land haben wir hier auch
Gefängnisse. Gefängnisse für Männer und Gefängnisse für Frauen. Was wir
nicht haben, sind Anstalten für Jugendliche, und so kommen auch die
Jugendlichen in die gleichen Gefängnisse.
Nun sind aber nicht alle schlimme
Verbrecher, die gibt es natürlich auch. Die meisten aber sind arme
Leute, die entweder etwas gestohlen haben ‑ es heisst ja bekanntlich:
"Die kleinen fängt man, die grossen lässt man laufen", und das trifft
hier dramatisch zu! oder solche, die sich in der Not ihrer Armut dazu
hergegeben haben, Drogen zu schmuggeln. In Lateinamerika wird vor allem
Kokain hergestellt, was Ihr alle sicherlich schon wisst.
Nun ist folgendes geschehen: eine
Südafrikanerin, 53 Jahre alt, ist seit drei Monaten im Frauengefängnis ‑
wegen Drogenschmuggel zu mehreren Jahren verurteilt ‑ und bekam
Herzprobleme. Da sie kein Spanisch spricht, rief mich der Pater an, der
die Gefangenen betreut, ein Belgier, und fragte, ob die Frau bei uns im
Krankenhaus untersucht werden könnte; vorher aber müsste ich mit der
Gefängnisverwaltung sprechen. So ging ich hin, und was ich da sah, hat
mir das Herz umgedreht. Das Gefängnis ist in einem alten Haus
untergebracht, welches mal eine schöne Resiedenz gewesen ist, mit einem
grossen Garten. In diesen ehemaligen Garten hat man 4 grosse Schlafsäle
gebaut, in denen reihenweise 20 Frauen unterkommen sollten; das
Gefängnis ist für 80 Frauen geplant
gewesen. Inzwischen sind dort aber 250
Frauen, und dazu 80 kleine Kinder unter 6 Jahren, die bei ihren Müttern
sind.
Als sie hörten, dass ich die Südafrikanerin
zur Untersuchung sehen wollte, kamen sehr viele, weinend, dass sie auch
krank seien, aber kein Geld hätten. Auch die Kinder sind zum Teil krank,
Notfälle werden ins Allgemeine Krankenhaus gebracht und wieder zurück;
aber da gibt es auch keine Medikamente, und vor allem "sind alle sehr
schlecht zu uns", beklagte sich eine von ihnen, "weil sie uns für
Verbrecher halten"
Mir hat sich das Herz umgedreht. Wir haben
uns dann mit der Gefängnisverwaltung, für die eine Polizeimajor
zuständig ist (Mayor de Policia Roxana Tapia) die eine sehr liebe Frau
ist, unterhalten. Die hat mir dann erzählt, dass die meisten aus purer
Dummheit dazu überredet worden sind, auf ihren Reisen über Land "ein
Päckchen mitzunehmen". Das System ist gemein; der armen Frau wird das
Päckchen und Geld gegeben, am anderen Ende der Fahrt steht die Polizei
und nimmt sie fest. Was ist in Wirklichkeit geschehen? Solange sich die
Polizei mit der Frau abgibt, die natürlich verzweifelt weint und sagt,
sie hätte nicht gewusst, was in dem Päckchen drin ist, und schon gar
nicht weiss, wer ihr das Paket gegeben hat und wer es hätte abholen
sollte ("da wird jemand sein" wird ihr gesagt), wird die grosse
Drogensendung durchgeschleust. Und die Frau, mit den kleinen Kindern,
die sie bei sich hat, kommt ins Gefängnis. Da sie kein Geld hat, bekommt
sie einen Anwalt vom Staat zugewiesen, der manchmal kommt und öfter
nicht, und dem die vielen Fälle, die er hat, entweder über den Kopf
wachsen oder gleichgültig sind, oder beides. Und dann sitzen sie Monate
oder Jahre ohne ein Urteil da. Die Verwandten kommen die erste Zeit,
dann nicht mehr.
Wir haben ausgemacht, dass wir mit meinen
Medizinstudenten eine Untersuchung aller Frauen durchführen werden, und
auch aller Kinder, um zu sehen, was an Krankheiten am häufigsten
vorkommt. Dazu werden wir etwa zwei Wochen brauchen. Erstmal haben wir
aber 27 Kinder, bei denen man sah, dass es ihnen nicht gut ging, in zwei
Schüben mit dem Polizeiwagen ins Krankenhaus gebracht und untersucht.
Das war ein grosses Weinen, der Mütter, die nicht mitdurften, und der
Kleinen. Also haben wir am ersten Laden gehalten und ich habe ein Kilo
Bonbons gekauft, das hat den ersten Schrecken etwas gemildert. Im
Krankenhaus war wieder grosses Geschrei. Die einen hatten Darrnparasiten,
die anderen kaputte Zähne, andere bösen Husten, manche die Krätze,
einige Halsentzündungen mit Fieber.
Und dann haben wir Eure Spende dazu
genommen, für diese Kinder Medikamente zu kaufen. Drei von ihnen haben
wir geröntgt, bei einer spindeldürren Fünfjährigen haben wir Tuberkulose
gefunden, die haben wir dann im Krankenhaus behalten, wo sie noch liegt.
Und isst und isst! Sowas von Hunger! Es hat sich scheinbar bei der
Grossmutter angesteckt; die Mutter hat keine TB.
Nun wollen wir sehen, dass wir ein
besonderes Hilfsprojekt für diese Frauen und deren Kinder aufstellen
können. Die Frauen aber haben gesagt: "Gott segne die, die uns hier
helfen, Gott segne ihre Kinder, Gott helfe ihnen in jeder Not, wie sie
uns jetzt helfen." Dieser Segen kommt Euch allen zu!
Mit sehr lieben Grüssen, und vielem Dank!
Dr. Lieselotte de Barragän
Aus dem Brief von Frau Dr. Barragän an Herrn
Fuchs (der die Bolivien-Patenschaft an der Bismarckschule im Namen des
UNESCO-Clubs betreut):
Es ist doch manchmal merkwürdig, wie man
jahrelang an einer Situation vorbeigegangen ist, ohne sie zu sehen, bis,
ja, wer eigentlich? einen darauf stösst. Im Krankenhaus, vor allem aber
meine Kinder (von denen 2 Ärzte sind) sagen Mer Gabrielito", unser
Aufregungen liebender Erzengel. Der hat so seine Um‑Wege, uns im
Krankenhaus immer von einem Problem zum nächsten zu stossen, oft schon auf
ziemlich dramatische Weise.
In diesem Fall, Sie haben ja den Brief lesen,
sagte die Südafrikanerin: 1 have prayed and prayed and prayed for a
miracle"
Nicht nur, dass man den Prozess gegen sie ohne
einen Übersetzer geführt hat, weil der vom Staat zugewiesene Anwalt sich
überhaupt nicht gekümmert hat, auch jede Verbindung zu ihren Verwandten in
Johannesburgh war abgeschnitten. So sass sie da vollkommen einsam inmitten
der vielen anderen, aus einem anderen Kulturkreis stammend, und mehrere
usw. Eine Bibliothek gibt es nicht, also auch nichts zu lesen, die Frauen
waschen Wäsche für Familien, die sie da abgeben, meistens schwere Decken,
die man selber zu Hause nicht schafft, oder stricken oder häkeln, um sich
etwas zu verdienen. Zu essen gibt es morgens einen dünnen Tee und zwei
Brote, von denen eins aufbewahrt werden muss für den Tee am Nachmittag,
mittags ein Mischmaschgericht, das die Frauen selber zubereiten. Mehr ist
nicht. Von diesem verdienten Geld müssen die Frauen die Prozessgebühren
zahlen ... Über den belgischen Pater haben wir jetzt einen anderen
Rechtsanwalt gebeten, den Fall der Südafrikanerin, eine weisse, grosse und
schöne Frau, "für Gottes Lohn" zu übernehmen. Er ist ein guter Freund von
mir. "Auich das noch!" hat er gesagt, aber er macht es: vielleicht kann
man erreichen, wegen Verletzung ihrer Rechte, dass sie ausser Landes
gewiesen wird. Zu Hause hat sie eine Tochter und zwei Enkelkinder, ausser
zwei Brüdern mit Familie. Die haben wir auch ausfindig machen können,
sodass ‑ über meine Mailadresse, denn anders geht es nicht, das armselige
Gefängnis hat keinen Computer und erst recht kein Internet ‑ die
Verbindung wieder da ist.
Und ‑ Fortsetzung folgt. Nun müssen wir sehen,
wie wir für diese Frauen und Kinder einen Gesundheitsdienst einrichten,
und wie wir den finanzieren könnten. Der Pater sammelt in seiner Pfarrei
Kleidung für die Kinder, zu Weihnachten Spielsachen, die Frauen geben auch
für die Insassen mal was her, was sie nicht mehr tragen. Natürlich gibt es
keine Gefängniskleidung, jede zieht das an, was sie gerade hat ‑ oder
nicht hat. Daher frieren viele im Winter, wo es vor allem nachts sehr kalt
werden kann.
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